2.58 (vpa1p): Nr. 58 Das Präsidium der Vereinigten Vaterländischen Verbände Deutschlands an den Reichskanzler. 11. Juli 1932

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Nr. 58
Das Präsidium der Vereinigten Vaterländischen Verbände Deutschlands an den Reichskanzler. 11. Juli 19321

1

Abgedr. auch bei Trumpp, Franz von Papen, S. 205 ff. – Abschrift dieses Schreibens übersandte v. d. Goltz am 13. 7. an den RAM mit einem längeren Begleitschreiben, in dem er das Verhalten der dt. Delegation in Lausanne scharf kritisierte: „Ihnen, dem Leiter der Auswärtigen Angelegenheiten gegenüber möchten wir zum Ausdruck bringen, daß die Verhandlungen in Lausanne in uns die Befürchtung wachgerufen haben, daß auch die jetzige Regierung allzusehr einer Verständigung mit Frankreich zuzustreben scheint, die nach unserer Auffassung von der unveränderten Linie der französischen Politik nie erreicht werden kann. Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, daß im engeren Zusammengehen mit Italien, aber auch mit England, sich ein anderes Ergebnis hätte erzielen lassen. England war doch keineswegs nur der ehrliche Makler, sondern brauchte ein Ergebnis der Konferenz. Wir mußten die anderen nicht im unklaren lassen über unseren Willen, die Konferenz unter Umständen abzubrechen und damit endlich einmal gegenüber Frankreich ein deutliches Nein auszusprechen, das auch England und Italien von einem neuen klaren Kurs der deutschen Außenpolitik überzeugt hätte. Wir würden es für ebenso bedauerlich wie gefährlich für den bevorstehenden Kampf um die deutsche Gleichberechtigung halten, wenn die deutsche Verhandlungstaktik in Lausanne in Rom gewisse Verstimmung hinterlassen haben sollte. Am bedenklichsten scheint es uns aber, daß auf Grund der Vorgänge in Lausanne der Glaube an die Festigkeit des deutschen Revisionswillens erschüttert sein könnte. Denn wir können nicht mit wirksamer Unterstützung deutscher Revisionspolitik durch andere rechnen, wenn diese nicht die Überzeugung von unserer eigenen Festigkeit haben.“ (Abschrift in R 43 I/678, Bl. 207–208). Hierauf der RAM mit Schreiben an v. d. Goltz vom 15. 7.: Er wolle nur „ganz kurz“ antworten, um zu sagen, „daß die von Ihnen geäußerte Befürchtung, die derzeitige Regierung habe in Lausanne allzusehr eine Verständigung mit Frankreich zugestrebt, auf einem Irrtum beruht. Ebenso falsch ist aber auch die ferner ausgesprochene Vermutung, daß im engeren Zusammengehen mit Italien und England ein anderes Ergebnis hätte erzielt werden können. Ich glaube, für mich in Anspruch nehmen zu können, daß ich dank meiner nahen Beziehungen sowohl zu den italienischen als den englischen Staatsmännern zu beurteilen in der Lage war, inwieweit wir von dieser Seite auf eine Unterstützung unserer auf völlige Streichung der Reparationen und Aufgabe der Diskriminierung Deutschlands zielenden Forderungen rechnen konnten. Daß auf Grund der deutschen Verhandlungstaktik in Lausanne in Rom eine Verstimmung eingetreten sein sollte, scheint mir von Ihnen aus dem Artikel der Börsenzeitung hergeleitet zu werden. Ich kann meinerseits demgegenüber nur erklären, daß auch diese Annahme irrtümlich ist.“ (Abschrift ebd., Bl. 206).

R 43 I/678, Bl. 203

[Ergebnis von Lausanne; Eingreifen des Reichs in Preußen]

Sehr verehrter Herr Reichskanzler!

Wenn eine nationale Regierung aus schwerem politischen Kampf zurückkehrt, gebührt ihr Dank aus nationalen Kreisen auch dann, wenn das Ergebnis hinter den gehegten Erwartungen zurückbleibt. Als parteipolitisch nicht gebunden möchten wir Ihnen, Herr Reichskanzler, diesen Dank aussprechen.

Wir haben es lebhaft begrüßt, daß Sie zum ersten Mal die politischen Forderungen gestellt haben2, wozu bisher keine Regierung den Mut aufbrachte und wofür Sie nun von der Presse der Erfüllungsparteien in fast landesverräterischer[209] Weise angegriffen werden. Es hat uns allerdings dann schmerzlich berührt, daß auf den zu erwartenden Widerstand hin diese Forderungen wieder fallen gelassen wurden. Wenn Sie dann die Konferenz doch weiterführten und einer nicht unbedenklichen Schlußzahlung ohne Bewilligung der politischen Forderungen zustimmten, so geben wir uns der Hoffnung hin, daß es nur unter dem Gesichtspunkt geschah, durch die endgültige Tributregelung freiere Hand für eine aktive Außenpolitik, für den Kampf um die volle Gleichberechtigung zu gewinnen. Wir haben zu Ihnen und Ihrem Herrn Außenminister das Vertrauen, daß Sie diesen Kampf gestützt auf die nationalen Kräfte des Volkes ohne Schwanken bis zu Ende durchfechten werden. Daß das nur möglich ist gegen den Widerstand Frankreichs dürften die Lausanner Verhandlungen erneut bewiesen haben.

2

Die Forderung nach Beseitigung des Art. 231 VV, vgl. Dok. Nr. 56.

Das umstrittene Lausanner Ergebnis wird sich auch innenpolitisch auswirken. Umsomehr halten wir es für unsere Pflicht, auf den ohnehin schon leider eingetretenen Stimmungsumschwung zu Ungunsten des neuen Kurses hinzuweisen. War schon der unglückliche Start mit einer neue Lasten bringenden Notverordnung3 nicht unbedenklich, so hat das allzulange Zögern gegenüber der von den Systemparteien vorgeschickten süddeutschen Opposition dem Ansehen der Regierung Abbruch getan4. In weit höherem Maße ist dies aber der Fall durch die Entwicklung der Lage in Preußen, die nach unserer Auffassung ein Eingreifen der Reichsregierung spätestens nach dem 31. Juli5 gebieterisch verlangt. Es wäre sehr zu bedauern, wenn ein weiteres Absinken der Stimmung im nationalen Lager eintreten würde6.

3

Die wirtschaftliche NotVO vom 14. 6. (RGBl. I, S. 273), vgl. Dok. Nr. 24, P. I.

4

Zur Auseinandersetzung mit den süddeutschen Ländern über die Aufhebung des SA-Verbots vgl. Dok. Nr. 18, 19 und 21.

5

D. h. nach der RT-Wahl.

6

Der RK antwortete v. d. Goltz am 22. 7.: „Sie mögen überzeugt sein, daß meine Regierung, nachdem sie durch die endgültige Beseitigung der Tribute nunmehr freiere Hand erhalten hat, alles tun wird, um die Diskriminationen des Versailler Vertrages zu beseitigen. Wir dürfen hoffen, daß es außenpolitisch wie innenpolitisch langsam aufwärtsgehen wird.“ (R 43 I/678, Bl. 204).

Mit dem Ausdruck der vorzüglichsten Hochachtung bin ich,

sehr verehrter Herr Reichskanzler,

Ihr sehr ergebener

Graf von der Goltz

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