2.192 (bau1p): Nr. 190 Aufzeichnung des Regierungsrats Doehle über seine Reise zur Reichsregierung nach Dresden am 13. und 14. März 1920

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Das Kabinett BauerKabinett Bauer Bild 183-R00549Spiegelsaal Versailles B 145 Bild-F051656-1395Gustav Noske mit General von Lüttwitz Bild 183-1989-0718-501Hermann EhrhardtBild 146-1971-037-42

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Nr. 190
Aufzeichnung des Regierungsrats Doehle über seine Reise zur Reichsregierung nach Dresden am 13. und 14. März 19201

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Die Aufzeichnung ist auf den 16.3.20 datiert und wurde, wie einem Anschreiben, mit dem der spätere MinR Doehle diese Abschrift Schiffer am 24.2.30 übersandte, zu entnehmen ist, für die Akten des Büros des RPräs. angefertigt (Nachl. Schiffer , Nr. 18, Bl. 110 f.).

Nachlaß Schiffer, Nr. 18, Bl. 141–143 Abschrift

Am Sonnabend, den 13. März 1920, abends 7 Uhr fuhr ich im Auftrage des Gesandten Riezler nach Dresden, um dem Reichspräsidenten über die Vorgänge in Berlin Bericht zu erstatten. Der Präsident empfing mich in der Frühe des 14. März 1920 und ich entledigte mich meines Auftrages. Während des 14. 3. blieb ich in der Begleitung des Präsidenten und der in Dresden anwesenden Mitglieder des Kabinetts. Es waren dies der Reichskanzler Bauer und die Minister Koch, Müller, Noske und Geßler2 .

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Soweit ersichtlich waren auch die Minister Giesberts und David nach Dresden ausgewichen.

[680] Die Besprechungen und Beratungen fanden im Ständehaus an der Brühlschen Terrasse statt.

Von wesentlichem Einfluß auf die Entschließungen der Reichsregierung war das Verhalten des den Dresdener Wehrkreis IV befehligenden Generals Maercker3. Dieser hatte am Samstag nachmittag von General von Lüttwitz den Befehl erhalten, den Präsidenten und die Minister in Schutzhaft zu nehmen. Er hatte diesen Befehl zwar nicht ausgeführt, sein Verhalten war aber andrerseits nicht zweifelsfrei verfassungstreu. Insbesondere hatte er es abgelehnt, irgend eine Aktion gegen General von Lüttwitz zu unternehmen. Um die Aktionsfreiheit der Reichsregierung unter allen Umständen zu wahren, war daher bereits am Samstag abend [13. 3.] beschlossen worden, den Sitz der Reichsregierung alsbald nach Stuttgart zu verlegen und die Nationalversammlung dorthin einzuberufen4.

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Die autobiographische Darstellung Maerckers (Vom Kaiserheer zur Reichswehr. Leipzig 1921) gibt darüber nur unbefriedigende Aufschlüsse. Nähere Einzelheiten sind den Zeugenaussagen Noskes und Maerckers im Hochverratsverfahren gegen Jagow und Genossen zu entnehmen (auszugsweise abgedruckt bei Karl Brammer: Verfassungsgrundlagen und Hochverrat. S. 48 ff.).

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Über die Lage der RReg. am 13. 3. abends vermerkte RIM Koch in seinem Tagebuch: „Bauer fast gebrochen. Auch Ebert stumpf. Wollen, daß ich Fehrenbach ersuche, wegen Einberufung der Nationalversammlung zu Verhandlungen hierher zu kommen. Widerspreche. Mache, da Dresden unsicher, telefonisch mit ihm ab, daß Nationalversammlung auf Dienstag nach Stuttgart berufen wird. Telefoniere auch nach Stuttgart. Bearbeite Wolffs Bureau immer unter dem Widerspruch oder Zögern Bauers und Eberts. Müller frischer, auch Geßler. Telefoniere und drahte an Länder, Oberpräsidenten, lasse grundsätzlich viel von mir hören“ (Nachl. Koch-Weser , Nr. 25, S. 11). Die aktive Rolle Kochs wird durch die Aufzeichnungen des gleichfalls in Dresden anwesenden Hptm. Hahn vom Stab des RWeM bestätigt (Nachl. GenLt . Eugen Hahn; Aufzeichnung vom 7.4.20).

Am Sonntag vormittag wurden die hierzu erforderlichen Anordnungen getroffen, das Einvernehmen mit der Württembergischen Regierung hergestellt und der treu auf dem Boden der Verfassung stehende General Haas in Stuttgart angewiesen, gemäß den Anordnungen der Stuttgarter Regierung den Schutz von Reichsregierung und Nationalversammlung für die Zeit ihres Aufenthaltes in Stuttgart zu übernehmen.

Die Haltung Maerckers gab inzwischen zu verstärktem Mißtrauen Anlaß. Als der Präsident und der Reichskanzler ihre Autos nach dem Ständehaus befahlen, wurde mitgeteilt, die Wagen würden auf Befehl des Generals Maercker festgehalten. Auf wiederholte energische Vorstellungen durch Vermittelung des Sächsischen Ministerpräsidenten Gradnauer verfügte Maercker die Freigabe. Gegen Mittag erschien er selbst zu erneuter Verhandlung im Ständehaus. Nach längerer Besprechung faßte er seinen Standpunkt dahin zusammen, daß er bereit sei, die Sächsische Landesverfassung unter allen Umständen zu schützen, die gleiche Zusicherung aber bezüglich der Reichsverfassung nicht abgeben könne, da er sonst Gefahr laufe, seine Truppen, deren Stimmung durchaus für Kapp und Lüttwitz sei, aus der Hand zu verlieren. Die Verhandlung schloß somit ohne befriedigendes Ergebnis und unter dem Eindruck der Illoyalität Maerckers5.

