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Provenienzforschung in DDR-Akten

Der Bestand DL 210 Kunst und Antiquitäten GmbH

  • DDR (1949-1990)

Hintergrundinformationen

Spätestens seit dem Schwabinger Bilderfund – dem sogenannten Fall Gurlitt – ist Provenienzforschung in aller Munde. Verbunden wird der Begriff vor allem mit der Recherche nach NS-Raubgut, also Kunst und Kulturgut, das seinen rechtmäßigen Eigentümern vom NS-Regime während der Judenverfolgung und in den besetzten Gebieten während des Zweiten Weltkriegs abgepresst wurde. In der internationalen Washingtoner Erklärung von 1998 verpflichtete sich auch die Bundesrepublik Deutschland, entsprechende Recherchen zu unterstützen und geraubtes Kulturgut, das sich heute in öffentlichem Besitz befindet, den Opfern oder ihren Erben zurückzugeben.

Seit 2013 rücken nun auch Kulturgutentziehungen in SBZ und DDR in den Fokus des Interesses. Mit dem Bestand DL 210 und den darin überlieferten Akten der Kunst und Antiquitäten GmbH (KuA) beherbergt das Bundesarchiv einen zentralen Archivbestand für die Erforschung des Kulturgutexports aus der DDR in die Bundesrepublik und das westliche Ausland. Teil dieser Exporte waren Antiquitäten und Kunstgegenstände, die nur deshalb in den Export gelangten, weil Druck auf ihre Eigentümer ausgeübt worden war.

1973 gegründet, war die KuA Teil des Bereichs Kommerzielle Koordinierung (KoKo) unter der Leitung von Alexander Schalck-Golodkowski. Wie alle KoKo-Betriebe sollte die KuA vor allem Devisen für den DDR-Staatshaushalt generieren. Zu diesem Zweck verkaufte sie im Stil eines Großhandels vor allem Gebrauchtmöbel und Trödel, zunehmend auch gebrauchte Bahnschwellen und Pflastersteine, Torf und Schnittblumen. Hochwertige Kunst und Antiquitäten, die der Name des Unternehmens vermuten ließe, waren dagegen eher Mangelware.

Um auch an sie zu gelangen griff die KuA zum Prinzip von Zuckerbrot und Peitsche. Als "Zuckerbrot" dienten Sehnsuchtsgüter wie Westautos, Motorräder oder Fernseher, die gegen wertvolle Kunstgegenstände getauscht werden konnten. Doch die Ankäufer der KuA übten offenbar auch Druck aus, um zurückhaltende Sammler zum Verkauf zu bewegen.

Vor allem aber griffen Finanzbehörden und KuA zum Mittel der "Steuerverfahren" gegen Antiquitätensammler und -händler. Dabei wurden immense Steuerschulden konstruiert, denn den Händlern unterstellte man, dass ihre Privatsammlungen in Wirklichkeit Warenlager, den Sammlern, dass sie insgeheim Händler seien. Einkommenssteuer, Vermögensteuer, Umsatzsteuer und weitere Abgaben summierten sich bei unterstellten exorbitanten Wertzuwächsen und Nachveranlagungen über bis zu 10 Jahre zu Steuerschulden, die kein DDR-Bürger kurzfristig abzulösen im Stande gewesen wäre. Ersatzweise übernahm die KuA die Antiquitätensammlungen und hatte sie häufig schon verkauft, bevor der endgültige Steuerbescheid vorlag.

Wie sehen die erhaltenen Unterlagen der KuA aus? Und welche Ergebnisse können Provenienzrecherchen im Bestand erreichen? Das soll hier an zwei Beispielen vorgestellt werden.