2.37.2 (bau1p): 2. Kohlenversorgung.

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Das Kabinett BauerKabinett Bauer Bild 183-R00549Spiegelsaal Versailles B 145 Bild-F051656-1395Gustav Noske mit General von Lüttwitz Bild 183-1989-0718-501Hermann EhrhardtBild 146-1971-037-42

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2. Kohlenversorgung.

Der Ministerpräsident teilte mit, daß anläßlich der bedenklichen Kohlennot und ihrer Gefahr für den Winter schleunig Maßnahmen getroffen werden müßten. Es sei daher in Aussicht genommen, tunlichst bald eine Besprechung mit den in Frage kommenden Arbeitnehmer- und Arbeitgeberverbänden über die Förderung des Steinkohlenbergbaues im Rheinland und in Oberschlesien stattfinden zu lassen6. Gedacht sei an eine Steigerung der Arbeiterzahl, die sich[159] aber nur ermöglichen lasse, wenn Wohnungsgelegenheit geschaffen werden könnte. Das Reichsfinanzministerium müßte sich erklären, ob es Mittel bereitstellen wolle; ferner müßte zwecks Arbeiterbeschaffung eine großzügige Propaganda ins Auge gefaßt werden. Endlich könnten auch vielleicht Soldaten, die aus dem Baltikum zurückkämen, für diese Zwecke gewonnen werden. Als Anreiz könnte man vielleicht an eine bessere Ernährung denken, evtl. auch an eine Aufbesserung der Löhne; endlich müsse auch noch die Verkehrsfrage besprochen werden.

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Hinweise, Berichte und Eingaben betr. die mangelhafte Kohlenversorgung gingen der Rkei im Juni und Juli von verschiedenen Seiten zu (Materialien in: R 43 I/2182). In einem von Legien und Borsig gezeichneten Schreiben der Zentralarbeitsgemeinschaft der industriellen und gewerblichen Arbeitgeber und Arbeitnehmer Deutschlands an den RMinPräs. vom 23. 7. wird der Standpunkt vertreten, „daß zur Steigerung der Kohlenförderung jedes Mittel ergriffen werden muß und daß die Anwendung der erforderlichen Maßnahmen auch nicht einen Tag des Aufschubs verträgt“. Alle anderen Probleme müßten vor diesem Problem zurücktreten; die Rohstoffversorgung werde bedeutungslos, die Beschäftigung der dt. Arbeiterschaft und die Beschaffung von Lebensmitteln unmöglich, wenn mangels Kohle die Fabriken still ständen und Ausfuhrwerte nicht geschaffen werden könnten (R 43 I/2182, Bl. 106–109). RMinPräs. Bauer ordnete durch einen Vermerk auf diesem Schreiben die Einladung zu einer Konferenz in der ersten Augustwoche an.

Der Reichswirtschaftsminister teilte mit, daß die Arbeiter aus dem Bergbau abwanderten, weil sie nicht genug verdienten; es bliebe daher als Mittel nur übrig, die Löhne erheblich aufzubessern, und zwar müßte man die Leute im Untertagebau erheblich besser stellen. Außerdem müsse man gegebenenfalls hinsichtlich der Ernährung etwas tun und auch namentlich im Hamborner Bezirk gegen die spartakistischen Umtriebe energisch vorgehen. Im übrigen scheine es ihm, als ob hier von Unternehmerseite nicht alles getan würde, um die Produktion zu erhöhen. Jedenfalls werde man erhöhte Löhne zahlen und diese Löhne auf den Kohlenpreis aufschlagen müssen. Evtl. könnte man auch an die Einführung von Anreizprämien für größere Leistungen denken. Was die Unterkunft anlange für die zu verstärkenden Belegschaften, so müßte evtl. an Baracken- oder an sonstige Notstandsbauten gedacht werden. Schwierigkeiten würden sich auch hier ergeben, da auch in Baracken eine gewisse Ordnung herrschen müsse, der die Leute sich heutzutage nur ungern unterwürfen; dies zeige z. B. das Abwandern aus gut geleiteten Ledigenheimen. Endlich müsse auch noch die Frage des Abtransports der Kohle bei gesteigerter Förderung in Betracht gezogen werden. Ferner müsse man versuchen, auch den Braunkohlenbergbau zu heben; hierbei würde man bei den Unternehmern wohl auf Schwierigkeiten stoßen, weil die Unternehmer keine Lust haben würden, bei der Gefahr der Verstaatlichung noch große Mittel in den Braunkohlenbergbau zu stecken.

