2.116 (vpa1p): Nr. 115 Der Reichskanzler an den Präsidenten des Reichslandbundes Graf Kalckreuth. 26. August 1932

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Nr. 115
Der Reichskanzler an den Präsidenten des Reichslandbundes Graf Kalckreuth. 26. August 1932

R 43 I/1275, Bl. 93–94 Entwurf1

1

Das ausgefertigte Schreiben wurde am 26. 8. abgesandt (Kanzleivermerk in R 43 I/1275, Bl. 93).

[Agrarpolitik der Reichsregierung]

Sehr geehrter Herr Graf Kalckreuth!

Ich habe mit Befremden von Ihren Ausführungen im Schreiben vom 22. d. Mts.2 Kenntnis genommen. Die Vorwürfe gegen die Reichsregierung, die es enthält, muß ich mit aller Entschiedenheit zurückweisen.

2

Dok. Nr. 110.

Es ist mir nicht verständlich, wie der verantwortliche Leiter des Reichs-Landbundes „mangelnde Initiative der Reichsregierung auf dem Gebiete der Agrarpolitik“ feststellen kann, die „bereits eine so ernste Situation heraufbeschworen habe, daß daraus Folgen von größter politischer Tragweite erwachsen können“.

[454] Darin liegt eine völlige Verkennung der Zusammenhänge und eine Außerachtlassung der bisherigen Arbeiten und Entschließungen der Reichsregierung auf agrarpolitischem Gebiete, deren Bedeutung bei sachlicher Prüfung und Erwägung auch dem berufenen Vertreter landwirtschaftlicher Interessen bekannt sein muß.

Die Reichsregierung ist einmütig durchdrungen von der hohen Bedeutung des deutschen Bodens für das nationale Leben der Nation. Sie läßt sich von niemanden in der Intensität dieser Überzeugung übertreffen. Wer ihr zögerliches und unzulängliches Handeln für die Landwirtschaft vorwirft, dem kann die Lage und ihre Schwierigkeiten wohl kaum ausreichend klar vor Augen stehen. Es geht nicht an, daß die verantwortliche Reichsregierung, die es gerade auch wegen der Interessen der Landwirtschaft mit ihren Pflichten gegenüber dem gesamten deutschen Volke bitter ernst nimmt, ihre Maßnahmen ohne genügende Vorbereitung und ohne Rücksicht auf die gesamte Wirtschaftslage trifft. Es ist gewiß begreiflich, daß eine einseitige Interessenvertretung, mag sie noch so bedeutend sein, der erforderlichen Übersicht und Einsicht in die gesamte Wirtschaftsführung ermangelt. Es bleibt aber doch ihre Pflicht, dabei der Verantwortung voll Rechnung zu tragen, die eine große und beachtete Wirtschaftsorganisation für das Gesamtwohl hat.

Ich bedauere es tief, daß die Einstellung des Reichs-Landbundes so stark mit politischen Tendenzen durchsetzt zu sein scheint, wie es aus den Hinweisen auf die politischen Folgen einer Nichtdurchführung der vom Reichs-Landbund vorgeschlagenen Maßnahmen hervorgeht. Die Reichsregierung hat bewiesen, daß sie vor politischen Drohungen nicht zurückschreckt. Für sie handelt es sich bei ihren agrarpolitischen Entschließungen um verantwortungsbewußte Arbeit auf sachlicher Grundlage, ohne die jede Wirtschaftspolitik Schiffbruch leiden muß. Diese sachlichen Erwägungen zwingen dazu, alle Wirtschaftsstände des Reiches und die Gesamtinteressen ausreichend zu berücksichtigen. Denn schließlich kann die Landwirtschaft nur dann leben, wenn ihre Abnehmer und das gesamte Volk wirtschaftlich am Leben bleiben.

Ich lasse Abschrift dieses Schreibens dem Herrn Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft sowie dem Büro des Herrn Reichspräsidenten zugehen.

Mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung

Ihr

sehr ergebener

P[apen]

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