1.61 (bru2p): Nr. 313 Aufruf der gewerkschaftlichen Spitzenverbände zur Reparationsfrage. Ende Mai 1931

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Nr. 313
Aufruf der gewerkschaftlichen Spitzenverbände zur Reparationsfrage. Ende Mai 1931

R 43 I/311, Bl. 121–122 Entwurf1

1

Der Vorsitzende des Verbandes der Dt. Gewerkvereine im Gewerkschaftsring, Franz Neustedt, übersandte am 29.5.31 im Auftrag von Ernst Lemmer der Rkei den Entw. MinDir. v. Hagenow vermerkte auf dem Anschreiben Neustedts, „daß gegen eine Veröffentlichung des Aufrufes keine Bedenken bestehen“ (R 43 I/311, Bl. 120). Vgl. auch Dok. Nr. 325.

Der Leidensweg des deutschen Volkes erscheint endlos. Nach einem Winter beispielloser Not hat die sommerliche Jahreszeit nicht die Hoffnungen erfüllt, die an eine Entspannung der Krise geknüpft wurden. Die erschreckend hoch gebliebenen Arbeitslosenziffern sind Ausdruck einer furchtbaren Not. Sie wird für die werktätige Bevölkerung gesteigert durch umfangreiche Kurzarbeit, fortgesetzten Druck auf die ohnehin schon abgebauten Löhne und Gehälter und eine ungewöhnlich verbreitete Existenzunsicherheit aller deutschen Arbeiter und Angestellten. Soweit sie noch im Produktionsprozeß geblieben sind, erfüllt[1141] sie die tägliche Sorge, wann auch sie entwurzelte Opfer dieser schweren Krisis sein werden. Hinzu kommt das fortbestehende Defizit in den öffentlichen Finanzen, das der Sozialreaktion den Mut gegeben hat, einen allgemeinen Abbau der sozialen Leistungen des Staates, der Kommunen und der finanziell vielfach gefährdeten Sozialversicherung zu fordern. Trotz der mehr als traurigen Lage der sozialen Renten- und Unterstützungsempfänger, soll die Sanierung gerade auch auf Kosten der Ärmsten der Armen versucht werden.

Die deutschen Gewerkschaften führen einen schweren Kampf gegen alle Feinde der Arbeitersache. Sie wehren sich mit ganzer Kraft gegen die weitere Verelendung der deutschen Arbeitnehmerschaft. Da diese auf verschiedene Ursachen zurückzuführen ist, haben wir auch auf verschiedenen Gebieten eine Abwehrfront gemeinsam gebildet. Eine der Ursachen dieser Verelendung liegt in den schweren Lasten, die Krieg und Niederlage 1918 begründet haben. Das gilt im besonderen für die Lasten der Reparation, die der Young-Plan bestimmt hat. Dieser Plan hatte wohl gegenüber dem bis dahin gültigen Dawes-Plan eine Minderung der Reparationslasten gebracht, aber doch nicht in dem Ausmaß, wie es der sozialen und wirtschaftlichen Notlage unseres Volkes entsprochen hätte.

Schneller als erwartet, hat sich der düstere Schatten der Reparationen erneut nicht nur über die Wirtschaft Deutschlands, sondern – wenn auch nicht in gleich starkem Umfange – über eine Reihe von Wirtschaften anderer Länder gebreitet. Schneller als erwartet, hat sich unter dem Druck der Wirtschaftskrise erwiesen, daß auch diese neue Reparationsregelung nur eine vorläufige ist und sein konnte. Der Fluch der Reparationen, wie sich einstmals der britische Schatzkanzler Snowden ausdrückte, hat seinen Lauf über die ganze Welt genommen und Arbeitslosigkeit, Hunger, Elend, Unzufriedenheit und Mißtrauen verbreitet. Die Weltwirtschaftskrise hat mindestens eine ihrer Ursachen darin, daß aus einem einzigen Volks- und Wirtschaftskörper, allen ökonomischen Gesetzen zum Hohn, riesige Summen als einseitige Leistungen herausgepreßt werden und dadurch die Lebenshaltung der breitesten Massen, ihre kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Bedürfnisse auf das Schwerste beeinträchtigen.

Ist dies der Sinn des Young-Plans? Gelten für ihn nicht noch stärker die im Dawes-Plan aufgestellten Grundsätze, daß weder die Besteuerung, noch der Lebensstandard des deutschen Volkes unter den Stand herabsinken dürfen, der sich mit den alliierten Ländern vergleichen läßt? Führt die Mißachtung dieses Grundsatzes nicht zu einer internationalen Reaktion in der Sozialpolitik? Die Feinde des sozialen und kulturellen Aufstiegs der deutschen Arbeitnehmerschaft arbeiten dabei über alle Ländergrenzen hinaus Hand in Hand.

Im Interesse seiner Wirtschaft, aber auch im Interesse seiner schaffenden Bevölkerung, deren Wohl und Lebenshaltung den Vorrang vor allen Reparationen genießt, kann Deutschland, das genügend guten Willen gezeigt hat, seine Erfüllungspolitik nicht über die Grenze der tatsächlichen Leistungsfähigkeit auf die Dauer hinaus tragen. Das kann auch nicht im Interesse der Gesundung der Weltwirtschaft liegen.

[1142] Die deutschen Gewerkschaften aller Richtungen erheben deshalb in dieser Lebensfrage des deutschen Volkes gemeinsam ihre Stimme. Sie muß in der Welt ernste Beachtung finden. Unsere Arbeit gilt dem Frieden der Menschheit und der Wohlfahrt der werktätigen Volksgenossen. Unbeschadet unserer grundsätzlichen Auffassung, daß die gesündeste Lösung die völlige Annullierung der internationalen Kriegsschulden wäre, fordern wir aus all diesen Gründen die Revision der Reparationslastenverträge; wir fordern die wirtschaftliche und verständige Zusammenarbeit der Völker, damit endlich die Wunden zur Heilung zu bringen sind, die der Krieg und die von ihm ausgelösten sozialen Erschütterungen geschlagen haben.

Allgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund

Allgemeiner freier Angestelltenbund

Deutscher Gewerkschaftsbund

Gewerkschaftsring deutscher Arbeiter-,

Angestellten- und Beamtenverbände

Allgemeiner Deutscher Beamtenbund

Deutscher Beamtenbund.

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