2.44.1 (bau1p): 1. Wiederaufbau von Nordfrankreich und Belgien.

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1. Wiederaufbau von Nordfrankreich und Belgien2.

2

Im Rahmen der Überlegungen zur Bewältigung des in seinem Umfang noch nicht zu übersehenden Reparationsproblems spielte der Plan einer direkten Beteiligung Deutschlands am Wiederaufbau der zerstörten Gebiete in den ehemaligen Feindländern eine nicht zu unterschätzende Rolle. Bei der dt. Wako war auf Veranlassung RM Erzbergers ein besonderes – XIII. – Referat „Wiederaufbau der zerstörten Gebiete Belgiens und Nordfrankreichs“ eingerichtet worden. Der Wiederaufbau wurde als wirksamer Beitrag zur Verringerung dt. Barzahlungen, zur Umgehung weit über den Selbstkosten liegender Entschädigungsforderungen und zur Überwindung wirtschaftlicher und sozialpolitischer Probleme der innerdeutschen Nachkriegsentwicklung angesehen. Einzelheiten s. in den „Aufzeichnungen in der Frage des Wiederaufbaues der zerstörten Gebiete Belgiens und Nordfrankreichs“ der Mitteilungen des Referats Wiederaufbau der zerstörten Gebiete Belgiens und Nordfrankreichs, Nr. 10 vom 17.4.19 in: Nachl. von Le  Suire , Nr. 60. In den „Aufzeichnungen“ wird auch die Frage der Gründung eines dt. Wiederaufbauministeriums erörtert, die Einrichtung aber als politisch z. Zt. nicht opportun abgelehnt. Der Plan der Reparationsleistungen durch Wiederaufbau war in die Reihe der dt. Gegenvorschläge zu den all. Friedensbedingungen eingefügt worden. In der all. Antwortnote vom 16.6.19 wurde dem Angebot im Prinzip zugestimmt und Dtld. die Möglichkeit eingeräumt, innerhalb von vier Monaten nach Unterzeichnung des VV alle ihm geeignet erscheinenden Vorschläge auch über diese Art der Wiedergutmachung vorzulegen. Im entsprechenden Teil VIII des VV war die Frage der Ausführung von Wiederaufbauarbeiten allerdings nicht rechtsverbindlich geregelt worden; die all. Zusage fand lediglich in dem gleichzeitig mit dem VV unterzeichneten Zusatzprotokoll, Ziffer 5, Aufnahme. Ungeachtet dieser Rechtsunsicherheit setzte im Sommer 1919 sowohl in maßgeblichen Kreisen der dt. Wirtschaft auf Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite als auch bei den obersten Reichsbehörden eine konkurrierende Aktivität mit dem Ziel ein, am Wiederaufbau beteiligt zu werden (vgl. Dok. Nr. 40, P. 4 und 41, P. 6; weitere Materialien in: R 43 I/342). Seitens der Vertreter der dt. Friedensdelegation in Versailles, die am 26. 7. zur Erstattung eines Generalberichts nach Berlin zurückgekehrt waren (DAZ Nr. 354 vom 26.7.19), wurde der RReg. vorgeschlagen, umgehend einen RKom. für den Wiederaufbau einzusetzen und Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter zu bereits mit dem frz. Wiederaufbauminister Loucheur vereinbarten Gesprächen nach Versailles zu entsenden (Aufzeichnung über die gegenwärtige Sachlage in den Fragen der wirtschaftlichen Verhandlungen mit der Entente; o. D.; R 43 I/388, Bl. 14–16). Die Verhandlungen zur Klärung von Vorfragen der Arbeitergestellung und Materiallieferung fanden Anfang August statt und führten zur Einsetzung von 11 gemischten Unterkommissionen (R 43 I/342, Bl. 47).

