2.3 (bau1p): Nr. 3 Vortrag des Ersten Generalquartiermeisters über die Entwicklung der Lage vom 21. bis zum 23. Juni 1919. Kolberg, 23. Juni 1919, 18.30 Uhr

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Das Kabinett BauerKabinett Bauer Bild 183-R00549Spiegelsaal Versailles B 145 Bild-F051656-1395Gustav Noske mit General von Lüttwitz Bild 183-1989-0718-501Hermann EhrhardtBild 146-1971-037-42

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Nr. 3
Vortrag des Ersten Generalquartiermeisters über die Entwicklung der Lage vom 21. bis zum 23. Juni 19191. Kolberg, 23. Juni 1919, 18.30 Uhr2

1

Von den Kabinettsberatungen, in denen zwischen dem 21. und 23. 6. in Anwesenheit des RPräs. in wechselnden Voten die bedingte und schließlich die bedingungslose Annahme des VV beschlossen wurde, sind offizielle Kabinettsprotokolle unauffindbar. Wahrscheinlich sind sie gar nicht gefertigt worden (vgl. diese Edition: Das Kabinett Scheidemann, S. XX Anm. 6 sowie die Hinweise in der Einleitung zu diesem Band).

2

Die Niederschrift wurde von Gen. Groener zum angegebenen Zeitpunkt vor den Offizieren der OHL im Großen Hauptquartier in Kolberg verlesen und in vervielfältigter Form an die Offiziere verteilt. Sie ist im Nachl. Groener  nicht vorhanden, doch hat sie dem Gen. bei der Abfassung seiner Memoiren vorgelegen (vgl. Wilhelm Groener: Lebenserinnerungen. S. 506 ff.). Dort findet sich auch ein nicht ganz vollständiger Abdruck der auszugsweise schon verschiedentlich wiedergegebenen Niederschrift. Der Öffentlichkeit wurde ihr Inhalt – nicht unwesentlich gekürzt – bereits am 25.6.19 in einer von der OHL herausgegebenen Darstellung ihres Verhaltens in der Friedensfrage bekanntgemacht (Schultheß 1919, I, S. 263 ff.).

Nachlaß von Seeckt, N 247/67, Bl. 9–12 Umdruck

Die Entwicklung der Lage seit dem 21. 6.3 ist folgende: Am 21. 6. hat sich das neue Kabinett in der bekannten Zusammensetzung unter Vorsitz des Ministers Bauer gebildet.

3

Groener war in der Nacht vom 20. zum 21. 6. aus Weimar nach Kolberg in dem Glauben zurückgekehrt, daß es zu einem Einmarsch der all. Truppen kommen werde. Er rechnete nicht mit dem Erfolg der am 20. 6. nachmittags beschlossenen Wiederaufnahme der Versuche, von den All. weitere, sogar über die Forderung nach einer Streichung der sog. „Ehrenpunkte“ hinausgehende Zugeständnisse zu erzielen. Ein eventuell auch zur kompromißlosen Unterzeichnung bereites RKab. war zu diesem Zeitpunkt noch nicht gebildet (vgl. diese Edition: Das Kabinett Scheidemann, Dok. Nr. 114 und 117). Einzelheiten über die in den Abendstunden eingeleiteten Bemühungen zur Bildung des Kab. Bauer s. in der Einleitung zu diesem Band.

Am gleichen Tage hat dieses Kabinett den Entschluß gefaßt, eine neue Note an die Entente abzusenden, in welcher einerseits unsere Bereitschaft zu[r] Unterzeichnung des Friedens erklärt, in der jedoch andererseits die Schuld- und Auslieferungsparagraphen abgelehnt wurden. Der genaue Wortlaut dieser Note ist der OHL bisher noch nicht bekannt geworden4.

