2.204.1 (bau1p): [Bericht des Unterstaatssekretärs Albert über die Ausgleichsverhandlungen des Reichsjustizministers Schiffer in Berlin; Ende des Kapp-Lüttwitz-Putsches.]

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Das Kabinett BauerKabinett Bauer Bild 183-R00549Spiegelsaal Versailles B 145 Bild-F051656-1395Gustav Noske mit General von Lüttwitz Bild 183-1989-0718-501Hermann EhrhardtBild 146-1971-037-42

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Text

RTF

[Bericht des Unterstaatssekretärs Albert über die Ausgleichsverhandlungen des Reichsjustizministers Schiffer in Berlin2; Ende des Kapp-Lüttwitz-Putsches.]

2

UStS Albert war im Auftrag von RJM Schiffer per Flugzeug in Begleitung von Olt. Gropius vom RWeMin. zur Berichterstattung nach Stuttgart gereist. – Zum Gesamtzusammenhang vgl. Dok. Nr. 218, Abschnitt IV.

Albert berichtet (5½ Uhr nachmittags): Heute morgen 4 Uhr Schiffer, Preußische Regierung, Kapp-Regierung (Bauer? und Pabst) Sitzung. Folgende Vereinbarungen wurden getroffen:

1.

Generallandschaftsdirektor Kapp tritt, um inneren Frieden anzubahnen, zurück.

2.

Lüttwitz (?).

3.

Der stellvertretende Reichskanzler wird dem Reichskanzler folgende Vorschläge machen:

a)

in 4 Wochen Neuwahlen.

b)

Präsidentenwahl.

c)

schleunige Neubildung der Reichsregierung.

Dabei wurde abgemacht: Aushändigung eines Schreibens von Schiffer an Reichskanzler wird vereinbart.

Albert erklärt, daß er an den Angriff dieser Nacht3 überhaupt nicht geglaubt hat.

3

Einzelheiten s. Dok. Nr. 218, Abschnitt III.

Noske: Lüttwitz hat sich zum Militärdiktator erklärt, um den Kampf gegen den Bolschewismus fortzusetzen4. Oberst Heye (?) erklärt weiter im Telegramm:[706] Lüttwitz hat nicht mehr das Vertrauen seiner Truppen. Er müsse ersetzt werden5.

4

Die Nachricht, daß Kapp nach der Erfüllung seiner „wesentlichen politischen Forderungen“ durch die Reg. Bauer zurückgetreten sei und die vollziehende Gewalt dem militäroberbefehlshaber Gen. von Lüttwitz zurückgegeben habe, war um 16.45 Uhr als Berliner WTB-Meldung in Stuttgart bekannt geworden (Nachl. Koch-Weser , Nr. 24, S. 131; zum Text dieser Meldung vgl. Dok. Nr. 200, Anm. 3). Dem Stuttgarter WTB-Büro, das um Anweisungen für die Veröffentlichung der o. a. Meldung bat, läßt GehRegR Brecht um 17.45 Uhr mitteilen: „Selbst beim Zusammenbruch seines schmählichen Abenteuers versucht Herr Kapp, die Öffentlichkeit mit Unwahrheiten irrezuführen. Jetzt, wo er gezwungen ist, bedingungslos abzutreten, möchte er den Eindruck erwecken, als hätte die Reichsregierung seine ‚Bedingungen‘ angenommen. Deshalb sei nochmals mit allem Nachdruck festgestellt, daß die Reichsregierung jede Art von Verhandlung mit den Meuterern ein für alle Male abgelehnt und keinerlei Bedingungen angenommen hat. Bedingungslose Unterwerfung war ihre Forderung, der Kapp und Genossen nun nachzukommen gezwungen sind“ (R 43 I/2727, Bl. 111). – Beide Meldungen werden von WTB am 17. 3. nebeneinander veröffentlicht (vgl. Schultheß 1920, I, S. 55).

