2.123 (bau1p): Nr. 121 Die Preußische Gesandtschaft München an das Preußische Staatsministerium. München, 3. Dezember 1919

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Nr. 121
Die Preußische Gesandtschaft München an das Preußische Staatsministerium. München, 3. Dezember 1919

R 43 I/1872, Bl. 46–47 Durchschrift1

1

Die Berichte der Pr. Gesandtschaft München gingen nicht nur dem PrStMin., sondern in der Regel auch dem AA zu. Sie gelangten damit oft zur Kenntnis des RK und des RPräs., wie zahlreiche Sichtvermerke des RPräs. und des RK auf den in den Akten der Rkei und des PA befindlichen Exemplaren bezeugen. In Einzelfällen geben die Berichte des Grafen Zech dem UStSRkei Anlaß, sich direkt an die Pr. Gesandtschaft München mit der Bitte um eine besondere Berichterstattung, z. B. über die der Reichseinheit entgegenwirkenden Bestrebungen der BVP, zu wenden (26.2.20; R 43 I/1872, Bl. 184). In diesen Fällen korrespondiert Graf Zech dann unmittelbar mit der Rkei (vgl. seine Schreiben vom 2. und 3.3.20; ebd., Bl. 186 und R 43 I/2213, Bl. 26).

[Betrifft: Verhältnis Bayerns zu Preußen und zum Reich2.]

2

Der vorliegende Bericht war der Rkei vom AA mit Anschreiben vom 19. 12. zugänglich gemacht worden (R 43 I/1872, Bl. 45; Sichtparaphe des RK vom 22. 12.). Er war vom Pr-StMin. mit Erlaß vom 23. 9. angefordert worden. Darin hieß es u. a.: „Die hochpolitische Seite der Angelegenheit ist mehr für die Reichsregierung als für die Preußische Regierung von Interesse, was aber die Preußische Regierung besonders angeht ist der Umstand, daß trotz der inzwischen eingetretenen vollkommenen Änderung der staatsrechtlichen Stellung Preußens im Reich die süddeutsche und insbesondere die bayerische Bevölkerung ihren Unmut über manche Maßnahmen des Reiches aus der letzten Zeit noch immer an die Adresse Preußens richtet.“ So werde die bevorstehende Verreichlichung des Heeres, der Eisenbahnen, der Post und der Finanzverwaltung als „Verpreußung“ dargestellt, obwohl Preußen dabei die gleichen Opfer für die Reichseinheit zu bringen habe wie Bayern. Man könne „im Zweifel sein, ob das in letzter Zeit eingeschlagene Tempo nicht überstürzt ist und ob dabei nicht manche Impoderabilien außer acht geblieben sind, deren Nichtbeachtung sich unter Umständen sogar zu einer schweren Belastungsprobe für den Bestand des Reiches auswachsen könnte. An allen diesen Dingen ist aber die Preußische Regierung vollständig unbeteiligt.“ Der Gesandte Graf Zech wurde ersucht darzulegen, welche Schritte er zur Aufklärung in Bayern und zur Überwindung der bayer.-pr. Animosität ergriffen habe (Das PrStMin. an die Pr. Gesandtschaft München, 23.9.19; Abschrift über das AA an die Rkei; R 43 I/1864, Bl. 77–81).

Wie in meiner bisherigen Berichterstattung bereits dargelegt, habe ich es stets als eine meiner wichtigsten Aufgaben betrachtet, die traditionelle bayerische Antipathie gegen Preußen mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln zu bekämpfen.

Der historische Gegensatz zwischen Nord und Süd hat bekanntlich in Bayern seit langen Jahrzehnten die Form des Preußenhasses angenommen. Gewohnheitsmäßig[453] wurde und wird jeder Norddeutsche, ohne Rücksicht auf seine Staatsangehörigkeit, wenn er sich das Mißfallen der Bayern zugezogen hat, mit dem Namen „Saupreuß“ belegt. In der gleichen Weise wird jedes hier nicht genehme politische Ereignis, das im Reiche vor sich geht, gleichgültig ob in Berlin oder an einem anderen Orte, dem Preußentum in die Schuhe geschoben. Selbst Entschlüsse der Bayerischen Regierung, welche dieser oder jener Partei nicht erwünscht sind, werden mit dem Argumente bekämpft, daß die Preußen wieder einmal zum Schaden Bayerns ihre Hand im Spiele gehabt hätten. So hat sich die Hetze gegen „Preußen“ allmählich zu einem Agitationsmittel der innerbayerischen sowohl, wie der bayerischen zwischenstaatlichen Politik herausgebildet. Ich brauche in diesem Zusammenhang nur auf das allbekannte „Bayerische Vaterland“3 hinzuweisen, dessen früherer, nun schon lange verstorbener Redakteur Dr. Sigl es durch seine maßlosen Angriffe gegen Preußen zu einer Art von Berühmtheit über die Grenzen seines engeren Vaterlandes hinaus gebracht hatte.

