1.230 (bru2p): Nr. 482 Vermerk des Staatssekretärs Pünder über den Antrittsbesuch des Französischen Botschafters beim Reichskanzler. 23. September 1931

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Nr. 482
Vermerk des Staatssekretärs Pünder über den Antrittsbesuch des Französischen Botschafters beim Reichskanzler. 23. September 1931

R 43 I/69, Bl. 128–132

Der Herr Reichskanzler empfing heute den Antrittsbesuch des neuen französischen Botschafters François-Poncet1. Die Aussprache währte 20 Minuten und verlief in korrektester Form.

1

Der neue frz. Botschafter François-Poncet hatte dem RPräs. am 22.9.31 sein Beglaubigungsschreiben übergeben (Schultheß 1931, S. 204 f.).

Nachdem die Unterhaltung sich zunächst um äußerliche Fragen, wie Botschafter-Palais, Neubau der Reichskanzlei u. a., gedreht hatte, lenkte sie sich sachlichen Gesichtspunkten zu.

Der Herr Botschafter bemerkte, daß er in diesen Tagen sich bemühen werde, seine Kollegen unter den Botschaftern und Gesandten derjenigen Länder aufzusuchen, die an der Londoner Konferenz2 beteiligt gewesen wären. Diese Kollegen werde er auch zum kommenden Montag abend in die Französische Botschaft einladen. Er wolle dadurch im Einverständnis mit seiner Regierung zum Ausdruck bringen, daß die bevorstehenden deutsch-französischen Ministerbesprechungen3 keinerlei Spitze gegen andere Mächte enthalten sollten; alle Verhandlungen politischer und wirtschaftspolitischer Art müßten im Geiste dieser Londoner Konferenz und internationaler Zusammenarbeit getragen sein, sonst müßte ihnen der Erfolg versagt bleiben.

2

Sieben-Mächte-Konferenz in London vom 20.–23.7.31 (Schultheß 1931, S. 501–506), an der François-Poncet teilgenommen hatte: vgl. Dok. Nr. 408, P. 2.

3

Vgl. Dok. Nr. 488.

[1721] Nachdem der Herr Reichskanzler dem Herrn Botschafter hierin völlig zugestimmt hatte, bemerkte letzterer, daß es anscheinend aber in Deutschland viele Leute gebe, die sich nur von einer deutsch-französischen Zusammenarbeit unter Ausschluß der anderen Mächte Erfolg versprächen und die Auffassung hätten, Herr Laval könne gleich mit einem Motorwagen voll Gold nach Berlin kommen, was natürlich unmöglich sei. Der Herr Reichskanzler erwiderte hierauf, daß so etwas seitens der Reichsregierung in keiner Weise erwartet und auch gar nicht erbeten werde.

Der Herr Botschafter verweilte darauf noch etwas bei dem Thema und erwähnte in Anknüpfung an die Bemerkung, daß es aber in Deutschland viele solcher Leute gebe, den Namen eines gewissen Dr. Freund4. Dieser Dr. Freund habe ihn vor einiger Zeit in Paris aufgesucht und sich bei ihm im Auftrage des Preußischen Ministerpräsidenten eingeführt; er hätte auch eine „amtliche Beglaubigung“ bei sich gehabt. Er, François-Poncet, habe ihn an verschiedene französische Industrielle verwiesen, die sich dann auch mit ihm unterhalten hätten, allerdings wohl nicht über viele Einzelheiten. Dr. Freund sei hierüber sehr scharmiert gewesen und habe verschiedentlich betont, daß er Gelegenheit haben werde, alsbald über seine Pläne mit dem Herrn Reichskanzler in Berlin zu sprechen. Dieser Dr. Freund sei nun gleich gestern wieder bei ihm auf der Botschaft gewesen und hätte ihm Pläne, insbesondere über einen Eisenpakt, entwickelt5. Gerade diesen Teil der Freund’schen Pläne habe er, der Botschafter, sich sofort aufnotiert, um gleich heute dem Herrn Reichskanzler sagen zu können, daß ihm diese Freund’schen Pläne völlig ausgeschlossen erschienen, da eben von sofortiger finanzieller Hilfe Frankreichs keine Rede sein könne. Der Herr Reichskanzler erwiderte mit Nachdruck, daß er sich in dieser Auffassung mit dem Herrn Botschafter in völliger Übereinstimmung befinde. Der Herr Botschafter beschloß diesen Teil der Unterhaltung mit der Bemerkung, daß Herr Dr. Freund ein tschechoslowakischer Jude sei und ließ erkennen, daß der Französischen Regierung an einem solchen Mittelsmann in keiner Weise gelegen sei. Im Gegenteil betonte er, daß auch seine Regierung und er[1722] persönlich allergrößten Wert darauf legten, daß in allen solchen Verhandlungen die Zügel fest in der Hand der beiden Regierungen blieben, eine Auffassung, der der Herr Reichskanzler mit Nachdruck beitrat.

