1.149 (bru2p): Nr. 401 Aufzeichnung des Reichsernährungsministers über eine Unterredung mit dem Amerikanischen Botschafter am 21. Juli 1931, 10 Uhr

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Nr. 401
Aufzeichnung des Reichsernährungsministers über eine Unterredung mit dem Amerikanischen Botschafter am 21. Juli 1931, 10 Uhr

R 43 I/100, Bl. 85–87 Durchschrift

Botschafter Sackett betonte einleitend den vertraulichen Charakter seines Besuchs. Er setzte in seinen Darlegungen bei den gegenwärtigen Verhandlungen in London1 ein und ging über zur Schilderung der Stimmungen auf dem Kapitalmarkt in den Vereinigten Staaten. Dem Präsidenten Hoover läge daran, für den Fall eines ergebnislosen Verlaufs der Londoner Verhandlungen die notwendigen psychologischen Voraussetzungen im amerikanischen Volke, namentlich bei den Farmern und den Banken, für einen Kredit für Deutschland zu schaffen. Ein Kredit solle nicht nur motiviert werden mit den Sympathien des amerikanischen Volkes für Deutschland, sondern auch mit dem guten Willen Deutschlands, den Vereinigten Staaten, soweit dies möglich sei, einen[1401] Gegendienst zu erweisen durch Abnahme von amerikanischen Erzeugnissen. Der Botschafter erwähnte hierbei Weizen und Baumwolle. Er erklärte, daß er durchaus wisse, daß infolge der Umstellung in der deutschen Agrarerzeugung nur noch wenig Raum für Weizenimporte vorhanden sei, im Gegensatz zu früher. Er hoffte jedoch, daß die Vereinigten Staaten bei den in Frage kommenden Importen entsprechend berücksichtigt würden2.

1

S. Dok. Nr. 402, P. 4.

2

US-UStS Castle hatte im Telegramm Nr. 123 vom 16.7.31 Sackett über amerik. Überlegungen informiert, Dtld einen Kredit von 120 Mio $ zu gewähren. Diese Anleihe würde die Verbesserung der sozialen Verhältnisse im Dt. Reich unterstützen, das amerik. Vertrauen in Dtlds Zukunft demonstrieren und zur Wiederherstellung der Zuversicht in Dtld selbst beitragen. Als Gegenleistung sollte Dtld zur Entlastung des an Absatzschwierigkeiten leidenden amerik. Agrarmarktes aus den USA 1,1 Mio Ballen Baumwolle und 70 Mio bushels (ca. 2,5 Mio t) Weizen aus den USA beziehen. Die Bezahlung könne 1½–3 Jahre nach Lieferung der Waren in Dollarobligationen erfolgen (FRUS 1931 Vol. II, p. 293 –295). Im Telegramm Nr. 126 vom 20.7.31 hatte Castle Sackett aufgefordert, sich bei den Verhandlungen mit dt. Regierungsstellen auf keine Preisdiskussionen einzulassen. Außerdem hatte Castle auf den innenpolitischen Aspekt des amerik. Vorschlags hingewiesen: „There has been considerable criticism in this country of the fact that our tremendous sacrifices to Germany have come at a time when our farmers were enduring hardships while Germany continues to purchase breadstuffs from Russia. […] The entire world financial situation, including that of Germany, would be strengthened by any action of the German people to support American commodity markets. The German Government ought to be aware of this“ (FRUS 1931 Vol. II, p. 295 ).

Auf die Darlegungen des Botschafters, die sich auf die Baumwolle bezogen, habe ich mich nicht zur Sache geäußert, sondern ihn gebeten, mit dem zuständigen Reichswirtschaftsministerium Verbindung aufzunehmen. Wegen des Weizens verwies ich auf die gegenwärtige Versorgungs- und Produktionslage, die nur noch einen bescheidenen Zuschußbedarf gegen Ende des Jahres von 200 bis 300 000 t erforderlich mache. An der Deckung dieses Bedarfs seien eine Reihe von Weizenexportländern beteiligt, namentlich Ungarn, voraussichtlich auch Rußland, so daß die Aussichten für die Vereinigten Staaten insgesamt genommen verhältnismäßig bescheidene seien. Allerdings spräche zugunsten der Vereinigten Staaten, daß Deutschland einen besonderen Bedarf an Hartweizen habe, namentlich für gewisse Industrien und für Mischzwecke zur Herstellung von Markenmehlen.

