1.123 (bru2p): Nr. 375 Reparationsbesprechung vom 11. Juli 1931, 11.40 Uhr

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Nr. 375
Reparationsbesprechung vom 11. Juli 1931, 11.40 Uhr

R 43 I/315, Bl. 6

Anwesend: Brüning, Dietrich; StS Trendelenburg, Pünder, v. Bülow; MinDir. Ritter, Schwerin v. Krosigk, Zarden, v. Hagenow; MinR Berger; LegR Valette; RbkDir. Vocke; Protokoll: ORegR Planck.

Staatssekretär Dr. TrendelenburgTrendelenburg teilte mit, daß es von dem Verlauf der heutigen Börse immerhin noch abhängen werde, ob nicht die Danatbank heute schon zusammenbreche1. Nach seinen Mitteilungen hielten die Kreditabzüge der Franzosen in Deutschland an, auch in London zögen die Franzosen seit einigen Tagen ab, täglich etwa 50 Millionen. Bemerkenswert sei andererseits, daß die Firma Lazard der Danatbank einen Rembours-Kredit von 15 Millionen[1323] belassen habe. Ein holländischer Kredit über 165 Millionen Gulden auf 9 Monate sei, ohne handelspolitische Zusage, zustande gekommen.

1

Nach dem Bericht der DAZ war die Berliner Börse am 11. 7. lustlos und schwach. Der Kurs der Danatbank-Aktien hatte sich gegenüber dem Vortag nicht verändert (DAZ Nr. 311–312 vom 12.7.31). Zur Situation der Danatbank vgl. dagegen das in Dok. Nr. 374, Anm. 6 erwähnte Dementi.

Der Reichskanzler stellte fest, daß offenbar von der Morgan-Gruppe aus bei den Banken, die Geschäfte mit Deutschland und Österreich machten, die Rembours-Kredite vorsichtig verknappt würden. Eine bewußte Politik sei darin nach der Meinung Marcus Wallenbergs, den er eben gesprochen habe, aber nicht zu sehen, vielmehr nur Vorsicht. Wallenberg habe ferner mitgeteilt, daß die Banque de Paris und der Crédit Lyonnais an sich hilfsbereit seien, aber vom Quai d’Orsay zurückgehalten würden2.

2

Vgl. die Tagebuchaufzeichnung StS Schäffers über das Gespräch des RK mit dem schwedischen Bankier Wallenberg, der am Morgen des 11. 7. aus Paris kommend in Berlin eingetroffen war, in: IfZ ED 93, Tagebuch Schäffer, Bd. 11, Bl. 342 f.

Staatssekretär Dr. PünderPünder stellte eine Anregung des Staatssekretärs a. D. Hagedorn zur Erwägung, auf Pierpont Morgan in New York einzuwirken3. Er sei allein entscheidend.

3

StS im REMin. 1923–1926. Hagedorn hatte am 22.6.31 Pünder brieflich mitgeteilt, er sei gerade aus den USA zurückgekommen und wolle den StSRkei gern über seine frischen Eindrücke, insbesondere in wirtschaftlicher und finanzieller Beziehung, unterrichten (Nachl. Pünder, Nr. 88, Bl. 310).

Der Bericht Luthers über das Gespräch mit Flandin sei völlig negativ gewesen. Flandin habe in sehr liebenswürdiger Form politische Voraussetzungen angekündigt4.

4

Nach einem Bericht des Botschafters v. Hoesch hatte FM Flandin „die Gewährung weiterer Kredite für Reichsbank von einer allgemeinen Verbesserung der deutsch-französischen Beziehungen, mit anderen Worten von deutschen politischen Zugeständnissen, abhängig“ gemacht (Telegramm Nr. 753 vom 11.7.31, Nachl. Pünder, Nr. 88, Bl. 263–267, Zitat Bl. 264; das Telegramm traf um 14.50 Uhr im AA ein). Vgl. auch Dok. Nr. 376, Anm. 1.

Zum Vorschlag Hagedorn erklärte Ministerialrat BergerBerger, man könne wohl am besten über Parker Gilbert an Morgan herankommen und dabei an die WTB-Notiz anknüpfen, wonach in New York über einen neuen größeren Rediskontkredit verhandelt werde5.

