2.111 (vpa1p): Nr. 110 Der Präsident des Reichslandbundes Graf Kalckreuth an den Reichskanzler. 22. August 1932

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Nr. 110
Der Präsident des Reichslandbundes Graf Kalckreuth an den Reichskanzler. 22. August 1932

R 43 I/1275, Bl. 89–92

[Agrarpolitik der Reichsregierung, Lage der Getreide- und der Veredelungswirtschaft]

Sehr geehrter Herr Reichskanzler!

Zu meinem Bedauern höre ich, daß Sie infolge Überlastung nicht in der Lage sind, mich zu empfangen, und mir anheimstellen, mich mit dem Herrn Reichsernährungsminister in Verbindung zu setzen. Ich habe in durchaus genügendem Umfange Gelegenheit gehabt, den Herrn Reichsernährungsminister über die Lage und unsere Forderungen zu unterrichten, und habe dabei den Eindruck gewonnen, daß der Herr Reichsernährungsminister im wesentlichen die Auffassung der Landwirtschaft im Kabinett vertreten hat. Wenn ich mich mit der Bitte um einen Empfang direkt an Sie gewendet habe, so ist dies deshalb geschehen, weil die mangelnde Initiative der Reichsregierung auf dem Gebiete der Agrarpolitik bereits eine so ernste Situation heraufbeschworen hat, daß daraus Folgen von größter politischer Tragweite erwachsen können. Die Landwirtschaft hat von Woche zu Woche auf den wirtschaftspolitischen Kurswechsel gewartet, weil sie glaubte, diesen von einem Kabinett, das sich das Kabinett der nationalen Konzentration nennt, erwarten zu können. Schwere Enttäuschung greift in der Landwirtschaft immer tiefer um sich. Wenn die Reichsregierung jetzt nicht sofort handelt, so wird sie nicht mehr erwarten können, daß die Landwirtschaft, die von der Bedeutung des deutschen Bodens als Kraftquelle des Volkes durchdrungen ist, in ihr eine Regierung der Konzentration der nationalen Kräfte des Volkes sieht.

[434] Der Zusammenbruch der Getreidepreise1 ist die unmittelbare und notwendige Folge verhängnisvoller Verzögerung und unzulänglicher Durchführung der notwendigen, vom Reichs-Landbunde und der ganzen Landwirtschaft rechtzeitig vorgeschlagenen Maßnahmen2. Die Lückenhaftigkeit der wirtschaftlichen Maßnahmen, insbesondere die Nichtbereitstellung ausreichender Mittel für die Deutsche Getreide-Handelsgesellschaft und die Nichteinführung echter Einfuhrscheine3 mußte umso verhängnisvoller wirken, als die von uns als Voraussetzung für eine erfolgreiche Getreidepolitik geforderten wirksamen Schutzmaßnahmen gegen den Gläubiger- und Steuerdruck und der Ausbau des Vollstreckungsschutzes unterblieben sind.

1

Über die Lage der dt. Getreide- und Veredlungswirtschaft Graf Kalckreuth in einem von der „Grünen Rundschau“ (Hrsg.: Pressestelle des Reichslandbundes) am 20.8.32 veröffentlichten Aufsatz („Der Schlüsselpunkt der Agrarwirtschaft“) u. a.: In den letzten Monaten sei eine gefährliche Zunahme des Getreideanbaus eingetreten, weil die geringer werdende Absatzmöglichkeit für Veredlungsprodukte viele Betriebe, die sich bisher der Veredlungswirtschaft gewidmet hätten, dazu veranlaßt habe, auf den Getreideanbau, vor allem den Roggenbau, auszuweichen. „Setzt sich diese Tendenz […] wirklich durch, so entsteht im kommenden Jahr die außerordentliche Gefahr, daß die Brotgetreideernte auch bei starker Verfütterung im Inlande nicht untergebracht werden kann. Deutschland wird damit zu einem Getreideüberschußland. Die autonome Gestaltung unserer Getreidepolitik, die Absetzung der deutschen Märkte von der Auslandsentwicklung geht verloren, und die Einflußnahme auf die Entwicklung der deutschen Getreidemärkte wird fast zur Unmöglichkeit. Damit wäre die Preisbildung für Getreide ebenso hoffnungslos vernichtet wie sie es heute bei der Viehwirtschaft ist. Auf der anderen Seite bedeutet der Umbruch der Grünlandflächen eine einschneidende Verengung der Basis unserer Milch- und Fleischerzeugung auf Jahre hinaus. Die unausbleiblichen Folgen dieser Einschränkung der gesamten Veredlungsproduktion werden schärfste Ausfälle in der viehwirtschaftlichen Gesamterzeugung zur Folge haben, die angesichts des immer noch vorhandenen Zuschußbedarfes an Butter, Käse, Eier und Fett einen für die gesamte Volkswirtschaft verhängnisvollen Rückschlag bedeuten würden.“ Das Gebot der Stunde sei daher die Wiederherstellung des Gleichgewichts zwischen Getreide- und Veredlungswirtschaft, und das könne „nur in Form einer entsprechenden Steigerung der Preise für Veredlungsprodukte in der Viehzucht und im Gartenbau gefunden werden“ (Abschrift, am gleichen Tage an den RK übersandt, in R 43 I/1275, Bl. 79–87).

