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Les archives en marche 2.0

Persönlicher Erfahrungsbericht der Teilnehmerin des Bundesarchivs vom "Stage technique international d'archives" 2018

13.07.2018

Internationale Zusammenarbeit

"Les archives en marche" - so ähnlich lautete bereits der Titel eines Berichts zum Stage international technique d’archives (STIA) 2017, der in Heft 4 des "Archivar" 2017 veröffentlicht wurde. Im Jahr 2018 könnte man den STIA wohl mit dem Motto "Les archives en marche 2.0" treffend beschreiben.

Zunächst einige erläuternde Worte vorneweg:

Der diesjährige STIA fand vom 26. März bis 27. April 2018 in Paris statt. Insgesamt kamen nach einigen Startschwierigkeiten 33 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus immerhin 27 verschiedenen Staaten zusammen. Bis auf Australien waren alle Kontinente des Erdballs vertreten, was das Zusammentreffen zu einem besonderen Erlebnis machte.

Da das Programm inhaltlich im Wesentlichen dem des vorangegangenen Jahres gleicht, kann hierzu auf den entsprechenden Bericht sowie die Homepage des französischen Ministère de la Culture verwiesen, wo Teilnehmerliste und Programm 2018 zu finden sind. Im Folgenden soll auf einzelne Punkte eingegangen werden, die sich in besonderer Weise eingeprägt haben.

Warum kann man den STIA 2018 als „en marche 2.0“ verstehen?

Dies liegt zum einen darin begründet, dass der bisher genutzte Saal in den Archives Nationales im Herzen von Paris für den diesjährigen STIA nicht mehr zur Verfügung stand. Daher wurde sowohl den Organisatoren Jean-Pierre de France und Sonia Salazar-Zea als auch den Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine logistische Meisterleistung abverlangt. Nahezu täglich wechselte der aktuelle Veranstaltungsort und stellte den Orientierungssinn auf die Probe. Gleichzeitig wurde bei der SNCF in Frankreich gegen die Pläne von Präsident Macron zur Privatisierung der Bahn gestreikt. An zwei von fünf Tagen war daher im öffentlichen Nah- und Fernverkehr mit Beeinträchtigungen zu rechnen.

Zum anderen stehen die Archive in Frankreich vor den gleichen Herausforderungen des digitalen Wandels wie in der Bundesrepublik Deutschland. Diese machen es erforderlich, Fragen und Meinungen auszutauschen, Entscheidungen zu treffen – dort wie hier ist es manches Mal eher die des kleinsten Übels - und schließlich neue Wege zu beschreiten. Auch wenn die Themen elektronische Aktenführung und digitale Langzeitarchivierung immer wieder angeklungen sind, wäre eine intensivere Auseinandersetzung hiermit wünschenswert gewesen.

Konzentration auf "archives essentielles"?

Daneben bewegt die Diskussion um die Übernahme und Bewertung unter dem Schlagwort "archives essentielles" die französische Archivwelt. Diese ist Ausfluss der "Stratégie nationale pour la collecte et l’accès aux archives publiques à l’ère numérique" von März 2017, unter französischen Archivarinnen und Archivaren auch nach der Verfasserin als "Nougaret-Rapport" bezeichnet.

Das Konzept zur Bestimmung der "archives essentielles" orientiert sich an der kanadischen Makro-Evaluation. An dieser Stelle war der Austausch insbesondere mit den Kolleginnen der "Archives et bibliothèques du Canada" sehr bereichernd. Unter französischen Historikern, Genealogen und Archivaren löste die Strategie Reaktionen von großer Bestürzung bis hin zu "man kann nicht alles aufheben" und Forderungen, wie "das Vergessen" zu organisieren sei, aus.

Sprachliches oder inhaltliches Verständnisproblem?

