1.182 (bru3p): Nr. 696 Der Bayerische Ministerpräsident an den Reichskanzler. Agra bei Lugano, 15. März 1932.

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[2368] Nr. 696
Der Bayerische Ministerpräsident an den Reichskanzler. Agra bei Lugano, 15. März 1932.

Nachl. Pünder Nr. 680, eigenhändige Ausfertigung

Betrifft: Wahl des Reichspräsidenten

Hochverehrter Herr Reichskanzler!

Der Ausfall der Reichspräsidentenwahl hat mich in tiefe Sorge versetzt1. So erfreulich die Stimmenzahl des Herrn Feldmarschalls und das opfervolle Zusammenwirken der verschiedenen Parteien an sich ist, so ist der Erfolg der einen Nazipartei und Hitlers doch erschreckend groß und stimmungsmäßig unheilvoll. Für die Stichwahl müssen die Hindenburg-Ausschüsse noch viel umfassender und viel intensiver bis ins letzte Dorf hinaus arbeiten, als sie es bisher getan. In Bayern werden wir die Versammlungstätigkeit verdoppeln. In erster Linie muß die Flugblattpropaganda stehen – Massenverbreitung von kurzen, volkstümlich abgefaßten Flugblättern übertrifft jede andere Werbung in ihrer Wirkung2. Das Geld dafür muß aufgebracht werden. Hoffentlich gibt es mehr Geldgeber zum Schutze des Staates als zu seiner Bekämpfung und Vernichtung.

1

Nach dem vorläufigen amtlichen Ergebnis vom 14.3.32, 6 Uhr, waren 37 660 377 gültige Stimmen abgegeben worden. Es entfielen auf Duesterberg 2 557 876, auf v. Hindenburg 18 661 736, auf Hitler 11 338 571, auf Thälmann 4 892 079, auf Winter 111 470 Stimmen; 8 645 Stimmen waren zersplittert (R 43 I/585, Bl. 238). Das endgültige Wahlergebnis vom 26.3.32 lautete: 37 889 626 (86,2%) gültige Stimmen, davon für Duesterberg 2 557 590 (6,8%); für v. Hindenburg 18 650 730 (49,6%); für Hitler 11 339 285 (30,1%); für Thälmann 4 983 197 (13,2%); für Winter 111 432 (0,3%); zersplittert 4 881 Stimmen (WTB Nr. 662 vom 26.3.32, R 43 I/585, Bl. 244). Zum Ausgang der Wahl vgl. Pünder, Politik in der Reichskanzlei, S. 116; Goebbels, Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei, S. 61 f.; Brüning, Memoiren, S. 533.

2

Das Fehlen von Hindenburg-Plakaten zum ersten Wahlgang wurde auch in der Rkei bemerkt (Vermerk von MinR Feßler vom 14.3.32, R 43 I/586, Bl. 22–23).

Wir dürfen uns nicht verhehlen, daß eine Reihe von Vorkommnissen Hitler vor dem deutschen Volke geradezu als den „letzten“ Mann in den Sattel gehoben haben: der seinerzeitige Empfang durch den Herrn Reichspräsidenten3, der mir heute noch unverständliche Erlaß Groeners4; die langmütige Duldung der Revolutionsformationen der SS wie der SA, wie überhaupt die uniformierten Militärorganisationen der Parteien5.

3

Der RPräs. hatte am 10.10.31 Hitler und Göring empfangen (Schultheß 1931, S. 224).

4

Vgl. Dok. Nr. 659, Anm. 3.

5

Zum SA-Verbot siehe Dok. Nr. 556 und Dok. Nr. 714; vgl. auch Dok. Nr. 702.

Ich fürchte, wir stehen direkt vor Revolution und Bürgerkrieg, wenn nicht rücksichtslos alles, was beiden Vorschub leistet, unterdrückt wird. Sind wir der Reichswehr und der Polizei sicher, dann geht es heute – ultima hora – noch absolut, Wandel und Sicherheit zu schaffen. Dann muß es aber auch geschehen! Ohne Aktion zu sehen, wie das deutsche Volk und Land durch eitle Verbrecher in den Strudel der Vernichtung gerissen wird, wäre nicht zu verantworten vor der Geschichte. Alle Maßnahmen müssen einheitlich im ganzen Reich getroffen werden,[2369] Sonderaktionen der einzelnen Länder und Gebiete sind eher von Übel als von Nutzen.

Verzeihen Sie mir gütig, wenn ich mit diesen Zeilen meinem gepreßten Herzen etwas vor der Stelle Luft gemacht habe, die Macht und Gewalt in der Hand hält. Ich befinde mich hier in der Erholung von einer zwölfwöchigen Krankheit; ich bin unglücklich, hier brach liegen zu müssen, während in der Heimat der schwerste Kampf im Sein oder Nichtsein geführt wird. Ich hoffe aber, vor der Stichwahl wieder aktiv eingreifen zu können. Mein Befinden hebt sich in der milden Luft und in der herrlichen Tessiner Sonne zusehends – ich werde in der zweiten Hälfte der Karwoche heimreisen und nach Ostern mein Amt wieder übernehmen, trotz aller Klapperigkeit des Körpers.

Ihnen, hochverehrter Herr Reichskanzler, meinen wärmsten Gruß und meinen herzlichsten Segenswunsch6.

6

Zur Antwort von StS Pünder auf Helds Schreiben siehe Dok. Nr. 703.

In treuer Ergebenheit

und Verehrung

Ihr

Dr. Held

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