1.23 (bru2p): Nr. 275 Graf Coudenhove-Kalergi an den Reichskanzler. Paris, 27. März 1931

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Nr. 275
Graf Coudenhove-Kalergi an den Reichskanzler. Paris, 27. März 1931

R 43 I/125, Bl. 265–266

[Deutsch-Polnisches Verhältnis].

Sehr verehrter Herr Reichskanzler, heute hatte ich eine einstündige Unterredung mit Zaleski, deren Inhalt mir so wichtig erscheint, daß ich mich verpflichtet fühle, Ihnen denselben kurz mitzuteilen.

Nachdem wir uns sofort darüber geeinigt hatten, daß der Angelpunkt des europäischen Dauerfriedens in der Regelung der deutsch-polnischen Frage liegt, Zaleski aber wegen der deutschen Forderung nach dem Korridor keine Möglichkeit sah, diese Frage zu lösen, schlug ich ihm folgenden Kompromiß vor:

1.) Rückgabe des gesamten Danziger Gebietes an Deutschland. Polen bekommt einen Freihafen in Danzig, wie die Tschechoslowakei in Hamburg.

2.) Deutschland erhält eine direkte territoriale Verbindung mit Danzig und Ostpreußen in Gestalt einer Eisenbahnlinie. An der Stelle, an der dieser „Korridor im Korridor“ die Eisenbahn Warschau–Gdingen schneidet, wird eine der Linien untertunnelt, um keine der beiden Verbindungen zu stören oder zu unterbrechen1.

1

Der „Korridor im Korridor“ war schon früher von dem frz. Publizisten d’Ormesson vorgeschlagen worden: s. Dok. Nr. 104, Anm. 12.

3.) Grenzkorrekturen an der gesamten Grenze zur Liquidierung schikanöser Grenzziehungen. Alle polnischen Abtretungen werden an anderen Stellen der Grenze kompensiert, etwa oberschlesische Grenzkorrekturen in Ostpreußen.

[1001] 4.) Entente zwischen Deutschland und Polen mit Einschluß Frankreichs.

Aus der Art, wie Zaleski auf diesen Vorschlag einging, gewann ich den bestimmten Eindruck, daß dieser Ausweg ihm gangbar erschien. Auf meine Frage, ob er eine französische oder andere Vermittlung direkten Verhandlungen mit Deutschland vorziehen würde, erklärte er sich mit Entschiedenheit für direkte Verhandlungen.

Ich bitte Sie, sehr verehrter Herr Reichskanzler, in Erwägung zu ziehen, ob nicht durch ein solches Kompromiß, das einseitig polnische Opfer fordert, Deutschland territorialen Zuwachs bringt und die Verbindung mit Ostpreußen sichert, die schwersten Wunden, die der Krieg geschlagen hat, geheilt werden könnten. Denn angesichts der politischen Realitäten erscheint mir eine Wiederangliederung des gesamten Korridors an Deutschland ohne Krieg fast unmöglich. Außerdem arbeitet hier die Zeit durch den stärkeren Bevölkerungszuwachs Polens nicht für, sondern gegen Deutschland2.

2

StS v. Bülow nahm am 10.4.31 für das AA zu Coudenhoves Schreiben wie folgt Stellung: „Außenpolitische Unterhaltungen des Grafen Coudenhove-Kalergi wie die, über die er in seinem Brief an den Herrn Reichskanzler berichtet, sind für die deutsche Politik durchaus unerwünscht. […] Wir haben bisher stets den Standpunkt vertreten, daß uns mit Palliativ-Mittelchen zur Behebung gewisser besonders auffälliger Mißstände an der Ostgrenze nicht gedient ist. Obwohl das Auswärtige Amt sich keinerlei Täuschung über die ungeheuren Schwierigkeiten hingibt, die sich einer etwaigen Lösung der Grenzfrage im deutschen Sinne entgegenstellen, muß grundsätzlich an dieser Forderung festgehalten werden. Ein Abschwenken der deutschen Außenpolitik in diesem entscheidenden Punkte wäre innerpolitisch nicht zu verantworten.“ Bülow schlug der Rkei als Antwort auf den Brief eine bloße Empfangsbestätigung vor: „Eine solche kühle Formulierung hätte auch den Vorteil, den Grafen in Zukunft aller Wahrscheinlichkeit nach von ähnlichen Extratouren abzuhalten“ (R 43 I/125, Bl. 268; Konzept der Empfangsbestätigung von der Hand Flancks vom 15.4.31 in R 43 I/125, Bl. 269). Am 12.8.31 übersandte Coudenhoven-Kalergie dem RK einen Sonderdruck aus der Zeitschrift „Paneuropa“ mit dem Titel: „Vorschlag zur Lösung der deutsch-polnischen Frage“. In diesem Aufsatz stellte Coudenhove-Kalergi seinen Plan vom März der Öffentlichkeit vor (R 43 I/125, Bl. 364–377). ORegR Planck vermerkte dazu am 16.8.31: „Der Vorschlag des Grafen Coudenhove-Kalergi muß auch jetzt noch recht unerwünscht erscheinen“ (R 43 I/125, Bl. 378).

Zaleski fügte hinzu, daß er es außerordentlich begrüßen würde, Ihnen in Genf oder an anderer Stelle zu begegnen und sich mit Ihnen auszusprechen.

Mit dem Ausdruck meiner besonderen Hochachtung

Ihr sehr ergebener

RN Coudenhove-Kalergi

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