1.124.1 (bru2p): Reparationsfrage und Banklage.

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Reparationsfrage und Banklage.

Der Reichsbankpräsident berichtete über das Ergebnis seiner Reise nach Paris, das er als völlig negativ bezeichnete2. In seiner letzten Unterredung mit Herrn Moret habe dieser festgestellt, daß der 100-Millionen-Dollar-Kredit3 selbstverständlich über den 15. Juli hinaus verlängert werden würde.[1325] Er habe auch Unterstützung hinsichtlich des erweiterten Planes für die Gelddiskontbank4 zugesagt. Betreffend einen neuen Rediskontkredit habe er geäußert, eine wirkliche psychologische Beruhigung, die für ihn Vorbedingung sei, könne nur von der politischen Seite kommen. Ebenso hätten sich die Herren Moreau5 und Brincard6 geäußert, auch selbst der sonst so gemäßigte Sergent7. Den Schritt des Botschafters bei Herrn Laval habe man als zu mager bezeichnet und den Dank an Italien moniert8. Man habe von einem Moratorium auch für die politischen Forderungen Deutschlands gesprochen und hierbei den Panzerkreuzer, die Zollunion, den polnischen Korridor und die Revision des Youngplans erwähnt. Er, der Reichsbankpräsident, habe darauf erwidert, daß es für seelische Dinge kein Moratorium gebe.

2

Über die Unterredungen Luthers mit Gouverneur Moret und FM Flandin am 10.7.31 in Paris vgl. den Durchschlag eines 11 Seiten starken Berichts des RbkPräs. im Nachl. Luther Nr. 336. Moret und Flandin hatten die Gewährung eines Rediskontkredits von der Erfüllung psychologisch-politischer Voraussetzungen abhängig gemacht. Über die Verhandlungen mit Norman hatte Luther am 9.7.31 aus der dt. Botschaft Paris berichtet (Telegramm Nr. 749, R 43 I/313, Bl. 168–172). Vgl. Luther, Vor dem Abgrund, S. 185–188; Brüning, Memoiren, S. 307.

3

S. Dok. Nr. 361, Anm. 3.

4

Gemeint sind die Aufgaben der Golddiskontbank innerhalb des Wirtschaftsgarantieverbands: vgl. Dok. Nr. 363, Anm. 1 und Dok. Nr. 370, Anm. 2.

5

Ehem. Gouverneur der Banque de France.

6

Frz. Bankier, Direktor des Crédit Lyonnais.

7

Beamter im frz. FMin.

8

Botschafter v. Hoesch hatte am 8.7.31 MinPräs. Laval für die Annahme des Hooverplans gedankt und frz. Übersetzungen der Erklärung des RK vom 2.7.31 (Dok. Nr. 356, Anm. 5 und des Aufrufs der RReg. vom 8.7.31 (vgl. Dok. Nr. 368, Anm. 2) überreicht (Telegramm Nr. 737 vom 8.7.31, R 43 I/313, Bl. 162–165). Der RK hatte in einem Brief an MinPräs. Mussolini vom 26.6.31 für die Unterstützung Italiens gedankt (Entw. in R 43 I/80, Bl. 280–282).

Der Reichsbankpräsident betonte abschließend, daß er den Eindruck gewonnen hätte, die Franzosen würden sich auch mit der Erfüllung nur eines Teiles dieser Forderungen begnügen.

Der Reichskanzler berichtete sodann über die inzwischen von Berlin aus getanen Schritte. Ein Telefongespräch Markus Wallenberg-Brincard9, ein Telegramm Wallenbergs an Morgan10 seien veranlaßt worden. Er berichtete sodann dem Reichsbankpräsidenten über die beiliegenden Instruktionen an die Botschaften in Paris, London und Rom sowie die Anweisung an Generalkonsul Kiep in New York11.