Bei einer Tagung der Association des Archivistes Français (AAF) wurde ich stutzig und konnte erst durch den Austausch mit Kolleginnen und Kollegen zweifelsfrei klären, dass meine Irritation nicht mangelnden Sprachkenntnissen geschuldet war, sondern dem tatsächlichen Inhalt der Diskussion: Soll man dem Archivar eine andere Berufsbezeichnung geben, um das Berufsbild positiv zu verändern und bekannter zu machen? Die Idee des Ersetzens eines Begriffs durch einen anderen, um etwas mutmaßlich zu verbessern, hielt ich bis dato für "typisch deutsch".

Notfallplanung - Der traurige Ernstfall Saint-Martin

Auch in Bezug auf die Notfallplanung sind Archive und Kultureinrichtungen "en marche". Ganz besonders einprägsam war der Erfahrungsbericht von Stéphanie Dargaud, Leiterin der "Archives territoriales de Saint-Martin". Das Archiv wurde am 6. September 2017 durch Hurrikan Irma zerstört.

Isoliert betrachtet erscheint die Zerstörung des Archivs zunächst tragisch. Allerdings stellten die Folgen des Hurrikans eine große humanitäre Katastrophe für die Karibikinsel dar. Sind Menschenleben betroffen, stehen archivische Belange – selbstredend – zunächst sehr weit hinten an. In diesem Fall ist seitens der Archivarinnen und Archivare eine Portion Realismus und Geduld erforderlich. Eindringlich machte Frau Dargaud deutlich, dass beim Abspielen eines archivischen Notfallplans die psychologischen Faktoren für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein besonderes Gewicht haben. Viel zu selten würden diese jedoch in der Planung berücksichtigt.

Eindrückliche Bilder

Abschließend soll noch der Besuch in den Archives départementales Seine-Saint-Denis Erwähnung finden. Dort wird der photographische Bestand eines freiwilligen Helfers, der für eine Nichtregierungsorganisation in einem Elendsviertel in Paris arbeitete, verwahrt. Im Archiv wurde daraus die Ausstellung "Un regard sur la pauvreté, photographies de Walter Weiss (1971-1973)" geschaffen. Die Aufnahmen zeigen ein Viertel, in dem zahlreiche Immigranten, häufig aus Portugal, in prekären Umständen lebten.

In besonderer Erinnerung geblieben ist mir dieser Bestand angesichts der großen Kluft zwischen unfassbarem Reichtum und bitterer Armut - was in den Straßen von Paris nicht übersehen werden kann. Es hat mir nochmal eindrücklich vor Augen geführt, dass Archive auch die Verantwortung haben, Spuren einer Realität zu bewahren, die nicht gerne gesehen wird und manchmal weh tut. Die Ergänzung staatlicher Überlieferung durch private und zivilgesellschaftliche Unterlagen ist daher von großer Bedeutung.

Persönliche Bilanz

Die Unterhaltungen unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern waren selbstverständlich nicht nur auf Archivisches beschränkt. Der STIA 2018 fand vor dem Hintergrund des andauernden Ausnahmezustandes statt. Schwer bewaffnete Soldatinnen und Soldaten waren im städtischen Alltag eher die Regel als die Ausnahme, aufwendige Sicherheitskontrollen beim Betreten von Archiven und Museen Tagesordnung.

Insgesamt bleibt neben dem fachlichen Austausch und spannenden Einblicken ein einmaliger persönlicher Eindruck, Menschen aus den verschiedensten Ländern und Kulturkreisen getroffen und eine gute Zeit verbracht zu haben. Manches Klischee hat sich vielleicht bestätigt oder man hat selbst ab und zu eines bedient. Aber darüber konnte gemeinsam gelacht werden. Und ganz gleich an welchem Ort eine Veranstaltung stattfand, der Empfang durch die französischen Kolleginnen und Kollegen war stets herzlich, so dass allen, die sich im Rahmen des STIA engagiert haben, ein besonderer Dank gilt.

In jedem Fall war die Teilnahme fachlich und persönlich eine bereichernde Erfahrung.

Michelle Bleidt