1.129 (bru3p): Nr. 643 Der Reichskommissar für die Osthilfe an den Reichsbankpräsidenten. 23. Januar 1932

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[2219] Nr. 643
Der Reichskommissar für die Osthilfe an den Reichsbankpräsidenten. 23. Januar 1932

R 43 I/1812, Bl. 143–145 Abschrift1

[Betrifft: Entschuldungsverordnung in der Osthilfe]

Sehr verehrter Herr Reichsbankpräsident,

Die Unterhaltung, die wir gestern in Gegenwart des Herrn Reichspräsidenten führten, gibt mir Veranlassung, Ihre kostbare Zeit noch einmal mit einer ganz kurzen Darlegung in Anspruch zu nehmen.

Der Grundgedanke des neuen von mir vorgelegten Gesetzentwurfes über die landwirtschaftliche Entschuldung des Ostens2 ist der, daß eine absolut sichere Finanzierung gefunden wird, auf der die Aktion in schnellem Tempo so vollkommen zu Ende durchgeführt werden kann, daß man nicht in die Gefahr kommt, nach einigen Wochen oder Monaten wieder festgefahren zu sein und nach anderen Möglichkeiten Umschau halten zu müssen.

Nach genauer Prüfung aller nur irgend denkbaren Wege ist für uns als einzige wirkliche gangbare Möglichkeit der Ablösungsschein übriggeblieben. Selbstverständlich wäre es auch für mich das Angenehmste gewesen, im Großen und Ganzen bei dem bisherigen Finanzierungsverfahren bleiben zu können; die Vorschläge aber, die in dieser Hinsicht namentlich von Herrn Dr. Boetzkes gemacht wurden, kann ich nicht akzeptieren, weil die von ihm angegebenen Zahlengrößen nicht sicher genug geschweige denn zureichend sind.

Akzeptiert man aber den Gedanken des Ablösungsscheines – und eine andere Möglichkeit sehe ich wie gesagt nicht – so dreht sich alles um die Frage, wie sich auf Grund dieser Scheine die Gläubiger Bargeld verschaffen können. Denn ich würde es für eine von mir selbst nicht zu verantwortende Ostpolitik halten, den Landmann zwar durch billige Hypotheken gesund – Handel, Gewerbe und Genossenschaften aber durch den Zwang zur Annahme vorläufig nicht verwertbarer Scheine kaputt zu machen.

Gewiß nehme ich Ihren Einwurf sehr ernst, daß auch nur die leiseste Möglichkeit inflationistischer Erscheinungen auf das Peinlichste vermieden werden muß3. Ich kann diese Gefahr aber beim besten Willen hierbei nicht sehen; denn es handelt sich ja doch keineswegs um eine Ausweitung der Zahlungsmittel, sondern allenfalls um eine Ausweitung produktiver Kreditmöglichkeiten, wobei die Reichsbank[2220] zugleich eine große Anzahl nicht allzu sicherer Wechsel los wird. Und schließlich ist doch die große Gefahr auch gerade für die Währung die, daß unsere Wirtschaft zum Erliegen kommt. Wie nahe diese Gefahr namentlich für den Osten heute ist, darüber mögen unsere Ansichten vielleicht auseinandergehen, aber ich kann heute nur mit großem Ernst darauf hinweisen, daß eine nahe Zukunft wohl leider meinen Befürchtungen in dieser Hinsicht Recht geben würde.

Zum Schluß darf ich noch bemerken, daß für mich jedenfalls nur ein Finanzierungsplan annehmbar ist, mit dem die Aktion tatsächlich durchzuziehen ist. Nur unter der Voraussetzung, daß mir derartige Möglichkeiten gegeben würden, habe ich dies Amt ja überhaupt angenommen. Bestehen derartige Möglichkeiten angesichts der allgemeinen Finanzlage nicht mehr, so würde ich mich jedenfalls gezwungen sehen, dem Herrn Reichskanzler vorzuschlagen, die Aktion lieber ganz abzubrechen. Ob das unter den heutigen schweren politischen Verhältnissen erträglich und mit dem Ansehen des Herrn Reichspräsidenten vereinbar ist, erscheint mir zum mindesten zweifelhaft. Diese letzten Erwägungen fallen ja schließlich nicht mehr in den Bereich der Entscheidungen der Reichsbank; immerhin darf wohl darauf aufmerksam gemacht werden, daß die Währung ganz gewiß dann in die stärkste Gefahr kommen würde, wenn ein übersteigerter politischer Radikalismus in Deutschland schließlich doch eines Tages die Oberhand bekommt4.

Ich habe, Herr Reichsbankpräsident, mit der Versicherung meiner vorzüglichsten Hochachtung die Ehre zu verbleiben

Ihr sehr ergebener

Schlange

Fußnoten

1

RM Schlange übersandte die Abschrift dieses Schreibens an demselben Tage dem RK. Beigefügt hatte Schlange dem Schreiben einen Artikel des Berliner Börsen-Couriers Nr. 34 vom 21.1.32 „Umbau der Osthilfe“, zu dem er handschriftlich bemerkte: „Diese sehr ruhige Betrachtung eines den Banken nahestehenden Organs beweist doch deutlich, daß keine Inflationsbefürchtungen bestehen. Auch die Voss.“ (Anschreiben Schlanges vom 23.1.32 mit Sichtparaphe Brünings, der dieses Schreiben am 16.2.32 zu den Akten der Rkei gab in R 43 I/1812, Bl. 142; der Artikel des Börsen-Couriers mit Schlanges Notiz, a.a.O., Bl. 146.)

2

Vgl. Dok. Nr. 624 und Dok. Nr. 640, P. 2.

3

Vgl. auch Dok. Nr. 640, Anm. 11.

4

Zur Fortsetzung der Osthilfeberatungen siehe Dok. Nr. 662, P. 6.

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