5

Laut dieser WTB-Notiz hatte Gouverneur Harrison mit dem Teilhaber der Bank J. P. Morgan und Co., Parker Gilbert, über einen Kredit an die Rbk gesprochen. Unterrichtete Bankkreise erwarteten für den kommenden Wochenanfang ein Kreditarrangement in Höhe von 200–300 Mio $. Die Federal Reserve Bank setze bei ihrer Kreditbeteiligung voraus, daß die amerik. Banken sich verpflichteten, ihre kurzfristigen Kredite in Dtld zu belassen, da sie es als zwecklos ansehe, der Rbk Kredite zu gewähren, während die Privatbanken ihre Kredite zurückzögen (WTB Nr. 1455 vom 11.7.31, Nachl. Pünder, Nr. 88, Bl. 317).

Es wurde vereinbart, daß über die Vertretung der Reichsbank mit Harrison und durch Generalkonsul Kiep mit Parker Gilbert Fühlung genommen werden solle, um die katastrophale Lage in Berlin eindrücklich vor Augen zu führen und Hilfe zu erbitten. Staatssekretär Dr. von Bülow wurde ermächtigt, im Sinne seiner gestrigen Unterhaltung mit Sackett6 die deutschen Botschafter in[1324] London, Paris und Rom aufzufordern, die dortigen Regierungen auf den Ernst der Situation hinzuweisen. Diese Instruktion solle allerdings erst nach Eintreffen des Reichsbankpräsidenten in Berlin freigegeben werden7.

6

StS v. Bülow hatte Sackett mitgeteilt, daß sich der Hooverplan wegen der langen Verzögerung durch die Pariser Verhandlungen nicht zugunsten einer Beruhigung und Festigung der Situation ausgewirkt habe, vielmehr drohe die Situation sich wieder einer Katastrophe zu nähern. England und Frankreich suchten entgegen dem Grundgedanken des Hooverplans politische Konzessionen von Dtld zu erzwingen. Die RReg. habe nur die Wahl, wegen politischer Konzessionen, die für die dt. Öffentlichkeit untragbar seien, gestürzt zu werden oder aber die wirtschaftliche Katastrophe nicht aufhalten zu können. Nach Bülows Meinung könne eine Erklärung der US-Reg. oder ein Eingreifen Harrisons die Lage noch einmal retten. Sicher sei, daß diese Hilfe, die Dtld jetzt gebracht werden würde, sehr viel größer sein müsse, als noch vor 8 Tagen erforderlich gewesen sein wäre. Bülow hatte die dt. Konzessionsbereitschaft in den Fragen der Zollunion und des Panzerschiffs B angedeutet. Eine Zurückstellung der Zollunion sei aber erst nach dem Haager Schiedsspruch möglich; über das Panzerschiff könne man bei Vorbeschlüssen zur Abrüstungskonferenz reden. Unmöglich sei lediglich eine einseitige dt. Konzession in diesen beiden Punkten oder überhaupt einseitige politische Opfer Dtlds. (Aufzeichnung Bülows vom 10.7.31, Nachl. Pünder, Nr. 88, Bl. 312–314).

7

Die Instruktion enthielt eine Information zur Lage, die inhaltlich der Unterredung Bülows mit Sackett am 10. 7. entsprach, jedoch die Unannehmbarkeit politischer Konzessionen betonte. Die Botschafter in Washington, Paris, London und Rom sollten eine Demarche bei den jeweiligen Regierungen unternehmen und dabei ausführen, daß Dtld, das während der letzten 12 Monate Devisenabzüge von annähernd 3,5 Mrd RM erlitten habe, außerstande sei, die Vertrauenskrise aus eigener Kraft zu überwinden, obwohl seine Wirtschaft gesund, ein großer Exportüberschuß vorhanden und das Budget ausgeglichen sei. Falls nicht eine sofortige Kredithilfe erfolge, seien Zusammenbrüche unausbleiblich, die für Mitteleuropa schwerste Katastrophen und starke Rückwirkungen für die übrige Welt zur Folge hätten, wodurch der Erfolg des Hooverplans auf die Dauer vereitelt werden würde. Generalkonsul Kiep in New York wurde angewiesen, eine Besprechung mit Parker Gilbert und Pierpont Morgan herbeizuführen und darzulegen, daß größte Eile geboten sei, da die hiesige Lage nur bis Montag einigermaßen gehalten werden könne. Anzustreben sei das Belassen dt. Kredite und die sofortige Gewährung eines neuen umfassenden Rediskontkredits an die Rbk. Kiep solle ferner mit Nachdruck betonen, daß die Rbk seit 14 Tagen in zunehmend scharfer Weise Kreditrestriktionen durchführe (undatierte Instruktion Bülows im Nachl. Pünder, Nr. 88, Bl. 302–305). Vgl. auch das folgende Dok. Nr. 376.

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