2.107.1 (bau1p): 1. Lage der Truppen im Baltikum.

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Das Kabinett BauerKabinett Bauer Bild 183-R00549Spiegelsaal Versailles B 145 Bild-F051656-1395Gustav Noske mit General von Lüttwitz Bild 183-1989-0718-501Hermann EhrhardtBild 146-1971-037-42

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RTF

[398]1. Lage der Truppen im Baltikum3.

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GenLt. von Eberhardt, der Gen. von der Goltz abgelöst hatte, befand sich seit Mitte Oktober im Baltikum, um die eindeutigen Anordnungen der RReg. zur Rückführung der dt. Truppenkontingente durchzusetzen. Die Erfüllung dieses Auftrags scheiterte zunächst daran, daß viele nicht rückkehrwillige Deutsche freiwillig in den Dienst der russ. „Westarmee“ unter Oberst Awaloff-Bermondt getreten waren. Eine planmäßige Liquidierung des Baltikumunternehmens durch von Eberhardt wurde erst möglich, als Awaloff-Bermondt und die seiner Armee eingegliederten dt. Freikorps die Aussichtslosigkeit eines weiteren Verbleibens im Baltikum ohne dt. Nachschub, gegen den Willen der Entente und im Kampf gegen nationale baltische und bolschewistische Truppen einsahen und sich in der Nacht vom 14. zum 15. 11. dem Befehl von Eberhardts unterstellten. Die fast gleichzeitig, am 13. 11., an ihrem Standort Tilsit eintreffende Interall. Baltikumkommission unter Gen. Niessel versuchte durch detaillierte Räumungs-, Entwaffungs- und Dislozierungsbedingungen auf die Truppentransporte Einfluß zu nehmen, während von Eberhardt die Räumung für eine dt. Angelegenheit hielt und es als seine Pflicht erachtete, „sie aus eigener Kraft, lediglich mit deutschen Mitteln und der Würde und Ehre des deutschen Reiches entsprechend durchzuführen“. Seiner Ansicht nach verhinderten lettische und litauische Überfälle einen geordneten Abtransport geschlossener Formationen und zwangen zu einem mil. gedeckten Rückzug mit allen sich daraus ergebenden strategischen Konsequenzen. Die Nachführung reichsdt. Truppen auf litauisches Gebiet war mehrfach beantragt und vom RWeM unter Hinweis auf die angedrohten all. Sanktionen (vgl. Dok. Nr. 67, P. 1) abgelehnt worden. – Einzelheiten zur Schlußphase des Baltikumunternehmens s. in der Note Gen. Niessels an den RK vom 7.1.20 betr. die Beschwerde über die Verschleppung des Verfahrens gegen die von der Interall. Baltikumkommission beschuldigten dt. Offiziere (PA, Weltkrieg 20 d, Nr. 1 a, Bd. 60) und in den vom Chef der Heeresleitung angeforderten dienstlichen Stellungnahmen zu dieser Note, die Gen. von Eberhardt am 27. 1. (R 43 I/49, Bl. 58–70), Maj. Frhr. von Fritsch am 27. 1. (ebd. Bl. 71 f.) und VAdm. Hopmann am 25.2.20 (ebd., Bl. 117–136) vorlegten, sowie in einer diesbezüglichen Aufzeichnung des AA für den UStSRkei vom 20.2.20 (ebd., Bl. 102–113). Der Kabinettssitzung unmittelbar vorausgehend hatte das ostpr. Oberpräsidium in einem Telegr. an den RPräs. erneut den Einsatz von Reichswehrtruppen gefordert und auf die „Bedrohung der Provinz durch zur Verzweiflung getriebene deutsche Truppen und nachdrängende Letten und Litauer“ hingewiesen. Durch den UStSRkei hatte Ebert zurücktelegrafieren lassen: „Angelegenheit, deren Ernst für Ostpreußen wie für unsere außenpolitische Lage niemand verkennt, wird noch heute Vormittag im Kabinett beraten und entschieden werden“ (Telegramme in Abschriften; R 43 I/48, Bl. 27 f.).