9

Wallenberg hatte über eine geheime Telefonleitung des RPMin. Brincard angerufen und ihm gesagt, daß er bei seiner Rückkehr aus Paris in Berlin eine äußerst gefährliche Situation vorgefunden habe. Wallenberg sei zum RK gegangen, der ihm erklärt habe, wenn Luther mit einem ungünstigen oder an Bedingungen geknüpften Bescheid nach Dtld zurückkehre, werde am Montagvormittag eine Panik ausbrechen, und die Sparer würden dann ihr Geld in großem Umfang von den Sparkassen und Banken abheben. Um dies zu verhindern, sei es notwendig, daß positive und bedingungslose Erklärungen zum Kreditproblem noch vor dem Börsenschluß des 11. 7. in Berlin einträfen, oder, wenn dies nicht möglich sei, bis zum Börsenschluß in New York oder vor dem Redaktionsschluß der Zeitungen um 21 Uhr. Wallenberg hatte noch mitgeteilt, daß die Devisenabzüge in Berlin eine extreme Höhe erreicht hätten. Brincard hatte versprochen, sich alsbald mit dem frz. Außenministerium und der Banque de France in Verbindung zu setzen (frz. Text des Telefonats im Nachl. Pünder Nr. 88, Bl. 307; vgl. auch: Hans Schäffer, Marcus Wallenberg und die deutsche Bankenkrise 1931, Nachl. Dietrich Nr. 308, Bl. 23–24).

10

In dem Telegramm J. P. Morgan hatte Wallenberg darauf hingewiesen, daß in Berlin ein Notstand eingetreten sei, weil das große Kreditarrangement wegen der frz. politischen Forderungen, deren Annahme zum Rücktritt der RReg. führen würde, noch nicht abgeschlossen worden sei. Eine frühzeitige Erklärung der amerik. Banken, daß die Privatkredite nicht aus Dtld abgezogen würden, würde die Situation erleichtern, bis die Schwierigkeiten mit Frankreich beseitigt sein würden (Abschrift des Telegramms im Nachl. Pünder Nr. 88, Bl. 306).

11

Die Instruktion befindet sich nicht in den Akten der Rkei, s. aber Dok. Nr. 375, Anm. 7.

[1326] Der Reichsbankpräsident stimmte diesen Maßnahmen zu, worauf den Außenstellen durch das Auswärtige Amt telefonische Weisung gegeben wurde, die Instruktionen zur Ausführung zu bringen.

Der Reichskanzler bemerkte sodann zur Frage der politischen Forderungen, daß bezüglich des Panzerkreuzers natürlich kein Nachgeben der Reichsregierung möglich sei. Über die Zollunion könne man sich vielleicht verständigen. Dazu brauche man aber einen gewissen Zeitraum.

Vizepräsident DreyseDreyse berichtete über eine telefonische Unterhaltung mit Harrison, New York. Er habe sich für die politischen Fragen uninteressiert gezeigt und im übrigen moniert, daß die Reichsbank zu wenig aktiv sei. Er habe schärfere Kreditrestriktionen und eine Devisenkontrolle vorgeschlagen. Bei den Amerikanern sei überhaupt der Glaube verbreitet, daß die inländischen Devisenabzüge eine erhebliche Rolle spielten.

Hierzu bemerkte der Reichsbankpräsident daß das Verhältnis der ausländischen zu den inländischen Devisenabzügen = 4 : 1 sei, die letzteren also keine wesentliche Rolle spielten.

Staatssekretär Dr. PünderPünder berichtete, daß ihm Abgeordneter Dr. Breitscheid von einem Schritt der Sozialdemokratischen Fraktion in Paris und in London Kenntnis gegeben habe. Die Sozialdemokratische Fraktion hätte an beiden Orten dringend vor allen politischen Forderungen in diesem Zeitpunkt gewarnt, da sie sehr gefährliche allgemeinpolitische Konsequenzen haben könnten.

Der Reichskanzler regte an, den Versuch zu machen, ob nicht die Sitzung des Verwaltungsrats der BIZ wegen der gefährlichen Lage Deutschlands nach Berlin verlegt werden könne. Man könne das damit begründen, daß der Reichsbankpräsident zur Zeit Berlin nicht verlassen könne.

Der Reichsbankpräsident erklärte sich bereit, diesbezügliche Schritte in Basel zu tun12.

12

Vgl. Dok. Nr. 377, Anm. 2.

Die Besprechung wandte sich hierauf der Lage der Darmstädter und Nationalbank zu13.

13

StS Trendelenburg hatte der Rkei um 15.40 Uhr telefonisch mitgeteilt, daß die Danatbank am kommenden Montag [13. 7.] schließen werde (Nachl. Pünder Nr. 43, Bl. 124). Die Danatbank hatte in einem Schreiben an RbkVPräs. Dreyse vom 11. 7. angekündigt, daß die Bank wegen ihrer umfangreichen Auszahlungen (800 Mio RM seit September 1930) und der Rückkäufe der eigenen Aktien (im Wert von 2,5 Mio RM am 10.7.31) gezwungen sei, ihre Schalter zu schließen (Schreiben der Danatbank an den RK mit Abschrift des Schreibens an Dreyse im Nachl. Pünder Nr. 88, Bl. 294–296; das Schreiben war gegen 15 Uhr in der Rkei eingetroffen: vgl. Pünder, Politik in der Reichskanzlei, S. 159).

