2.120 (bau1p): Nr. 118 Bericht des Reichswirtschaftsministers über die Wirtschaftslage im Oktober 1919. [28. November 1919]

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Nr. 118
Bericht des Reichswirtschaftsministers über die Wirtschaftslage im Oktober 1919. [28. November 1919]1

1

Solche monatlichen Berichte hatte der RWiM auf Anordnung des RPräs. vom 17.2.19 regelmäßig an diesen zu übersenden. Die Rkei und die Mitglieder des RKab. erhielten Abdrucke dieser Berichte. Um die Grundzüge der wirtschaftlichen Entwicklung zu verdeutlichen, werden einzelne aufschlußreiche Berichte in diese Edition aufgenommen. Der hier vorgelegten Gesamtübersicht sind 24 (hier nicht abgedruckte) Einzelberichte über die Lage in den aufgeführten Wirtschafts- und Industriezweigen beigefügt (R 43 I/1147, Bl. 7–30). Nähere Angaben über Löhne, Preise, Produktionsmengen usw. sind diesen Einzelberichten zu entnehmen.

R 43 I/1147, Bl. 4–6 Umdruck

Das deutsche Wirtschaftsleben stand im Oktober weiter im Zeichen der Beruhigung und Festigung der Arbeitsverhältnisse, litt jedoch unter dem Betriebs- und Rohstoffmangel2. Die Ernährungsverhältnisse waren zufriedenstellend, wenn auch die Fleisch- und Fettversorgung Störungen erlitt.

2

In den vorangehenden, die Zeit des Kabinetts Bauer betreffenden Berichten war grundsätzlich festgestellt worden, „daß alle Bemühungen zur Steigerung der Produktion und zur Erhöhung der allgemeinen Arbeitsleistung zum Scheitern verurteilt sind, wenn nicht die Urstoffe von Bergbau und Landwirtschaft in ausreichender Menge zur Verfügung“ ständen. Maßnahmen zur Produktionssteigerung müßten in diesen Sektoren mit Vorrang eingeleitet werden (Bericht für die Zeit vom 16. 6.–15.7.19; R 43 I/1127, Bl. 126–138). Nachfolgend glaubte der RWiM eine „deutliche Besserung“ der wirtschaftlichen Entwicklung beobachten zu können, wenn auch der „Gesundungsprozeß“ weiterhin durch Mängel in der Betriebsstoff- und Rohstoffversorgung „recht erheblich“ gehemmt werde (Bericht für die Zeit vom 15. 8. bis 15.9.19; R 43 I/1128, Bl. 109–120).

Die Kohlenförderung hat sich an der Ruhr nicht verändert, in Oberschlesien ein wenig gebessert. An der Ruhr ist anscheinend der Beharrungszustand erreicht. Dabei ergibt sich, daß die Leistung pro Kopf und Schicht schwächer abgenommen hat als die reine Arbeitszeit, so daß die Durchschnittsleistung des Hauers jetzt höher ist als in den letzten Monaten vor der Revolution. Im Lugau-Zwickauer Revier haben die Arbeiter sich zur Leistung einer regelmäßigen Überstunde zugunsten der sächsischen Industrie bereit erklärt. Die Braunkohlenförderung ist etwas gestiegen.

Für Petroleum und Benzin sind erhebliche Zufuhren im November zu erwarten.

Die Eisenproduktion litt wie bisher unter Rohmaterialmangel und Transportschwierigkeiten, so daß der Bedarf auch weiter nicht gedeckt werden konnte. Die Preise wurden entsprechend den vom Roheisenverband und Stahlwerksverband gemachten Vorschlägen erhöht, nachdem stichprobenweise Nachprüfung[446] der Selbstkosten durch die Treuhand-Sektion des Reichswirtschaftsministeriums stattgefunden hatte. Die Werke des Stahlbundes haben sich bereit erklärt, den Staatsbedarf sicherzustellen und für bestimmte, in Auftrag gegebene Mengen mit kurzer Lieferfrist feste Preise zu stellen. Die Eisen verarbeitende Industrie hat Aufträge, aber nicht genügend Rohmaterial.

Für die Metallindustrie ist die Verteilung der Sparmetalle mit dem 1. Oktober eingestellt worden.

Die Textilindustrie hat mit der Freigabe der Ausfuhr eine Belebung zu verzeichnen. Die bisherigen Baumwollzufuhren haben eine bessere Beschäftigung der Baumwoll-Spinnereien ermöglicht, doch leidet die Industrie noch unter den Schwierigkeiten der Finanzierung der Baumwolleinkäufe. Die Wollpreise sind nach der Freigabe gestiegen. Auch hier ist die Zufuhr der Rohstoffe, die im Frieden zu 93% aus dem Ausland kamen, durch die Finanzierungsschwierigkeiten behindert. So wird die Stapelfaser in den nächsten Jahren als Ersatz für Wolle noch eine gewisse Rolle spielen. Ihre Bewirtschaftung wird aufgehoben, doch unter Sicherung gegen ungerechtfertigte Preissteigerungen.