5

Telegr. nicht ermittelt. – Um 9.30 Uhr hatte bei Oberst Heye, den Gen. von Seeckt gebeten hatte, ihn als Chef des Truppenamtes zu vertreten, eine Offiziersbesprechung stattgefunden, in der vermutlich der mit der Sammlung von Inlandsnachrichten betraute Maj. von Schleicher den Standpunkt vertrat, daß die Truppe auch ohne Lüttwitz die Ordnung aufrechterhalten könne, vorausgesetzt, daß zuvor seine Truppenkommandeure dem im Interesse einer Einigung mit der legalen RReg. für notwendig erachteten Rücktritt des Generals zustimmten. In einer nachfolgenden Besprechung der Ämterchefs des RWeMin. wurde der Gedanke einer Absetzung des Generals ohne dessen Zustimmung verworfen und der als Nachfolger ausersehene Gen. von Oldershausen beauftragt, mit Gen. von Lüttwitz über dessen Rücktritt zu verhandeln (Diensttagebuch in: Nachl. Schleicher , Nr. 18, S. 41 a; Eintragungen vom 17.3.20).

Albert erzählt: Niemand hat ins Kabinett gewollt, nachdem die Beamten nicht mitmachten, z. B. auch nicht Helfferich. Darauf war schon Sonntag Kapp erschüttert und wollte zurücktreten. Gegeneinander alsbald Kapp und Militärdiktator Lüttwitz. Das ganze Problem war alsbald, wie bringt man die Truppen wieder zur Raison. Denn man kann sie nicht aus Berlin bringen, ohne den aufgeregten Arbeitermassen Berlin zu überlassen.

Gropius: Das Kriegsministerium hat nicht mitgemacht. Als alles zusammenbrach, hat man Lüttwitz zur Abdankung zu bewegen versucht. Aber vergeblich. Die Sache war gefährlich, zumal die Marinebrigade unter allen Umständen kämpfen wollte. Die Reichswehr war vernünftiger. Herr von Berger berichtete, daß große Bolscheswisten-Unruhen zu erwarten seien. (Wir rufen: Herr von Berger! Lachen!) Nein, er selbst war weg, sein Büro. (Ich: Noch schlimmer.) Nun wurde heute morgen ein Nachfolger für Lüttwitz gesucht. Seeckt wollte nicht. Vielleicht wird es6.

6

Der Satz ist in der Vorlage unvollständig.

Albert: Wie kam es, daß wir zu verschiedenen Auffassungen kamen, denn daß wir verschiedener Auffassung waren, wußte ich aus einem Telefongespräch mit dem Reichskanzler, das allerdings nicht ganz leicht verständlich war. (Bauer: Ich habe Sie gut verstanden.) Mit Lüttwitz wurde eindringlich über die Sache verhandelt. Sämtliche Unterstaatssekretäre und Parlamentarier redeten auf ihn dahin ein, daß es aus wirtschaftlichen und anderen Gründen unmöglich sei, die Sache durchzuführen. Er sah nur das militärische und glaubte, er könne mit seinen 50 000 Mann den Bolschewismus bekämpfen.

Ebert am Telefon mit Schiffer: „Darf ich wiederholen: Kapp und Lüttwitz haben bedingungslos den Rücktritt vollzogen.

Sie haben die Geschäfte übernommen. Sie haben als Vertreter des Reichspräsidenten Lüttwitz den Abschied bewilligt und Seeckt beauftragt. Eine Erklärung haben Sie nicht abgegeben.“7

7

Zu den genannten Vorgängen im einzelnen s. Dok. Nr. 218, Abschnitt V.

Ich: Sind denn die Vorschläge vom Reichskanzler8 fallen gelassen?

8

Gemeint sind offensichtlich die in Dok. Nr. 198, Anm. 9 zit. „Bedingungen“ der RReg. für den Rücktritt von Kapp und Lüttwitz.

Albert: Da Kapp nicht gleich mitgemacht hat und inzwischen die Herren von Stuttgart mit der dringenden Warnung, sich auf Bedingungen einzulassen, wiedergekommen sind und Kapp und Lüttwitz inzwischen mürbe geworden[707] sind, hat Schiffer offenbar sein Entgegenkommen nicht aufrecht erhalten. Die Herren sind bedingungslos zurückgetreten.

Schiffer und die preußischen Minister waren der Ansicht, daß man hier in Stuttgart die Verhältnisse günstiger sah, als sie sind. Die Leute, die man vom Baltikum kennt, lassen sich ohne Amnestie nicht herausbringen. Die Arbeiterschaft aber wurde von Tag zu Tag erbitterter, namentlich da sie durch den törichten militärischen Klimbim verärgert wurde. Deshalb waren Schiffer etc. von vornherein geneigt, ein Kompromiß zu schmieden9.

