1.201 (bru3p): Nr. 715 Kabinettssitzung vom 12. April 1932, 9.30 Uhr

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Nr. 715
Kabinettssitzung vom 12. April 1932, 9.30 Uhr

R 43 I/1455, S. 423–428

Anwesend: Brüning, Dietrich, Warmbold, Stegerwald, Joël, Groener, Schätzel, Treviranus, Schiele, Schlange; StS Pünder, Weismann, Zweigert, Schäffer, Geib, Koenigs; MinDir. Köpke, Zechlin, v. Hagenow, Schwerin von Krosigk, Zarden, Reichardt; MinR Olscher, Bayrhoffer, Berger, Beisiegel, Hillebrandt; VortrLegR Wiehl; Referent Pohl; RbkDir. Hasse, Bernhard, Waldhecker; Protokoll: MinR Vogels.

Der Reichskanzler teilte vor Eintritt in die Tagesordnung mit, daß er dem Herrn Reichspräsidenten die Glückwünsche des Reichskabinetts zur Wiederwahl ausgesprochen habe1. Der Herr Reichspräsident habe davon mit Dank Kenntnis[2430] genommen und läßt ganz besonders denjenigen Herren Reichsministern danken, die in der Wahlbewegung für ihn eintreten konnten2.

1

Der zweite Wahlgang am 10.4.32 brachte folgendes Ergebnis: abgegebene gültige Stimmen: 36 489 811. Auf v. Hindenburg entfielen 19 359 633 (53%) Stimmen, auf Hitler 13 418 051 (36,8%) Stimmen, auf Thälmann 3 706 655 (10,2%) Stimmen (Wirtschaft und Statistik 12 [1932], S. 256).

Zum Ergebnis des ersten Wahlgangs siehe Dok. Nr. 696, Anm. 1. Zum Ausgang der Wahl vermerkte StS Pünder am 11.4.32: „Heute genau vor 4 Wochen, am Montag nach der ersten Wahlschlacht, gab Hitler seinen bekannten Aufruf zum zweiten Wahlgang heraus. Er betonte, daß im zweiten Wahlgang die 2½ Millionen deutschnationale Stimmen dem nationalsozialistischen Kandidaten zugeführt werden müßten, und daß die dann noch fehlenden 2 Millionen der Hindenburg-Front abgejagt und gleichfalls der Hitler-Front zugeführt werden müßten, so daß der nationalsozialistische Sieg für den zweiten Wahlgang errungen werden könne. Noch in den allerletzten Tagen hat man im Sinne dieser These in den nationalsozialistischen Blättern und den nationalsozialistischen Versammlungen hören können, daß Hitler in Bälde der Reichspräsident sein werde. Hiervon ist auszugehen, wenn man das endgültige Wahlergebnis des gestrigen zweiten Wahlgangs betrachtet. Wenn die Nationalsozialisten in ihrer bemerkenswerten propagandistischen Geschicklichkeit jetzt behaupten werden, daß der nationalsozialistischen Bewegung 2 Millionen Stimmen zugeführt werden konnten, so ist dem gegenüber als nüchterne Wirklichkeit festzustellen, daß die wirklichen nationalsozialistischen Träume, wie sie Hitler als Parole ausgegeben hatte, in gar keiner Weise in Erfüllung gegangen sind. Eine nüchterne Betrachtung der gestrigen Zahlen ergibt folgendes: Da die Gesamtbeteiligung geringer war als beim ersten Wahlgang, ist kaum anzunehmen, daß irgendwie neue Wählermassen dem Wahlgeschäft zugeführt worden sind. Vielmehr werden im großen und ganzen die abgegebenen Stimmen aus der großen Masse der auch zum ersten Wahlgang abgegebenen Stimmen geschöpft worden sein. Sodann ist festzustellen, daß Hindenburg ¾ Millionen Stimmen dazu gewonnen hat. Er hat den bisher wohl kaum je bei irgendeiner Wahl für ein Staatsoberhaupt abgegebenen Wahlkoeffizienten von über 53% der abgegebenen Stimmen erhalten. Bekanntlich genügt im zweiten Wahlgang die relative Mehrheit; in Wirklichkeit schlägt Hindenburg um mehrere Prozent seine Gegner zusammengenommen. Wenn da und dort vor dem zweiten Wahlgang als ideale Wunschziffer die Summe von 20 Millionen genannt worden ist [vgl. Dok. Nr. 703], so bleibt der wiedergewählte Reichspräsident mit rund 19½ Millionen Stimmen nur wenig hinter dieser Wunschziffer zurück. Der Hindenburg zugefallene Stimmenzuwachs von rund ¾ Millionen ist vermutlich im wesentlichen den 2½ Millionen Stimmen entnommen, die beim ersten Wahlgang auf Duesterberg gefallen waren. Somit blieben rund 1¾ Millionen Rechtsstimmen von Duesterberg übrig. Von diesen 1¾ Millionen deutschnationalen Wählern mag gestern eine größere Anzahl zu Hause geblieben sein, worauf zum Teil die gestrige geringere Wahlbeteiligung zurückzuführen sein dürfte. Der übrige größte Teil der Duesterberg-Stimmen, den man vielleicht mit 1½ Millionen schätzen kann, dürfte Hitler zugeflossen sein, wodurch dessen Stimmen von 11,3 Millionen im ersten Wahlgang auf 12,8 Millionen angewachsen wären. Die dann noch fehlenden 6–700 000 Stimmen, die Hitler gestern noch zusätzlich erhalten hat, sind ohne jeden Zweifel kommunistische Stimmen, die beim ersten Wahlgang dem kommunistischen Kandidaten Thälmann zugeflossen sind. Dadurch erklärt sich zum größten Teil der gestrige Stimmenverlust von Thälmann, wozu naturgemäß als zweiter Grund eine gewisse Wahlmüdigkeit auf kommunistischer Seite zu verzeichnen sein dürfte. Als Gesamtergebnis des gestrigen Tages wäre also festzuhalten, daß Hindenburg gegenüber dem bereits großen Erfolge des ersten Wahlgangs noch 3½% Stimmenzuwachs erfahren und damit eine große absolute Majorität erhalten hat.

Als zweite Feststellung wäre hervorzuheben, daß die nationalsozialistische Bewegung als solche gestern keinen Zuwachs erfahren, sondern einen Stimmenzuwachs von gut 2 Millionen von deutschnationaler und kommunistischer Seite erhalten hat. Ob Herrn Geheimrat Hugenberg dieser ‚Erfolg‘ seiner Politik des letzten Vierteljahres erwünscht ist, mag er selbst entscheiden“ (Durchschrift im Nachl. Pünder , Nr. 97, Bl. 38–40). Vgl. auch Pünder, Politik in der Reichskanzlei, S. 117–118; Goebbels, Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei, S. 77 f.

2

Der Vortrag beim RPräs. begann am 11.4.32 um 11.30 Uhr (Nachl. Pünder  Nr. 44, Bl. 52), vgl. Brüning, Memoiren, S. 541–542 und Dok. Nr. 716.

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