Staatssekretär Dr. TrendelenburgTrendelenburg berichtete über die Möglichkeiten eines Eingreifens folgendermaßen:

Er könne sich drei verschiedene Fälle denken:

a)

das Reich übernehme eine Garantie für die der Danat noch zu verschaffenden Kredite,

b)

das Reich garantiere alle Verbindlichkeiten der Danat, wobei unter Umständen ein Spezialmoratorium für die Danat erklärt werden könne,

c)

d[1327]ie Großbanken einigten sich darauf, je 30 Millionen zur Verfügung zu stellen, um mit dieser Summe (insgesamt 150 Millionen RM) die Danat flüssig zu halten. Auch hierfür sei Reichsgarantie nötig.

Der Fall c) sei ein Vorschlag der Danatbank selbst. Er müsse zunächst von der Reichsbank geprüft werden. Überhaupt sei ein Eingreifen der Reichsregierung auf dem Wege der Gesetzgebung erst dann möglich, wenn die Reichsbank alle anderen Wege für ungangbar erklärt habe.

Staatssekretär Dr. Trendelenburg sprach sich gegen die Lösung c) aus. Wenn kein ausländischer Rediskontkredit komme, werde sich voraussichtlich die Danatbank überhaupt nicht halten können. Beruhigung könne nur geschaffen werden durch eine Erklärung wirklich vertrauenswürdiger Persönlichkeiten des Finanz- und Wirtschaftslebens, daß der Status und das Aktienkapital der Danat gesund seien. Eine solche Erklärung sei schon nach dem Bilde des heutigen Tages ganz ausgeschlossen. Die Danat brauche eine sehr viel höhere Summe als Rückendeckung als 150 Millionen RM. Allein die Anforderungen an die Kassen hätten am Freitag 14 Millionen RM betragen, am heutigen Sonnabend 40 Millionen RM.

Der Reichsbankpräsident bemerkte hierzu, daß er die Lösung c) (gemeinsames Eingreifen der Banken) für völlig unmöglich halte.

Dem schloß sich Vizepräsident DreyseDreyse an, mit dem besonderen Hinweis darauf, daß auch die anderen Banken ja keine hinreichenden Reserven hätten.

Staatssekretär Dr. TrendelenburgTrendelenburg bezeichnete es als sehr unwahrscheinlich, daß die Danatbank am Montag ihre Schalter noch öffnen könnte, wenn nicht vorher ein ausländischer Rediskontkredit die Lage völlig verändere. In diesem Falle halte er zur Beruhigung des Publikums ein vollständiges Spezialmoratorium für die Danat unter gleichzeitiger Reichsgarantie für sämtliche Kreditoren für notwendig.

Der Reichskanzler bat, alle Erwägungen darauf abzustellen, daß kein Rediskontkredit vom Ausland gewährt werde, weil die Erfüllung politischer Forderungen ausgeschlossen sei.

Staatssekretär Dr. TrendelenburgTrendelenburg bemerkte, daß man nunmehr also wohl den Fall c) (Eingreifen der Banken) gänzlich ausschalten könne. Unter diesen Umständen schlage er vor, der Danatbank zu raten, ihre Schalter am Montag schließen zu lassen und eine Garantie für die Kreditoren zu übernehmen, die nach einem gewissen Zeitablauf effektiv werden müsse. Die Gefahr bestehe allerdings, daß die Bewegung auf andere Banken übergreife. Der Gedanke, zur Beleihung von Forderungen an die Danatbank Darlehnskassenscheine oder andere Zahlungsverpflichtungen auszugeben, sei sehr gefährlich für die Währung. Er gab andererseits zu, daß sein Vorschlag, die Danatbank zu schließen, für den Zahlungsverkehr in ganz Deutschland schwere Gefahren berge. Man brauche nur an die Lohnzahlungen und die Bezahlung des Handwerks zu denken. Vielleicht könnten die anderen Banken hier helfen.

