1.20.1 (bru3p): Stillhaltefragen.

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Stillhaltefragen.

Anwesend waren sämtliche Teilnehmer der Besprechung über den gleichen Beratungsgegenstand vom 31. Oktober 19311, mit Ausnahme von Herrn Dr. Haller.

1

Siehe Dok. Nr. 533.

Der Reichsbankpräsident Dr. Luther berichtete über das Ergebnis der Besprechung, die am voraufgegangenen Nachmittag in der Reichsbank geführt worden war (vgl. den Vermerk über die Sitzung vom 31. Oktober 1931)2.

2

Vgl. Dok. Nr. 533, Anm. 4.

Auf Grund dieses Berichts und der anschließenden Aussprache einigte man sich darauf, daß bei dem aufzustellenden Plan von einer Umschuldungsmasse von 7 Milliarden auszugehen sei und daß zur Bedienung dieser Masse eine jährliche Aufbringung von 700 Millionen RM vorgeschlagen werden sollte.

In die Umschuldungsmasse sollen grundsätzlich sämtliche kurzfristigen sowie die sonstigen während der ersten beiden Jahre der Laufzeit des Neuen Plans fällig werdenden Auslandsschulden von deutschen Schuldnern eingezogen werden. Ausgenommen werden sollen:

a)

die schon jetzt hoffnungslos verlorenen Kredite,

b)

die gegenüber dem Ausland wechselseitig bestehenden Forderungen,

c)

die nicht zu tilgenden, sondern nur zu verzinsenden Forderungen des Auslandes. Hierin sind zum wesentlichen Teil auch schon Rembours-Kredite mit enthalten.

Der Reichskanzler stellte ausdrücklich fest, daß man also bei den weiteren Beratungen von einer Arbeitshypothese von 7 Milliarden umzuschuldender und zu tilgender kurzfristiger Auslandsschulden ausgehen müsse. Er ersuchte dringend, daß bei allen Besprechungen mit Dritten an dieser Summe übereinstimmend festgehalten werden möge, da nichts geeignet sei, das Vertrauen zur Ehrlichkeit der deutschen Absichten mehr zu erschüttern, als ein ständiges Abweichen von den die Lage widerspiegelnden Ziffern.

Bankdirektor Wassermann erläuterte sodann nochmals eingehend seinen schriftlich vorliegenden Umschuldungsplan3. Er meinte, daß man mit ausländischen[1897] Garantien allein nicht werde auskommen können. Die internationale Verschuldung müsse beseitigt werden. Das werde auch vom Ausland eingesehen, und er zweifele nicht daran, daß das Ausland seinerseits durch Garantien für die Bereinigung der Verhältnisse werde mitwirken wollen. Die Garantien würden ja nicht nur im deutschen Interesse, sondern im Interesse der Liquidität der Auslandsbanken gegeben. Daß inländische Garantien unter keinen Umständen ausreichend seien, das angestrebte Ziel zu erreichen, beweise der Kursstand der Dawes- und Young-Anleihen4, die mit dem Höchstmaß deutscher Sicherheit ausgestattet seien.

3

Wassermann hatte in seiner, der Rkei am 22.10.31 übersandten „Denkschrift über die Regelung der kurzfristigen Auslandsverschuldung Deutschlands“ die Ausgabe einer niedrig verzinsten Anleihe zugunsten der ausländischen Gläubiger vorgeschlagen, die mit jährlich 10% Zins und Amortisation ausgestattet werden sollte. Die Zahlungen sollten über die BIZ laufen, die Anleihe sollte gemeinsam von der dt. Reg. und den ausländischen Regierungen garantiert werden (R 43 I/316, Bl. 200–210).

4

Am 28.10.31 war die Dawes-Anleihe mit 64, die Young-Anleihe mit 38,5 notiert worden (Koblenzer Generalanzeiger Nr. 254 vom 31.10.31).