Der Reichswehrminister teilte mit, daß nach eingegangenen Nachrichten die sich Bermondt und Bischoff angeschlossenen Truppen, die nunmehr zurückkehren wollten, von litauischen Banden stark angegriffen und bedroht würden, und daß, wenn deutscherseits keine Hilfe erfolge, insbesondere die Bahnlinie Schaulen–Tauroggen nicht gesichert würde, die sämtlichen Deutschen, insbesondere auch die Verwundeten und die Zivilpersonen, niedergeschlagen werden würden4. Es handele sich um etwa 20 000–25 000 Deutsche. Hopmann habe mit dem französischen General Niessel verhandelt, sei aber zu keinem Ergebnis gekommen. Es sei nun die Frage, ob man zulassen könne, daß die 20 000–25 000 Deutschen untergingen, oder aber ob man versuchen solle, sie bei ihrer Rückkehr durch Sicherung der erwähnten Bahnstrecke zu unterstützen.

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Vgl. dazu den Bericht OPräs. Winnigs aus Tilsit vom 29. 11. über die sich in empörenden Greueltaten manifestierende Erbitterung der Letten und Litauer, die allerdings „auch von deutschen Offizieren zum Teil auf schwere Ausschreitungen unserer Truppen zurückgeführt“ wurde (R 43 I/48, Bl. 133–136).

Der Reichsminister des Auswärtigen5 glaubte, die Verantwortung für einen Einmarsch deutscher Truppen ohne Zustimmung des Generals Niessel[399] nicht übernehmen zu können. Der Reichskanzler war der Auffassung, daß man die deutschen Landeskinder, die zweifellos ohne eigenes Verschulden, lediglich von falschen Führern beraten, sich in das russische Unternehmen eingelassen hätten, nicht zu Grunde gehen lassen dürfe. Man müsse daher schnellstens mit General Niessel verhandeln und den Versuch machen, sie herauszubringen. Der Reichsminister der Finanzen schlug gleichfalls vor, mit Niessel und mit der litauischen Regierung zu verhandeln und die Kapitulation der Truppen anzubieten unter der Garantie der Entente, daß ihr Abzug ungefährdet vor sich gehen könne. Der Herr Reichspräsident hielt es für zweckmäßig, den General Niessel vor eine Entscheidung zu stellen und glaubte, daß im Falle einer Ablehnung die Sachlage für uns günstiger sein würde.