Dem widersprach der Reichsbankpräsident. Der Weg der Bankhilfe würde letzten Endes gegen die Reichsbank schlagen. Im übrigen setzte sich der Reichsbankpräsident für den Vorschlag des Staatssekretärs Dr. Trendelenburg ein.[1328] Die juristische Einleitung der Liquidation der Danatbank werde dann allerdings nötig sein, damit nicht andere Institute denselben Weg fänden. Die Kreditoren müßten dann kontingentweise ausgezahlt werden.

Staatssekretär Dr. TrendelenburgTrendelenburg schlug vor, für die Durchführung der Auszahlungen eine Art Geschäftsaufsicht einzusetzen, deren Organe über alle Zahlungen zu bestimmen hätten. Für den Fall eines Runs auf die anderen Banken würde eventuell die Einlegung von Bankfeiertagen nötig sein.

Staatssekretär Dr. SchäfferSchäffer empfahl, die Bankfeiertage lieber zu verfügen, bevor ein Run stattgefunden habe.

Der Reichskanzler äußerte Befürchtungen für die übrigen Großbanken, insbesondere die Dresdner Bank. Reichsgarantie für die Danatbank bedeute doch wohl voraussichtlich einen Ansturm auf die anderen Depositen-Banken.

Der Reichsminister der Finanzen sprach sich dringend für eine Stützung der Danatbank aus, durch die ihr die Offenhaltung der Schalter ermöglicht werde. Der Sturz der Danatbank würde eine ernste Gefahr für den Privatkapitalismus bedeuten.

Staatssekretär Dr. TrendelenburgTrendelenburg erwiderte hierauf, daß man dann ebenso gut gleich den ganzen Großbankenapparat verstaatlichen könne, denn auch die anderen Banken würden vielleicht bald gezwungen werden, eine Reichsgarantie zu erbitten.

Der Reichskanzler führte hierzu aus, daß auch er eine Umwälzung in der Organisation unseres Wirtschaftssystems voraussehe. Die Verantwortung müsse daher zweckmäßigerweise von einer Reihe führender Persönlichkeiten des Bank- und Wirtschaftswesens mitgetragen werden. Daß der Staat nur das Risiko und die anderen nicht die Verantwortung mittragen sollten, sei unmöglich.

Staatssekretär Dr. SchäfferSchäffer bat, in den Ereignissen in erster Linie nicht eine wirtschaftliche Krise zu sehen, sondern verhängnisvolle Auswirkungen eines politischen Prozesses, der unserem Wirtschaftssystem Zahlungsmittel entziehe. Man solle jetzt nicht ein Schuldkonto gegen die Privatwirtschaft aufmachen. Demgegenüber wies der Reichskanzler auf den Fall „Nordwolle“ und die Danatbank hin, wo zweifellos von einer Schuld der Führer gesprochen werden könne. Es müßten Garantien gegen die Wiederholung solcher Vorkommnisse geschaffen werden.

Vizepräsident DreyseDreyse sah den Grundfehler in der Verquickung des Depositen- und Industriegeschäfts bei den deutschen Großbanken.

Der Reichsminister der Finanzen wies seinerseits darauf hin, daß zu große Bank- und Industriegebilde entstanden seien, deren vernünftige Leitung nicht mehr möglich sei.

Staatssekretär Dr. TrendelenburgTrendelenburg erklärte abschließend, daß ein Verbot des Terminhandels an der Börse notwendig sein werde, weil sich mit dem Terminhandel in Danataktien in den letzten Tagen sehr unerfreuliche Vorkommnisse abgespielt hätten.

Der Reichskanzler erklärte sich damit einverstanden.

[1329] Die Sitzung wurde hierauf unter Zuziehung einer Reihe von Vertretern der Großbanken und der Wirtschaft um 9.30 Uhr nachmittags fortgesetzt.

Es nahmen noch folgende Herren teil:

Ritscher14, Hilferding, Jacob Goldschmidt15, Melchior16, Wassermann, Solmssen, Mosler17 , Kleiner18, Frisch19, Sobernheim20, Jeidels21, Meinhardt22 , Reinhart23, Löb24, Weltzien25, [Bücher]26.

14

Vorstandsmitglied der Reichskreditgesellschaft.

15

Persönlich haftender Gesellschafter der Darmstädter und Nationalbank.

16

Mitinhaber des Bankhauses Warburg, Hamburg.

17

Wassermann, Solmssen, Mosler: Vorstandsmitglieder der Deutschen Bank und Discontogesellschaft.

18

Präs. des Sparkassen- und Giroverbandes.

19

Vorstandsmitglied der Dresdner Bank.

