2.197 (bau1p): Nr. 195 Der deutsche Geschäftsträger in Paris an den Reichsaußenminister. Paris, 15. März 1920

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[688] Nr. 195
Der deutsche Geschäftsträger in Paris an den Reichsaußenminister. Paris, 15. März 19201

1

„Durch Spezialkurier“ – Legationssekretär List (vgl. Telegr.-Aufzeichnung vom gleichen Tag) – an den RAM in Stuttgart. Präsentatum vom 16.3.20, Sichtparaphe Müllers auf der ersten Seite des Schreibens.

PA, Deutschland 163, Bd. 14

[Betrifft: Kapp-Lüttwitz-Putsch.]

Der Staatsstreich der Herren Dr. Kapp und Lüttwitz wurde hier gerüchtweise Sonnabend, den 13. d[iese]s [Monats], gegen ½11 Uhr vormittags und in seinen Einzelheiten durch den gegen 4 Uhr nachmittags erscheinenden „Intransigeant“ bekannt. Wenn auch die Presse die alldeutsche Gefahr schon vorher an die Wand malte, so hatte doch niemand in diesem Augenblick einen Umsturz erwartet und es noch weniger für möglich gehalten, daß sich ein solcher so rasch und widerstandslos vollziehen konnte. Sehr wichtig war es, daß schon im Laufe des Nachmittags bekannt wurde, daß es sich nicht um eine allgemeine Militär-Revolte handelte, sondern um die Aktion von Truppenkörpern, die aus dem Baltikum zurückgekehrt und zur Auflösung bestimmt waren. Beruhigend wirkte auch das Bekanntwerden der Tatsache, daß führende Köpfe der politischen Parteien bei dem Staatsstreich nicht beteiligt waren.

Der vom Quai d’Orsay bediente „Petit Parisien“ erklärte sofort, daß Frankreich und die Alliierten wahrscheinlich abwarten würden, bis das deutsche Volk in neuen Wahlen, die aber unter genügenden Garantien der freien und ernsthaften Abstimmung stattfinden müßten, Stellung genommen habe. Die alliierten diplomatischen Vertreter in Berlin könnten mit der neuen Regierung in keine diplomatischen Beziehungen treten, nicht einmal hinsichtlich der von der Botschafterkonferenz gefaßten Beschlüsse. Militärische Vorsichtsmaßregeln am Rhein würden dagegen sofort zu treffen sein. Im Gegensatz zu dieser Haltung verlangte ein Leitartikel des „Temps“ unter Verwertung unbestätigter Gerüchte über die Ausbreitung der monarchistischen Bewegung in Hamburg, Hannover und Bayern energische Maßnahmen, bevor es zu spät sei. In[689] anderen Blättern war offen von einer Besetzung des Ruhrgebiets und Frankfurt a. Main die Rede. Andererseits nahm die Presse auch von einer offenbar weit verbreiteten Auffassung Notiz, Deutschland werde sich durch Trennung des Südens vom Norden in seine Teile auflösen und so Frankreich das ganz von selbst in den Schoß fallen, was es vergeblich im Kriege und bei den Friedensverhandlungen erstrebt habe2.

2

Vgl. dazu den von Vatikanbotschafter von Bergen am 15. 3. dem AA mitgeteilten Auszug aus einem Telegr. des Korrespondenten des „Messagero“ aus Paris: „In den politischen und diplomatischen Kreisen accentuiert sich immer mehr die tiefe Befriedigung über die Vorgänge in Deutschland, ob nun die militaristische Regierung gestürzt wird, oder ob sie bleibt. Tatsächlich wird, wie dies die Ansicht in Paris ist, Europa und besonders den englischen und italienischen Alliierten bewiesen, daß Deutschland unfähig ist, sich mit demokratischen Einrichtungen zu regieren, daß folglich eine weitherzige Interpretation des Versailler Friedensvertrages ebenso wie die Verbesserungen und Abschwächungen, welche man ihm geben wollte, nicht allein verfrüht, sondern direkt in höchstem Grade unklug waren; es ist daher wahrscheinlich, daß die Französische Regierung stark durch die Situation sich vorbereitet, bis zum äußersten aus dem bedauernswerten militaristischen Eingreifen in die inneren Angelegenheiten Deutschlands Vorteil zu ziehen. Die von Foch gemachten Vorschläge sind natürlich sehr energisch und zielen auf Besetzung des Ruhrbeckens und von Essen. Diesen militärischen Zwangsmitteln gegenüber tauchen jedoch andere Ideen vor den politisch denkenden Menschen auf, um aus der gegenwärtigen Lage Nutzen zu ziehen und um das wieder gutzumachen, was nach Ansicht einiger französischer Staatsmänner der größte Irrtum der clouyistischen [sic] Friedenspolitik war, nämlich den begangenen Fehler gutzumachen, daß Deutschland geeint gelassen und in seiner Zentralisation gestärkt wurde. Man spricht davon, die in Bayern schlummernde separatistische Bewegung zu begünstigen, diese deutsche Provinz mit Österreich und Tirol zu vereinen und die Grenze zwischen dem militaristischen Preußen und dem pazifistischen Bayern [an] den Main zu verlegen“ (PA, Dtld. 163, Bd. 14).

