1.73 (bru2p): Nr. 325 Der Deutsche Gewerkschaftsbund an den Reichskanzler. 3. Juni 1931

Zum Text. Zur Fußnote (erste von 1). Zu den Funktionen. Zum Navigationsmenü. Zum Navigationsbaum

 

Bandbilder:

Die Kabinette Brüning I und II. Band 2 Das Kabinett Brüning I Bild 183-H29788NS-Wahlversammlung im Sportpalast Bild 102-10391Arbeitslose Hafenarbeiter Bild 102-11008Bankenkrise 1931 Bild 102-12023

Extras:

 

Text

RTF

Nr. 325
Der Deutsche Gewerkschaftsbund an den Reichskanzler. 3. Juni 1931

R 43 I/311, Bl. 106–108

Betr[ifft:] Wirtschaftskrise und Reparationen

Eine Wirtschaftskrise von nie gekannter Schwere fordert vom deutschen Volke unabsehbare Opfer. Die Lebenshaltung der deutschen Arbeiter und Angestellten verschlechtert sich von Monat zu Monat. Nicht nur die Arbeitslosen sind auf ein kümmerliches Existenzminimum herabgedrückt, auch die noch Beschäftigten sind durch Kurzarbeit, tariflichen und außertariflichen Einkommensabbau zu kaum erträglichen Einschränkungen ihrer Lebenshaltung gezwungen worden. Die eingetretenen Preissenkungen bieten bei weitem keinen Ausgleich für den Einkommensverlust.

Trotz der außerordentlichen Opfer hat sich die Krise bisher nicht überwinden lassen. Die sommerliche Jahreszeit hat nur ganz unzureichende Erleichterungen gebracht. Die wirtschaftliche Krise mußte zugleich zu einer finanziellen Krise von Reich, Ländern und Gemeinden führen; diese zu beheben. werden nunmehr dem deutschen Volke neue Opfer zugemutet. Gewiß ist es notwendig, gerade in Zeiten wirtschaftlicher Erschütterungen das staatliche Leben unter allen Umständen aufrechtzuerhalten; aber je länger die Krise dauert, je schwerer die Belastungen werden, umso mehr wankt im Volke der Glaube an die Zweckmäßigkeit und Gerechtigkeit der Notmaßnahmen. Es gelingt immer weniger, das Volk zu überzeugen, daß die Verschlechterung seiner sozialen Lage ein Mittel zur Belebung der Wirtschaft ist. Unter den deutschen Arbeitnehmern schwindet die Überzeugung von der gerechten Verteilung der Krisenlasten mehr und mehr. Immer dringlicher und immer berechtigter wird daher das Verlangen, an die Beseitigung der eigentlichen Ursachen der deutschen Krise heranzugehen. Die hervorstechendste dieser Ursachen ist die Reparationslast,[1182] die dem deutschen Volke von seinen Kriegsgegnern auferlegt wurde.

Die Krise ist nicht nur eine deutsche Not, sie ist längst ein Notstand der gesamten Weltwirtschaft geworden. Aber auch die Reparationslast ist nicht nur das bedeutendste Hemmnis einer wirtschaftlichen Erholung Deutschlands, sie ist im Zusammenhang mit der internationalen Kriegsverschuldung zugleich die Ursache mannigfacher und immer wiederkehrender Störungen im Wirtschaftsleben fast der gesamten Welt. Die fehlerhafte Goldverteilung, die Kapitalknappheit, die Zinsüberteuerung in wichtigen Industrieländern, alle diese Erscheinungen sind Folgen der Reparationen und Kriegsschuldenzahlungen und sie sind gleichzeitig neue Krisenursachen. An einer Beseitigung dieses Systems ist nicht nur die deutsche Volkswirtschaft, sondern die gesamte nach wirtschaftlicher Gesundung verlangende Welt interessiert.

Milliardenzahlungen hat Deutschland geleistet, aber doch nur unter Umständen, die gleich gefährlich für seine eigene wie für die Wirtschaft der übrigen Länder sind. Denn die Bezahlung der deutschen Reparationen erfolgt entweder auf dem künstlichen Wege zunehmender Auslandsverschuldung oder mit dem Mittel eines dringlichen, von dem Zwang zur Devisenbeschaffung diktierten Warenangebots auf den Weltmärkten. Dieser Notexport wiederum führt zu dauernd sinkenden Reallöhnen der deutschen Arbeitnehmer. Die Reparationslast ist nicht nur eine Hauptursache der gegenwärtigen Krise, sie muß vielmehr zur Ursache immer neuer Wirtschaftskrisen werden.

Weil wir überzeugt sind, daß die Reparationen auch unter dem Young-Plan der wichtigste Störungsfaktor der Weltwirtschaft geblieben sind, weil uns der Bestand von Staat und Wirtschaft durch die fortdauernde Finanzkrise gefährdet erscheint, und weil wir schließlich besorgt sind um die kulturelle und soziale Zukunft der deutschen Arbeiter und Angestellten, richten wir an die Reichsregierung die dringende Aufforderung, mit allen ihr geeignet erscheinenden Mitteln die Revision der Reparationsverträge einzuleiten. Das deutsche Volk hat Anspruch darauf, endlich von einem als ungerecht empfundenen, seine nationale Ehre verletzenden Tribut befreit zu werden; den deutschen Arbeitnehmern kann nicht länger zugemutet werden, die Aufbringung der Reparationen mit fortschreitender sozialer Verelendung zu bezahlen; der gesamten Weltwirtschaft wird ein Dienst erwiesen, wenn das wichtigste Hemmnis der Gesundung und des Fortschritts weggeräumt wird1.

1

S. auch Dok. Nr. 313.

Deutscher Gewerkschaftsbund

Imbusch

Bernh. Otto           O. Rümmele

Bechly

Extras (Fußzeile):