1.24 (bru2p): Nr. 276 Vermerk des Staatssekretärs Pünder über eine Unterredung mit dem Vertreter des deutschen Zionismus, Blumenfeld. 30. März 1931

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[1002] Nr. 276
Vermerk des Staatssekretärs Pünder über eine Unterredung mit dem Vertreter des deutschen Zionismus, Blumenfeld. 30. März 1931

R 43 I/2193, Bl. 187–188 Abschrift1

1

Der vorliegende Vermerk ist bereits veröffentlicht in: Arnold Paucker, Der jüdische Abwehrkampf (1968), S. 217–218.

Ich empfing heute Herrn Blumenfeld, einen sehr angesehenen Führer des deutschen Judentums2, der mir aus gemeinsamer langjähriger Arbeit im Pro-Palästina-Komitee3 als dessen Geschäftsführer gut bekannt ist. Herrn Blumenfeld führten im wesentlichen nur ideale Gesichtspunkte zu mir. Unter Bezugnahme auf die letzten Reichstagswahlen und die zunehmende Verhetzung des Volkes durch die Opposition der Rechts- und Linksradikalen werde auch das deutsche Judentum stark erfaßt. Das deutsche Judentum habe in den vergangenen Dezennien mehr oder weniger bei dem Liberalismus gestanden. Der Liberalismus in seiner überkommenen Form sei aber, wie wohl nirgends bestritten werde, nicht mehr lebensfähig, so daß der größte Teil des deutschen Judentums, zumal es in seiner wirtschaftlichen Struktur vielfach entwurzelt sei, schon dazu übergehe, sich nach ultra-links oder ultra-rechts hin zu orientieren. Schon aus politischen Gründen empfehle es sich, einer solchen Bewegung Einhalt zu tun. Viel sei hierzu nicht nötig. Wenn der Versuch gemacht werde, das Judentum auf einer verständigen politischen Linie zu erhalten, so sei hierzu niemand mehr berufen als der gegenwärtige Herr Reichskanzler Brüning. Das Judentum, soweit es überhaupt noch als solches gelten könne, sei ebenso wie die katholische Kirche eine ökumenische Bewegung. Nach einigen Jahrhunderten gegenseitigen Hasses sei erfreulicherweise seit langem eine Periode gegenseitigen vollsten Verständnisses eingetreten. Nach dieser Richtung hin sei ja auch bemerkenswert, daß bei der letzten Reichstagswahl ein gläubiger jüdischer Zionist auf der Zentrumsliste kandidiert hätte.

2

Kurt Blumenfeld war Präs. der Zionistischen Vereinigung für Deutschland.

3

Das Dt. Komitee Pro-Palästina war von dt. Politikern und Zionisten als Reaktion auf die Balfour-Deklaration vom 2.11.17 im Mai 1918 gegründet worden. Unter Vorsitz des ehemaligen Botschafters Graf Bernstorff war das Komitee nach dem Eintritt Dtlds in den VB im Dezember 1926 reaktiviert worden. StS Pünder gehörte dem Ehrenpräsidium des Komitees an. Das Komitee bemühte sich darum, „die deutsche Öffentlichkeit über das jüdische Kolonisationswerk in Israel aufzuklären, die Beziehungen zwischen Deutschland und Palästina zu pflegen und allgemein die Erkenntnis zu verbreiten, daß das jüdische Aufbauwerk in Palästina ein hervorragendes Mittel für die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung des Orients, für die Ausbreitung deutscher Wirtschaftsbeziehungen und für die Versöhnung der Völker ist“ (Jüdisches Lexikon (1930), Bd. IV/1, Sp. 1132).

Eine starke Wirkung auf eine zukunftsfrohere und praktische Einstellung des Judentums sei dann zu erzielen, wenn dem Judentum die Ansicht entzogen werde, daß in Deutschland eine neue Periode eines starken Antisemitismus heraufgezogen sei. Es sei kein Zweifel, daß in der ganzen Welt gegenwärtig Deutschland als der Hort des Antisemitismus gelte. Wenn vielleicht auch eine nationalsozialistische Regierung nicht sehr wahrscheinlich sei, wirke die mehr unterirdische dauernde nationalsozialistische Propaganda im Volk aufreizend[1003] und gegenüber dem Judentum ruinös. Man brauche nur einmal einen jüdischen Landarzt oder angesehenen jüdischen Geschäftsmann in einer kleinen Mittelstadt danach zu fragen. Es gelte nunmehr, der Welt gegenüber nachzuweisen, daß die Auffassung über die antisemitistische Grundeinstellung des deutschen Volkes falsch sei, und es gelte ferner, den deutschen Juden den Glauben an die Gerechtigkeit des politischen Geschehens zurückzubringen. Herr Blumenfeld überbrachte mir als praktische Nutzanwendung des Vorhergesagten, nachdem wir uns vor einigen Wochen über diese Dinge schon einmal unterhalten hatten, den anliegenden Entwurf eines kleinen Redeteiles, der bei Gelegenheit einmal in dieser oder ähnlicher Form in eine politische Rede des Herrn Reichskanzlers Brüning eingeschaltet werden möchte4. Sollte eine prinzipielle Geneigtheit des Herrn Reichskanzlers vorhanden sein, so würde Herr Blumenfeld mit einigen Freunden gern Gelegenheit nehmen, etwa um den 15. Juni herum, diesen Wunsch dem Herrn Reichskanzler nochmals mündlich zu unterbreiten. Ob es zur Erfüllung letzteren Wunsches kommen werde, habe ich Herrn Blumenfeld gegenüber sehr zweifelhaft gelassen5. Ich habe ihm gegenüber aber deutlich ausgeführt, daß der gegenwärtigen Reichsregierung, und insbesondere dem Herrn Reichskanzler nichts ferner läge, als ein blöder Antisemitismus. Wie wenig das der Fall sei, könne er gerade eben aus der neuen Notverordnung vom vergangenen Sonnabend ersehen, durch die ja gerade auch die Betätigung des jüdischen Glaubens geschützt werden sollte6. Herrn Blumenfeld war letzteres neu, weil er glaubte, die Notverordnung wolle nur das christliche Bekenntnis schützen. Ich zeigte ihm darauf das anliegende Rundschreiben des Herrn Reichsministers des Innern7, das sich ausdrücklich unter Ziffer d) an die Arbeitsgemeinschaft der jüdischen Landesverbände des deutschen Reiches richte. Herr Blumenfeld nahm von diesem Hinweis mit besonderem Danke Kenntnis und fügte hinzu, daß bei dieser Einstellung der Reichsregierung die Erfüllung seines geäußerten bescheidenen Wunsches dem Herrn Reichskanzler vielleicht nicht besonders schwer fallen würde8.

4

Der Redeentwurf Blumenfelds (R 43 I/2193, Bl. 189) ist bei Paucker, Der jüdische Abwehrkampf, S. 219, abgedruckt.

5

Ein derartiger Empfang ist nicht zustande gekommen.

6

S. § 1 Abs. 3 der NotVo. zur Bekämpfung politischer Ausschreitungen vom 28.3.31 (RGBl. I, S. 79 ).

7

Nicht ermittelt.

8

Paucker, Der jüdische Abwehrkampf, S. 220–224, enthält weitere Aktenstücke aus R 43 I/2193 über Versuche von jüdischer Seite, den RK zu einer öffentlichen Stellungnahme gegen den Antisemitismus zu bewegen.

Pünder

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