Der Reichskohlenkommissar gab an der Hand einer Tabelle ein anschauliches Bild über den Rückgang der Förderung und machte eingehend auf die Schwierigkeiten der Versorgung aufmerksam7. Im Winter würde allein die Belieferung der Eisenbahnen für den notwendigsten Betrieb auf alles andere schwer drücken. Alle Maßnahmen, die getroffen würden, um die Produktion zu fördern, würden seiner Ansicht nach ein Schlag ins Wasser sein, wenn man nicht eine bessere Wagengestellung erreichte. Zu allem käme noch die Forderung der Entente, wonach 20 Millionen Tonnen im Jahre an Frankreich geliefert werden müßten8.

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Zu den Ausführungen von RKom. Stutz vgl. Dok. Nr. 30, P. 11, Anm. 15. – Das Schaubild ist dem Kabinettsprotokoll als Anlage beigeheftet (R 43 I/1350, Bl. 553–556).

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Dtld. hatte in Ausführung der §§ 2–5 der Anlage V zu Art. 236 VV an Frankreich, Belgien, Luxemburg und Italien nach Inkrafttreten des Vertrags zehn Jahre lang festgesetzte Höchstmengen an Kohle und zusätzlich an Frankreich im gleichen Zeitraum variable Jahresmengen bis zu einer Höchstmenge von zunächst 20 Mio t pro Jahr zu liefern. Die zu fordernde Gesamtmenge sollte 43 Mio t pro Jahr nicht übersteigen. Über die im Schlußsatz zu § 10 der Anlage V vorgesehene Berücksichtigung der dt. Leistungsfähigkeit sowie über den von der Entente für August gewünschten vorzeitigen Beginn der Lieferungen waren vom 21.–24. 7. in Versailles Verhandlungen zwischen den von der Dt. Friedensdelegation berufenen Sachverständigen und den Kohlensachverständigen der Entente unter Leitung des frz. Ministers Loucheur aufgenommen worden (Materialien dazu in den Nachll. von Le Suire, vorl. Nr. 67 und Silverberg, Nr. 58). – Die Verhandlungen zwischen dem all. Organisationskommitee der Repko und der dt. Kriegslastenkommission werden nachfolgend fortgesetzt (vgl. Dok. Nr. 90, P. 2).

[160] Der Minister der öffentlichen Arbeiten gab Zahlen über die Wagen und Lokomotiven und bemerkte, daß seine Verwaltung es nicht an Bestellungen habe fehlen lassen. Leider leisteten die Fabriken nur wenig. Die Minderleistung läge in seinem Betriebe nicht an der Zahl der Arbeiter, sondern an dem trostlosen Zustande des gesamten Materials, dessen Besserung infolge der arbeitsunlustigen und politisch erregten Arbeiter nicht erzielt werden könne. Um ein Bild von den Schwierigkeiten zu geben, wolle er nur anführen, daß bei den Lokomotiven seinerzeit alle Sparmetalle entfernt und durch minderwertige Ersatzstoffe ersetzt worden seien. Öl und Kohle seien schlecht, hinzu käme, daß infolge des achtstündigen Arbeitstages das gesamte Fahrpersonal nicht volle Arbeit leiste und auch die Lokomotiven infolgedessen nicht voll ausgenutzt würden. Es sei absolut erforderlich, ein Akkord- und Prämiensystem wieder einzuführen; im übrigen sollten in diesen Tagen Verhandlungen mit dem Fahrpersonal stattfinden.