Sonnabend, den 13. d[iese]s [Monats] nachmittags beschäftigte sich die Botschafterkonferenz eingehend mit der Lage. Der in Berlin bekannte M. Haguenin, der tags zuvor von dort nach Paris gekommen war, suchte mich während der Botschafterkonferenz im Auftrage Millerands auf, um etwaige neue Nachrichten entgegenzunehmen. Er teilte mir vertraulich mit, die Botschafterkonferenz habe zunächst auf dem Standpunkt gestanden, man müsse offen gegen die neue Regierung Stellung nehmen, es sei dann aber zu einer vorerst abwartenden Haltung gekommen. Er fügte noch hinzu, Millerand wäre im Begriffe gewesen, Deutschland sehr entgegenkommende Anerbietungen zu übermitteln, die einen Modus vivendi für beide Teile ergeben hätten; das sei jetzt leider unmöglich geworden. Er gab sich den Anschein, daß er bei den Verhandlungen über diesen Modus vivendi immer für möglichstes Entgegenkommen gegenüber Deutschland eingetreten, dabei aber auf Widerstand gestoßen sei. Er habe Millerand gesagt, er brauche bloß auf die Revolution in Deutschland zu verweisen; das sei die Antwort, die er Millerand zu geben habe.

Ich gab ihm die Mitteilungen aus dem „Lokal-Anzeiger“ über die ersten Kundgebungen Kapps, die er sofort Herrn Millerand in die Botschafterkonferenz überbrachte. Am gleichen Tage abends 7 Uhr kam Haguenin nochmals zu mir, um eventuelle Nachrichten entgegenzunehmen. Ich gab ihm die Kundgebung der Reichsregierung aus Dresden3 und bat ihn, mir für den nächsten Tag eine Besprechung mit Herrn Millerand zu vermitteln.

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Vgl. Dok. Nr. 192, Anm. 1.

[690] Letztere fand Sonntag abend 5¾ Uhr statt und war von etwa halbstündiger Dauer. Ich teilte Millerand zunächst das Zirkular des Unterstaatssekretärs von Haniel mit4 und fügte streng vertraulich hinzu, daß von Haniel im Einverständnis mit Minister Müller gehandelt habe. Außerdem erklärte ich Millerand, daß ich mit der Reichsregierung in Dresden in regelmäßigem telegraphischen sowie telephonischen Verkehr stehe und auch Vorsorge getroffen habe, daß die gleiche Verbindung mit Stuttgart hergestellt werde, sobald die Regierung dorthin übersiedelt sei. Es würden demnach alle laufenden Geschäfte wie bisher in Verbindung mit dem Auswärtigen Amt in Berlin und der Reichsregierung in Dresden bzw. Stuttgart erledigt werden sowie auch der übrige diplomatische Verkehr mit der Reichsregierung sich unbeeinflußt und ohne jede Schwierigkeiten vollziehen. Ich bat Millerand um einen direkten Draht nach Stuttgart, was er sofort zugesagt hat. Er fragte noch, wer denn hinter der Bewegung stehe, worauf ich ihm eigehend auseinandersetzte, daß die ganze Nationalversammlung mit Ausnahme einiger Extremisten sowie die überwältigende Mehrheit des deutschen Volkes die Berliner Vorkommnisse verurteilen und daß hinter der Bewegung, die keine politisch führenden Köpfe aufzuweisen habe, lediglich einige Extremisten stünden, welche sich der Baltikum-Truppen, die ihre Auflösung gewärtigen mußten, bedient hätten. Die angebliche Regierung Kapps werde sich voraussichtlich nur lokal halten können und auch dort von kurzer Dauer sein.

4

Von Haniel hatte am 13. 3., 13 Uhr, in einer Verfügung bekanntgegeben, daß er in Abwesenheit des RAM die Leitung des AA „unter ausdrücklicher Wahrung [seines] Amtseides“ übernommen habe. Er bat alle Beamten und Angestellten des AA, „unbeeinflußt durch innerpolitische Ereignisse jeder an seinem Platze seine Pflicht weiter zu erfüllen“, wobei er davon ausging, daß „eine auch nur zeitweise Unterbrechung der auswärtigen Beziehungen“ in jedem Falle „die vaterländischen Interessen auf das Schwerste bedrohen“ würde (R 43 I/2727, Bl. 3).

