1.238 (bru2p): Nr. 490 Aufzeichnung des Reichsaußenministers über seine Besprechung mit den Mitgliedern der französischen Regierungsdelegation am 27. September 1931

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Nr. 490
Aufzeichnung des Reichsaußenministers über seine Besprechung mit den Mitgliedern der französischen Regierungsdelegation am 27. September 1931

R 43 I/69, Bl. 156–161 Durchschrift

Briands Besuch bei mir gestern morgen war im wesentlichen nur ein Höflichkeitsbesuch. Briand kam von Stresemanns Grab, sichtlich bewegt. Wir haben naturgemäß zunächst darüber und über Stresemann gesprochen.

[1749] Briand legte dann Wert darauf, mir gleich zu sagen, daß er nur zu einem kurzen Besuch käme. Als ich ihm erwiderte, ich stände ganz zu seiner Verfügung, meinte er, die eigentlichen politischen Arbeiten begännen ja erst am Nachmittag.

Wir haben uns kurz über die begrenzten Möglichkeiten der gegenwärtigen Verhandlungen unterhalten, beiderseits aber unterstrichen, daß wir der Einsetzung der Kommission und ihrem Aufgabenkreis1 für die Förderung der Verständigung zwischen unseren beiden Ländern erhebliche Bedeutung beimessen.

1

Vgl. Dok. Nr. 489.

Als das Gespräch sich der Wirtschafts- und Finanzkrise zuwandte, äußerte Briand, in zwei bis drei Monaten werde auch die französische Währung in die Krise hineingezogen. Es wäre undenkbar, daß Frankreich allein intakt bliebe. Ich fragte ihn darauf, was nach seiner Auffassung geschehen müsse, ob er mit einer internationalen Finanzkonferenz rechne, worauf er der direkten Frage auswich, aber erklärte, wir würden allesamt nicht an großen entscheidenden Maßnahmen vorbeikommen. Diese könnten nur gemeinsam getroffen werden.

Ich habe ihm darauf über die deutsche Finanzlage kurz Auskunft gegeben und ihm gesagt, daß wir auf keinen Fall eine Inflation einleiten würden.

Briand erkundigte sich nach meiner Stellung und äußerte, sie wäre doch wohl nunmehr wieder „solide“. Ich erwiderte ihm, es gäbe wohl keinen Außenminister in Europa, dessen Stellung „solide“ wäre2. Wir wären alle den Wandlungen der öffentlichen Meinung und außenpolitischen Katastrophen ausgesetzt.

2

Vgl. zum Rücktritt des RAM Dok. Nr. 511, P. 1.

Zum Schluß äußerte sich Briand sehr befriedigt über den Empfang und bewundernd über die deutsche Organisationsfähigkeit.

Während des Frühstücks saß ich neben Berthelot. Mit diesem habe ich über die „Normalisierung“ der Beziehungen gesprochen. Berthelot hat mir dabei hinsichtlich Marokkos zugesagt, daß ein Abbau der Diskriminierung in kurzen Etappen durchgeführt werden könnte3. Warum die Deutschland diskriminierenden Bestimmungen nicht sofort aufgehoben werden können, ist mir aus seinen Darlegungen nicht klar geworden. Er sprach dabei auch von der Fremdenlegion, die bekanntlich zu großen Teilen aus Deutschen zusammengesetzt wäre.

3

Vgl. Dok. Nr. 488, Anm. 4.

Es bot sich Gelegenheit, Berthelot vorzuhalten, daß ein ganzes Jahr lang seitens der französischen Politik Gelegenheiten zur Förderung der Zusammenarbeit versäumt wären. Berthelot erwiderte mir – „ganz persönlich“, „von Mann zu Mann“ –, er hätte Briand wiederholt während dieser Zeit gesagt, daß seine Verständigungspolitik in der Tat der praktischen Anknüpfung und Ausgestaltung entbehre. Ich wüßte ja auch, daß innenpolitische Rücksichten hierfür maßgebend gewesen wären.

Nach dem Frühstück hatte ich Gelegenheit, noch einige Zeit mit Briand zu plaudern.

[1750] Wir haben uns über das mandschurische Problem ausgesprochen und eine völlige Übereinstimmung der Auffassungen festgestellt. Es trifft zu, was uns mitgeteilt worden war, daß dem Quai d’Orsay das Vorgehen in Genf gegen Japan zu stürmisch war4.