2

Zu den Vorschlägen s. Dok. Nr. 28: 29 und Anm. 1 zu Dok. Nr. 62.

3

Vgl. Anm. 10 zu Dok. Nr. 46.

Insbesondere ist der Schutz der Veredlungswirtschaft trotz der katastrophalen Preislage entgegen den Ankündigungen der Reichsregierung in nichts wirksam verbessert worden; die Verhandlungen über die den Wünschen der Landwirtschaft entsprechende Butterkontingentierung kommen anscheinend ebenfalls nicht vom Fleck4. Seit langem hat der Reichs-Landbund mit allen Mitteln immer wieder darauf hingewiesen, daß die Verhinderung des endgültigen Zusammenbruchs der Veredlungswirtschaft zum Schlüsselpunkt der deutschen Agrar- und Wirtschaftspolitik schlechthin geworden ist. Umso tiefgreifender müssen auch die politischen Folgen sein, wenn die Erkenntnis Platz greift, daß die Reichsregierung sich diesem Gedankengange verschließt.

4

Vgl. Dok. Nr. 95, P. 1.

Ganz besondere Entrüstung und Empörung hat in weitesten Kreisen der Landwirtschaft die vorgestern erfolgte Äußerung des Herrn Reichswirtschaftsministers hervorgerufen, daß die deutsche Regierung eine Herabsetzung der privaten Schulden, insbesondere der Auslandsschulden, in Kapital und Zinsen niemals auch nur erwogen habe5. Die verhängnisvolle Wirtschaftspolitik der[435] Reichsregierung und der darauf zurückzuführende Sturz der landwirtschaftlichen Produktenpreise nimmt der Landwirtschaft jede Möglichkeit, die bestehenden Zins- und Steuerverpflichtungen zu erfüllen. Das Fortbestehen dieser Verpflichtungen muß die Auspowerung der landwirtschaftlichen Betriebe im Gefolge haben. Die Landwirtschaft steht unter dem Eindruck, daß in maßgebenden Kreisen der Reichsregierung das Verständnis für diese Schicksalsfrage fehlt; in der Lösung der Arbeitsbeschaffungsfrage, welche auch die Landwirtschaft für außerordentlich bedeutsam und dringlich hält, sind kostbare Tage und Wochen über der Beratung eines Programms verlorengegangen, das, gemessen an der Wichtigkeit der Frage, ein wirkungsvolles Angreifen dieser Schicksalsfrage des deutschen Volkes und eine nennenswerte Belebung der Wirtschaft nicht bedeuten kann. Zugleich werden Maßnahmen, die wirklich Hilfe bringen könnten, wie die Entlastung der Betriebe von Zins- und Steuerleistungen und Maßnahmen zur Hebung der Kaufkraft der Landwirtschaft, unterlassen.

5

RWiM Warmbold so am 20. 8. gegenüber amerik. Pressevertretern. Hinsichtlich des Zinsendienstes werde Dtld. keine einseitigen Schritte unternehmen, sondern Einigung mit seinen ausländischen Gläubigern zu erreichen suchen (Horkenbach 1932, S. 290; „VB“ vom 23.8.32).

Diejenigen Maßnahmen, deren Verwirklichung der Reichs-Landbund für unbedingt erforderlich hält, sind der Reichsregierung bekannt. Ich habe noch heute vormittag dem Herrn Reichsernährungsminister nochmals diejenigen Forderungen unterbreitet, deren augenblickliche und sofortige Erfüllung der Reichs-Landbund verlangen muß. Bei diesem Besuch habe ich festgestellt, daß die Auffassung des Herrn Reichsernährungsministers über die Notwendigkeit raschesten Handelns und über die Maßnahmen, die durchgeführt werden müssen, in den grundsätzlichen Fragen durchaus mit meiner Auffassung übereinstimmt, so daß die Durchführung der zur Rettung der Landwirtschaft notwendigen Maßnahmen innerhalb der nächsten Tage durchaus in der Verantwortung der Gesamtregierung liegt. Da eine Nichtdurchführung dieser Maßnahmen die ernstesten politischen Konsequenzen haben müßte, habe ich mir gestattet, Abschrift dieses Briefes Herrn Staatssekretär Meißner zur Kenntnis zuzuleiten6.

6

Zur Erwiderung des RK s. Dok. Nr. 115.

Mit dem Ausdrucke der vorzüglichsten Hochachtung bin ich

Ihr sehr ergebener

Graf Kalckreuth

Geschäftsführender Präsident des

Reichs-Landbundes

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