Heute vormittag ersuchte mich der frühere Botschafter Paléologue um eine Unterredung, die um ½12 Uhr im Quai d’Orsay stattfand und ungefähr 20 Minuten währte. Paléologue ließ mich etwa zwanzig, von Berlin und Mainz eingetroffene Telegramme lesen, die, abgesehen von dem Bericht über die veränderte Lage in München5, nichts Neues enthielten. Ich teilte ihm mit, daß die Regierung nach Stuttgart abgereist sei und daß ich ferner erfahren hätte, daß die Generale von Oven und Oldershausen erklärt hätten, ihr Eid auf die Verfassung verbiete es ihnen, sich an der Berliner Bewegung zu beteiligen6. Paléologue überreichte mir eine Note an den Außenminister Müller, wonach der bisher in Mainz tätig gewesene Botschaftssekretär Bruère zum Chargé des Affaires bei der Deutschen Regierung in Stuttgart ernannt sei. Die Regierung würde damit nur der neuen Lage Rechnung tragen, um mit der Deutschen Regierung möglichst rasch und direkt verkehren zu können. Ich versprach umgehende telegraphische Übermittelung der Note7. Paléologue[691] sagte sofortige Erfüllung meines Wunsches zu, daß der Deutschen Botschaft täglich von 11–12 Uhr vormittags sowie von 6–7 und 9–10 Uhr abends ein direkter Draht nach Stuttgart zur Verfügung gestellt werde. Er erklärte, daß er sich ganz zu meiner Verfügung halte und bereit sei, weitere Nachrichten gegenseitig auszutauschen. Die Lage sei nach seiner Meinung recht schwierig und ernst, doch gebe er die Hoffnung nicht auf, daß sich noch alles gut lösen werde.

5

Die bayer. Reg. unter MinPräs. Hoffmann war am 14. 3. zurückgetreten und führte bis zur Neubildung des Kab. von Kahr am 16. 3. die Amtsgeschäfte weiter (Einzelheiten s. Schultheß 1920, I, S. 57 ff.).

6

Zur Haltung der beiden Offiziere, die von Lüttwitz entlassen wurden, vgl. Johannes Erger: Der Kapp-Lüttwitz-Putsch. S. 184. Da von Oven versicherte, nur äußerlich gegen den Putsch eingetreten zu sein, wurde er zunächst wieder eingestellt.

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Telegr. vom 15.3.20, 20.45 Uhr, in: PA, Dtld. Nr. 163, Bd. 14.

Bezüglich der im allgemeinen ungünstiger lautenden Nachrichten wiederholte ich die gleiche Beurteilung der Lage, wie ich sie tags zuvor Herrn Millerand vorgetragen hatte. Der bolschewistischen Gefahr gegenüber verwies ich auf das Vorhandensein der Einwohner-Wehren, die seinerzeit aus dem gleichen Bedürfnis heraus von der Bevölkerung selbst spontan und ohne Zutun der Regierung ins Leben gerufen worden seien. Das Zusammentreten der Nationalversammlung in Stuttgart werde die besten Folgen zeitigen und zu einer raschen Klärung der Lage beitragen.

Gelegentlich der Besprechung bemerkte ich im Quai d’Orsay, wo zahlreiche Automobile standen, ein reges Leben. An den Beratungen, die dort stattfanden, waren offenbar auch militärische Sachverständige beteiligt.

Die Situation ist im Augenblick allem Anschein nach die, daß eine ruhigere Auffassung zunächst die Weiterentwickelung der allernächsten Tage und insbesondere die Ereignisse in Stuttgart abwarten will, während eine andere Richtung, welcher die militärischen Führer nahestehen dürften, für sofortige Maßnahmen Stimmung macht. Ich betrachte es als meine Hauptaufgabe, die erstere Strömung zu stützen. Die allgemeine Meinung in Frankreich würde zwar eine Verbesserung der Garantien der Erfüllung des Friedensvertrages gegenüber Deutschland in diesem Augenblicke sicher begrüßen, möchte es aber unter keinen Umständen zu kriegerischen Maßnahmen und Blutvergießen kommen lassen, was schon bei Bekanntwerden über die Verluste aus der cilicischen Expedition8 klar in die Erscheinung trat.

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Frankreich hatte am 16.12.19 gemäß den Bestimmungen eines brit.-frz. Abkommens über die mil. Besetzung der Levante vom 15.9.19 die Militärverwaltung über Cilicien übernommen (Schultheß 1919, II, S. 116, 369).

Angesichts dieser Situation dürfte von der weiteren Entwickelung der nächsten Tage alles abhängen. Vorerst hat die ruhigere und zuversichtliche Auffassung noch entschieden die Oberhand9.

9

Zur Einschätzung der Lage aus der Sicht der Dt. Friedensdelegation s. Dok. Nr. 196.

Dr. Mayer

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