4

Die konstituierende Sitzung des Kab. Bauer sollte einer Mitteilung Löbes zufolge um 15 Uhr beginnen (Prot. SPD-NatVers.-Fraktion vom 21.6.19, 14 Uhr). Die von der RReg. in dieser Sitzung vorbereitete Note über die bedingte Annahme enthält u. a. folgende, in der Erwartung verfaßte Erklärung, daß die All. sie „als wesentlichen Bestandteil des Vertrags“ ansehen würden: „Innerhalb zweier Jahre, vom Tage der Unterzeichnung des Vertrags ab gerechnet, werden die alliierten und assoziierten Regierungen den gegenwärtigen Vertrag dem hohen Rate der Mächte, so wie er vom Völkerbund nach Artikel 4 eingesetzt ist, zwecks Nachprüfung unterbreiten. Vor diesem hohen Rat sollen die deutschen Bevollmächtigten dieselben Rechte und Vorrechte genießen wie die Vertreter der anderen kontrahierenden Mächte des gegenwärtigen Vertrages. Dieser Rat soll über die Bedingungen des gegenwärtigen Vertrages entscheiden, die die Rechte der Selbstbestimmung des deutschen Volkes beeinträchtigen, ebenso wie über die Bestimmung, durch welche die freie gleichberechtigte wirtschaftliche Entfaltung Deutschlands behindert wird.“ Hiernach soll die Zustimmung zum VV in dieser Form abgegeben werden: „Die Regierung der Deutschen Republik ist bereit, den Friedensvertrag zu unterzeichnen, ohne jedoch damit anzuerkennen, daß das deutsche Volk der Urheber des Krieges sei und ohne eine Verpflichtung zur Auslieferung nach Artikel 227 bis 230 des Friedensvertrags zu übernehmen.“ Über die Hintergründe, die zu dieser Beschlußfassung führten, berichtet RWeM Noske, „wieder [habe] ein Optimist in bestimmte Aussicht gestellt, die alliierten Regierungen würden sich mit einem solchen Vorbehalt abfinden“ (ders.: Von Kiel bis Kapp. S. 152). In der am Abend stattfindenden vertraulichen Sitzung des Friedensausschusses der NatVers. erklärte dazu der von Noske wohl gemeinte RFM Erzberger: „Wir nehmen an, daß es nicht so schlimm wird, als man heute annimmt.“ In der gleichen Sitzung bezeichnete Noske mil. Widerstand als „Wahnwitz“, und die Minister Schmidt und Wissell hielten die Wirtschafts- und Versorgungslage für aussichtlsos (Prot. vom 21.6.19 im Nachl. Haußmann , Nr. 59). Die Entscheidung im RKab. ist nicht einstimmig getroffen worden. Der PrKriegsM bittet noch am gleichen Tag den RPräs. um sein Ausscheiden aus dem neugebildeten RKab., erklärt sich aber zu einer „mitberatende[n] Tätigkeit im Reichskabinett“ auf Eberts Wunsch und im Einvernehmen mit der PrStReg. einverstanden. Zur Begründung führt er in Übereinstimmung mit seiner bisherigen Einstellung an: „Wenn ich auch den Wert der Sachlichkeit der abweichendenden Urteile anderer Reichsminister voll anerkenne und die Einschränkungen nicht unterschätze, unter denen die Unterzeichnung vollzogen werden soll, so halte ich doch an der Überzeugung fest, daß der Vertrag auch in seiner nur wenig veränderten Gestalt unannehmbar blieb und daß die Gefahren der Zustimmung für die endgültige Herstellung des Weltfriedens größer sind als diejenigen der Ablehnung, die ich für den gebotenen, ehrlichen und würdigen Ausdruck unserer Überzeugung von der Unerfüllbarkeit und Unausführbarkeit des Vertrages ansehe“ (undatiertes Konzept; das Abschiedsgesuch ist, wie die Antwort Eberts vom 22. 6. belegt, am 21.6.19 abgegangen; Nachl. Reinhardt, Nr. 15 a, Bl. 82 f.; vgl. Fritz Ernst: Aus dem Nachlaß des Generals Walter Reinhardt. In: Die Welt als Geschichte. 18. Jg. (1958), S. 82 f.). Der Text der Note wird dem inzwischen bevollmächtigten Gesandten von Haniel am 22. 6. um 2.30 Uhr nach Versailles übermittelt. Die Überreichung soll unmittelbar im Anschluß an die Zustimmung der für den 22. 6., 12 Uhr, einberufenen NatVers. erfolgen (PA, Dt. Friedensdelegation Versailles, Pol 13, Bd. 6; Abdruck in: Materialien, betreffend die Friedensverhandlungen. Teil IX, Dok. Nr. 9).

[4] Am 22. 6. fand diese Note in der Nationalversammlung die Billigung der Mehrheit mit 237 gegen 138 Stimmen bei 5 Stimmenthaltungen5.

5

Der NatVers. lag folgender Antrag zur Abstimmung vor: „Die Nationalversammlung ist mit der Unterzeichnung des Friedensvorschlags einverstanden“ (NatVers.-Bd. 327, S. 1135 ; zur Kontroverse über die Formulierung des Antrags s. u. Anm. 8). – Von den insgesamt 423 Abgg. wurden in namentlicher Abstimmung 381 Stimmen abgegeben. Zusätzlich zu dem von Groener mitgeteilten Ergebnis war eine Stimme ungültig (NatVers.-Bd. 327, S. 1136  ff.).

Damit erhielt das Kabinett die Ermächtigung, den Frieden auf obiger Grundlage abzuschließen.

Major von Feldmann6 ist der Ansicht, daß hiermit und in Verbindung mit dem Vertrauensvotum, welches der Regierung mit 236 gegen 89 Stimmen bei 68 Stimmenthaltungen7 ausgesprochen wurde, das Kabinett vielleicht auch Blankovollmacht zur Unterzeichnung jedes Friedens erhalten habe; sicher sei es aber nicht8.

6

Verbindungsoffizier der OHL bei der RReg. in Weimar.

7

Dem offiziellen Abstimmungsergebnis zufolge wurde der Reg. Bauer mit 235 gegen 89 Stimmen bei 69 Einthaltungen und 1 ungültigen Stimme das Vertrauen ausgesprochen (NatVers.-Bd. 327, S. 1136  ff.).

8

Nachdem RMinPräs. Bauer in einer Regierungserklärung seine Bereitschaft zur bedingten Annahme des VV bekanntgegeben hatte, war von den Abgg. Schulz-Ostpreußen (SPD) und Gröber (Zentrum) zunächst der Antrag: „Die Nationalversammlung billigt die Haltung der Regierung in der Frage des Unterzeichnens des Friedensvertrages“ eingebracht worden. Diesem Antrag hätte die USPD nicht zugestimmt, womit angesichts der ablehnungsbereiten Minderheiten in den Regierungsparteien die Annahme des Antrags unsicher zu werden drohte. Der Antrag wurde daraufhin in Absprache mit den Unabhängigen in der in Anm. 5 zit. Weise umformuliert. Die Tragweite der Neuformulierung, die, im Unterschied zur ersten Fassung, der RReg. auch die Ermächtigung zur bedingungslosen Unterzeichnung einräumte, war in der Debatte erkannt worden. Eine von DVP- und DNVP-Abgg. verlangte Auslegung des Antrags wurde mit Geschäftsordnungsmitteln unterbunden (NatVers.-Bd. 327, S. 1113  ff. sowie Matthias Erzberger: Erlebnisse im Weltkrieg. S. 379 f.).

[5] Am 22. 6. nachm[ittags] 4.00 [Uhr] ist die angenommene Note nach Versailles abgegangen und anschließend überreicht worden.

In der Nacht vom 22. 6. zum 23. 6. um 1 Uhr vorm[ittags] teilte mir im Auftrage des Reichspräsidenten der Gesandte Nadolny telephonisch mit, daß die Entente unsere Vorbehalte zurückgewiesen habe9. Die OHL werde um Stellungnahme zu der nunmehr geschaffenen Lage gebeten.