Der Reichskanzler bezweifelte demgegenüber, daß das Ausland irgendwie Neigung bekunden werde, seinerseits Garantien für die Durchführung der Umschuldung zu leisten. Er bat, von einer Vertiefung dieser Frage abzusehen, da ja auch für den Fall der Beteiligung des Auslandes an einer Sicherstellung des Neuen Planes deutsche Sicherheiten vorgesehen werden müßten. Im gegenwärtigen Augenblick handelte es sich ja nur um die Ausbreitung eines deutschen Vorschlages: Die Frage etwaiger zusätzlicher Sicherheiten des Auslandes könne später erörtert werden.

Staatssekretär Dr. von Bülow teilte kurz den Inhalt von zwei Telegrammen aus Washington mit. Danach haben sich die maßgebenden amerikanischen Stellen dem Francqui’schen Plan gegenüber skeptisch verhalten. Insbesondere haben sie sich ablehnend gegen die Schaffung eines neuen Instituts für die Stillhaltung ausgesprochen5. Das andere Telegramm besagt, daß man in amerikanischen Kreisen einen Plan erörtert, eine bestehende Bank, etwa die BIZ, mit der Schuldenregelung zu betrauen. Die in Frage kommende Bank soll die Schulden übernehmen und zu ihrer Regulierung Bonds ausgeben6.

5

Francqui hatte eine Umwandlung der in Dtld. festgefrorenen kurzfristigen, in drei bis fünf Jahre laufende Kredite angeregt; diese Kredite sollten durch eine neue internationale Kreditbank vermittelt werden (Telegramm Nr. 553 des Botschafters v. Prittwitz vom 30.10.31 in R 43 I/316, Bl. 330).

6

Telegramm Nr. 552 des Botschafters von Prittwitz vom 30.10.31 in R 43 I/316 Bl. 329.

Erörtert wurde sodann die Frage der Form der Umschuldung. Man war übereinstimmend der Meinung, daß eine deutsche Zentralstelle für die Umschuldung geschaffen werden solle.

Geheimrat Schmitz entwickelte seine Vorschläge über Schaffung von Goldbonds durch die BIZ, fand jedoch für diesen Plan keine Unterstützung7.

7

Nach den Vorstellungen von GehR Schmitz sollte die BIZ Goldbonds in Höhe von 5 Mrd. RM an die Zentralbanken der kreditnehmenden Länder ausgeben; Schmitz hatte eine Verzinsung von 4% und eine Amortisation von 1%–2% vorgeschlagen (Eingang der „Denkschrift zum Goldproblem und dem Problem der kurzfristigen Verschuldung“ in der Rkei am 22.10.31: R 43 I/316, Bl. 193–199).

Herr Pferdmenges schlug vor, die Umschuldungsaufgabe einer bereits bestehenden Bank zu übertragen und machte in diesem Zusammenhang auf die Golddiskontbank aufmerksam.

Dieser Gedanke wurde von der Mehrzahl der übrigen Sachverständigen unterstützt. Zum Zwecke der Umschuldung sollen von der Ablösungsbank Zertifikate[1898] ausgegeben werden, durch die die umzuschuldenden Kredite verzinst und langfristig amortisiert werden sollen.

Auf Vorschlag des Reichskanzlers wurde die Fortsetzung der Aussprache sodann auf Dienstag, den 3. November 1931 vertagt8. In der Zwischenzeit soll von den beteiligten Reichsressorts unter Mitwirkung der Reichsbank der Entwurf für einen Umschuldungsplan ausgearbeitet werden. Dieser Plan soll der weiteren Aussprache zugrunde gelegt werden9.

8

Siehe Dok. Nr. 536.

9

Siehe Dok. Nr. 536, Anm. 1.

Zum Verlauf dieser Besprechung vgl. auch Nachl. Luther  Nr. 366, Bl. 220–221. Während der Besprechung schrieb StS Trendelenburg folgende Zeilen: „Wir deutschen Pleitokraten, wir sitzen und beraten; viel Geist wir produzieren, uns selbst wir imponieren. Ließe sich das diskontieren, niemand würde an uns verlieren“ (Tagebuchaufzeichnung Schäffers vom 1.11.31, IfZ ED 93, Bd. 15, Bl. 966–973, hier Bl. 973).

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