4

Vgl. Dok. Nr. 504.

Sehr kritisch äußerte sich Briand über die Festigkeit der Struktur des englischen Weltreiches und der englischen Wirtschaft. Er maß der Meuterei auf der Flotte eine sehr große Bedeutung bei5.

5

Eine Soldkürzung hatte am 15.9.31 in der brit. Flotte eine Streikbewegung ausgelöst (Schultheß 1931, S. 341). Vgl. auch Brünings Memoiren, S. 267 f. über den Zusammenhang zwischen der Meuterei und der Aufhebung der brit. Goldwährung.

Die Frühjahrswahlen in Frankreich werden nach Briands fester Überzeugung einen starken Ruck nach links bringen6. Auf seine Frage, ob nicht Tardieu die Wahlen machen werde, erwiderte er mit großer Lebhaftigkeit, daß Tardieu sich völlig in der Stimmung des Volkes täusche. Wenn die Wahlen wie er erwarte ausfielen, werde die deutsch-französische Zusammenarbeit entscheidend gefördert werden können7.

6

Bei den frz. Kammerwahlen vom 1. und 6.5.32 gewann die politische Linke einen überzeugenden Sieg (Schultheß 1932, S. 293).

7

Randvermerk Pünders: „Das hören wir von Briand schon seit vielen Jahren“ (R 43 I/69, Bl. 159).

Während des Abendessens kam ich mit Laval in ein Gespräch über Rußland, Laval nahm einen Anlauf, um mir wie dem Reichskanzler am Vormittag den französischen Standpunkt in der Abrüstung darzulegen8. Er begann mit der Gefahr der Bolschewisierung und wollte mir gerade darlegen, daß deshalb Frankreich nicht abrüsten könne. Ich habe es zu dieser Feststellung nicht kommen lassen, um nicht meinerseits ein unfruchtbares Gespräch über die unvereinbaren Abrüstungsthesen Frankreichs und Deutschlands zu führen, sondern habe Laval unterbrochen und ihm gesagt, ich glaubte nicht an die Gefahr einer Bolschewisierung Europas. Ich habe das näher begründet. Laval kam mir darauf geschichtsphilosophisch und geopolitisch: Wie früher von Stadt zu Stadt, später von Land zu Land und noch vor kurzem von Reich gegen Reich, so werde in Zukunft zwischen den Kontinenten Krieg geführt werden. An einen deutsch-französischen Krieg glaube er nicht, er halte ihn vielmehr für völlig ausgeschlossen. Aber Russen und Chinesen würden über kurz oder lang zum Stoß gegen Europa ansetzen. Dagegen müßten wir uns gemeinsam sichern. Ich bin auf diese Ausführungen nicht eingegangen, habe vielmehr Laval etwas ironisch gefragt, ob nicht der französisch-russische Nicht-Angriffs-Pakt9 zusammen mit unseren Bestrebungen der Zusammenarbeit mit Rußland geeignet wäre, solchen Gefahren entgegenzuarbeiten. Laval machte darauf Andeutungen, der Vertrag mit Rußland wäre noch nicht unter Dach und Fach. Als Laval darauf sich wie schon wiederholt nach unseren Beziehungen zu Rußland und vor allen Dingen dem Verhältnis unserer Industrie zur russischen Wirtschaft erkundigte, habe ich ihm kurz Auskunft gegeben, aber an ihn die Frage gerichtet, wie weit die französisch-russischen Wirtschaftsverhandlungen gediehen wären, und ihm[1751] gesagt, wir hätten gehört, daß die französische Industrie ein lebhaftes Interesse daran hätte, das Geschäft mit den Russen zu machen, das wir wegen der Schwäche unserer Finanzlage nicht weiterführen können.

8

S. Dok. Nr. 489.

9

S. Dok. Nr. 456, Anm. 17.

Über den ganzen Ausführungen von Laval hätte das Motto stehen können: „Völker Europas, wahret Eure heiligsten Güter!“10

10

Titel eines, von Kaiser Wilhelm II. inspirierten, allegorischen Gemäldes von Hermann Knackfuß aus dem Jahre 1895.

Ich habe wiederum, wie schon in Paris und aus manchen Besprechungen in Genf den Eindruck gewonnen, daß den Franzosen vor allen Dingen daran liegt, uns von Rußland abzudrängen.

Berlin, den 28. September 1931

gez. Curtius

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