Ich erklärte daher zusammenfassend, daß ich für die Deckung eines Zuschußbedarfs an Weizen in den nächsten Monaten keine Möglichkeiten sähe, daß ich mir hingegen unter gewissen Voraussetzungen einen Austausch von deutschem Weichweizen gegen amerikanischen Hartweizen vorstellen könnte. Hieraus brauchte sich keine Belastung des deutschen Marktes ergeben, vielmehr sogar eine zeitweise Entlastung. Allerdings erfordere der Export von deutschem Weichweizen eine nicht unerhebliche Zubuße infolge der niedrigeren Weltmarktpreise. Ich könnte mir vorstellen, daß für die Finanzierung dieser Zubuße, die erst bei dem später in der zweiten Hälfte des Wirtschaftsjahres erfolgendem Reimport wieder abgedeckt würde, Kredite derjenigen Stellen sehr wertvoll seien, die an den späteren Reimporten als Abgeber interessiert wären. Der Umfang dieses Austauschgeschäfts hänge von der Aufnahmefähigkeit des europäischen Weichweizenmarktes ab. Es wäre anzunehmen, daß das Quantum jedoch mindestens ebenso groß sein würde wie der sich für den Schluß des Wirtschaftsjahres ergebende Zuschußbedarf Deutschlands.

[1402] Botschafter Sackett erklärte, daß er das Zustandekommen eines solchen Geschäfts sehr begrüßen würde, und daß er auch die Finanzierungsmöglichkeit auf dem theoretisch erörterten Wege für gegeben halte.

Er kam alsdann auf die große Kreditfrage und die Londoner Verhandlungen zurück und betonte insbesondere die Eilbedürftigkeit einer Klärung. Den Umfang des Weizengeschäfts hielt er für weniger bedeutend als die psychologischen Wirkungen seines Zustandekommens überhaupt, sähe doch das amerikanische Volk die Bereitschaft Deutschlands, seine geschäftlichen Beziehungen zu den Vereinigten Staaten besonders zu pflegen. Dem Präsidenten Hoover käme es gerade auf diese psychologische Wirkung an, um gewisse Hemmungen zu beseitigen. Der Botschafter gebrauchte zweimal in der Unterhaltung das Bild, daß es eines Tropfens Öles bedürfe, um die Kreditmaschine in Gang zu setzen. Hieraus dürfte die Tendenz seiner Mitteilungen deutlich erkennbar sein.

Ich habe ihm die vertrauliche Behandlung der Besprechung zugesagt und mir sein Einverständnis dazu erklären lassen, diese Fragen mit dem Herrn Vizekanzler und Finanzminister, den Herren Staatssekretären Pünder und Trendelenburg und dem Reichsbankpräsidenten zu besprechen. Ich habe Botschafter Sackett zugesagt, ihm Mitteilung von der Besprechung der Angelegenheit mit den in Frage kommenden Herren des Kabinetts zu machen und habe ihm ferner eine weitere Besprechung im größeren Rahmen in sichere Aussicht gestellt3.

3

S. Dok. Nr. 402, P. 5. Sackett berichtete in dem Telegramm Nr. 139 vom 21.7.31 an Castle über die Unterredung mit dem REM. Es sei schwierig gewesen, Schiele verständlich zu machen, daß die Intention des Vorschlags sei, Dtld eine beachtliche Finanzhilfe zu gewähren. Als Agrarminister habe er die finanziellen Schwierigkeiten nicht so klar gesehen wie die landwirtschaftlichen (FRUS 1931 Vol. II, p. 296 –297).

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