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Vgl. zum Gang der Kabinettsberatungen die Aufzeichnungen RIM Kochs: „Bauer hält mit Militär Sicherung der Abzugslinien durch ostpreußische Truppen für nötig. Man kann Deutsche nicht totschlagen lassen wie Hunde. Müller widerspricht aus Bedenken wegen der Entente. Erzberger empfiehlt, der Entente die Kapitulation anzubieten gegen Verpflichtung, die Gefangenen freizulassen. Die Waffen sind doch verloren. Ich einwerfend: ‚Sie werden doch einfach totgeschlagen.‘ Das glaube ich nicht, jedenfalls hilft man den Truppen nicht und leitet außerdem noch die Strafe der Entente auf das Volk. Schiffer: Da die Befehle Niessels von den Litauern nicht beachtet werden, so muß er einverstanden sein, wenn wir uns selbst helfen. Es ist keine Zeit mehr zu Verhandlungen mit der Entente, die auch ohne Einfluß auf die Litauer sein wird. Ebert: Man muß zuerst Niessel fragen, ob er uns Garantien für den Rückzug geben kann. Kann er es nicht, so ist unser Vorgehen der Entente gegenüber gerechtfertigt. Müller: Die Kapitulation, wie sie sich Erzberger denkt, ist unmöglich, da niemand ist, der sie entgegennehmen kann. Aber gerade deswegen muß Niessel vor eine Entscheidung gestellt werden. Außenpolitik wird immer wieder durch militaristische Maßnahmen durchkreuzt. David: Die Entsendung deutscher Truppen wird für die Litauen [!] als Kriegsansage angesehen werden, und zum Totschlag aller Deutschen und zum Einmarsch in Ostpreußen führen. Dies ist der letzte Akt in der glorreichen Oberostpolitik. Jetzt hätte das Militär endlich einmal auf eigene Faust das Militär vorschicken sollen, anstatt in der verlorenen Sache uns die Verantwortung zuzuschieben. Bauer: Das ist ein gefährlicher Rat, mit dem Sie allein stehen. Unsere Truppen sind das nicht, sondern die russischen. Man hätte sie gar nicht unter unseren Schutz nehmen sollen. Noske: Das hat Niessel selbst verlangt, ebenso die Ablösung und Bekleidung. Ich: Man soll mit Niessel sofort in Verhandlungen eintreten, ihn ersuchen, unsere Truppen zu schicken und die Litauer zur Einstellung der Feindseligkeiten zu bestimmen. Gleichzeitig aber soll man die Truppen schicken. Giesberts tritt bei, meint dann aber wieder, daß man erst verhandeln solle. Mayer: Erst verhandeln. Riezler: Niessel hat schon erklärt, daß er die Truppensendungen ablehne. Wenn man die Truppen nicht von selbst schickt, wird die Entsendung überhaupt nicht vorsichgehen. Bauer: Man muß Niessel und den Litauern erklären, daß wir vorgehen werden, wenn sie nicht Sicherheiten übernehmen. Noske: In 24 Stunden werden wir nicht weiter sein. Koch: Ultimatum an Litauen, daß wir vorrücken, wenn sie die Truppen nicht abziehen lassen, wäre vielleicht nützlich. Aber wenn Niessel schon jetzt erklärt, wir dürften nicht vorrücken, so wird er es bei erneuten Verhandlungen ausdrücklich der Regierung gegenüber nochmals erklären, und unsere Sachlage, wenn wir trotzdem vorrücken, ist nur umso schlimmer. Bauer: Verhandlungen von 24 Stunden decken uns nach außen und innen. Scheitern sie, so werden wir vorrücken müssen. Beschlossen. Hinterher bei Erörterung über Ausführung des Beschlusses erklärt Reinhardt plötzlich: ‚Vor 48 Stunden sei Niessel noch bereit gewesen, die Truppen vorrücken zu lassen.‘ Ich frage: Was gilt denn nun eigentlich? Das hätten wir doch zusammenhängend vorher wissen müssen. Reinhardt: Er hat seine Meinung geändert.“ (Nach der mschr. Übertragung der hschr. Aufzeichnung vom 24.11.19; Nachl. Koch-Weser , Nr. 22, Bl. 14 f.).

Nach eingehender weiterer Erörterung kam man, insbesondere nach Mitteilung der verschiedenen eingegangenen Telegramme durch den Generalmajor Reinhardt, zu dem Beschluß, sofort mit General Niessel in Verhandlungen einzutreten und der litauischen Regierung mitzuteilen, daß sie die Truppen ungehindert abmarschieren lassen solle und daß sie das rollende Material und das zurückgelassene Kriegsmaterial erhalten solle. Sollte sich eine Verständigung nicht erzielen lassen, worüber bis morgen früh berichtet werden soll, so würden[400] die notwendigen Truppen zur Sicherung der Bahnlinie wohl vorgeschickt werden müssen. Ein endgültiger Beschluß soll jedoch hierüber erst nach dem Ergebnis der Verhandlungen mit General Niessel gefaßt werden. Der Reichsminister des Auswärtigen und der Reichswehrminister werden das Weitere wegen Verhandlungen mit General Niessel usw. sofort veranlassen6.

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Zum Fortgang s. Dok. Nr. 112, P. 12.

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