20

Vorstandsmitglied der Commerz- und Privatbank.

21

Geschäftsinhaber der Berliner Handels-Gesellschaft.

22

Generaldirektor der Osram AG, Aufsichtsratsmitglied der Darmstädter und Nationalbank.

23

Vorstandsmitglied der Commerz- und Privatbank.

24

Mitinhaber des Bankhauses Mendelssohn und Co., Berlin.

25

Mitglied des Direktoriums der Dt. Girozentrale.

26

Aufsichtsratsvorsitzender der AEG.

Staatssekretär Dr. TrendelenburgTrendelenburg berichtete eingangs über die Erwägungen der Reichsregierung für ein Eingreifen hinsichtlich der Danatbank, wobei er darauf hinwies, daß die Reichsbank den Banken keine neue Hilfe leisten könne.

Direktor WassermannWassermann erklärte hierzu, eine Kreditrestriktion der Reichsbank bedeute, daß sehr viele Banken zahlungsunfähig würden und eine Zahlungseinstellung der Danatbank bedeute einen Run auf die anderen Banken. Man würde also etwa 1 Milliarde RM auszuzahlen haben.

Der Reichsbankpräsident bemerkte hierzu, daß das natürlich nicht in Frage kommen könne.

Präsident KleinerKleiner vom Giroverband sprach sich für ein Inlandsmoratorium aus, da er nicht glaube, daß die Banken der öffentlichen Hand und die Sparkassen voll zahlungsfähig sein würden.

Direktor RitscherRitscher äußerte sein Erstaunen über diese Aussichten hinsichtlich der Sparkassen und Landesbanken. Er stellte die Frage, ob man nicht ein Inlandsmoratorium durch gemeinsames Vorgehen der Banken vermeiden könne, dabei müsse allerdings der Vorbehalt gemacht werden, daß nicht vom Ausland her weitere entscheidende Abzüge stattfinden.

Dr. SolmssenSolmssen bat, sich doch jetzt nicht speziell mit der Danatbank zu beschäftigen, sondern mit der Gesamtlage. Deutschland befinde sich im Wirtschaftskrieg mit Frankreich, das rücksichtslos Kredite gekündigt habe, sonst würden die Banken der Lage gewachsen sein.

Reichsminister a. D. HilferdingHilferding bezeichnete das gesamte private und öffentliche Bankwesen als bedroht. Auch ein ausländisches Moratorium werde nicht lange helfen, da die weitere Einfuhr bar bezahlt werden müsse. Ein inländisches Moratorium wäre vielleicht nicht zu vermeiden. Seine Konsequenzen würden aber unabsehbar sein. Man müsse es daher durch Vollauszahlung aller[1330] Forderungen verhindern. Die Reichsbank würde dabei vielleicht 200–600 Millionen verlieren, dann aber werde das Ausland helfen. Man müsse eben schlimmstenfalls die Deckungsgrenze der Reichsbank unterschreiten. Schließung der Danatbank und Reichsgarantie für die Kreditoren halte er für unmöglich, auch das müsse letzten Endes zur Inflation führen. Es bleibe also nur die Vollauszahlung.

Der Reichsbankpräsident bemerkte hierzu, daß darauf sehr bald Zahlungsunfähigkeit der Reichsbank folgen würde.

Reichsminister a. D. HilferdingHilferding meinte, das werde sich durch Kreditrestriktion und Devisenkontrolle vermeiden lassen. Auf die Frage des Reichsbankpräsidenten, ob Reichsminister a. D. Hilferding nicht glaube, daß die Kreditwürdigkeit der Reichsbank im Ausland leiden würde, antwortete Reichsminister a. D. HilferdingHilferding verneinend. Als Unterlage für eine erhöhte Auszahlung stellte Reichsminister a. D. Hilferding Begebung von Handelswechseln oder einen ähnlichen Ausweg zur Erwägung.

Direktor SobernheimSobernheim erklärte, auch er sehe nur den Weg des Moratoriums oder der Auszahlung. Für letztere sei mit einer Solidarität der Banken nicht geholfen, so wünschenswert sie sei. Dann müsse man schon ein neues Zahlungsmittel schaffen, etwa durch Wiedereinführung der Rentenmark.

