1.45 (vpa2p): Nr. 174 Der Präsident des Reichsverbandes der Deutschen Industrie Krupp v. Bohlen und Halbach an den Reichskanzler. 19. Oktober 1932

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Nr. 174
Der Präsident des Reichsverbandes der Deutschen Industrie Krupp v. Bohlen und Halbach an den Reichskanzler. 19. Oktober 1932

R 43 I/1176, Bl. 287–288

[Kontingentierungspolitik der Reichsregierung]

Sehr geehrter Herr Reichskanzler!

Mit meinem Telegramm vom 22. September d. Js. hatte ich die Ehre, Ihnen Kenntnis zu geben von der einstimmigen Entschließung des Präsidiums und des Vorstandes des Reichsverbandes der Deutschen Industrie, durch die in ernstester[802] Sorge um die Erfolge des wirtschaftlichen Reformversuchs der Reichsregierung gebeten wurde, von den beabsichtigten Kontingentierungsmaßnahmen Abstand zu nehmen1.

1

Weiter heißt es in dem Telegramm: Die einstimmige Entschließung „entstand durchaus nicht aus irgendwelcher Opposition gegen die Landwirtschaft oder gegen das auch von der Industrie dringlichst erstrebte Ziel der Wiederherstellung ihrer Rentabilität, für die wir mit der Landwirtschaft bis zum äußersten eingetreten sind und noch eintreten. Auch haben nicht einseitige Interessen der Ausfuhrindustrie die Entschließung des Reichsverbandes beeinflußt. Die einmütige Stellungnahme von Präsidium und Vorstand beruht vielmehr auf der Erkenntnis, daß eine Kontingentierung den Erfolg, den die Landwirtschaft von ihr erhofft, nicht haben kann, der Industrie aber die Möglichkeiten einer Wiederbelebung benimmt und die von der Reichsregierung erstrebten Ansätze zur Behebung der Arbeitslosigkeit gleich im ersten Stadium vernichtet.“ (R 43 I/1176, Bl. 220–221). Dieses Telegramm geht auf eine gemeinsame Sitzung des Präsidiums und des Vorstands des Reichsverbandes vom 22.9.32 zurück, in der u. a. beschlossen worden war, alle im Wirtschaftsprogramm der RReg. „liegenden Möglichkeiten loyal zu nutzen, um möglichst viele Arbeitslose wieder in Beschäftigung zu bringen“. Kritisiert wurden in der Sitzung lediglich die agrarpolitischen Initiativen der Regierung: „Auf der anderen Seite ist es allerdings eine unerläßliche Voraussetzung für den Erfolg, daß die Regierung sich nicht selbst durch einen Bruch in ihrem Programm um die psychologischen und wirtschaftlichen Wirkungen bringt. Die Regierung muß unbedingt jede Maßnahme vermeiden, die zu einer neuen Beunruhigung in der Wirtschaft führen würde. Die Industrie muß von der Regierung verlangen, daß insbesondere auch in der Frage der Zinskonversion und auf dem Gebiete der Kontingentierung solche Maßnahmen unterbleiben, die eine neue empfindliche Erschütterung auf dem Geld- und Kapitalmarkt oder eine unerträgliche Bedrohung der deutschen Ausfuhr mit sich bringen würden.“ (Schreiben des Reichsverbandes an die Mitglieder des Präsidiums, des Vorstands und des Hauptausschusses vom 23.9.32 in NL Silverberg  232, Bl. 260–263).