Der Reichsschatzminister war gleichfalls der Auffassung, daß man einen Anreiz zur Arbeit schaffen müsse, entweder durch Prämien oder Rückkehr zum Stücklohn und daß die schärfsten Maßnahmen gegen Streiks ergriffen werden sollten.

Direktor Walther vom Reichsschatzministerium gab eine Übersicht über die vorhandenen Holzbaracken […].

Der Reichsminister des Auswärtigen hielt gleichfalls eine Steigerung der Kohlenförderung für unbedingt erforderlich mit Rücksicht auf dringende Notschreie aus Bayern, wo man mit dem Gedanken der Separation spiele9 und[161] aus Allenstein, wo man befürchte, daß eine Kohlennot auf die Abstimmung von Einfluß sein könnte10. Endlich sei die Frage von größter Bedeutung für die Ausführung des Friedensvertrags.

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Am 23. 7. hatte das AA der Rkei abschriftlich einen Bericht über die Kohlenversorgung Bayerns übersandt und aus politischen Gründen „eine schleunige Besserstellung Bayerns in der Kohlenversorgung [als] dringend erwünscht“ bezeichnet. In dem genannten Bericht hatte der pr. Gesandte in München, Zech, am 11. 7. u. a. ausgeführt: In der Bevölkerung Münchens kenne man die trostlose Lage der Kohlenversorgung. Nach alter Gewohnheit schiebe man im Publikum die Schuld auf den Norden, der dem Süden nicht genügend Kohlen abgebe. So habe der Eingang an Hausbrandkohle in diesem Jahr noch nicht die Hälfte des vorjährigen erreicht; und wenn im Norden sogar Bäderzüge verkehrten, während hier der Ausflugsverkehr ins Gebirge aufs äußerste eingeschränkt würde, so sei dies nach bayer. Ansicht ein Beweis dafür, daß im Norden genügend Kohle vorhanden sei. „Die Reichsverdrossenheit, die aus diesen Erwägungen immer neue Nahrung gewinnt, darf nicht unterschätzt werden. […] Die Entente weiß über die Kohlenlage in Bayern genau Bescheid. Der französische Gesandte in Wien, Herr Allizé, hat dem Vorstand der hiesigen Ortskohlenstelle erklärt, er werde alles tun, damit Bayern von Frankreich mit Kohle versorgt werde und hat dabei durchblicken lassen, er bedauere, daß der Versailler Friede wegen der Zugehörigkeit Bayerns zum Deutschen Reiche auch auf dieses Anwendung finde. Mit der jetzigen Zufuhr an Kohle kann Bayern nicht existieren und wenn die Entente – sobald die Misere erst voll fühlbar geworden ist – Kohlenlieferungen in Aussicht stellt, so werden solche Versprechungen auch auf die Reichstreuesten unter den Bayern ihren Eindruck nicht verfehlen und können für den Bestand des Reiches eine kaum zu ertragende Belastungsprobe bilden“ (R 43 I/2182, Bl. 58–67).