3

Münchener Tageszeitung bayer., monarchistischer, christlicher Richtung.

Es liegt wohl auf der Hand, daß unter diesen entwickelungsgeschichtlichen Umständen heut Preußen gesagt wird, wenn man „Reich“ meint, gleichviel ob Preußen großen, geringen oder gar keinen Einfluß im Reiche hat. Alles, was kritisiert werden soll, wird schematisch als „preußisch“ gebrandmarkt, weil dieses Etikett nun einmal gang und gäbe ist, wenn es sich darum handelt, die öffentliche Meinung zu erhitzen. Es ist dies ein inner- und parteipolitisches Kampfmittel, das sich die Presse und die Parteien nicht von heut auf morgen entwinden lassen. Eine unmittelbare Beeinflussung der Presse durch Lancieren von Gegenartikeln auf besonders heftige Anwürfe würde daher das gesteckte Ziel nicht erreichen. Jede derartige Veröffentlichung würde vielmehr sofort begierig aufgegriffen und als inspiriert gebrandmarkt werden. Der Zweck wäre verfehlt und das in Frage kommende Blatt auf kürzere oder längere Zeit kompromittiert.

Ich habe bisher die Politik verfolgt, beständig bei jeder sich mir bietenden Gelegenheit die Mitglieder der bayerischen Regierung und die Vertreter der mehrheitssozialistischen und demokratischen Presse in geeigneter Weise auf die Gefährlichkeit dieses Hetzunfugs hinzuweisen. In den vergangenen Monaten im besonderen habe ich hinsichtlich der Unitarisierungsbestrebungen und der daran geknüpften Kritiken stets darauf aufmerksam gemacht, daß solche Tendenzen keineswegs von Preußen ausgingen, daß dieses Land vielmehr selbst in noch höherem Grade als Bayern dadurch Machteinbuße erlitte. Ein Teil der[454] Presse hat auch schon hin und wieder aufklärende Bemerkungen über die wahre Lage der Dinge einfließen lassen. Es ist dies, wie bemerkt, die einzig mögliche Methode, allmählich bessernd zu wirken, da ad hoc lancierte Widerlegungsartikel doch keinen Glauben finden. Fühl- und merkbare Besserung zu erzielen ist nur in einer zähen und zielbewußten Arbeit von Jahren möglich. Es wird dies stets die wichtigste, aber auch schwerste Aufgabe der hiesigen Vertretung bilden, welche großen politischen Takt und Erfahrung fordert.

Ich komme nunmehr zu dem angeblichen „Untersuchungsausschuß zur Ermittelung der Personen, welche an der Vernichtung der staatlichen Selbständigkeit Bayerns die Schuld tragen“. Das führende Münchner Zentrumsblatt, der „Bayerische Kurier“, hat in der Tat vor einiger Zeit in einer kurzen Veröffentlichung zur Einsetzung eines derartigen Ausschusses aufgefordert. Dieser Aufruf ist aber lediglich einer der zahlreichen agitatorischen Auswüchse, welche das bayerische Zentrum in jüngster Zeit hervortreibt.

Die gegenwärtige Zusammensetzung des Zentrums und seine daraus resultierende innerpolitische Tendenz ergibt sich aus der politischen Entwickelung des verflossenen Jahres. Die November-Revolution und das sich daran knüpfende régime Eisner, das in der Räterepublik gipfelte, hat dem bayerischen Zentrum zahlreiche Anhänger in die Arme getrieben, die sich ihm, als einer Partei der Ordnung, lediglich aus Widerspruch zu dem immer größer werdenden Chaos anschlossen. Das Zentrum hat die Konjunktur zu nutzen verstanden und ist heute mehr denn je an der Arbeit, die Massen der Wähler zu beeinflussen, in der Hoffnung, daß ihm die kommenden Wahlen die alte Herrschaft über Bayern zurückgeben. Von jeher der Hort des Partikularismus, ist das Zentrum, oder wenigstens ein Teil desselben, auch heute der Träger der separatistischen Gedankengänge. Aus seinen Reihen stammt die Idee einer Wiederaufrichtung der bayerischen Monarchie, wenn möglich in der Form eines größeren Bayerns, das Tirol und Deutsch-Österreich umfassen und sich von dem Reiche trennen soll4.