9

Die Ablehnung der am Nachmittag überreichten dt. Note sowie die all. Forderung nach einer fristgemäßen und „unzweideutige[n] Erklärung“ über die bedingungslose Annahme oder die Ablehnung des VV war dem Zentralbüro des AA in Weimar am 22. 6. um 22.30 Uhr durch den Gesandten von Haniel telefonisch mitgeteilt worden (PA, Dt. Friedensdelegation Versailles, Pol 13, Bd. 6). Der Text des vom amerik. Präs. Wilson formulierten, von Clemenceau unterzeichneten Ultimatums in: Materialien, betreffend die Friedensverhandlungen. Teil IX, Dok. Nr. 11. Das von UStS Albert benachrichtigte RKab. trat am 22 6. gegen 23 Uhr unter Vorsitz des RPräs. im Weimarer Schloß zusammen. Der RWeM war nicht anwesend, da er im Anschluß an die von vielen Seiten für endgültig gehaltene Entscheidung der NatVers. mit seinem Stab nach Berlin abgereist war. – Zum Verlauf der Kabinettssitzung s. u. Anm. 12.

2.15 [Uhr] vorm[ittags] ist folgende Stellungnahme, vom Generalfeldmarschall [Hindenburg] unterschrieben, an die Regierung abgegangen:

„An Reichspräsident Ebert, Weimar, Schloß:

Am 20. 6. ist dem Herrn Reichswehrminister folgende Erklärung übersandt10:

10

Original in: R 43 I/702, Bl. 33 f. Vgl. Gustav Noske: Von Kiel bis Kapp. S. 151.

Gr[oßes] H[aupt] Qu[artier], den 17. Juni 19

Wir sind bei Wiederaufnahme der Feindseligkeiten militärisch in der Lage, im Osten die Provinz Posen zurückzuerobern und unsere Grenzen zu halten. Im Westen können wir bei ernstlichem Angriff unserer Gegner angesichts der numerischen Überlegenheit der Entente und deren Möglichkeit, uns auf beiden Flügeln zu umfassen, kaum auf Erfolg rechnen.

Ein günstiger Ausgang der Gesamtoperationen ist daher sehr fraglich, aber ich muß als Soldat den ehrenvollen Untergang einem schmählichen Frieden vorziehen.

gez. v. Hindenburg.’

Außerdem ist bei einer Besprechung in Weimar am 19. 6.11 von allen anwesenden Kommandobehörden dem Herrn Reichswehrminister gegenüber zum Ausdruck gebracht, daß eine große Anzahl von Offizieren und Freiwilligentruppen einer Regierung die Dienste aufsagen würden, die die Schmachparagraphen[6] annimmt. Bei dieser Kundgebung waren zugegen: der Preußische Kriegsminister, die OHL, die OKs Nord und Süd, die Armeegruppe Below, das Generalk[omman]do Lüttwitz, die Obersten Militärbefehlshaber von Bayern und Sachsen und der Chef der Admiralität. An dieser Stellungnahme der OHL hat sich seitdem nichts geändert.

11

Einzelheiten s. diese Edition: Das Kabinett Scheidemann, Dok. Nr. 114; dort auch Hinweise auf weitere Materialien sowie Ergänzungen zu der hier unvollständig wiedergegebenen Anwesenheitsliste.

gez. v. Hindenburg.“

Am 23. 6. gegen 10.30 [Uhr] vorm[ittags] meldete Major v. Feldmann aus Weimar folgendes:

„1. Der Reichswehrminister ist nach Weimar zurückgekehrt.

2. Beim Reichspräsidenten Erklärung von heute nacht wiederholt, daß die OHL auf ihrem Standpunkt bestehen bleibt und Offiziere der OHL und der höheren K[omman]dobehörden ihren Dienst niederlegen würden, wenn der Friede ohne Einschränkung angenommen wird.

Der Reichspräsident sagte darauf, daß er diese Erklärung erwartet habe und schildert[e] die Lage so, daß wahrscheinlich Zentrum und Sozialdemokraten die Annahme des Friedens erklären würden; doch sei dies noch nicht sicher12.

12

Bell und Mayer zufolge haben die sozialdemokratischen Kabinettsmitglieder im Verlauf der nächtlichen Beratungen erklärt, daß die Mehrheit der SPD-Fraktion in der NatVers. wahrscheinlich auch einer bedingungslosen Annahme zustimmen würde. Von den hinzugerufenen Parteiführern der Regierungsparteien hätten die gegen 1 Uhr eintreffenden Zentrumsvertreter Gröber und Trimborn nach einer Beratung mit den Zentrumsministern sich gegen die Hinnahme der „Ehrenpunkte“ ausgesprochen und betont, lieber die Folgen der Nichtunterzeichnung tragen zu wollen. Angesichts der zwiespältigen Haltung der Regierungsparteien sei das RKab. gegen 3 Uhr auseinandergegangen, ohne einen förmlichen Beschluß gefaßt zu haben (Alma Luckau: Unconditional Acceptance of the Treaty of Versailles by the German Government. In: Journal of Modern History. Vol. 17 (1945), S. 217 f.). David behauptet, das RKab. habe bereits in der Nachtsitzung den Beschluß gefaßt, der NatVers. die vorbehaltlose Annahme des VV vorzuschlagen, angesichts der ungewissen Mehrheitsverhältnisse aber entschieden, die Lage vorher in einer für den Morgen in Aussicht genommenen Parteiführerbesprechung klären zu lassen (Eduard David: Die Nationalversammlung und ihr Werk. S. 254). Als greifbares Ergebnis der Nachtsitzung wurde der RWeM zurückgerufen und in Versailles erneut um eine 48stündige Fristverlängerung mit der Begründung nachgesucht, die RReg. müsse die NatVers. befragen, „um die noch erforderliche schwere Entscheidung in einer Weise zu treffen, wie sie nach demokratischen Grundsätzen und nach der inneren Lage Deutschlands allein getroffen werden kann“ (Materialien, betreffend die Friedensverhandlungen. Teil IX, Dok. Nr. 12).

Major v. Gilsa erläuterte die militärische Lage dahin, daß die Truppen jedenfalls in ihrer großen Masse sich der Haltung der Regierung nicht anschließen könnten und daß General v. Lüttwitz die Stellungnahme der OHL teile.

