2.216 (bau1p): Nr. 214 Aufzeichnung über eine Unterredung des Reichskanzlers mit General Nollet

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Das Kabinett BauerKabinett Bauer Bild 183-R00549Spiegelsaal Versailles B 145 Bild-F051656-1395Gustav Noske mit General von Lüttwitz Bild 183-1989-0718-501Hermann EhrhardtBild 146-1971-037-42

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Text

RTF

[759] Nr. 214
Aufzeichnung über eine Unterredung des Reichskanzlers mit General Nollet1

1

Der Zeitpunkt der Unterredung konnte nicht eindeutig ermittelt werden. Die im Text enthaltenen Zeitangaben lassen folgende Datierung zu: terminus post quem ist die endgültige Entscheidung über den Rücktritt RWeM Noskes (22. 3.); terminus ante quem ist Entscheidung über Noskes Nachfolger, „voraussichtlich bis nächsten Donnerstag [25. 3.]“. Die einem Vermerk Brechts zufolge von GehLegR von Keller verfaßte Aufzeichnung gelangt – der Journalnummer nach zu urteilen – am 25. 3. in den Geschäftsgang der Rkei.

R 43 I/13, Bl. 383–384

[Kapp-Lüttwitz-Putsch.]

Der Vorsitzende des interalliierten Überwachungsausschusses für das Landheer, Herr Divisionsgeneral Nollet ist heute um 1 Uhr auf seinen Wunsch von dem Herrn Reichskanzler Bauer empfangen worden. General Nollet hat ausgeführt, daß er Wert darauf lege, nochmals im Namen seiner Regierung dem Herrn Reichskanzler persönlich die Glückwünsche auszusprechen für die rasche Unterdrückung des militärischen, gegen die verfassungsmäßige Regierung gerichteten Putsches. Er spreche die Befriedigung seiner Regierung aus, daß in Kürze wieder verfassungsmäßige Zustände eingetreten seien und drücke die Hoffnung aus, daß nunmehr die Ruhe gefestigt sei.

Der Herr Reichskanzler dankte für die Erklärung General Nollets und machte dabei darauf aufmerksam, daß das Verhalten des deutschen Volkes bei diesem Anlaß gezeigt hätte, wie wenig die Entente von dem militaristischen Geist Deutschlands zu fürchten habe. Die Haltung des Volkes habe gezeigt, daß es gegen jede Erhebung von rechts oder links unbedingt sich widerstandskräftig beweise. Es sei also zu Mißtrauen, namentlich seitens der französischen Regierung, kein Anlaß. General Nollet erwiderte, die Kappsche Bewegung habe doch gerade gezeigt, daß bis zu einem gewissen Grade dieses Mißtrauen gerechtfertigt gewesen sei2, aber um so mehr gereicht es der Entente zur Befriedigung, daß das deutsche Volk dieser Bewegung Herr geworden sei. Es sei jetzt hauptsächlich sein Wunsch, daß die Tätigkeit der Kontrollkommission3 wieder aufgenommen werde, und er stelle daher die Frage, mit welcher Stelle er in Zukunft wieder zu verhandeln haben werde. Er habe wiederholt Mitteilungen während der kritischen Zeit, die ihm im Namen der sogenannten Kappregierung gemacht worden seien4, zurückgewiesen. Er[760] müsse jetzt darüber Klarheit besitzen, wie die Verhandlungen fortgesetzt werden sollten.

2

Einzelheiten s. Dok. Nr. 195.

3

Zur Tätigkeit der IMKK vgl. Dok. Nr. 57, P. 2.

4

Der Vorsitzende der dt. H.-Friko, GenLt. von Cramon, hatte am 15. 3. in einem an Gen. Nollet gerichteten Schreiben „im Auftrage des gegenwärtig die Geschäfte des Reichskanzlers führenden Herrn Generallandschaftsdirektors Kapp“ eine Mitteilung über die Stellung der „Regierung“ Kapp zur Ausführung des VV und über deren Wunsch, die Verhandlungen mit der IMKK fortzusetzen, gemacht (R 43 I/13, Bl. 388). Nach Ansicht der Friedensabt. des AA hat von Cramon damit „einen Auftrag des Herrn Kapp in einer politischen Angelegenheit übernommen und in einer Weise ausgeführt, die es zum mindesten im Zweifel läßt, inwieweit er sich mit den von Herrn Kapp angemaßten Befugnissen identifiziert“. RAM Müller bittet daher am 26. 3. das RWeMin., von Cramon von seinem Posten abzulösen (ebd., Bl. 390 f.).

Der Herr Reichskanzler erwiderte ihm darauf, daß der Reichswehrminister aus politischen Gründen zurückgetreten sei5 und die Entscheidung über die neue Besetzung des Reichswehrministeriums binnen kurzem, voraussichtlich bis nächsten Donnerstag [25. 3.] erfolgen könne6. Erst dann werde er in der Lage sein, auf seine Frage bestimmte Antwort zu geben. Er fügte hinzu, es möchte bei allen Verhandlungen mit der Kontrollkommission im Auge behalten werden, daß Deutschland unbeschadet der Bedingungen des Friedensvertrages, die die Entwaffnung Deutschlands verlangten, eine militärische Kraft haben müsse, die es in den Stand setzen müsse, die innere Ordnung aufrecht zu erhalten. Deutschland besitze eine außerordentliche große Zahl industrieller Arbeiter, die angesichts der politischen Erregung, wie sie wohl noch Jahre dauern werde, als früher waffengeübte Männer in der Lage sein würden, sobald sie im Besitze von Waffen sind, in der Hand einflußreicher Führer zu einem ordnungsstörenden Element zu werden. Etwaigem Aufruhr gegenüber müsse Deutschland die nötigen Kräfte haben, um an einem Ort Unruhen zu unterdrücken, ohne den anderen Ort zu sehr zu entblößen. General Nollet erwiderte, daß er nach den ihm bereits früher zugegangenen Instruktionen dies unterstützen werde. Die Entente sei, wie dies im Friedensvertrag zum Ausdruck gebracht sei, der Ansicht, daß der Entwaffnung Deutschlands die Abrüstungen der ganzen Welt folgen müsse und dies der Beginn für die Schaffung des Friedens in der Welt sein würde.

5

Vgl. Dok. Nr. 206 und 209.

6

Vgl. Dok. Nr. 216, Anm. 14.

Die Aufgaben seiner Kommission seien lediglich, die Durchführung der Friedensbestimmungen zu überwachen, er werde diese Aufgaben in einem Geiste durchführen, daß auch Deutschland seine Aufgaben erfüllen könne. In erster Linie komme es ihm jetzt darauf an, wie er nochmals betonte, die Tätigkeit der Kontrollkommission wieder in Lauf zu setzen.

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