Dr. MelchiorMelchior bat, die Behandlung der Auslands- und Inlandsforderungen scharf zu trennen. Im Inland werde man wahrscheinlich für längere Zeit auf eigene Kraft angewiesen sein. Die Auslandsforderungen solle man aber noch befriedigen, jedenfalls erst eine Devisen- und Kapitalfluchtverordnung einführen. Erst wenn das nicht helfe, sei ein Auslandsmoratorium gerechtfertigt. Eine Sonderaktion für die Danat und eine Sonderbürgschaft des Reichs halte er für ausgeschlossen. Wie im Kriege würde man vielleicht befristete Surrogate an Zahlungsmitteln ausgeben müssen. Vielleicht Darlehnskassenscheine.

Geheimrat FrischFrisch hielt die Vorschläge von Dr. Melchior nicht für ausreichend. Nur ein Auslandsmoratorium und ein Geldsurrogat könnten helfen.

Auch Präsident KleinerKleiner sprach sich für ein Geldsurrogat aus, damit nicht lokale Stellen selbst Notgeld schüfen. Unter den Sparkassen würden in diesen Tagen die ernstesten Schwierigkeiten auftreten. Auch eine kleine Staatsbank werde Montag schließen müssen27. Das alles könne man vielleicht durch Ausgabe der Rentenmark verhindern.

27

Gemeint ist die Rheinische Landesbank.

Direktor WassermannWassermann warnte vor einem übereilten Moratorium, lieber solle man drei Bankfeiertage einschieben. Außerdem müsse eine umfassende Devisenkontrolle verfügt werden. Die Bankfeiertage könne man leicht mit den übermäßigen Devisenabzügen begründen. Wenn kein Auslandskredit zu erhalten sei, gebe es die Möglichkeit zweier Surrogate, einmal der Darlehnskassenscheine, die er für sehr gefährlich halte, zweitens der Rentenbankscheine, für die Direktor Wassermann sich dringend aussprach. Die Notendeckung müßte auf 20% herabgesetzt werden, selbst wenn man dann zu 14% Diskont komme. Bis die Rentenbankscheine in Umlauf seien, müsse die Reichsbank das Wechselmaterial diskontieren.

[1331] Ministerialdirektor ErnstErnst erklärte, jedes andere Zahlungsmittel als die Rentenmark werde als Inflation gewertet werden. Die drei Bankfeiertage würden sich zweifellos als ein Moratorium auswirken, wenn nicht während dessen neue Kredite gegeben würden. Statt einer Garantie für die Danatbank, glaube er, solle man in der Notverordnung schon eine allgemeinere Fassung wählen, um möglicherweise auch anderen lebenswichtigen Betrieben Garantie leisten zu können.

Dr. MoslerMosler sprach sich dafür aus, möglichst nur zwei Bankfeiertage zu verordnen. Der Postscheckverkehr müsse auch während dieser Feiertage weitergeführt werden, insoweit die Post hierfür nicht einer Stützung der Reichsbank bedürfe.

Er glaube nicht, daß die Ausgabe von Rentenbankscheinen inflatorisch wirken würde, wohl aber die Ausgabe von Darlehenskassenscheinen. Den Börsenverkehr solle man auch nach den Feiertagen ruhen lassen, Terminhandel bis auf weiteres überhaupt nicht mehr zulassen.

Direktor ReinhartReinhart bezweifelte, daß eine Inflation durch Herabsetzung der Golddiskontgrenze bei der Reichsbank hervorgerufen werden könnte. Er sprach sich gegen die Bankfeiertage aus und schlug statt dessen ein Auslandsmoratorium und Devisenzahlungsverbot vor. Ob später ein Inlandsmoratorium nötig werde, sei noch fraglich. Komme man mit der Herabsetzung der Deckungsgrenze nicht aus, müsse man die Rentenmark einführen. Im ganzen sei es als eine große Leistung der deutschen Wirtschaft anzusehen, daß sie die Ansprüche der letzten Woche überhaupt überwunden habe. Nun dürfe man aber den Zahlungsverkehr keine Einschränkung erleiden lassen.

Der Reichskanzler sprach sich gegen die Bankfeiertage aus. Sie seien außenpolitisch nur schädlich, da sie über die wahre Situation hinwegtäuschten. Er habe den Ausführungen der Herren entnommen, daß die Gesamtlage der Großbanken überhaupt bedrohlich sei und müsse die Frage stellen, ob nicht die anderen Großbanken ähnlich bedroht seien wie die Danatbank, wenn kein neuer Rediskontkredit gegeben werde.