Der Osten würde wohl sicher den Kampf aufnehmen13. Der Minister Noske überlegte eine Weile, dann sprang er sehr erregt auf und rief: „Nein!“ und verließ das Zimmer. Er betrat darauf bald wieder das Zimmer im Verein[7] mit sämtlichen Ministern. Die Majore v. Gilsa und v. Feldmann wurden daraufhin entlassen. Zur Zeit sind Sitzungen innerhalb der einzelnen Fraktionen14. Um 12 Uhr findet Kabinettssitzung statt.

13

Bei der in Anm. 11 erwähnten Kommandeurbesprechung vom 19. 6. in Weimar war über die zu erwartenden Reaktionen des Militärs auf eine mögliche Annahme bzw. Ablehnung des VV, die Chancen mil. Widerstandes im Falle einer Wiederaufnahme des Krieges und die Entfesselung nationaler Aufstandsbewegungen in den Ostgebieten des Dt. Reiches gesprochen worden (s. diese Edition: Das Kabinett Scheidemann, Dok. Nr. 114 mit Hinweisen auf weitere Materialien). Zum Plan einer Ostoffensive vgl. ebd., Dok. Nr. 111 sowie in diesem Bd. Dok. Nr. 29, insbesondere Anm. 2 und 3.

14

Die NatVers.-Fraktionen der Regierungsparteien berieten am 23. 6. um 10.15 Uhr (SPD) und um 11 Uhr (Zentrum) über die Lage nach dem Eintreffen der ultimativen Ententenote. Das RKab. war bereits um 8 Uhr zusammengetreten. Zum Ablauf und zum Ergebnis der Vormittagsberatungen s. u. Anm. 17.

3. General v. Lüttwitz hat vorhin dem Reichswehrminister telephonisch mitgeteilt, daß er und seine Offiziere noch nicht darüber schlüssig seien, ob es augenblicklich angezeigt sei, den Abschied zu nehmen, denn es bestände die Gefahr, daß die führerlosen Truppen bolschewistisch würden. Es sei aber mit Sicherheit zu erwarten, daß die Masse der guten Truppen im Falle der Annahme Stellung gegen die Regierung nehmen würde. General v. Lüttwitz würde es sehr bedauern, wenn sich diese Stellungnahme auch gegen den Minister Noske richten müßte15. Nach diesem Gespräch hat Major v. Gilsa mit Minister Noske gesprochen und ihn dringend gebeten, diese Schicksalsstunde des deutschen Volkes nicht vorübergehen zu lassen, ohne seinerseits die Führung in die Hand zu nehmen. Es sei sicher, daß bei Annahme des Friedens einerseits damit zu rechnen sei, daß die Unabhängigen sich zur Regierung drängen würden und daß andererseits heftige Militärrevolten gegen die Regierung möglich und wahrscheinlich seien. Dieses Gespräch ist anscheinend nicht ohne Eindruck auf Minister Noske geblieben.

15

Nach dem Gespräch mit von Lüttwitz führte Noske eine noch „bewegtere“ Unterredung mit dem Kdr des Freiwilligen Landesjägerkorps, Gen. Maercker, dem der Schutz der NatVers. in Weimar anvertraut war. (Walther Frhr. von Lüttwitz: Im Kampf gegen die Novemberrevolution, S. 73 f.; Georg Maercker: Vom Kaiserheer zur Reichswehr, S. 121). Die Drohungen der Generale waren vom ChdAdm. von Trotha für die Marine und ebenso vom PrKriegsM bereits bestätigt worden (vgl. diese Edition: Das Kabinett Scheidemann, Dok. Nr. 115 sowie oben Anm. 4). Zur Reaktion des RWeM s. u. Anm. 17.

Er ist augenblicklich allein auf seinem Zimmer und geht mit sich zu Rate.“

Kurz vor 12 Uhr mitt[ags] telephonierte mich der Reichspräsident persönlich an16 und teilte mir mit ähnlichen Worten mit, daß Zentrum und Sozialdemokraten[8] sich wahrscheinlich für die Annahme erklären würden17. Er bat nochmals um Auskunft, welche Stellung die Truppen dazu nehmen würden, man befürchte nach den Mitteilungen des Generals v. Lüttwitz an den Reichswehrminister Militärrevolten.

