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"Deutschlands Adler im Reich des Drachen - Deutschland und China im Zeitalter des Kolonialismus"- Teil 2 "Gouvernement Kiautschou"

Teil 2 der Galerie aus dieser Reihe beschreibt die deutsch-chinesischen Beziehungen von den Anfängen bis 1914 (Titel: "Von den Militärinstrukteuren bis zum Abschluss des Pachtvertrages")

  • Kaiserreich (1871-1918)

Hintergrundinformationen

Die "Musterkolonie" Kiautschou: Die deutsch-chinesischen Beziehungen von 1897 bis 1914

Vorgeschichte
Überlegungen zur Einrichtung eines deutschen Stützpunktes in Ostasien wurden bereits lange vor der Besetzung Jiaozhous (Kiautschous) durch deutsche Truppen angestellt. So bereiste der Geologe und Geograf Ferdinand Freiherr von Richthofen in den Jahren 1868 bis 1871 China und wies auf die mögliche künftige Rolle der Jiaozhou (Kiautschou)-Bucht als Flottenstützpunkt hin.

Die Ergebnisse seiner Forschungsreisen in China fasste von Richthofen in verschiedenen Schriften und Kartenwerken zusammen. Hervorzuheben sind das fünfbändige Werk "China: Ergebnisse eigener Reisen", der großformatige "Atlas von China" (1883, 1912) und die posthum erschienen Tagebücher seiner China-Reisen. Damit legte von Richthofen einen wichtigen Grundstein zur wissenschaftlichen Erschließung Chinas und zeigte Richtungen für die Entwicklung von Wirtschaft, Handel und Verkehr auf. Richthofen, der zwar die Jiaozhou (Kiautschou)-Bucht persönlich nicht in Augenschein genommen hatte, aber Shandong kannte, empfahl die Bucht für die Anlage eines Hafens und einer Kolonialstadt. Unter Abwägung alternativer Standorte wies er auf die Vorzüge der Region hin: Die ganzjährig eisfreie Bucht schien ein guter Ausgangspunkt für Infrastrukturmaßnahmen zur Erschließung des Hinterlandes mit seinen reichen Kohlevorkommen zu sein. Als weitere Voraussetzung für den wirtschaftlichen Erfolg nannte von Richthofen die Anlage einer Bahntrasse durch die Halbinsel Shandong, um Anschluss an die wichtigsten Hauptverkehrswege Chinas zu gewinnen.

Vor der Umsetzung dieses Gedankens bestanden bereits Beziehungen des Deutschen Reiches mit China seit der sog. "Li-Fengbao-Mission" 1884/85. Der damalige chinesische Gesandte in Berlin Li Fengbao hatte in diesen Jahren deutsche Militärinstrukteure angeworben, um mit ihrer Hilfe die chinesische Armee zu modernisieren. Sie wurden mehrheitlich im nordchinesischen Tianjin oder im südchinesischen Canton eingesetzt. Insgesamt gestaltete sich der Erfolg dieser Missionen recht unterschiedlich. So scheiterten manche Instrukteure an ihrer Überheblichkeit und Unfähigkeit im Umgang mit den Chinesen und der chinesischen Kultur, während beispielsweise der in Canton tätige Torpedospezialist Ernst Kretzschmar seine vergleichsweise produktive Tätigkeit dem Umstand verdankte, dass er auch widrige Umstände und Verschlechterungen seiner Arbeitsbedingungen zu akzeptieren bereit war.

Wirklich in Bewegung kam die Errichtung einer eigenen deutschen Kolonie in der Bucht von Jiaozhou (Kiautschou) mit der Inspektion der Bucht durch Alfred von Tirpitz, im Gefolge der Empfehlungen Richthofens, im Sommer 1896 als Chef des ostasiatischen Kreuzergeschwaders. Tirpitz empfahl dem Kaiser, sich auf die Bucht als möglichen kolonialen Stützpunkt zu konzentrieren. Wilhelm II. stimmte dem Ansinnen zu und ließ erste militärstrategische Pläne für eine Besetzung ausarbeiten.

Einen Zwischenfall - die Ermordung zweier deutscher Missionare der Steyler Mission am 1. November 1897 in Südshandong durch Mitglieder einer chinesischen Geheimsekte - nahm Kaiser Wilhelm II. schließlich zum Anlass, die Jiaozhou (Kiautschou)-Bucht durch Schiffe des ostasiatischen Kreuzergeschwaders unter Konteradmiral Otto von Diederichs am 14. November 1897 besetzen zu lassen. Zur gleichen Zeit bemühte sich die chinesische Qing-Regierung, den entstandenen Konflikt beizulegen und die befürchtete Okkupation zu verhindern. Als ihr im Dezember 1897 klar wurde, dass die deutsche Seite eine längerfristige Besetzung vorbereitete, begannen Verhandlungen über die Jiaozhou (Kiautschou)-Bucht sowie über deutsche Konzessionen für Eisenbahn- und Bergbau in der Provinz Shandong. Diese Verhandlungen wurden mit dem Vertrag vom 6. März 1898 zwischen dem Deutschen Reich und der Qing-Dynastie abgeschlossen. Die Qing-Dynastie verpachtete dem Deutschen Reich die Jiaozhou (Kiautschou)-Bucht auf 99 Jahre und sprach ihm die volle Oberhoheit über das "Pachtgebiet" zu. Mit dem Vertrag wurde die deutsche Expansion auf eine völkerrechtlich formale Grundlage gestellt. Kaiser Wilhelm II. stellte durch Kaiserliche Ordre vom 27. April 1898 Jiaozhou (Kiautschou) unter seinen Schutz - wie die anderen Kolonien des Deutschen Reiches. Jedoch unterstand Jiaozhou (Kiautschou) nicht der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes, sondern wurde auf Drängen von Admiral von Tirpitz bereits am 27. Januar 1898 dem Reichsmarineamt unterstellt.