1.115 (bru3p): Nr. 629 Vermerk des Staatssekretärs Pünder über eine Reparationsbesprechung. 14. Januar 1932

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Nr. 629
Vermerk des Staatssekretärs Pünder über eine Reparationsbesprechung. 14. Januar 1932

R 43 I/335, Bl. 366–367

Mr. Sprague hatte gestern nachmittag über Reichsminister Treviranus anfragen lassen, ob die Reichsregierung noch unbedingt an der Lausanner Konferenz[2170] festhalte; in London herrsche zwar eine völlig ruhige Beurteilung des Reichskanzler-Interview1, vielfach sei aber die Meinung verbreitet, daß angesichts solcher Erklärungen aus der Lausanner Konferenz doch nicht viel herauskommen könne2. Für seine Sprachregelung erbitte er die Stellungnahme der Reichsregierung hierzu.

1

Am 9.1.32 hatte laut WTB der RK dem Chefredakteur des WTB Stern-Rubarth ein Interview über die Reparationsfrage gewährt. Dieses Interview war von StS Pünder entworfen und von StS v. Bülow redigiert worden (Schreiben Pünders vom 6. 1. und Antwort v. Bülows vom 8. 1. mit den Entwürfen und der WTB-Meldung Nr. 57 in R 43 I/335, Bl. 229–241; abgedruckt auch bei Schulz, Politik und Wirtschaft in der Krise, Dok. Nr. 399 a und 399 b. Vgl. Brüning, Memoiren, S. 499; Pünder, Politik in der Reichskanzlei, S. 111 f. Danach hatte Pünder die Äußerung vor allem wegen der Sitzung des Ältestenrats des RT am 12.1.32 formuliert, der auf dieser einen Antrag auf vorzeitige Einberufung des RT gegen die Stimmen von NSDAP, DNVP und KPD abgelehnt hatte (Schultheß 1932, S. 8). In dem Interview hatte der RK die Unmöglichkeit weiterer Reparationszahlungen betont. Das Interview bestätigte im übrigen die Indiskretion über das Gespräch des RK mit dem Brit. Botschafter Sir Horace Rumbold (WTB-Meldung vom 9.1.32 abends in R 43 I/335, Bl. 226; siehe auch Nachl. Luther  Nr. 339, Bl. 268. Vgl. Dok. Nr. 621, Anm. 1).

2

Zur Reaktion der brit. Presse siehe die WTB-Meldungen Nr. 60 und 62 vom 10. und 11.1.32 in R 43 I/335, Bl. 242–243 und Telegramm Nr. 10 v. Bernstorffs vom 11.1.32, a.a.O., Bl. 318–319, auch in ADAP, Serie B, Bd. XIX, Dok. Nr. 178.

Hinzu kommt, daß der Französische Botschafter François-Poncet von Paris kommend heute vormittag wieder in Berlin eingetroffen ist. Wie er noch gestern unserem Botschafter von Hoesch in Paris mitgeteilt hat, ist auch die Französische Regierung sehr zweifelhaft, ob sie nicht ihre Teilnahme an der Lausanner Konferenz endgültig absagen sollte3, eine Auffassung, der Botschafter François-Poncet übrigens in keiner Weise zustimmt. Es erscheine ihm daher erforderlich, daß der Herr Reichskanzler alsbald den Französischen Botschafter empfange. Bald nach Eingang dieser Hoesch’schen Depesche erbat François-Poncet einen Empfang durch den Herrn Reichskanzler, der für heute 7 Uhr abends zugesagt wurde4.

3

Vgl. auch v. Hoeschs Telegramm Nr. 40 vom 12.1.32, R 43 I/335, Bl. 309–312, abgedruckt in ADAP, Serie B, Bd. XIX, Dok. Nr. 177.

4

Dok. Nr. 630.

Zur Vorbereitung der Äußerungen des Herrn Reichskanzlers fand heute mittag bei ihm eine kurze vertrauliche Aussprache statt, an der Reichsfinanzminister Dietrich mit Staatssekretär Schäffer, Reichswirtschaftsminister Warmbold mit Staatssekretär Trendelenburg, Reichsbankpräsident Dr. Luther und die Staatssekretäre von Bülow und Pünder teilnahmen. Die Auffassung ging hierbei einhellig dahin: unbedingte Eile ist von unserem Standpunkt aus nicht geboten, da Reparationen vor Juli sowieso nicht zu zahlen sind und die Stillhalteverhandlungen hoffentlich in einer Woche zu einem leidlichen Ende geführt werden. Auf der anderen Seite ist naturgemäß im Interesse einer allmählichen Befriedung der Weltwirtschaft und Wiederankurbelung internationalen Vertrauens die Schaffung baldiger Klarheit hinsichtlich der Reparationen geboten. Daher die deutsche Grundeinstellung: nicht zu drängeln, aber auch nicht zu verschleppen. Ministerpräsident Laval ist daran zu erinnern, daß er als bedeutsamstes Ergebnis seiner Reise nach Washington mitgebracht hat, in Europa durch Veranstaltungen einer baldigen Reparationskonferenz eine Klärung herbeizuführen5. Daher würde es nicht recht verständlich erscheinen, wenn gerade Frankreich die fest in Aussicht genommene Konferenz verhindert. An Lausanne müsse daher wohl festgehalten werden, wenn wir uns auch unsererseits[2171] auf ein bestimmtes Datum nicht unbedingt festlegen wollten. Voraussetzung der Lausanner Konferenz müsse natürlich sein, daß sie im freundschaftlichen Geiste geführt werde und unter keinen Umständen zu einem internationalen Eklat führen dürfe. Eine Vertagung der Konferenz könne daher durchaus ins Auge gefaßt und eine Fortsetzung auf diplomatischem Wege in Aussicht genommen werden mit einer etwaigen Fortsetzung der offiziellen Konferenz nach den französischen Wahlen6.

5

Vgl. Dok. Nr. 537, Anm. 13.

6

Vgl. Dok. Nr. 608, Anm. 2.

In diesem Sinne wird der Herr Reichskanzler sein heutiges Abendgespräch mit Botschafter François-Poncet führen7.

7

Vgl. auch Schäffers Tagebuchaufzeichnung vom 14.1.32, IfZ, ED 93, Bd. 17, Bl. 74.

Pünder

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