1.195 (bru2p): Nr. 447 Besprechung des Reichskanzlers mit Vertretern der Vereinigten Stahlwerke vom 18. August 1931 [11.30 Uhr]

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[1577] Nr. 447
Besprechung des Reichskanzlers mit Vertretern der Vereinigten Stahlwerke vom 18. August 1931 [11.30 Uhr]

R 43 I/1139, Bl. 329–332

Anwesend: Brüning, Stegerwald; StS Trendelenburg; MinR Vogels; Silverberg, Springorum, E. Poensgen, P. Klöckner, Vögler, Reusch, Reichert; Protokoll: MinDir. v. Hagenow.

Nach Eröffnung der Sitzung1 legte Dr. VöglerVögler die Verhältnisse der rheinisch-westfälischen Industrie dar und führte aus, daß es notwendig sei, den Inlandsmarkt zu beleben. Deutschland werde zur Zeit mit fremdem Eisen überschwemmt. Was die Kohle angehe, so müsse die Preisfrage aufgerollt werden. Es sei den Unternehmungen nicht möglich, die Frage des Absatzes einer befriedigenden Lösung zuzuführen. da man die Preisfrage wegen der bestehenden Bindungen nicht angreifen könne. Die Industrie sei auf diesem Gebiete bei Kohle und Eisen einfach machtlos. Im Herbst werde erneut eine Entlassungswelle einsetzen, wenn nicht irgendwie Hilfe käme. Es müßten energische Maßnahmen zur Belebung des Marktes ergriffen werden, um den Binnenmarkt einer Gesundung zuzuführen. Notwendig werde es sein, mit den Arbeitnehmern Akkorde abzuschließen, um die Lohn- und die Arbeitszeitfrage einer, den gegenwärtigen Verhältnissen angepaßten, Regelung zuzuführen. Die Erzbestände auf Lager hätten etwa einen Wert von 400 Millionen RM. Die Vorratsbildung gehe über das Normale hinaus. Die Mehrerzeugung betrage etwa 7–8 Millionen Tonnen nach Abzug des Normalbedarfs. Der Buchwert für Koks belaufe sich auf 12 Mark, für Stabeisen auf 100 Mark und für Roheisen auf 60 Mark. Namens der erschienenen Vertreter sprach Dr. Vögler die dringende Bitte aus, daß von der Reichsregierung – insbesondere auch im Wege der Arbeitsbeschaffung – energische Maßnahmen in Angriff genommen würden, um einen Zusammenbruch der Industrie im Westen zu vermeiden.

1

Ernst Poensgen hatte in einem Schreiben an den RK vom 12.8.31 um eine Besprechung wegen der Schwierigkeiten der Stahlindustrie gebeten. Es sei gegenwärtig für die eisenerzeugende Industrie sehr schwierig, Massenaufträge in Schwereisenartikeln zu erhalten. Nach Lage der Dinge seien nur – mit Unterstützung der RReg. – von der UdSSR und der RB größere Aufträge zu erwarten. In der Anlage war die Durchschrift eines Schreibens von Poensgen an den RFM vom 11.8.31 beigefügt, in dem er darauf hingewiesen hatte, daß es den Vereinigten Stahlwerken nur durch eine russische Bestellung über 300 000 t Walzprodukte gelungen sei, die Beschäftigung auf etwa 48% zu halten. Dieses Geschäft gehe Ende August zu Ende, und da der Auslandsmarkt, der einige Tage nach der Hoover-Botschaft fester geworden war, inzwischen wieder völlig zusammengebrochen sei, könne der Beschäftigungsstand nur durch neue Russengeschäfte, „und dies ist ausschließlich eine Frage der Finanzierung“, gehalten werden. Andernfalls würde die Beschäftigung der dt. Stahlwerke auf etwa 28–30% absinken, „d. h. auf einen Stand, bei dem die Durchhaltung völlig unmöglich erscheint“. Ein neuer russischer Auftrag sei nur möglich, wenn es gelinge, die bisher schon gegebenen Russenwechsel irgendwie unterzubringen und neue Russenwechsel hereinzunehmen (R 43 I/1139, Bl. 324–327, Zitate Bl. 326).