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In dem in Anm. 1 zit. Begleitschreiben teilt Doehle im einzelnen mit: „Von der Besprechung im Ständehaus mit General Maercker ist mir noch in besonderer Erinnerung die feste, würdige Haltung des Reichspräsidenten Ebert. Als Maercker seine zweideutige Erklärung abgegeben hatte, sagte Präsident Ebert ganz ruhig: ‚Nun, Herr General, ich hätte eine andere Antwort von Ihnen erwartet; ich danke Ihnen, Herr General.‘ Mit einem stolzen Kopfnicken ohne Händedruck wurde Maercker verabschiedet und verließ sichtlich betroffen und beschämt das Zimmer.“ RIM Koch berichtet in einem Nachtrag zu seinen Aufzeichnungen vom Vortag: „Ebert lehnte ausdrücklich die Vermittlung ab, auch Bauer. Ebert fügt hinzu, wenn Kapp sich unterwerfen wolle und freies Geleit habe[n wolle] oder ähnliches, so wäre das vielleicht möglich. Als Maercker fragt, ob er deshalb hinfahren soll, schwankt Bauer einen Augenblick und sagt: Vielleicht. Ich widerspreche aber alsbald, und Ebert erklärt, es lohnt sich nicht, Herr General; trotzdem erklärt Maercker zum Schluß, nun fahren werde ich vielleicht doch“ (Nachl. Koch-Weser , Nr. 24, S. 34).

[681] Bald darauf ließ dieser mitteilen, er fahre am selben Tage nach Berlin, um mit Lüttwitz zu verhandeln6. Da ihm seitens der Regierung hierzu keinerlei Anregung gegeben worden war, ließ sein Vorhaben seine Haltung noch verdächtiger erscheinen. Es wurde mit der Möglichkeit gerechnet, daß er nicht den Abendschnellzug (7.44 Uhr), sondern ein Flugzeug benutzen und schon nachmittags in Berlin sein, und daß er dort durch die Putschisten ganz auf ihre Seite gezogen werden und telefonisch Gewaltmaßregeln gegen die Mitglieder der Regierung, insbesondere deren Verhaftung anordnen würde. Deshalb verließen der Präsident und die Minister noch am selben Nachmittag Dresden im Kraftwagen.

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Vor seiner Abreise richtete Maercker einen auf den 14. 3., 17 Uhr, datierten Brief an den RPräs., in dem er nach „eingehender Rücksprache“ mit dem Reichswehrgruppenkommando 2 als Ziel seiner Reise angibt, „die neue Regierung zu veranlassen, den verfassungsmäßigen Zustand wieder herzustellen“. „Unbedingte Voraussetzung dafür“ sei seiner Ansicht nach, die Erfüllung folgender Forderungen durch die „alte Regierung“: „1. Bildung einer Koalitionsregierung auf möglichst breiter Grundlage, wenn irgend möglich unter Beteiligung von Mitgliedern der jetzigen Berliner Regierung. 2. Frühzeitige Ansetzung der Wahlen. 3. Wahl des Reichspräsidenten durch das Volk und nicht durch den Reichstag“ (R 43 I/2727, Bl. 27).

Ich selbst fuhr mit dem Abendschnellzug nach Berlin zurück, um dem in Berlin verbliebenen Vizekanzler und Justizminister Schiffer sowie dem Gesandten Riezler über die Lage in Dresden zu berichten. Mehrere Briefe der Minister Koch7, Geßler und des Geheimen Oberregierungsrats [!] Brecht aus der Reichskanzlei8 brachte ich ohne Schwierigkeiten nach Berlin. Meine Vorsichtsmaßregeln gegen eine Durchsuchung erwiesen sich als unnötig. Die Putschisten hatten an die naheligende Überwachung des Dresdener Schnellzuges offenbar nicht gedacht.

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Siehe Dok. Nr. 191.

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Schreiben Brechts vom 14.3.20 ohne Adressaten. Es war offensichtlich an UStS Albert oder seinen Vertreter im Amt gerichtet und enthielt, in neun Punkte gegliedert, Mitteilungen und Handlungsanweisungen, darunter: „4. Bitte Unterstaatssekretär Albert, Wever usw. auch mündlich in anderen Ämtern, besonders Wirtschaftsministerium auf Obstruktion gegen Berliner Regierung zu dringen. Ostertag usw. sollen unter keinen Umständen für die Berliner Regierung Dienst tun, sonst werden sie entlassen, die anderen Ämter mindestens nichts, was eine Unterstützung der Berliner Regierung bedeutet.“ „7. Stellung von Maercker war schwankend. Verschiedene Verhandlungen heute mit ihm. Eben versichert er, daß im Wehrkreis IV nichts gegen die Verfassung geschehen soll. Er fährt heute abend nach Berlin, um dort auf Herstellung verfassungsmäßiger Zustände zu dringen. Wie er von dort zurückkommt, bleibt abzuwarten.“ Im übrigen wird die Verlegung des Sitzes der RReg. nach Stuttgart angekündigt und auf einen beiliegenden Aufruf verwiesen (R 43 I/2727, Bl. 13 f.). – Zum Aufruf vgl. Dok. Nr. 192.

gez. Dr. Doehle

Regierungsrat.

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