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Eine deutsche "Prawda" - die "Wahrheit" aus der Hand der Wehrmacht

Eine deutsche "Prawda" - die "Wahrheit" aus der Hand der Wehrmacht

  • Nationalsozialismus (1933-1945)

Hintergrundinformationen

Prawda-Titelseite, 28. August 1941 Eine deutsche "Prawda" - die "Wahrheit" aus der Hand der Wehrmacht "Werktätige aller Länder vereinigt Euch - zum Kampf gegen den Bolschewismus!"So lautet die vertraute und doch entscheidend abgewandelte Formel auf der Titelseite einer Ausgabe der "Prawda" ("Wahrheit") vom 28. August 1941. Neben der Kopfzeile der Zeitung prangt eine Großaufnahme Adolf Hitlers, in den sich anschließenden Artikeln werden in triumphalem Ton die Erfolge der deutschen Truppen bei ihrem Vormarsch auf sowjetischem Boden gefeiert, und eine Karte im unteren Bereich des Titelblatts zeigt die "immensen Gebietsverluste der Sowjetunion im Laufe der ersten beiden Monate des deutsch-sowjetischen Krieges". Haben die Herausgeber des bekannten Moskauer Zentralorgans der Kommunsitischen Partei der Sowjetunion etwa flugs die Seiten gewechselt?

Natürlich stammt die besagte Nummer der "Prawda" keineswegs aus den Druckereien der sowjetischen Parteiführung, sondern es handelt sich stattdessen um ein spezielles Instrument der Propagandatruppe der deutschen Wehrmacht, welches vor allem im ersten Jahr des Krieges im Osten zum Einatz kam. Schließlich wurde der deutsche Überfall auf die Sowjetunion im Sommer 1941 von einer massiven Propaganda-Offensive begleitet. Sie richtete sich sowohl an die sowjetischen Soldaten als auch an die Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten und sollte die Moral der sowjetischen Streitkräfte untergraben, zum Überlaufen motivieren und die lokale Bevölkerung zu einer aktiven Zusammenarbeit mit den vorrückenden deutschen Truppen bewegen. Zu ihren Mitteln zählten neben Flugblattkampagnen, Lautsprechereinsätzen, Plakataktionen und Rundfunksendungen auch eigens gedruckte Zeitungen in russischer Sprache. In enger Anlehnung an das gleichnamige Moskauer Parteiorgan erstellte die Wehrmacht-Propaganda-Abteilung Ostland im Auftrag der Heeresgruppe Nord neben anderen Blättern ihre vierseitige Wochenzeitung "Prawda". Die Herausgeber orientierten sich dabei spätestens ab der dritten Erscheinungsnummer in Umfang, Format und Aufmachung an der "echten" sowjetischen "Prawda", und in der Tat sah ihr Produkt der Moskauer Vorlage auf den ersten Blick täuschend ähnlich. Für die redaktionelle Bearbeitung des Blattes konnten Schriftleiter und Zeichner russischer Nationalität gewonnen werden, die teilweise bis vor kurzem sogar in Diensten sowjetischer Presseorgane gestanden hatten und entsprechend mit dem sowjetischen Pressewesen sowie mit der Mentalität und den Eigenarten der einheimischen Bevölkerung vertraut waren.

Die "Prawda" der Wehrmacht enthielt nicht nur herkömmliche Artikel, sondern auch  zahlreiche Bilder, Karten, Karrikaturen sowie parodistische Gedichte und Liedtexte. Thematisch standen aktuelle Berichte zum Kriegsgeschehen (zumeist Zusammenfassungen der jeweiligen OKW-Berichte) und Illustrationen des "wahren Lebens in Deutschland" im Vordergrund, ferner erschienen regelmäßig Meldungen über das Geschehen im Ausland. In großer Häufung traten zudem Schmähungen der sowjetischen Führung und ihres Apparats sowie des jüdischen Volkes und seiner Kultur auf, oftmals begleitet von Aufrufen an die russische Bevölkerung wie auch an russische Soldaten, die Seiten zu wechseln und freiwillig mit den "deutschen Befreiern" zu kooperieren. Sämtliche Inhalte wurden in klarer, volkstümlicher, geradezu simpler Sprache vermittelt und "sollten auch noch von den einfachsten Arbeitern und Bauern verstanden werden" (BArch RW 4/233, fol. 66). 

Das Blatt erreichte in den folgenden Monaten hohe Auflagenzahlen (im Dezember 1941 über 257.000 Stück) und wurde zunächst im wöchentlichen Turnus herausgegeben. Das Verbreitungsgebiet umfasste den sich vergrößernden Raum der vorrückenden Heeresgruppe Nord, ihr rückwärtiges Heeresgebiet sowie das Reichskommissariat Ostland und kleinere Teile Weißrusslands und Lettlands. Vorwiegend wurde die "Prawda" durch die Truppe kostenlos an die Bevölkerung verteilt, für das Reichskommisariat Ostland übernahm später eine zivile Vertriebsgesellschaft das Geschäft. Zudem wurden in einer Auflage von bis zu 12.000 Stück Sondereditionen für die Kriegsgefangenenlager erstellt. Offenbar erfreute sich die Zeitung einer erstaunlichen  Resonanz und leistete aus Sicht der Propaganda-Abteilung Ostland äußerst wertvolle Dienste bei der "Aufklärung" der einheimischen Bevölkerung. Laut geheimen Lage- und Stimmungsberichten der Abteilung seien "aus kleinen Dörfern Bauern über Dutzende Kilometer zur nächsten Verteilungsstelle gekommen", um die Zeitung zu erhalten (BArch RW 4/233, fol. 124); auch seien die aus der "Prawda" stammenden "mit Antisowjet-Texten unterlegten Schlager in den Dörfern begeistert gesungen" worden (BArch RW 4/234, fol. 5).

Schon bald wurden aufgrund der für die Herausgeber vielversprechenden Entwicklung Versuche unternommen, die "Prawda" mehrfach pro Woche und schließlich sogar täglich herauszugeben, hochfliegende Pläne sahen gar einen Versand nach Moskau und St. Petersburg vor, falls die dortigen sowjetischen Druckereien zerstört werden könnten. Das letztere Vorhaben wurde freilich niemals realisiert, und bereits die Steigerung des Ausgaberhythmus scheiterte letzten Endes stets an Materialengpässen und der notorischen Überlastung der Versandwege. Ab dem Spätsommer 1942 schließlich nahmen Akzeptanz und Verbreitung der "Prawda" stetig ab. Dies war zum einen dem massiven Anwachsen der Partisanen-Aktivitäten geschuldet, die eine störungsfreie Verteilung des Blattes nahezu unmöglich machten, zum anderen war die Diskrepanz zwischen den propagandistischen Versprechungen und Ankündigungen auf den Zeitungsseiten einerseits und der grausamen Realität der brutalen Ostpolitik und des Vernichtungskrieges andererseits zu offenkundig geworden. Obgleich die "Prawda" in den Augen der Propaganda-Abteilung im Verhältnis zu anderen Instrumenten wie beispielsweise Plakataktionen das bei weitem glaubwürdigste und damit erfolgreichste Propagandamittel blieb, wurde ihr Erscheinen vermutlich Ende 1942/Anfang 1943 gänzlich eingestellt.

Hans Lorenz Spies