1.118 (bru3p): Nr. 632 Vermerk des Staatssekretärs Pünder über eine Unterredung mit Staatssekretär a. D. Bergmann zur Reparationsfrage am 15. Januar 1932

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Nr. 632
Vermerk des Staatssekretärs Pünder über eine Unterredung mit Staatssekretär a. D. Bergmann zur Reparationsfrage am 15. Januar 1932

R 43 I/317, Bl. 244–248

Vorgestern rief mich Botschafter von Hoesch aus Paris an und bat mich, den früheren Staatssekretär Dr. Bergmann, der vor wenigen Stunden Paris verlassen habe, doch möglichst bald zum Herrn Reichskanzler zu führen, da er nach seiner, des Botschafters, Auffassung sehr wertvolle Anregungen geben könne. Der Empfang von Herrn Bergmann durch den Herrn Reichskanzler hat gestern mittag stattgefunden. Im Anschluß hieran ist Herr Bergmann heute morgen auch bei mir gewesen,[2182] um bei der großen Bedeutung, die er seinen Anregungen beilegt, auch mich genauestens zu orientieren.

Herr Bergmann steht hinsichtlich der Reparationen genau auf dem Standpunkt der Reichsregierung. Ein Wiederaufleben von Tributzahlungen, worunter er eine Festsetzung von Annuitätensummen versteht, sei auch nach seiner Auffassung völlig unmöglich1. Er stehe auch auf dem Standpunkt, daß der gegenwärtige Tiefpunkt der Weltwirtschaftskrise, die unserer Reparationspolitik eine Menge Trümpfe in die Hand gespielt habe, für dieses Abschlußziel der Reparationen unbedingt ausgenutzt werden müsse. Nur müsse man wohl beachten, daß eine völlige Streichung der Reparationen ohne einen irgendwie gearteten geldlichen Abschluß augenblicklich bei unseren Gegnern noch völlig unerreichbar sei. Wenn die Weltwirtschaftskrise noch lange genug andauere, sei zwar theoretisch die Möglichkeit gegeben, daß die Weltvernunft sich schließlich bis zu diesem Punkt noch durchsetzen werde. Persönlich habe er aber die Überzeugung, ja, er fühle die völlige Gewißheit, daß – etwas zynisch ausgesprochen – die Weltwirtschaftskrise uns nicht den Gefallen tun werde, noch so lange auf ihrem Tiefpunkt zu verharren, bis dieser völlige Umschwung in der reparationspolitischen Auffassung unserer Gegner eingetreten sei. Herr Bergmann belegte diese Auffassung im einzelnen und gab ohne weiteres zu, daß dieser Punkt der Kardinalpunkt seiner ganzen weiteren Überlegungen sei. Für einen genauen Beobachter der Weltwirtschaft und namentlich aufgrund seiner jetzt dreißigjährigen genauen Kenntnis und Beobachtungen des internationalen Bank- und Börsenverkehrs sei gerade in Amerika jetzt der Punkt gekommen, wo die Periode des Übernommenseins beendet sei und – wie bei einem Kranken nach der Genesung – ein starkes Hungerbedürfnis wieder einsetze. Im Augenblick sei es nur noch so, daß der Kranke zwar noch im Bett liege, weil er noch nicht recht wisse, daß er eigentlich schon wieder gesund sei.

Von dieser Grundeinstellung aus sieht Herr Bergmann die große Gefahr, daß beim Scheitern der Lausanner Konferenz und auch nach einer etwaigen Vertagung in die zweite Hälfte des Jahres damit das Reparationsproblem und der Youngplan keineswegs erledigt sei und gerade bei einer gewissen Belebung der Weltwirtschaft die intransigenten Forderungen der Franzosen wieder aufleben würden. Man müsse jetzt also absolut den Schluß finden, und zwar mit der Beseitigung der Tribute in der oben erwähnten Form, aber durch einen gewissen wirtschaftlichen Abschluß, der unseren alten Gegnern eine gewisse Gewinnbeteiligung an unserer Prosperität sichert. Konkret haben sich diese Gedankengänge bei Herrn Bergmann dahin verdichtet, daß er unter völliger Streichung der Reparationen an eine Hingabe von Anleihetitres über 4 Milliarden Gold an die BIZ in Basel denkt. Diese titres sind keine Anleihe, sind also noch in keiner Weise zu verzinsen und zu amortisieren. Die BIZ, die ja nach ihrem Statut für solche Dinge berufen ist, soll berechtigt sein, Teile von diesen 4 Milliarden in zweckmäßig erscheinender Stückelung auf Anleihe international auszulegen, wobei aber Voraussetzung sein müsse, daß zuvor die Young-Anleihe wieder ihren Ausgabenkurs erhalten hätte. Als erste Tranche denke er z. B. an die Herausgabe einer 1 Milliarden-Anleihe. Die Verzinsung wäre[2183] schon jetzt durch Konferenzbeschluß auf 5% plus 1% Amortisation festzusetzen. Eine höhere Verzinsung komme unter keinen Umständen in Betracht, da es sich eben nicht um herausgepreßte Summen aus der Elendsperiode handele, sondern um eine rein wirtschaftliche Angelegenheit, die eben nur in Zeiten wiedererstandener Prosperität, d. h. auch nur bei verhältnismäßig geringen Zinsen möglich sei. Infolgedessen wären natürlich auch jedwede Sicherheiten in Gestalt der Reichsbahn oder verpfändeten Reichseinnahmen unter allen Umständen abzulehnen, da alles dies auch nur Zeichen einer starken wirtschaftlichen Schwäche seien. Persönlich glaube Herr Bergmann, daß die Voraussetzungen, wie er sie sich denke, in etwa zwei Jahren für die Auflage einer solchen ersten Tranche gegeben seien. Erst wenn die erste Tranche international vollständig beim Publikum abgesetzt sei, kämen erst weitere Tranchen etwa in Höhe von 500 Millionen oder wieder 1 Milliarde in Betracht. Er denke sich, daß nach insgesamt 5 Jahren die gesamte 4 Milliarden-Anleihe im internationalen Publikum untergebracht sei. Bei, wie erwähnt, 5% Zinsen plus 1% Amortisation seien die Anleihen nach 36 Jahren getilgt.

