2.128 (bau1p): Nr. 126 Der Chef der Admiralität an den Reichskanzler. 10. Dezember 1919

Zum Text. Zur Fußnote (erste von 8). Zu den Funktionen. Zum Navigationsmenü. Zum Navigationsbaum

 

Bandbilder:

Das Kabinett BauerKabinett Bauer Bild 183-R00549Spiegelsaal Versailles B 145 Bild-F051656-1395Gustav Noske mit General von Lüttwitz Bild 183-1989-0718-501Hermann EhrhardtBild 146-1971-037-42

Extras:

 

Text

RTF

Nr. 126
Der Chef der Admiralität an den Reichskanzler. 10. Dezember 19191

1

Ein hschr. Entw. von Trothas vom 9. 12. befindet sich im Nachl. von Trotha , H 23. Abschriften gingen an den RAM und den RWeM. Sichtvermerk des RK vom 11. 12. – Das Schreiben ist abgedruckt bei Adolf von Trotha: Volkstum und Staatsführung, S. 173–175.

R 43 I/13, Bl. 20–21 Umdruck

[Betrifft: Schadensersatzforderungen der Entente; Aufgaben der Marine.]

Euere Exzellenz gestatten mir, bei der großen Wichtigkeit der vor uns liegenden Entscheidungen, nachstehend noch einmal die Gedanken zum Ausdruck zu bringen, die ich in der heutigen Kabinettssitzung vertreten habe2.

2

Gemeint ist die Sitzung vom 9. 12. (Dok. Nr. 124, P. 2).

Abgesehen von der Gewaltfrage, die mit der Note der Alliierten vom 3. November verbunden bleibt, steht in der heutigen Antwort der Entente, von meinem Standpunkt aus, folgendes im Vordergrund:

Unsere Feinde wollen eine Berücksichtigung unseres Wirtschaftslebens nur insoweit anerkennen, als es sich um die Fluß-Schiffahrt und ähnliche Betriebe handelt. Ihr uns vorgesetzter Wille ist die Vernichtung unseres selbständigen Überseehandels auch in seinen letzten Lebenswurzeln.

Ein Volk wie das unsere, das sich auf einer so hohen Stufe völkischer Entwicklung befindet, das so weit aufgegangen ist in der Auswertung seiner hohen technischen und industriellen Fähigkeiten, kann ohne eine eigene, national wieder anwachsende Seefahrt nicht bestehen. Wird der Umschlag im Seehafen, der Dienst des Spediteurs und Maklers, das seemännische Geschäft über See in fremde Hand gezwungen, dann ist uns die stärkste Lebensader des Wirtschaftslebens abgebunden, dann sind wir dem Aussaugungssystem der Entente[467] hoffnungslos verfallen, dann kann uns keine Arbeit wieder hochbringen, kein selbständiges Geldgeschäft wieder zufallen. Unser inneres Wirtschaftsleben in allen seinen Verzweigungen und Kraftquellen bleibt unselbständig, wir sind nicht nur Arbeitssklaven der Entente, sondern indem wir mit Gewalt in unserem Entwicklungsgang zurückgeschraubt werden, sind große Teile unseres arbeitsamen Volkes der Verelendung ausgeliefert.

Auf eine selbständige deutsche Seefahrt dürfen wir nicht verzichten, komme, was da wolle, dieser Gedanke muß unabweislich für unsere Unterhändler fest bleiben.

Ich habe diese Gedanken zum Ausdruck gebracht, weil ich mich aus meinem Beruf heraus verpflichtet fühle, außerhalb jeden einseitigen Geschäftsinteresses stehend, auch für die allgemeinen Seeinteressen unseres Volkes einzutreten. Diese sind dabei auch die Unterlage für die Aufgabe, die ich in meiner Stellung als Chef der Admiralität, für die Kriegsmarine, zu lösen habe.

Die Kriegsmarine soll außer der Deckung unserer Küsten, dem Wiederaufleben unserer notwendigen Seeinteressen als unentbehrlicher Rückhalt dienen. Die Handelsflagge allein kann diese Arbeit für das Deutschtum nicht leisten. Wo die Handelsflagge wieder erscheint, muß auch die Staatsautorität sich zeigen. Die Kriegsmarine muß gerade nach diesem Kriege wieder helfen, unsere uns3 unterbundenen Beziehungen über See neu anzuknüpfen4.

3

„Uns“ hschr. verbessert aus „nur“. „Nur“ wird in den oben zit. Buchabdruck wieder übernommen.