Der Reichsbankpräsident erklärte, daß die Reichsbank jeden Weg ablehnen müsse, der sie selbst in Gefahr bringe. Die Meinung der Welt sei nicht für Ausdehnung des Notenumlaufs, sondern für schärfere Restriktionen.

Auf die Frage des Reichskanzlers antwortete Direktor WassermannWassermann, die Lage der Großbanken sei nicht schlechter als sonst irgendwo in der Welt. Nur die Lage der Reichsbank sei schlecht.

Dem widersprachen der Reichsbankpräsident und Vizepräsident DreyseDreyse. Die Schwierigkeit bei der Reichsbank sei durch die Großbanken hervorgerufen worden, die nicht hinreichend auf ihre Devisenliquidität geachtet hätten.

Direktor WassermannWassermann machte darauf aufmerksam, daß die Banken doch immerhin 2 Milliarden an Devisen in der letzten Zeit ausgezahlt hätten.

Der Reichsbankpräsident bemerkte hierzu, daß diese 2 Milliarden von der Reichsbank stammten.

Geheimrat BücherBücher führte aus, daß die bisherigen Vorschläge alle für die Wirtschaft nicht diskutabel seien. Bankfeiertage führten zum Moratorium und[1332] das bedeute ein Erliegen der Wirtschaft. Das Ausland ziehe allgemein seine Mittel zurück, weil es weder Vertrauen in die deutsche Politik noch in die deutsche Wirtschaft habe und das könne keine Bank der Welt aushalten. Gesetzmäßig sei die Reichsbank in dieser Lage zu Restriktionen verpflichtet, und die Situation könne überhaupt nur durch einen großen Auslandskredit gerettet werden, und zwar für das Reich; die Banken hätten keinen Kredit mehr.

Geheimrat Bücher sprach sich für eine Solidaraktion der Banken auch für die Danatbank aus.

Dr. SolmssenSolmssen verteidigte die Banken gegen den Vorwurf, daß sie leichtsinnig Kredit gegeben hätten. Das sei zur Ankurbelung der deutschen Wirtschaft nötig gewesen. Er sprach sich entschieden gegen eine Solidaraktion der Banken aus und ebenso gegen die Einführung einer zusätzlichen Währung.

Der Reichsbankpräsident bemerkte hierzu, wenn Zahlungsmittel gebraucht würden, die die Reichsbank nicht liefern könne, so sei eine zusätzliche Währung besser als eine Gefährdung der Reichsmark. Unter keinen Umständen dürfe an den Grundlagen der Reichsmark gerüttelt werden.

Die Bankfeiertage würden politisch als Feiertage eingehalten werden, bankmäßig nützten sie nichts. Man müsse auch wissen, was man nach ihrer Beendigung tun wolle. Weitere Wechsel könne die Reichsbank nicht diskontieren, sie sei der Grenze ihrer Handlungsfreiheit nahe. Dadurch würden unbequeme Situationen für die Großbanken entstehen, bei denen man vielleicht auf die Golddiskontbank zurückgreifen müsse.

Direktor JeidelsJeidels beantwortete die Frage des Reichskanzlers dahin, daß die Lage der Großbanken, im ganzen genommen, derartig sei, daß politisch schwerwiegende Entschlüsse gerechtfertigt seien, um eine Wirtschaftskatastrophe zu vermeiden. Vielleicht könne man den Zusammenbruch der Danatbank um wenige Tage verschleppen, etwa ein bis drei Tage, obwohl das eine sehr ungesunde Maßnahme sei. Er gebe zu, daß der Reichsbank sehr enge Grenzen gezogen seien.

Herr LöbLöb führte aus, daß die Nachfrage nach Devisen weitergehen werde. Das Mißtrauen gegen Deutschland werde durch Einschieben der Golddiskontbank nicht zu beseitigen sein. Eine Hilfswährung dürfe mit der Reichsmark nicht fest verbunden werden.

Für die Situation der Banken sei die Entwicklung der nächsten Tage entscheidend. Die Beunruhigung würde steigen, eine entsprechende weitere Schwächung der Banken eintreten. Ihre Lage sei also als schlecht zu bezeichnen.

Herr MeinhardtMeinhardt machte darauf aufmerksam, daß von den Devisenabzügen in Höhe von 2 Milliarden 650 Millionen zu Lasten der Danatbank gegangen seien. Auch durch ein Auslandsmoratorium sei die Danatbank nicht zu retten.

Geheimrat FrischFrisch führte die krisenhafte Entwicklung auf den scharfen Druck Frankreichs zurück, der jetzt auch gegen England einsetze. Die Verweisung der Großbanken an die Golddiskontbank hielt er für unzweckmäßig.