9

Nach einem weiteren Gespräch mit Albert über die Berliner Vorgänge zieht RIM Koch am Abend ein vorläufiges Fazit: „Ein schwerer Sieg. […] Schiffer hat persönlich sogar noch Amnestie zugesagt. Er ist also verloren. Aber das ist das wenigste. Was kommt nun aus der ganzen Sache heraus? Daß man sich rechts und links von uns verraten fühlt. Wer kämpft denn jetzt noch für uns? Die Gefahr von links ist riesengroß, und rechts wird man uns verlassen. Das kommt davon, wenn man keine gerade feste Politik macht, sondern in großen Sachen mit Geschäftshuberei und Advokatenkniffen durchzukommen sucht. Von rechts wird man anführen, wie Bauer sich verhält und von links, was Schiffer versprochen hat. Und dabei war die Lage in Berlin so rasch unerträglich geworden. Warum ließ man, wenn es sein mußte, in Berlin nicht wochenlang kämpfen? So schnell wäre es zum entscheidenden Sieg nicht gekommen, und wir hätten schließlich eingreifen können. Und wie zerschlägt es unsere Partei! Ein bitteres Ende für all die Arbeit und Sorge“ (Tagebuchaufzeichnung vom 17.3.20; Nachl. Koch-Weser , Nr. 24, S. 67–72).

Gilsa schlägt folgende Erklärung vor, um die Truppen herauszubringen:

1.

Traurige Lage hat Truppen bestimmt, den Boden der Verfassung zu verlassen.

2.

Besserstellung wird zugesagt.

3.

Straffreiheit außer den überführten Anstiftern.

4.

Streik westlich der Elbe muß abgeblasen werden.

6¼ Uhr. Ich frage Albert vor Beginn der eigentlichen Sitzung nochmals, ob Schiffer um 4 Uhr die Vereinbarung anzunehmen erklärt habe. Er bejaht das.

6¼ [Uhr] Kabinettssitzung.

Bauer berichtet nicht über das Detail Schiffer.

Beschlüsse:

1. Steckbriefliche Verfolgung der Haupträdelsführer10.

10

Dem WTB-Büro in Stuttgart wird noch am 17. 3. mitgeteilt, daß die RReg. beim Oberreichsanwalt die Strafverfolgung gegen Kapp, von Lüttwitz, von Jagow, von Trotha, Schiele, Pabst, Bredereck, Max Bauer und Ehrhardt beantragt habe. Alle Polizeibehörden seien aufgefordert, die Genannten festzunehmen (R 43 I/2727, Bl. 110).

2. Aufhebung des Generalstreiks (auch im Osten, da der allgemeine Eindruck wichtig ist und im Osten die allgemeine Bevölkerung mehr leidet als die Aufrührer)11.

11

Der RK setzt sich am 17. 3. abends telegrafisch bei Carl Legien, RuStKom. Severing u. a. unter Hinweis auf den Zusammenbruch des Kapp-Lüttwitz-Putsches für die Aufhebung des Generalstreiks ein (R 43 I/2727, Bl. 107, 114 f.). Versuche, die Streikenden zur Wiederaufnahme der Arbeit zu veranlassen, werden in der Zeit vom 17.–19. 3. außer von der RReg. u. a. auch von der PrReg., Vizekanzler Schiffer, dem PrArbM Oeser, dem Vorstand der DDP und der sozialdemokr. Fraktion der NatVers. in verschiedenen Aufrufen unternommen (Vorwärts vom 18.3.20, Extrablatt; vgl. Schultheß 1920, I, S. 56; Abdruck einzelner Aufrufe in: Arbeiterklasse siegt über Kapp und Lüttwitz. Bd. I, Dok. Nr. 67, 68 und 76; Ursachen und Folgen. Bd. IV, Dok. Nr. 856 b). Während die Streikleitungen der vereinigten Eisenbahnerorganisationen und der mittleren und unteren Postbeamten den Streikabbruch am 17. 3. beschließen, rufen der ADGB, DBB und die Afa ihre Mitglieder am 18. 3. in einem Flugblatt auf, den Generalstreik bis zur Erfüllung bestimmter Bedingungen durch die RReg. fortzusetzen. Einzelheiten s. Dok. Nr. 204, Anm. 3.

[708] 3. Amnestiefrage. Wie macht man es, die Truppen herauszubekommen und die Arbeitermassen dort zu beruhigen? Die Verführten bleiben frei12.

12

Zur weiteren Behandlung der Amnestiefrage s. Dok. Nr. 203.

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