4

Dr. Freund hatte als Vertrauensmann des PrMinPräs. Braun und mit Wissen des RK Stresemann im Jahre 1923 in Paris mit frz. Regierungsstellen inoffiziell über etwaige dt. Konzessionen in der Reparationsfrage verhandelt: s. diese Edition, Die Kabinette Stresemann, Dok. Nr. 142 und Stresemann, Vermächtnis, Bd. I, S. 266–271. In einem Schreiben an MinPräs. Braun vom 10.9.31 hatte Freund berichtet, daß er dank Brauns Empfehlungsschreiben vom 15.8.31 in Paris mit MinPRäs. Laval, François-Poncet und mehreren frz. Industriellen hatte sprechen können. (Durchschriftliche Abschrift des Briefes mit Anlagen im Nachl. Pünder Nr. 52, Bl. 61–74).

5

Dieser „Eisenpakt“ ist in Freunds Schreiben an Braun als Idee Paul Silverbergs erwähnt worden. Silverberg habe den Plan entwickelt, daß der bereits bestehende Verband der europäischen Stahlindustrie, der bisher nur die Kontingentierung der Stahlerzeugung in Europa regelte, zu einem dt.-frz.-belg.-luxemburgischen Generalverband umgebildet werden solle, der neben den Vereinbarungen über die Kontingente auch sämtliche Verträge über den Vertrieb, Verkaufspreis und die Organisation einheitlich auf eine lange Reihe von Jahren hinaus festlegen sollte. Dieser Verband sollte der Abwehr der amerikanischen Konkurrenz und der Erschließung neuer Absatzgebiete, besonders in den frz. Kolonien dienen. Die Gesellschaft sollte mit einem Gründungskapital von 200–300 Mio frz. Francs und mit einem Geschäftskapital von 6 Mrd. frz. Francs ausgestaltet werden. Das Geschäftskapital sollte durch eine Obligationsanleihe von 6 Mrd. frz. Francs unter dem Patronat der frz. Reg. aufgebracht werden (Nachl. Pünder Nr. 52, Bl. 61–74, hier Bl. 62–63).

Im Anschluß hieran fragte der Herr Botschafter den Herrn Reichskanzler, wie lange die gegenwärtige Wirtschaftslage in Deutschland wohl durchgehalten werden könne. Der Herr Reichskanzler erwiderte, daß die Regierung nach der budgetären Seite die Dinge den Winter über wohl halten würde. Es werde zwar sehr schwierig werden, und viele unbequeme Dinge müßten noch gemacht werden. Auf die Frage des Herrn Botschafters, wie es denn bei den Banken aussehe, erwiderte der Herr Reichskanzler, daß dies ein schwieriges Kapitel sei, da größte Verluste abgeschrieben werden müßten. Der Botschafter hatte offenbar auf Grund ihm zugegangener Nachrichten eine sehr pessimistische Auffassung über den Stand der deutschen Wirtschaft. Der Herr Reichskanzler machte in diesem Zusammenhange die allgemeine Bemerkung, daß noch niemand sich ein endgültiges Urteil bilden könnte, da das Ausmaß und die Auswirkungen der englischen Krise noch unübersehbar seien, wobei er die Bemerkung nicht unterließ, daß eben England und Holland die wichtigsten Exportländer der deutschen Wirtschaft seien.

Der Herr Botschafter fragte schließlich noch nach Herrn Hugenberg und stellte dann die Frage, ob die Regierung Brüning die Macht wohl in der Hand halten würde, eine Frage, die der Herr Reichskanzler bejahte, allerdings mit der selbstverständlichen Hinzufügung, daß ganz sicher dies einstweilen niemand wissen könne. Was die nationale Opposition angehe, so habe er doch wohl die große Rede Hugenbergs auf dem deutschnationalen Parteitag in Stettin gelesen, wo Hugenberg eine auffallende Mäßigung in außenpolitischer Hinsicht an den Tag gelegt habe6. Der Herr Botschafter gab dies zu und ließ auch erkennen, daß er die Rede genau studiert hatte, sagte aber, daß Herr Hugenberg eine unmögliche Figur für das gesamte Ausland sei.

6

S. die Zusammenfassung über den 10. Parteitag der DNVP in Stettin am 19. und 20.9.31 in Schultheß 1931, S. 203 ff.

Über sachliche Einzelheiten des bevorstehenden französischen Ministerbesuches wurde wenig gesprochen, vielmehr verwies der Herr Reichskanzler in dieser Hinsicht den Herrn Botschafter an Herrn Staatssekretär von Bülow. […]

Pünder

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