Ich fühle mich verpflichtet, Sie, sehr geehrter Herr Reichskanzler, davon in Kenntnis zu setzen, daß schon die Ankündigung der Kontingentierungsmaßnahmen2 in den durch etwaige Kontingente betroffenen Ländern eine so weitgehende Mißstimmung ausgelöst hat, daß in zunehmenden Umfange das Exportgeschäft zum Erliegen kommt. Nach Berichten deutscher Industriefirmen aus allen Teilen des Reiches gehen die ausländischen Besteller dazu über, die Durchführung alter und die Aufgabe neuer Geschäfte davon abhängig zu machen, daß in Deutschland keine Kontingentierungen in Kraft gesetzt werden. Diese schon jetzt erkennbren Auswirkungen zu einem Zeitpunkt, in dem lediglich die Möglichkeit einer Kontingentierung besteht, zeigen aufs neue den Ernst der Lage, der sich bei einer Verwirklichung der Kontingentierungspläne für die Industrie ergeben würde3.

2

Vgl. die Mitteilungen des REM in seiner Münchener Rede vom 26. 9. (Dok. Nr. 156).

3

Um den „Ernst der Lage“ deutlich werden zu lassen, hatte der Reichsverband der Dt. Industrie mit Schreiben an den RK vom 18. 10. „aus der Fülle der uns täglich aus unserem Mitgliederkreise zugehenden Notrufe“ eine „Zuschrift“ der Wuppertal-Barmener Textilfirma F. Vorwerk & Co. übersandt, in der es u. a. hieß: „In den letzten Tagen bekommen wir nun die Mitteilung, daß die holländischen Kunden ihre gesamten Aufträge als annulliert betrachteten, wenn die Kontingentierungsmaßnahmen der deutschen Regierung auf holländische landwirtschaftliche Produkte durchgeführt würden.“ Und weiter: „Die skandinavischen Länder gehörten auch zu unseren guten Abnehmern. Heute ist durch die deutschen Kontingente das ganze skandinavische Geschäft für uns zerstört. Dänemark gibt z. B. für deutsche Waren nur 10% Devisen frei, während für englische Waren 100%, sogar 120% freigegeben werden als Antwort auf die Zollmaßnahmen der deutschen Regierung. Die Folge davon ist, ganz klar, daß auch das skandinavische Geschäft uns verloren geht, während die Engländer, die bisher dort nur kleine Geschäfte machten, immer stärker in den Vordergrund kommen und in ganz Skandinavien das ‚liebe Kind‘ sind, während man uns mit Unfreundlichkeit, um keinen stärkeren Ausdruck zu gebrauchen, begegnet. Das ist sogar bei alten treuen Freunden der Fall. […] Wenn das so weitergeht, müssen auch die am allerbesten gelagerten kapitalkräftigen Industrien, die aber groß auf Export eingestellt sind, zum Erliegen kommen. Ich befürchte, daß die Kontingentierungsmaßnahmen der Regierung genau das Gegenteil erreichen werden, wie es die Regierung erhofft.“ (R 43 I/1176, Bl. 283–286).

[803] Deshalb muß ich, sehr geehrter Herr Reichskanzler, auf die Feststellung Wert legen, daß der Reichsverband der Deutschen Industrie den am 22. September d. Js. einstimmig gefaßten Beschluß unverändert aufrechterhält. Zu dieser Feststellung sehe ich mich auch deshalb veranlaßt, weil, wie ich höre, vereinzelte Stimmen aus der Industrie Ihnen gegenüber eine andere Auffassung vertreten haben sollen. Niemand, der die Gesamtlage der deutschen Industrie zu überblicken vermag, kann eine von der Stellungnahme der verantwortlichen Gremien des Reichsverbandes der Deutschen Industrie abweichende Haltung einnehmen.

Mit der Versicherung meiner vorzüglichsten Hochachtung habe ich, Herr Reichskanzler, die Ehre, zu zeichnen

als Ihr sehr ergebener

Krupp von Bohlen und Halbach4

4

Papen antwortete Krupp am 29. 8. u. a.: „Ich darf Ihnen versichern, daß die Reichsregierung mit äußerster Sorgfalt die Entscheidungen in der Kontingentierungsfrage vorbereitet und im Ausgleich der zunächst widerstreitenden Interessen eine Lösung sucht, die möglichst nach allen Seiten erträglich ist.“ (R 43 I/1176, Bl. 289).

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