Herr Bergmann erwähnte, daß der Herr Reichskanzler ihm zugesagt hätte, sich den Vorschlag zu überlegen, und ihm einen Wink zu geben, ob der Angelegenheit in irgendeiner Form Fortgang gegeben werden soll. Für diesen Fall sieht Herr Bergmann aufgrund seiner vielen Auslandsbeziehungen alle Möglichkeiten, um den Plan von den verschiedensten ausländischen Seiten her, namentlich großen französischen Bankdirektoren, zu lancieren.

Daß wir über die deutsche innenpolitische Seite des Planes auch gesprochen haben, brauche ich naturgemäß kaum zu betonen. Hierzu teilte mir Herr Bergmann etwas mit, was er dem Herrn Reichskanzler noch nicht hätte vortragen können, da er es selber erst gestern nachmittag gehört hätte. Herr Vögler hätte ihm vertraulich erzählt, daß er vor zwei Wochen Herrn Hitler auf Befragen als Lösung des Reparationsproblems die Verpflichtung zu einer Zahlung von je 300 Millionen für 10 Jahre vorgeschlagen habe, welchen Vorschlag Herr Hitler ruhig und interessiert aufgenommen hätte. Dieser Vorschlag, 10 mal 300 Millionen ist aber nach Herrn Bergmanns Mitteilung mehr wie seine auf 36 Jahre verteilten Zinszahlungen von 240 Millionen. Außerdem seien die Vöglerschen Zahlungen nach wie vor reine Tribute, die auch während einer Elendsperiode aus Deutschland herausgepreßt werden könnten und sicher auch würden, während die Verzinsung der internationalen Anleihen, wie er sie sich denke, eine Periode der Prosperität zur unbedingten Voraussetzung hätte.

Auf meine Frage, wie sich dieser sein Lösungsvorschlag zu dem Mellon-Bérenger-Abkommen verhalte2, sagte Herr Bergmann, daß trotz der gegenwärtigen Widerstände in den Vereinigten Staaten bei einem wirklichen Zustandekommen eines solchen europäischen wirtschaftlichen Ablösungsplanes dieses gar nicht anders könnten als zuzustimmen und ihrerseits die interalliierten Kriegsschulden zu streichen. Eine solche Streichung der interalliierten Schulden sei allerdings auch nach seiner Auffassung die Voraussetzung seines Planes.

[2184] Ich erzählte Herrn Bergmann vertraulich, daß der Gedanke einer wirtschaftlichen Abschlußzahlung kürzlich im kleinen Kreise auch schon mal bei uns erörtert worden, aber einstweilen noch nicht auf große Gegenliebe gestoßen sei3. Hiervon hatte Herr Bergmann übrigens auch schon von Botschafter von Hoesch etwas gehört. Herr Bergmann unternimmt im übrigen, nachdem er jetzt auch mir seinen Plan eingehend entwickelt hat, zunächst nichts weiteres, bis er vom Herrn Reichskanzler, entsprechend der getroffenen Absprachen näheres hört. Er steht im übrigen zu einer Erörterung dieses Planes im kleinsten Kreise beim Herrn Reichskanzler jederzeit gern zur Verfügung4.

Pünder

Fußnoten

1

Vgl. Dok. Nr. 629.

2

Das Mellon-Bérenger-Abkommen vom 29.4.26 regelte das amerik.-frz. Kriegsschuldenabkommen, wonach Frankreich 6,847 Mio. Dollar in 62 Jahresraten zahlen sollte: diese Edition, Das Kabinett Müller II, Dok. Nr. 20, Anm. 13.

3

In der Besprechung mit den dt. Botschaftern in Paris, London und Rom am 7.1.32 (vgl. Dok. Nr. 621) hatte nach Schäffers Tagebuch der RK den Gedanken einer Anleihe in Höhe von 4–5 Mrd. RM zur völligen Ablösung der Reparationen erwähnt: IfZ ED 93, Bd. 17, Bl. 35.

4

Pünder schrieb Bergmann am 20.1.32, daß zwar der RK den Gedanken einer Anleihe nicht völlig zurückweise, aber es sei noch zu früh, diese Idee in der Öffentlichkeit zu besprechen oder ihre Realisierungsmöglichkeit im Ausland zu sondieren (Durchschrift in R 43 I/317, Bl. 249–250).

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