Der Reichskanzler erwiderte, daß es notwendig sei, über die angeschnittenen Fragen sich offen auszusprechen. Bei der westfälischen Industrie läge zur[1578] Zeit eine ähnliche Lage vor wie bei den Banken. Man könne aber nur dann zu einer Regelung kommen, wenn klare Verhältnisse geschaffen würden. Zunächst sei zu erwägen, die auf Lager gelegten Bestände abzuschieben. Es handle sich hier gewissermaßen um totes Kapital, das in irgendeiner Form Verwertung finden müsse. Er könne nicht zugeben, daß die Lohnfrage entscheidend sei. Gegenwärtig würden für die auf Lager vorhandenen Bestände von etwa 400– 500 Millionen RM 10% Bankzinsen gezahlt werden. Dies sei ein unmöglicher Zustand.

Demgegenüber erwiderte Dr. VöglerVögler, daß die Berechnung der Bankzinsen nicht stimme. Die Belastung der Bestände sei lange nicht so groß, wie sie anscheinend von der Regierung angenommen wurden. Der Industrie werde sofort Hilfe entstehen, wenn 100 000 Arbeiter entlassen würden.

Was die Erzbestände angehe, so sei man gezwungen, sich diese Bestände zu sichern. Die Erzvorräte reichten aber nur für 7–8 Monate aus. Man könne also nicht zugeben, daß zuviel Bestände auf Lager seien. Im übrigen sei man durchaus bereit, die Vorräte soweit wie es überhaupt nur möglich sei, zu verkaufen.

Der Reichskanzler legte noch einmal dar, daß es notwendig sei, die Haldenbestände in irgendeiner Form zu mobilisieren. Sodann kam der Reichskanzler auf die Russenaufträge zu sprechen und setzte auseinander, daß es schwer halten werde, diese Aufträge weiter zu finanzieren2.

2

Zu dem bisherigen Russengeschäft vgl. Dok. Nr. 270, P. 2.

KlöcknerKlöckner bemerkte, daß die Frage des Abstoßens von Vorräten leider negativ beantwortet werden müsse. Es werde keine Absatzmöglichkeit weder im Inland noch im Ausland gegeben sein. Im übrigen sei die Industrie zur Zeit auf die Russenaufträge angewiesen. Ende September sei man mit den Russenaufträgen fertig. Infolgedessen sei es notwendig, neue Russenaufträge für die spätere Zeit hineinzunehmen. Die Russenaufträge könnten auf keinen Fall entbehrt werden. Mit Schweden müsse ein Abkommen wegen der Erzlieferung getroffen werden. Es sei notwendig, daß Erze für 1–2 Jahre nicht geliefert würden. Ferner müsse auch die Eisenbahn weitgehende Aufträge für das ganze deutsche Gebiet erteilen. Zur Zeit schalte die Eisenbahn als Abnehmer für die industriellen Werke vollkommen aus.

Der Reichskanzler betonte, daß er hinsichtlich der Russenaufträge aus außenpolitischen Gründen keine Möglichkeit sehe. Die ganze Welt habe diese Aufträge nicht verstanden. Man nehme an, daß die Aufträge zu Rüstungszwecken Verwendung finden, das habe unserer Außenpolitik sehr geschadet. Die Finanzierung der Russenaufträge werde daher kaum möglich sein.

Geheimrat ReuschReusch führte aus, daß unbedingt alle Maßnahmen ergriffen werden müßten, um den Inlandsmarkt zu beleben. Die Löhne und Gehälter seien zu senken, um eine Verbilligung herbeizuführen. Die Selbstkosten müßten gesenkt werden, um vernünftige Tarife zu erzielen3. Der gegenwärtige Zustand der Gesetzgebung verursache die große Anzahl der Arbeitslosen.