[180] An der Besprechung nahmen die in der Anlage3 bezeichneten Personen teil. Der Vertreter der Kommission in Versailles, Geheimer Legationsrat Schmitt, hielt einen Vortrag über den augenblicklichen Stand der Lage, aus dem sich ergab, daß in der nächsten Zeit mit einer erheblichen Beschäftigung deutscher Arbeiter in den Wiederaufbaugebieten4 nicht zu rechnen sei, weil die Angelegenheit noch nicht zum Abschluß gekommen sei; immerhin hoffe er, daß man in absehbarer Zeit zu einer Verständigung über die einzelnen Fragen (Arbeiterfragen; Koalitions- und Versammlungsrecht, Zensur, Mitwirkung der Angestellten der Gewerkschaften, Gerichtsbarkeit) kommen würde. Er empfahl, die Presse darauf aufmerksam zu machen, daß sie möglichst nicht von Abänderung des Friedensvertrags sprechen möge, die schon von selbst kommen müßte. Auch sollte man bei Erringung kleiner Vorteile nicht von Erfolgen sprechen, ebensowenig wie auf die Uneinigkeit der Alliierten pochen. Von seiten der sachverständigen Mitglieder wurde darauf hingewiesen, daß die französischen Arbeiter und Unternehmer Widerstand gegen unsere Tätigkeit leisteten und daß man den Eindruck gewinne, daß es ihnen in der Hauptsache nur auf deutsches Material und Geräte ankomme. Es sei im übrigen dringend geboten, daß unsere deutschen Architekten sich mehr Zurückhaltung auferlegten. Insbesondere wurde von anderer Seite darauf hingewiesen, daß unter allen Umständen vermieden werden müsse, daß deutsche Unternehmer selbständig Angebote machten. Von einem Sachverständigen wurde unter Widerspruch der anderen darauf hingewiesen, daß man möglichst wenig über die Angelegenheit in die Presse bringen solle, daß man vielmehr versuchen solle, die Arbeiter durch die Gewerkschaften aufzuklären, desgleichen den Architekten-Verbänden nahezulegen, ihren Mitgliedern Zurückhaltung zu empfehlen. Die allgemeine Meinung ging dahin, daß man für Aufklärung im Lande sorgen müsse und daß ev[entuell] ein Vortrag in der großen Pressekonferenz zweckmäßig sei5. Eine weitere Frage war die der Zurverfügungstellung von Baracken, und zwar nicht nur für die Arbeiter, sondern auch für französische Familien. Über alle diese Punkte soll in Berlin von der Kommission mit den zuständigen Ressorts und sonstigen Stellen verhandelt werden; über das Ergebnis wird ein Bericht erfolgen6.

3

Nicht abgedruckt; vgl. jedoch die Anwesenheitsliste am Kopf dieses Protokolls.

4

In einem telegrafischen Bericht der dt. Friedensdelegation über eine erste Besprechung mit der vorbereitenden all. Repko unter Vorsitz Loucheurs am 11. 7. war von der Gestellung von 200 000 dt. Arbeitskräften die Rede gewesen, die – auf frz. Wunsch – in quasi-militärischer Organisation unter dt. Vorarbeitern und Ingenieuren nach Anweisung frz. Ingenieure die z. Zt. mit Aufräumungsarbeiten beschäftigten 300 000 dt. Kriegsgefangenen ersetzen sollten. Ein Junktim zwischen der Entlassung der Kriegsgefangenen und dem Einsatz von Zivilarbeitern bestehe nicht (Schroeder, Lersner, von Le Suire an GehR von Simson, RArbMin. und RWiMin., 11.7.19; R 43 I/388, Bl. 7).

5

Vgl. dazu einen halbamtlichen Bericht in der DAZ Nr. 392 vom 15.8.19, in dem „vor jedem Optimismus in der Wiederaufbaufrage und vor jeder Überschätzung der Deutschland daran zufallenden Aufgaben auf das dringendste gewarnt“ wird (Ausschnitt in: R 43 I/342, Bl. 57 f.).

6

Nicht ermittelt; zum Fortgang s. Dok. Nr. 60, P. 2.

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