Die Lederpreise sind im Oktober weiter erheblich gestiegen3. Um der Steigerung zu begegnen, hat das Reichswirtschaftsministerium zunächst zur Versorgung der minderbemittelten Bevölkerung die ReichsschuhversorgungsG.m.b.H. gegründet, der die Restbestände der Deutschen Leder-A.G. zur Verfügung stehen.

3

Nach der Aufhebung der Zwangsbewirtschaftung des Haut- und Ledermarktes durch die Bekanntmachung vom 25.8.19 (RGBl. S. 1479 ) waren die Verbraucherpreise bis Ende Oktober um rund 300 bis 600% im Vergleich zu den Höchstpreisen vom 1.5.19 gestiegen.

In der Papierindustrie fehlt es sowohl in der Papierherstellung als in der Papierverarbeitung an Kohle; doch besteht Hoffnung, wenigstens die Herstellung von Zeitungspapier auf der Höhe des Oktobers 1919 zu halten, immerhin mußten die Preise hinaufgesetzt werden und dürften weiter steigen.

Für Baustoffe ist der Kohlenmangel weiter bestimmend. Die Lage wird erschwert durch die Anforderungen der Entente für Baustoffe4. Die Entente will sich die zur Herstellung nötigen Kohlen nicht auf ihr Kohlenkontingent anrechnen lassen. Die Entnahme der angeforderten Menge aus der normalen Produktion würde jedoch die deutsche Versorgung fast unmöglich machen.

4

Vgl. dazu Artt. 236, 237, Anl. IV § 2 ff. VV.

Die Brotgetreideablieferungen sind befriedigend gewesen. Die Lieferungszuschüsse5 haben ihre volle Wirkung getan. Das Haferdruschverbot hat mit dem 15. Oktober sein Ende gefunden und ist nicht verlängert worden, dagegen sind die Kommunalverbände6 angewiesen, ihre Ausfuhrverbote aufrecht[zu]erhalten oder solche [zu] erlassen, bis die Hälfte der Haferumlage erfüllt ist. Der Versand von Hafer darf nur mit Genehmigung der Kommunalverbände erfolgen. Die Wirkung dieser Maßnahmen ließ sich noch nicht beobachten. Falls der Erfolg ausbleibt, wird zu prüfen sein, ob der Hafer nicht wieder voll beschlagnahmt werden muß.

5

Einzelheiten sind in einer VO vom 1.9.19 geregelt (RGBl. S. 1495 ).

6

Über die Aufgaben der Kommunalverbände im Rahmen der Sicherstellung der Getreideversorgung vgl. die Reichsgetreideordnung vom 21.6.17 (RGBl. S. 507 ).

[447] Die Kartoffelversorgung befindet sich in einer gefährlichen Lage. Zunächst entspricht die Ernte nicht den Erwartungen. Dann gelang es nicht, sie rechtzeitig zu bergen, so daß, insbesondere in den Gebieten östlich der Elbe7, der frühe Frost erhebliche Schäden verursacht hat. Da im Durchschnitt nur etwas über die Hälfte der angeforderten Wagen gestellt werden konnten, war es nicht möglich, die Großstädte mit Vorräten zu versehen. Insbesondere im rheinisch-westfälischen Industriegebiet mußten die Kartoffeln sofort zur Ausgabe gelangen. Die Sperre des Personenverkehrs wurde für die Kartoffelversorgung ohne Bedeutung, da die Kälte den Transport unmöglich machte. Erst mit einer Änderung der Wetterverhältnisse ist eine Besserung zu erwarten, erst dann kann die Schnelligkeitsprämie von 2,– DM pro Zentner für die Speisekartoffellieferungen vom 3. November bis 15. Dezember ihre Wirkung zeigen. Die durch Frost beschädigten Kartoffeln sollen in der Hauptsache Stärkefabriken zugeführt werden. Hier sind im Einvernehmen mit dem Reichskohlenkommissar die nötigen Maßnahmen getroffen.

7

Im Einzelbericht wird auf das Ausbleiben der poln. Saisonarbeiter zur Begründung der Schwierigkeiten bei der Ernteeinbringung verwiesen.

Die Gemüseversorgung war ohne Einfuhr aus dem Ausland möglich, doch ist das Angebot in dauerndem Rückgang begriffen, da die Dürre des Spätsommers die Hoffnungen auf eine reichliche Gemüseernte zunichte gemacht hat. Es wird aus fast allen Teilen des Reichs über Mangel geklagt, daher mußten die Erzeugerhöchstpreise für das durch Lieferungsverträge gebundene Gemüse durchweg wieder erhöht werden.