3

Auch der 1. Vorsitzende des Vereins für die bergbaulichen Interessen Essen, Brandi, hatte in einem Schreiben an den RK vom 14.8.31 die Senkung der Lohn- und Gehaltskosten verlangt „zur Senkung unserer Selbstkosten, das heißt zur Wiederherstellung einer Gewinnspanne zwischen Erlös und Selbstkosten, also nicht zum Zweck der Preissenkung“. Die dt. Wirtschaft sei unrentabel geworden. Deshalb sei es der Zweck dieses Schreibens, „kurz und klar die Bitte vorzutragen, den Widerstand gegen die Gehalts- und Lohnsenkung im Grundsatz aufzugeben und von den nur ganz einfachen und klaren Gesichtspunkten auszugehen, alles zu tun, um die ‚Firma Deutschland‘ wieder rentabel zu machen“. Nachdem durch Rationalisierung, Mechanisierung und Umorganisierung zur Verbilligung alles getan worden sei, „bleibt nur die einzige Möglichkeit, an diejenigen Posten heranzugehen, die die stärkste Belastung der Selbstkosten bedeuten, das sind die Löhne und Gehälter. Geschieht das nicht, so sind […] alle Maßnahmen aussichtslos“. Dagegen werde die Wiederherstellung der Gewinnspanne allgemein und mittelbar die Gesundung der dt. Wirtschaft zur Folge haben, „das bedeutet Hebung der Kaufkraft der Massen und Wachsen des allgemeinen Wohlstands ohne deflatorischen Charakter“ (R 43 I/2372, S. 649–652). Ebenso hatte sich Duisberg nach einem Artikel der Kölnischen Zeitung Nr. 438 vom 14.8.31 für eine Lohnsenkung und die Aufhebung allgemeinverbindlicher Tarife eingesetzt (R 43 I/2372, S. 655). Schließlich verlangte der RdI in seiner Aufzeichnung über die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftslage vom 19.8.31 gleichfalls die „Auflockerung des Tarifsystems“ und weitere Lohnsenkungen (R 43 I/2373, S. 35–81, hier S. 61–65). Vgl. auch die gleiche Auffassung des DIHT zu den Lohnkosten in der Aufzeichnung zur gegenwärtigen Wirtschaftslage vom 12.9.31 (R 43 I/2373, S. 909–943, hier S. 929–932).

[1579] Der Reichskanzler bemerkte, daß er sich große Sorgen mache wegen der Verhältnisse bei der Industrie im Westen. Die Vereinigten Staaten von Amerika begönnen mit Einfuhrverboten, andere Staaten in Südamerika würden sich anschließen. Das werde sich aller Wahrscheinlichkeit nach für die Industrie recht ungünstig auswirken. Wir befänden uns leider in einer Revolution der Wirtschaft.

Dr. VöglerVögler führte noch aus, daß wir Deutsche uns auf den Binnenmarkt besinnen müßten. Die Einfuhr sei nicht an der unteren Grenze. Entweder werde sich die Zahl der Arbeitslosen noch weiter vermehren, oder die Industrie müsse mit weiteren Aufträgen versehen werden. Jedenfalls müsse alles aufgeboten werden, um die Eisenbahn zu bestimmen, Aufträge weiter zu erteilen.

Dr. SilverbergSilverberg führte aus, daß die Eisenbahn mit Aufträgen zurückhalten müsse. Die Eisenbahn selbst sei in Ordnung. Sie sei aber bei der heutigen Lage nicht imstande, aus eigenen Mitteln weitgehende Aufträge zu erteilen. Die schwere Belastung der Eisenbahn mit Personalausgaben mache es ihr nicht möglich, der Industrie mit Aufträgen entgegenzukommen. Es müsse im Wege der Gesetzgebung eingeschritten werden, um die Personalausgaben zu senken. Nach seiner Meinung werde die Eisenbahn als Auftraggeber für die Industrie für lange Zeit nicht in Frage kommen.