16

Ebert rief Groener am 23. 6. um 11.15 Uhr an. In den Akten der Rkei findet sich eine ungezeichnete Gesprächsnotiz. Danach sagte der RPräs.: „Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Nationalversammlung die bedingungslose Zustimmung zu den Friedensbedingungen beschließt. Ich möchte nun von einer etwaigen Rückwirkung dieses Beschlusses auf die Truppe hören und einen Rat entgegennehmen“ (R 43 I/5, Bl. 171). Zur Antwort Groeners s. u. Anm. 17. Ebert führte in diesem Zusammenhang noch zwei weitere Gespräche, über die gleichfalls ungezeichnete Niederschriften existieren: 1) „Gespräch mit Herrn von Haniel, Versailles am 23. Juni, vormittags 10 Uhr: ‚Es handelt sich nun für uns um die Frage, ob unbedingt unterzeichnet wird oder nicht. Da ist aber ein Punkt, dessen Annahme für uns aus tatsächlichen Gründen so gut wie unmöglich ist. Das ist der Auslieferungspunkt. Falls wir diese Bedingungen ebenfalls unterschreiben, so ist mit Sicherheit zu erwarten, daß sofort sämtliche Führer der freiwilligen Truppen und auch diese selbst auseinanderlaufen und daß dann der Radikalismus sich der Gewalt bemächtigt. Denn wir haben nur gerade soviel Freiwilligen-Truppen, daß wir notdürftig die Ruhe aufrecht erhalten können. Chaos und Bolschewismus würden dann sofort eintreten. Können Sie nicht unter der Hand dahin Fühlung nehmen, ob die Entente mit Rücksicht auf diesen Umstand geneigt ist, uns Erleichterungen in diesem Punkt zu gewähren? Es besteht der beste Wille, auch in diesem Punkt von unserer Seite [aus] entgegenzukommen und eventuelle Garantien, die noch zu vereinbaren wären, zu geben. Wenn wir aber bedingungslos unterzeichnen, ist der Bolschewismus bei uns sicher. Bitte, nehmen Sie Fühlung und geben Sie mir möglichst bis 12 Uhr Antwort.‘ Herr von Haniel erklärte, nachdem er festgestellt hatte, daß es sich nicht um eine offizielle Demarche, sondern nur um einen Auftrag unter der Hand handelte, seine Bereitwilligkeit entsprechend zu verfahren und bis Mittag Antwort zu erteilen. Anruf von Herrn von Haniel 10 Uhr 45: ‚Ich habe dem Obersten Henri eine entsprechende Mitteilung gemacht, wobei ich ihn besonders darauf hingewiesen habe, daß er selbst als Offizier diese Haltung verstehen müßte. Oberst Henri sagte, er verstehe dies vollkommen und werde sofort nach Paris fahren und Clemenceau entsprechend Mitteilung machen. […]‘“ (R 43 I/5, Bl. 172). – Eine Antwort wurde nicht ermittelt. 2) „Gespräch des Reichspräsidenten mit Reichskanzler [a. D.] von Bethmann Hollweg, Hohenfinow, am 23. Juni, 10 Uhr 15 vorm[ittags]: Reichspräsident: ‚Ich befinde mich in einer neuen schwierigen Lage. Die Entente hat unsere Note mit dem Angebot der Zeichnung unter Vorbehalt abgelehnt. Es handelt sich nun um die Frage der bedingungslosen Annahme und besonders um die Frage der Annahme der Bedingung über die Auslieferung. Ich habe von Ihrer früheren Erklärung über das Begehren der Entente gehört und möchte Sie bitten, mir Ihren Rat erteilen zu wollen.‘ Von Bethmann Holweg:

1.Die alleinige Schuld Deutschlands am Kriege kann ich nicht anerkennen, das wäre eine Lüge.

2.Über die Auslieferung des Kaisers hat völkerrechtlich Holland zu entscheiden.

3.Ich habe vor 5 Tagen Scheidemann erklärt, daß ich selbstverständlich zu meiner Erklärung vom 20. Mai stehe. Ich bin auch heute bereit, für alle politischen Handlungen des Reichs und des Kaisers während meiner Kanzlerschaft die Ehre des deutschen Volkes mit meiner Person zu decken.‘“ (R 43 I/5, Bl. 173).

17

In den Vormittagsberatungen (s. o. Anm. 14) hatten der RWeM und Gen. Maercker vor den Kabinettsmitgliedern und vor beiden Fraktionen der Regierungsparteien über die in weiten Kreisen des Militärs herrschende Stimmung berichtet. Noske, der bislang konsequent für die Annahme des VV eingetreten war, gab seiner Überzeugung Ausdruck, daß die bedeutendsten Generale nicht zu halten seien: „Ich selber habe bis jetzt ausgeharrt, mein Instrument, das ich mir zur Aufrechterhaltung der Ordnung geschaffen [habe], ist kaputt, damit ist meine Mission zu Ende.“ Das Prot. der SPD-Fraktion verzeichnet an dieser Stelle: „Noske, der zuletzt nur noch mühsam seine Fassung behalten [hat], bricht mit gränenerstickter Stimme ab und verläßt die Sitzung.“ Aus Furcht, spartakistischen Unruhen seitens der RReg. nicht mehr mit überlegenen Machtmitteln begegnen zu können, beschließt die Fraktion, Noske bitten zu lassen, „in dieser Stunde unter allen Umständen auszuharren“. Diese Aufgabe wird von RM David übernommen (Prot. SPD-NatVers.-Fraktion vom 23.6.19, 10.15 Uhr: Eduard David: Die Nationalversammlung und ihr Werk. S. 256). Noske gibt an, einem eventuellen Chaos in Dtld den Einmarsch der all. Heere vorgezogen und sich für die Verweigerung der Unterzeichnung ausgesprochen zu haben (Gustav Noske: Von Kiel bis Kapp. S. 153). Über diesen Einstellungswandel, der „unverabredet“ gewesen sei, s. auch Wilhelm Groener: Lebenserinnerungen. S. 507. In der gleichen Sitzung nahm der Vorsitzende Löbe den RMinPräs. gegen den Vorwurf, sich am Vortag auf die bedingte Annahme festgelegt zu haben, in Schutz, da die Unterzeichnung das Schuldbekenntnis und die Auslieferung nicht einschließe. Bauer habe vollständig im Sinne der Fraktion gehandelt. Schließlich wurden Verhandlungsführer ermächtigt, auf die RReg. mit dem Ziel einer bedingungslosen Annahme des VV einzuwirken. (Prot. SPD-NatVers.-Fraktion vom 23.6.19, 10.15 Uhr). Die Zentrumsfraktion sprach sich – entgegen der Ankündigung Eberts – mit 68 gegen 14 Stimmen für die Ablehnung des VV unter den gegenwärtigen Bedingungen aus. Alle vier Zentrumsminister hatten sich der Mehrheit angeschlossen (Alma Luckau: Unconditional Acceptance of the Treaty of Versailles. S. 218; Matthias Erzberger: Erlebnisse im Weltkrieg. S. 380 f.).

Die zunächst von mir mündlich gegebene Antwort18 wurde wegen der schlechten telephonischen Verständigung um 12 Uhr mitt[ags] durch den Fernschreiber[9] an Major v. Feldmann zur Weitergabe an den Reichspräsidenten wiederholt19:

18

Über die äußeren Umstände dieses Telefonats berichtet Groener im Rahmen einer einleitend auch als Rechtfertigung gekennzeichneten Stellungnahme zur Friedensfrage am 12.7.19 vor den Verbindungsoffizieren der OHL bei den AOKs und GenKdos: GFM Hindenburg habe den Beginn des Gesprächs mitangehört, dann aber das Zimmer verlassen. Als Groener ihn nach dem Gespräch über seinen Ebert erteilten Rat unterrichtete, habe Hindenburg geantwortet, er – Groener – „müßte eben wieder das bête noire spielen“ (ungezeichnetes Vortragsmanuskript im Nachl. Schleicher , N 42/12, Bl. 144; vgl. Wilhelm Groener: Lebenserinnerungen. S. 507).