Die Frischobstversorgung war zufriedenstellend. Die Obstaufbringung für Marmeladenherstellung bleibt hinter den Erwartungen weit zurück. Es werden wohl trotz der 2 Millionen Zentner Pülpe, die aus dem vorigen Wirtschaftsjahr infolge Zuckermangels übrig blieb, nur 3 Millionen Zentner Marmelade hergestellt werden können.

Die Schlachtviehaufbringung im Oktober war schleppend und ließ erst Ende des Monats eine gewisse Besserung erkennen. Die Landwirtschaft ist mit der in der Verordnung vom 23. September 1919 vorgesehenen Verteilung des Mehrerlöses aus den Häuten nicht zufrieden8.

8

RGBl. S. 1714; Novellierung durch VO vom 26.11.19 (RGBl. S. 1903 ). – Die Störung der Schlachtviehaufbringung ist auf die Herausnahme des Häute- und Ledermarktes aus der Zwangsbewirtschaftung zurückzuführen (s. dazu Anm. 2).

Für die neue Umlageperiode, die mit dem 1. November beginnt, werden nur zwei Drittel des Bedarfs durch Schlachtungen gedeckt und ein Drittel durch Einfuhr. Die Vieheinfuhr im Oktober war gering. Die vierte Lieferung von amerikanischem Speck konnte nur teilweise zur Ausgabe gelangen, da die Reichsfleischstelle aus Rücksicht auf die Valuta mit Käufen zurückhalten mußte.

Die Fischzufuhr war in der ersten Hälfte des Monats infolge des Seemannsstreiks und des schlechten Wetters sehr gering. In der zweiten Hälfte brachten die Dampfer reichliche Fänge, doch konnte infolge des Kohlenmangels nur ein kleiner Teil der Dampfer der Weser-Häfen auslaufen. Die Ostseefischerei liegt infolge der Blockade still. In Norwegen, Schottland und Holland wurden erhebliche Posten Heringe gekauft und verladen.

[448] Die Kohlenknappheit im Verein mit der weiter sinkenden Anlieferung von Butter ermöglichte es auch im Oktober nicht, die Ration von 150 g Fett für den Kopf der Bevölkerung zur Verteilung zu bringen. Es konnten den Bedarfsbezirken nur Mengen, die eine Verteilung von 100 g ermöglichten, überwiesen werden. Die Butterablieferung ist auf etwa 10 000 Zentner zurückgegangen, an Auslandsspeisefetten sind etwa 100 000 Zentner eingeführt worden.

Die Milchversorgung ist bedenklich zurückgegangen, so daß die Einfuhr von Frischmilch aus dem Ausland für eine Reihe von Industriestädten in Aussicht genommen ist.

Der infolge des geringen Rübenanbaues in Aussicht stehende Zuckermangel wird durch Frost, Mangel an Kohlen und Wagen sowie Zurückhaltung der Rübenbauern in vielen Gegenden weiter verschärft. Es scheint aussichtslos, daß die jetzige Kopfquote aufrecht erhalten werden kann.

Die Einfuhr der Reichsstellen ist auf 351 Millionen zurückgegangen. Davon entfallen

134,7 Millionen Mark auf pflanzliche und

226,5 Millionen Mark auf tierische Nahrungsmittel.

Die bedeutsamsten Posten sind:

Reis

19,5

Millionen Mark

Hülsenfrüchte

56

Millionen Mark

Getreide

58

Millionen Mark

Vieh und Fleisch

14

Millionen Mark

Schmalz

121

Millionen Mark

Fische

56

Millionen Mark

Milch

32

Millionen Mark

Die Einfuhrpolitik wird weiter aufs äußerste erschwert durch das Loch im Westen9. Es ist bisher nur gelungen, mit den Engländern zu einer Regelung zu kommen, die für Lebens- und Futtermittel die Anerkennung der deutschen Ein- und Ausfuhrverordnungen enthält.

9

Als „Loch im Westen“ bezeichnete man die besonderen zoll- und handelspolitischen Verhältnisse im besetzten Gebiet und an der Grenze zu Elsaß-Lothringen, die die Durchsetzung der dt. Zollhoheit und eine damit verbundene Ein- und Ausfuhrregelung nur unzureichend zuließen. Vgl. dazu Dok. Nr. 119, P. 1.

Die sonstige Ein- und Ausfuhrregelung soll zur Erleichterung des Geschäftsverkehrs und um eine größere Sicherheit in die Kalkulation der Geschäftswelt zu bringen, möglichst auf generelle Regelung durch Frei- bzw. Verbotslisten und in möglichst geringem Maße auf Ein- und Ausfuhrbewilligungen im Einzelfall gestellt werden. Die Vorarbeiten für diese Listen sind abgeschlossen.10

10

Zur Wirtschaftslage im Dezember 1919 s. Dok. Nr. 154.

Schmidt

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