1.30 (bru2p): Nr. 282 Aufzeichnung des Staatssekretärs Pünder über eine Unterredung des Reichskanzlers mit dem US-Botschafter. 23. April 1931

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[1019] Nr. 282
Aufzeichnung des Staatssekretärs Pünder über eine Unterredung des Reichskanzlers mit dem US-Botschafter. 23. April 1931

R 43 I/98, Bl. 227–228

Der Herr Reichskanzler empfing heute den Amerikanischen Botschafter Sackett, der bekanntlich heute abend Berlin verläßt, um sich morgen von Bremen aus für längere Wochen nach den Vereinigten Staaten zu begeben. Das Gespräch wandte sich sofort den akuten politischen Tagesfragen Deutschlands zu. Der Herr Reichskanzler betonte, daß die Reichsregierung die reichstagslosen Frühjahrswochen zu sehr intensiver Arbeit nötig haben würde. Die Reichsregierung werde sich äußerste Mühe geben, die Zahlung der Reparationen in ihrer bisherigen Höhe auch weiterhin sicherzustellen. Ob dies allerdings noch für eine längere Zeit möglich sein werde, sei im Augenblick selbst für ihn noch nicht zu übersehen. Die Reichsregierung werde nichts unversucht lassen, um den Reichshaushalt als die Grundlage der gesamten deutschen Wirtschaft stabil zu erhalten. Hierzu seien in den nächsten Monaten noch ganz außerordentliche Eingriffe auch sozialer Art notwendig, auf die die Öffentlichkeit kaum vorbereitet sein dürfte. Ob die Reichsregierung und das deutsche Volk solche ungeheuren Eingriffe überhaupt seelisch ertragen könne ohne baldige Erörterung der Reparationsfrage, sei eine sehr ernste Frage.

Botschafter Sackett nahm diese Ausführungen in Ruhe und Aufmerksamkeit entgegen. Eine eingehendere Debatte entspann sich nicht, da Gegenerklärungen Sacketts ausblieben. Er sagte nur im allgemeinen, er werde über seine gesamten in Deutschland gewonnenen Eindrücke und namentlich auch über die gegenwärtigen Ausführungen des Herrn Reichskanzlers in Amerika eingehend Bericht erstatten; insbesondere erwähnte er hierbei Staatssekretär Stimson. Daß die ernsten Sorgen, die aus den kurzen Erklärungen des Herrn Reichskanzlers herausklangen, nicht ohne Eindruck auf ihn blieben, ging aus der Schlußbemerkung hervor, daß er etwa am 12. Juni nach Deutschland zurückkehren werde und dann hoffentlich erfreulichere Besprechungen in der Wilhelmstraße haben könne.

Über den geplanten Besuch des Reichskanzlers und Reichsaußenministers in Chequers1 äußerte sich Sackett sehr befriedigend. Er versprach sich für die Entspannung der internationalen Lage von dieser vertrauensvollen Aussprache, die von England aus gewiß ehrlich gemeint sei, sehr viel.

1

S. Dok. Nr. 281, Anm. 5.

Etwas bedenklich äußerte er sich über die gegenwärtige Einstellung Frankreichs. Auf eine Bemerkung des Herrn Reichskanzlers, daß die gegenwärtige Versteifung des deutsch-französischen Verhältnisses hoffentlich von nicht zu langer Dauer sein werde, äußerte sich Sackett sehr bedenklich. Nach seiner Meinung habe das deutsch-österreichische Vorgehen2 die französischen amtlichen[1020] Kreise, und nicht zuletzt Briand, doch sehr stark getroffen, so daß nach seiner Meinung eine Entspannung nicht so bald zu erwarten sei.

2

Gemeint ist die geplante dt.-österr. Zollunion.

Die heutige Besprechung verlief in Harmonie und Offenheit und währte etwa eine Stunde. Botschafter Sackett war im übrigen offensichtlich infolge seiner Reisevorbereitungen recht ermüdet.

Pünder

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