19

Vgl. dazu die in den Akten der Rkei befindliche Gesprächsnotiz: „General Groener: ‚Nicht in meiner Eigenschaft als 1. Quartiermeister, sondern als guter Deutscher, der es mit seinem Vaterland ernst meint, gebe ich Ihnen folgenden Rat:

1.Trotz vorübergehender Erfolge im Osten ist ein Kampf im Endergebnis aussichtslos.

2.Wenn die Annahme erfolgt, muß sich Noske an die Spitze der Truppe stellen und die Verantwortung für die Ausführung des Friedens übernehmen.

3.Noske muß einen öffentlichen Aufruf an die Offiziere und Soldaten richten, worin er sie ermahnt, ihre verfluchte Pflicht und Schuldigkeit weiter zu tun, das Vaterland in der Gefahr nicht im Stich zu lassen. Dann wird die Truppe voraussichtlich bleiben und ein aussichtsloser Kampf und ein Chaos wahrscheinlich vermieden werden. Ich gebe dieses noch sofort durch Fernschreiber‘“ (R 43 I/5, Bl. 171).

„An Reichspräsident Ebert.

Major v. Feldmann meldet mir soeben seine und Gilsas Unterredung mit Ihnen und Noske. Nicht als I. Generalquartiermeister, sondern als Deutscher, der die Gesamtlage klar übersieht, halte ich mich für verpflichtet, dem Herrn Reichspräsidenten folgenden Rat zu geben:

1. Kampf nach vorübergehenden Erfolgen im Osten im Enderfolg aussichtslos.

2. Minister Noske muß die Führung des Volkes und die Verantwortung für den Friedensschluß übernehmen.

3. Nur wenn er – Noske – in einem öffentlichen Aufruf die Notwendigkeit des Friedensschlusses darlegt und von jedem Offizier und Soldaten verlangt, daß er auch bei Unterzeichnung des Friedens im Interesse der Rettung unseres Vaterlandes auf seinem Posten bleibt und seine Pflicht und Schuldigkeit gegenüber dem Vaterlande tut, besteht Aussicht, daß das Militär sich hinter ihn stellt und damit jede neue Umsturzbewegung im Innern, sowie Kämpfe nach außen im Osten verhindert werden.“20

20

In seiner Stellungnahme vom 12.7.19 (s. o. Anm. 18) begründet und nuanciert Groener die hier gegebene Lageburteilung: „Ich persönlich bin der Auffassung, wenn die Ausschließung der Ehrparagraphen nicht zu erreichen war, so mußte man das tun, was für das gesamte Volk der bessere Entschluß war. Ein Kampf hätte m. E. nach Verlauf eine[s] Vierteljahrs zu keinem anderen Ende geführt und unsere Lage nur verschlechtert. Der Kern meines Rates an Ebert war der, daß wir zu einer Regierung kommen müssen, die diktatorische Vollmachten hat zur Führung der inneren Politik; ob Noske der Mann dazu ist, möchte ich allerdings nicht als absolut sicher hinstellen, denn er ist auch Parteimann, meine Herren, er kann nicht aus seiner Haut heraus, und ich fürchte, daß wir mit einer Parteiregierung nichts gewonnen haben, sondern wir brauchen eine Regierung, die über den Parteien steht und den Rechten wie den Linken die Köpfe blutig schlägt. Dazu ein festes starkes Heer. Meine ganzen Bestrebungen zielten und zielen darauf hin, das Instrument zu schaffen, ohne das nicht regiert werden kann. Meine Absichten sind vielfach mißdeutet worden. […] Wir müssen die Staatsgewalt repräsentieren, dann haben wir die Macht in Händen. Andernfalls können Sie sich nicht wundern, wenn wir immer weiter nach links rutschen, statt langsam wieder nach rechts zu schieben“ (Nachl. Schleicher , N 42/12, Bl. 145 f.).

Um 12 Uhr mittags fand Kabinettssitzung und um 2 Uhr nachm[ittags] Nationalversammlung statt21. Das Ergebnis der Kabinettssitzung wurde vom [11] Major v. Feldmann in einem um 2.30 [Uhr] nachm[ittags] in Weimar aufgegebenen Fernschreiben, welches um 3.45 [Uhr] nachmittags hier einging, hierher mitgeteilt. Dieses lautet:

21

Unmittelbar vor der Kabinettssitzung war dem RWeM die Treueerklärung Groeners bekanntgeworden. Da demnach die am Vormittag abgegebenen Erklärungen Maerckers und von Lüttwitz’ kein einheitliches Votum des Offizierskorps darstellten, glaubte Noske sich dem von David übermittelten Wunsch der sozialdemokr. Fraktion, dem sich der RPräs. angeschlossen hatte, nicht entziehen zu dürfen. Er revidierte seine Rücktrittsabsicht. Die daraufhin unter Vorsitz Eberts in Anwesenheit der Fraktionsführer der Regierungsparteien stattfindenden Kabinettsberatungen wurden – nach David – „eröffnet durch eine Erklärung des Sprechers der Zentrumsfraktion, wonach diese auf Grund des [am Vormittag] von Noske gegebenen Berichts beschlossen habe, ihre Vertreter aus der Regierung zurückzuziehen, da ihr nun eine Bewahrung des Landes vor Revolution und Krieg auch auf dem Wege der Zustimmung nicht mehr möglich erscheine. […] Dem letzten Hoffnungsschimmer nachgehend bemerkte ich in das tiefe Schweigen hinein, mit dem die Erklärung des Zentrums aufgenommen wurde: was die Begründung des Beschlusses anlange, so habe meines Wissens Noske inzwischen seine pessimistische Auffassung wesentlich korrigiert, aber darüber möge er sich doch selbst aussprechen. Noske tat dies in dem oben angedeuteten Sinne. Da sprang Erzberger auf und erklärte, das verändere die Voraussetzungen, unter denen der Beschluß seiner Fraktion zustande gekommen sei, er bitte, sich mit seinen Parteifreunden [Gröber, Fehrenbach, Trimborn] zu einer gesonderten Besprechung zurückziehen zu dürfen. So geschah es. – Nach zehn Minuten kehrten die Herren zurück mit der Erklärung, daß sie entschlossen seien, ihren politischen Freunden nunmehr das Verbleiben in der Regierung vorzuschlagen, und wir könnten versichert sein, daß dem stattgegeben werde“ (Eduard David: Die Nationalversammlung und ihr Werk. S. 256 f.; Gustav Noske: Von Kiel bis Kapp. S. 153). Da mit dieser Zusicherung die bedingungslose Annahme des VV einschließlich der „Ehrenpunkte“ in der NatVers. noch keineswegs gesichert schien, erörterte Ebert mit den um 12.30 Uhr eintreffenden Fraktionsführern der Oppositionsparteien eine Kabinettsbildung auf dem Boden der Ablehnungsgruppierungen. Der Versuch schlug fehl, da alle Parteien ihre Zusagen an parteitaktische Klauseln banden. Während nun der RPräs. mit dem RKab. und die Fraktionspolitiker der Regierungsparteien sich zu getrennten Beratungen zurückzogen, verspürten die Zurückgebliebenen (für die USPD: Haase; DDP: Payer, Haußmann, Petersen; DVP: Heinze, Stresemann; DNVP: Graf Posadowsky, Dietrich, Schulz-Bromberg) ein „Gefühl der Verantwortung, wenn sie die Regierung überstimmen, aber selbst keine bilden. Heinze erklärt, er halte an sich die formelle Vollmacht der Regierung für gegeben und werde ihr keinen Strick daraus drehen, wenn sie sie anwende. Es wird ihm geraten, das der Regierung mitzuteilen. Er bedient sich dazu, da Bauer es ablehnt, herauszukommen, des gerade hineingehenden [Victor] Naumann vom Auswärtigen Amt. Die Regierung kommt zurück. Sie faßt die Erklärung Heinzes als eine Ehrenerklärung auf und will sie bestätigt wissen. Die Deutschnationalen spalten sich. Posa[dowsky] dafür, Dietrich nicht für lauten Widerspruch, Schulz natürlich dagegen. Er poltert ihn heraus. Fehrenbach erklärt, dann sei alles vorbei. Aber andere äußern sich milder. Es wird Zeit, zur Vollsitzung zu gehen. Man geht jetzt ohne völlige Klärung ab“ (Tagebuchaufzeichnung Koch-Wesers vom 7.7.19, nach einer mdl. Mitteilung Haußmanns, in: Nachl. Koch-Weser  Nr. 16, S. 209 ff.; Prot. „Bei der Regierung, Schloß, Weimar 23 VI 1919, 12.30“ in: Nachl. Haußmann, Nr. 59; Friedrich Payer: Von Bethmann Hollweg bis Ebert. S. 301 ff.; Alma Luckau: Unconditional Acceptance of the Treaty of Versailles, a.a.O., S. 218 ff.). Noch bevor die NatVers. um 14.56 Uhr verspätet zusammentreten kann, finden Sitzungen der Fraktionen und des RKab. statt, das abschließend über seine Haltung und die Regierungserklärung des RMinPräs. beschließt. Eine vorläufige Entscheidung muß schon vorher gefallen sein, da um 13.40 Uhr GehRegR Brecht im Auftrag des RAM dem Gesandten von Haniel den Text der Note über die bedingungslose Annahme des VV zur Vorbereitung der Übergabe telegrafiert (PA, Dt. Friedensdelegation Versailles, Pol 13, Bd. 6). In der Kabinettssitzung scheint nur der RWeM die Unterzeichnung abgelehnt zu haben (vgl. unten Anm. 22). Die von den Zentrumsministern zur Bedingung ihrer Zustimmung gemachte förmliche Ehrenerklärung, in der die vaterländischen Beweggründe der zustimmungsbereiten Abgg. seitens der bürgerlichen Parteien gewürdigt werden, kommt erst während der Plenarsitzung zustande (Alma Luckau, a.a.O., S. 219). In seiner Regierungserklärung empfiehlt RMinPräs. Bauer dem Plenum die bedingungslose Annahme des VV. Die NatVers. stimmt allerdings entsprechend den interfraktionellen Abmachungen nur „über die Auffassung der Regierung, daß sie nach wie vor ermächtigt bleibt, den Friedensvertrag zu unterzeichnen“, ab. In einfacher Abstimmung erklärt sich gegen 15.15 Uhr die „große Mehrheit“ der Abgg. damit einverstanden (NatVers.-Bd. 327, S. 1139  ff.). – Diese Nachricht wird um 15.25 Uhr nach Versailles mitgeteilt, wo der Gesandte von Haniel um 16.40 Uhr die dt. Note vom 23. 6. über die bedingungslose Annahme der Friedensbedingungen an die all. mil. Verbindungsmission übergibt (PA, Dt. Friedensdelegation Versailles, Pol 13, Bd. 6; Abdruck in: Materialien, betreffend die Friedensverhandlungen. Teil IX, Dok. Nr. 14).

„An General Groener.

Telegramm E[uer] E[xzellenz] an Reichspräsident hat erheblich auf Entscheidung eingewirkt. Zentrum war schon auf Grund der früheren Erklärungen der Offiziere für Ablehnung gewonnen. Kabinett ist für Unterzeichnung. Noske überstimmt, bleibt aber zur Vermeidung des Chaos22. Es soll in Nationalversammlung ein Aufruf an Offiziere zum Ausharren angenommen werden. Kriegsminister unverändert auf seinem früheren Standpunkt. Er beabsichtigt zur Ehrenrettung der Offiziere besondere Maßregel23. Er rechnet bei Annahme des Friedens mit Abfall des Ostens und feindlichem Einmarsch. Kriegsminister und Noske fahren heute wieder nach Berlin.