4

Diese Gedanken gehen in eine durch von Trotha am 10.2.20 signierte mschr. Aufzeichnung über „Künftige Aufgaben der Marine“ ein. Dort heißt es u. a.: „Wir brauchen die große Verkehrsader, […] über der die deutsche Flagge weht. Wenn im deutschen Hafen der fremde Makler sitzt, […] dann sind wir keine selbständige Nation, […] wir bleiben ein Sklavenvolk. […] Unser Volk hat nach dieser Überanstrengung eine gewisse Angst vor dem Gedanken an Macht. Wir wollen ja aber keine Macht, wir wollen nur Arbeit für die Heimat schaffen, wir wollen vermitteln, daß das Deutsche Blut draußen seine Heimat nicht vergißt, daß es nach uns verlangt, um seine Kultur sich zu erhalten, nach uns greift, um seine Bedürfnisse zu befriedigen.“ Die größte Aufgabe der Marine bestände darin, an diesem Auftrag mitzuarbeiten (Nachl. von Trotha , D 35; weitere Begründungen zur Aufrechterhaltung der Reichsmarine ebd., D 29, D 33, D 36).

So ist die von uns verlangte Auslieferung der letzten 5 modernen Kreuzer eine Forderung, der ich nur auf das Ernsteste widersprechen kann5. Sie macht uns nicht nur an unseren Küsten bis zum äußersten Maße wehrlos auch gegen die kleinste Marine, macht unsere jetzt ganz offenen Ostseehäfen jedem Einbruch zugänglich, sondern sie drückt auch irgend eine Unterstützung unserer Auslandsinteressen auf das niedrigste Maß herunter.

5

Über die in Art. 185 VV festgelegte Ablieferung von Schlachtschiffen, Kreuzern, Zerstörern und Torpedobooten hinaus, war die Ablieferung der Kreuzer „Regensburg“, „Pillau“, „Königsberg“, „Graudenz“ und „Straßburg“ als Kompensation für den Scapa Flow-Zwischenfall gefordert worden. Der Marine würden danach noch 8 ältere zwischen 1899 und 1908 auf Stapel gelegte Kreuzer verbleiben, die jedoch alle nicht fahrbereit oder abgerüstet waren (Dt. Tageszeitung Nr. 560 vom 10.11.19; Ausschnitt in : R 43 I/601, Bl. 37).

Die Auslieferung dieser mit hingebendster Arbeit wieder auf einen anerkennenswerten Stand gebrachten Kreuzer an den Feind, stellt im übrigen eine Anforderung dar, die fast der Auslieferung der Ubootkommandanten gleichzustellen ist. Der Herr Wehrminister weiß, daß ich meinen ganzen Einfluß aufgeboten[468] habe, Offiziere und Besatzungen selbst für einen solchen Auslieferungsfall in der Hand zu behalten6. Ob ich dies mit Erfolg werde durchhalten können, kann ich heute nicht übersehen. Wir können dabei vor die ernstesten Fragen gestellt werden, trotzdem der Herr Reichswehrminister mir zugesichert hat, daß eine Überführung durch Marinemannschaften nicht in Frage kommen kann. Es fängt jetzt auch das Personal des Arsenals an Schwierigkeiten zu machen, der Auslieferung irgendwie zu dienen. – Kohlen sind für die Überführung auch nicht vorhanden. – Ich muß schließlich noch darauf hinweisen, daß auch der Gedanke, der Entente den Bau von Kriegsschiffstonnage anzubieten, seine sehr bedenklichen Seiten hat7. Wie ich an anderer Stelle vorgerechnet habe, bleiben uns für einen solchen Fall, nachdem rund 200 000 t Kriegsschifftonnage auf den Werften festliegen, für unseren Handelsschiffsbau nur ungefähr 150 000 als letzte Baureserve übrig, während das wertvollste Schiffsbaumaterial durch die zu bauenden Kriegsschiffe uns entzogen, ohne uns Geldwerte zu schaffen, an die Entente übergeht.

6

In einem Erlaß vom 13. 11. hatte der ChdAdm. an die Marine appelliert, nicht seine im Verein mit der Heeresleitung unternommenen Schritte gegen die als „ungeheuerlich“ empfundene Hergabe auch der letzten Schiffe „unserer siegreichen Flotte“ durch unüberlegte Handlungen einzelner zu vereiteln. Um den Feinden keine Handhabe „für immer neue Erpressungen“ zu geben, untersagte er jede Sabotage gegen die in der zit. Note enthaltenen Forderungen, „wie auch immer die Regierung über diese Note beschließen wird“. Gleichzeitig sicherte er zu, daß eine Überführung von Schiffen durch Marinepersonal nicht in Frage komme (Nachl. von Trotha , H 23; abgedruckt bei Adolf von Trotha: Volkstum und Staatsführung, S. 171–173).

7

Der Vorschlag, fünf der zur Zeit auf dt. Werften im Bau befindlichen kleinen Kreuzer nach Fertigstellung an die Entente zu liefern, wird von der dt. Delegation im Rahmen der Verhandlungen über die Ablieferung dt. Hafenmaterials dennoch unterbreitet (DBFP, 1st Series, Vol. II, S. 552).

Zusammengefaßt kann ich nur wiederholen: Eine Auslieferung unseres letzten Handwerkszeuges für ein selbständiges Wirtschaftsleben über See muß eine Unmöglichkeit bleiben8.

8

Zum Fortgang s. Dok. Nr. 137, P. 2.

von Trotha

Extras (Fußzeile):