Direktor WassermannWassermann führte aus, daß Privatbanken, Wirtschaft und Reichsbank gemeinsam die Schuld an dieser Lage zu tragen hätten. Für ein wirksames Eintreten der Golddiskontbank seien die Voraussetzungen noch[1333] nicht vorhanden. Man brauche eine Devisenordnung, da die Inlandseinleger ihre Gelder jetzt in Devisen umzuwandeln bestrebt seien. Könne die Reichsbank keine Wechsel mehr abnehmen, so bleibe nur ein Moratorium übrig.

Der Vizekanzler befürchtete von den Bankfeiertagen die größte Erregung in ganz Deutschland, die auch noch gesunde Unternehmen zerstören könne. Die Devisenordnung solle man nicht vorzeitig ankündigen, sondern von ihr erst sprechen, wenn man sie gleichzeitig verordnen könne. Ein Gesetz über Kapitalflucht würde zwar die Kapitalflucht nur fördern, vielleicht aber aus außenpolitischen Gründen doch notwendig werden. Einen Bankfeiertag könne er sich nur für die Auslandszahlungen denken.

Um den Zahlungsmittelverkehr zu verbessern, brauche man einen Zinssatz der Reichsbank von 20% nicht zu scheuen. Schlimmstenfalls könne die Reichsbank im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften, und unter den nötigen Sicherungen, sogar die Notengrenze unterschreiten. Die Rentenmark wieder ins Leben zu rufen, erscheine ihm sehr schwierig, denn die Bürgschaft der Landwirtschaft sei nicht mehr sehr wertvoll.

Die Schalter der Danatbank müßten offenbleiben, sonst würden noch viele andere große Unternehmen folgen.

Herr MelchiorMelchior meinte, man solle dem Ausland jetzt schon mitteilen, wir versuchten uns zu helfen und würden zahlen soviel wir könnten, müßten aber vielleicht ein Auslandsmoratorium erklären.

Auf die Anfrage von Direktor RitscherRitscher nach den Devisenbeständen der Großbanken im Ausland erklärte Direktor WassermannWassermann, daß diese keine Rolle spielen.

Herr ReinhartReinhart resümierte, daß in der nächsten Zeit die Großbanken keine Devisen mehr würden abgeben können und auch nicht die erforderlichen Mittel für die Inlandsanforderungen besäßen. Das bedeute Auslandsmoratorium und Einführung der Rentenmark. Er sprach sich dafür aus, die Schalter der Danatbank offen zu halten.

Herr WeltzienWeltzien bezeichnete ein Zahlungsverbot als unbedingt erforderlich, weil sonst schwere Zusammenbrüche eintreten würden.

Abschließend sprach Herr Jacob GoldschmidtGoldschmidt der Reichsregierung seinen Dank für ihre Bemühungen um die Danatbank aus.

Die Besprechung mit den Vertretern der Großbanken wurde hierauf geschlossen und als Chefbesprechung im gleichen Kreise wie zu Anfang des Abends um 1.15 Uhr nachts fortgesetzt.

Der Reichskanzler zog aus dem soeben Gehörten den Schluß, daß die Lage der Banken schlechter sei als erwartet. Nützliche Vorschläge habe man kaum gehört. Jedenfalls müsse man nun wohl eine Devisenordnung und eine Verordnung gegen die Kapitalflucht vorbereiten.

Der Reichsbankpräsident äußerte Zweifel an der Wirksamkeit solcher Verordnungen.

Staatssekretär Dr. TrendelenburgTrendelenburg wies darauf hin, daß vielleicht die Zustimmung der BIZ hierfür nötig sein würde.

[1334] Der Reichsbankpräsident erklärte, daß man auch wegen einer Notwährung vielleicht an die BIZ herantreten müsse, was aber möglicherweise politisch nicht ungünstig sein würde.

Staatssekretär Dr. SchäfferSchäffer erklärte, man könne jedenfalls Entwürfe solcher Verordnungen der BIZ vorlegen.

Die Sitzung wurde hierauf geschlossen28.

28

Vgl. zu dieser Sitzung auch Schäffers Tagebuchaufzeichnung vom 11.7.31, IfZ, ED 93, Bd. 11, Bl. 344–353, sowie Brüning, Memoiren, S. 315–317 und Luther, Vor dem Abgrund, S. 190 f.

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