Der Reichskanzler bemerkte hierzu, daß die Eisenbahn Aufträge vergeben müsse. Es müßten eben Aufträge seitens der Eisenbahn geschaffen werden. Die Reichsbahnverwaltung müsse sich ihrer diesbezüglichen Stellung im Wirtschaftskörper des Deutschen Reichs bewußt sein.

Dr. SilverbergSilverberg bemerkte, daß diese Frage mit der Eisenbahn besprochen werden müsse. Jedenfalls werde eine Änderung der Gesetzgebung notwendig sein, um der Bahn eine größere Bewegungsfreiheit zu schaffen.

Dr. PoensgenPoensgen kam noch einmal auf die Russenaufträge zu sprechen und stellte fest, daß Schienenlieferungen nach Rußland nicht erfolgt seien.

Der Reichskanzler bemerkte, daß er in der Frage der Russenkredite nicht günstig sehe.

[1580] Staatssekretär Dr. TrendelenburgTrendelenburg führte aus, daß zur Zeit bestehende Abkommen mit Rußland werde ohne weiteres durchgeführt werden. Fraglich werde nur sein, ob es möglich sei, über eine Ausweitung des Geschäfts im gegenwärtigen Augenblick mit Rußland zu verhandeln. Für Deutschland werde eine Ausweitung mit einem zu großen Risiko verbunden sein.

Dr. VöglerVögler bemerkte, daß er das Risiko ebenfalls als so gefahrvoll ansehe, wie Staatssekretär Trendelenburg.

Geheimrat Resuch bemerkte noch, daß die Entscheidungen in der Frage der Wirtschaft schnell getroffen werden müßten, da eine Hinauszögerung der erforderlichen Entscheidungen von ungeheurem Schaden sein würde.

Der Reichskanzler betonte noch, daß das Vertrauen des Auslandes zu der deutschen Wirtschaft sehr geschwunden sei, und zwar wegen der Lage der deutschen Banken. Hierbei komme vor allen Dingen in Betracht, daß die Banken sich gegenseitig im Ausland schlechtgemacht hätten.

Dr. KlöcknerKlöckner legte noch nahe, den Reichsbankdiskont noch auf 8% herabzusetzen4. Allerdings habe er leider gehört, daß eine solche Herabsetzung nicht möglich sei.

4

Am 11.8.31 hatte die Rbk den Diskontsatz von 15 auf 10% und den Lombardsatz von 20 auf 15% gesenkt (Schultheß 1931, S. 181). Am 18.8.31 setzte die Rbk den Lombardsatz von 15 auf 12% herab (Schultheß 1931, S. 185).

Hierzu bemerkte der Reichskanzler daß er glaube, daß zur Zeit eine solche Herabsetzung kaum durchführbar erscheine.

Hierauf verließ der Reichskanzler die Besprechung. Sie wurde unter dem Vorsitz des Herrn Reichsministers Stegerwald fortgesetzt. Ein bestimmtes Ergebnis wurde nicht erzielt5.

5

Das Ergebnis der Besprechung stellte MinR Vogels in einem Vermerk vom 21.8.31 folgendermaßen dar: „Der Hauptzweck des Besuches galt der Feststellung, ob die Reichsregierung bereit sei, sich an etwaigen weiteren Russengeschäften der Schwerindustrie zu beteiligen. Da die Antwort des Reichskanzlers negativ ausfiel, erklärten die Erschienenen, daß sie auch ihrerseits ihnen vorliegende Angebote der Russen auf Ausweitung des Russengeschäfts nicht weiterverfolgen würden. Dagegen sagte der Reichskanzler den Erschienenen zu, daß sich die Reichsregierung in nächster Zeit dafür einsetzen werde, daß die Reichsbahn der Industrie größere Aufträge zukommen lasse“ (R 43 I/1139, Bl. 328). Vgl. zu dieser Besprechung auch Brüning, Memoiren, S. 365.

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