4

Diesen Vorgängen hatte der Gesandte Zech am 25. 10. einen besonderen Bericht gewidmet und darin u. a. ausgeführt: „Der monarchische Gedanke hat in Bayern im Laufe der letzten Monate entschieden an Boden gewonnen. Wollte man heute auf dem platten Lande abstimmen lassen, so würde eine recht erkleckliche Anzahl von Stimmen für die Monarchie abgegeben werden. Die Menschen, die von der Republik den Beginn des goldenen Zeitalters erwartet hatten, sind jetzt enttäuscht, daß die Preise nur weiter steigen, daß die Unsicherheit nicht abnimmt usw. usw., ohne einsehen zu wollen, daß keine Regierungsform der Welt nach einem solchen verlorenen Kriege die Ordnung sofort wieder herstellen könnte. Das Bedauerlichste bei der Bewegung ist, daß sie ganz zwangsläufig mit einem gewissen Separatismus Hand in Hand geht.“ Aus diesem Grunde würden die monarchistischen Bestrebungen von Frankreich lebhaft unterstützt. „Auf dem Umwege über die Monarchie soll die Loslösung Bayerns vom Reich um so sicherer vollzogen werden.“ Hauptsitz aller monarchistisch-separatistischen Bestrebungen sei die Schwesterpartei des Zentrums, die Bayerische Volkspartei, deren Anhängerschaft in den letzten Monaten zugenommen habe. Zwar sei die eventuelle Wiedergewinnung der altgewohnten Zentrumsmehrheit in Bayern nicht gleichbedeutend mit der Wiedereinführung der Monarchie – „denn zu einem Königtum von Zentrums-Gnaden würde und könnte sich Wittelsbach nicht hergeben“ –, doch werde das Reich gut daran tun, „den Vorgängen in Bayern volle Aufmerksamkeit zu schenken“ (Die Pr. Gesandtschaft München an das PrStMin., 25.10.19; Abschrift; PA Deutschland Nr. 162, Bd. 10; lt. Kanzleivermerk übersandte das AA weitere Abschriften an die Rkei und das RIMin.; diese konnten nicht ermittelt werden).

[455] Einen längeren Artikel des „Bayerischen Kurier“ vom 19. November, der den revolutionären Staatsmännern Bayerns den Vorwurf macht, ohne Not die staatliche Selbständigkeit des Landes den Unitarisierungstendenzen geopfert zu haben, füge ich im Ausschnitte bei5. Auf diesen Artikel folgte dann der Aufruf zur Einsetzung des Untersuchungsausschusses. Zu irgendwelchen praktischen Ergebnissen hat er nicht geführt und im Bureau des Landtages ist überhaupt nichts über die Sache bekannt. An sich ist diese Angelegenheit bedeutungslos; ernst aufzufassen hingegen ist die Tendenz, aus der die Idee entsprang.

5

Bayerischer Kurier Nr. 324 vom 19.11.19 (Ausschnitt in: R 43 I/1872, Bl. 48). Nicht abgedruckt.

In Erwiderung auf die Auslassungen des „Bayerischen Kuriers“ wird übrigens die Staatsregierung nächstens eine Reihe von Artikeln veröffentlichen, die sich mit der Stellung Bayerns zum Reiche und der Aufgabe seiner Selbständigkeit beschäftigen sollen.

Ich fasse noch einmal kurz zusammen […]

Zum Schlusse möchte ich noch bemerken, daß die einschlägigen Verhältnisse in Bayern ganz anders liegen, als in den übrigen süddeutschen Ländern, wie z. B. Württemberg, das nie partikularistisch und reichsfeindlich gesinnt war. Auf diesen eigenartigen, geschichtlich begründeten Geist Bayerns muß Rücksicht genommen werden, wenn man in langsamer und vorsichtiger Arbeit die Dinge zum Besseren wenden will.

gez. Zech

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