10

Am 26. 7. hatte das AA dem RMinPräs. abschriftlich einen Bericht des ostpr. OPräs. Winnig über die Kohlenversorgung Ostpreußens übersandt und um „allergrößte Beachtung“ gebeten. Winnig hatte in seinem Bericht vom 22. 7. u. a. ausgeführt, daß der im Sommer anzusammelnde Wintervorrat an Hausbrand und gewerblicher Kohle im RegBez. Allenstein und der übrigen Provinz noch völlig ungedeckt sei. Wenn es der Entente gelinge, nach der Besetzung Kohlen für den Bezirk Allenstein zuzuführen, oder wenn im Winter im restlichen Ostpreußen Unruhen infolge Kohlenmangels ausbrächen, dann sei nicht daran zu zweifeln, daß die Abstimmung gegen den Verbleib Allensteins beim Dt. Reich ausfiele. Auch sei zu befürchten, daß der Landweg und die Binnenwasserstraßen durch Posen und Westpreußen von poln. Seite entgegen allen Abmachungen für den Transport von Kohle binnen kurzem gesperrt würden. „Deshalb ist unbedingtes Erfordernis, daß in den wenigen noch zur Verfügung stehenden Wochen sämtliche in Oberschlesien und der Lausitz irgendwie verfügbaren Kohlen mit allem verfügbaren Eisenbahnmaterial hierher geschafft werden. Vor dieser Forderung muß alles andere zurückstehen. Es darf nicht vergessen werden, daß der Verlust des Regierungsbezirks Allenstein aus wirtschaftlichen Gründen auch den Verlust der Provinz Ostpreußen für das Reich bedeutet“ (R 43 I/2182, Bl. 68 f.). In seiner Antwort vom 28. 7. hatte sich der RWiM auf die Zusage beschränkt, kleinere Mengen von Kohlen aus der Lausitz zu liefern und sich um die Durchleitung der oberschles. Kohle nach Ostpreußen zu bemühen (R 43 I/2182, Bl. 284 f.).

Der Reichsminister des Innern empfahl, eine ausgiebige Propaganda in die Wege zu leiten, außerdem Brennersatzstoffe nach den großen Städten zu befördern und den Holzschlag in den Forsten zu forcieren. Das andere sollte eine Kommission bewirken helfen.

Der Gedanke einer großzügigen Agitation fand allgemeinen Beifall, desgleichen der Vorschlag, mit den verschiedenen Verbänden zu verhandeln und sie auf den Ernst der Lage hinzuweisen.

Der Reichspostminister empfahl, nach den Verhandlungen mit den Kohlenarbeitern auch Verhandlungen mit den Eisenbahnarbeitern und Eisenbahnwerkstättenarbeitern in die Wege zu leiten.

Es wurde beschlossen, die Angelegenheit im Anfang der nächsten Woche in Berlin mit den beteiligten Verbänden des Ruhr- und oberschlesischen Reviers zu besprechen11.

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Die Besprechung zwischen Vertretern der beteiligten Reichs- und Staatsministerien und den Vertretern der Verbände der Arbeitgeber und Arbeitnehmer findet am 6. 8. in der Rkei unter Vorsitz des RMinPräs. statt (Protokoll in: R 43 I/2182, Bl. 195–258). In der Tagespresse erscheint dazu eine gleichlautende Veröffentlichung, in der es über das bereits im Kabinettsprotokoll Gesagte hinaus mit Bezug auf die all. Kohlenforderungen u. a. heißt: „Deutschland ist aber verpflichtet und gewillt, diese im Friedensvertrag begründeten Kohlenforderungen zu erfüllen, soweit dies überhaupt in menschlichem Vermögen steht. Eine Einfuhrmöglichkeit von Kohle nach Deutschland besteht nicht, weil auch die Ententeländer in hohem Maße von der Kohlennot betroffen sind; auch ist nicht ersichtlich, wie eine solche Einfuhr bezahlt werden könnte. Der kommende Winter wird daher Deutschland auf jeden Fall in Hinsicht auf das Einfuhr-Material die einschneidendsten Einschränkungen auferlegen, er wird eine Kohlennot von großer Härte mit manchen unvermeidlichen Leiden und Entbehrungen für die Bevölkerung bringen.“ Eine Kommission aus Arbeitgebern und Arbeitnehmern der Kohlenindustrie werde bereits am 7. 8. unter Vorsitz des RArbM prüfen, wie die dt. Kohlenproduktion gesteigert werden könne (DAZ Nr. 376 und Vossische Zeitung Nr. 397 vom 7.8.19; Ausschnitte in: R 43 I/2182, Bl. 123 f.). – Zum Fortgang s. Dok. Nr. 44, P. 2.

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