22

Eine ausführliche Darlegung dieses Sachverhalts s. in dem von Noske sofort veranlaßten Aufruf des RWeM an die Reichswehr sowie in einem Telegramm des Stabschefs des RWeM, Maj. von Gilsa, an das dem Gen. von Lüttwitz unterstellte Reichswehrgruppenkommando 1 vom 23. 6., abgedruckt bei Gustav Noske: Von Kiel bis Kapp. S. 154 f.; der Aufruf auch verschiedentlich in der Tagespresse: Vossische Zeitung Nr. 315 vom 24.6.19; vgl. Ursachen und Folgen. Bd. III, Dok. Nr. 772.

23

Vgl. Dok. Nr. 4, P. 5.

gez. Major v. Feldmann.“

Um 5 Uhr nachm[ittags]24 wurde nachstehende von allen Parteien der Nationalversammlung, also auch der Unabhängigen, einstimmig gefaßte Kundgebung an die Wehrmacht durch Fernschreiber hierher übermittelt:

24

Nach der Annahme des VV war die Sitzung der NatVers. bis 16.35 Uhr unterbrochen worden. Der nachfolgende Aufruf in: NatVers.-Bd. 327, S. 1141  f.

„In der Stunde tiefsten vaterländischen Unglücks dankt die Deutsche Nationalversammlung der deutschen Wehrmacht für die opfervolle Verteidigung der Heimat. Ungeheure und niederdrückende Anforderungen stellt der trotz des Heldenmutes unserer Truppen aufgezwungene Frieden an alle Teile des Volkes, besonders schwere aber an das Ehrgefühl unserer Soldaten. Das deutsche Volk erwartet zuversichtlich, daß Heer und Marine, Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften, treu ihrer großen Vergangenheit, in dieser schwersten Zeit ein Beispiel der Selbstverleugnung und Aufopferung geben und Hand in Hand mit den anderen Volksgenossen an der Wiederaufrichtung unseres Vaterlandes arbeiten werden. Es muß gelingen25, wenn alle ihre vaterländische Pflicht erfüllen.“

25

Wortlaut nach NatVers.-Prot.: „Sie wird gelingen“.

Ich habe eine große Verantwortung mit diesem Schritt auf mich genommen, die ich zu tragen wissen werde.

Wie die weitere Entwicklung gehen wird, ist unbestimmt. Es können sowohl Unruhen, wie Militärrevolten in Berlin ausbrechen, auch der Kampf im Osten ist möglich.

Wir müssen zwei Fälle unterscheiden:

1. Bricht der Kampf im Osten aus, trotz Unterzeichnung des Friedens, steht es dahin, wie sich die Entente verhalten wird. Der Einmarsch im Westen ist[12] auch dann möglich, doch ist es fraglich, ob dieser Einmarsch die gleiche Bereitwilligkeit bei den Ententetruppen finden wird, wenn diesen die Friedensbereitschaft unserer Regierung bekannt wird. Fraglich ist auch, ob in diesem Falle Engländer und Amerikaner mitmarschieren werden.

2. Es wurde befürchtet, daß im Innern Unruhen und Aufstände revolutionärer und bolschewistischer Natur ausbrechen werden26. Ich glaube nicht daran, auf jeden Fall nicht an Aufstände von erheblichem Umfange, um so weniger, als die Unabhängigen sich an der Erklärung der Nationalversammlung von heute beteiligt haben.

26

Vgl. dazu den Tagesbericht des Garde-Kavallerieschützenkorps in Berlin vom 21.6.19: „Nach neueren Meldungen bestätigt sich die Annahme, daß die Leitung der KP[D] fest entschlossen ist, die jetzige Zeit der kritischen Entscheidung in der Friedensfrage für Umsturzbestrebungen auszunutzen, und zwar dürfte nach allen Anzeichen der Befehl zum Losschlagen durch die radikalen Führer im Laufe kommender Woche gegeben werden.“ Für einen allgemeinen Generalstreik seien die Vorbereitungen bis ins kleinste getroffen (Nachl. Erzberger , Nr. 53).

Die nächste Zukunft liegt dunkel vor uns. Wann die Stunde kommen wird, in der sich das deutsche Volk aus seiner nationalen Verlumpung emporrafft, um wieder einmütig zusammenzustehen und einzutreten in den Kampf nach außen für Ehre und Würde, für die zukünftigen Geschlechter, steht noch dahin. Ich glaube nicht, daß dies in absehbarer Zeit der Fall sein kann.

In der Besprechung in Weimar am 19. 6.27 habe ich mich bereit erklärt, den Kampf wieder aufzunehmen, wenn der Kriegsminister in der Lage wäre, mir hierzu 1.000.000 Soldaten zur Verfügung zu stellen. Der Kriegsminister hat jedoch dies für unmöglich erklärt, auch darauf hingewiesen, daß die Verpflegung solcher Massen größte Schwierigkeiten bereiten würde und [daß] deshalb auch von einer Zusammenziehung größerer Massen hinter der Elbe abgesehen werden müsse.

27

Vgl. diese Edition: Das Kabinett Scheidemann, Dok. Nr. 114.

Angesichts dieser Lage und der Unmöglichkeit, unsere Volkskraft zu ernstlichem Kampf aufzurufen, erachte ich alle schönen Reden für Torheit, die Wiederaufnahme des Kampfes für Wahnsinn. Ein solcher Entschluß würde nicht nur erhebliche Blutverluste, die Zerstörung weiter blühender Gebiete und Industriezentren, langjährige feindliche Besetzung für unser Wirtschaftsleben wichtiger Gebiete nach sich ziehen, sondern meiner festen Überzeugung nach einen restlosen Vernichtungskrieg Frankreichs gegen Deutschland zur Folge haben.

Dies, meine Herren, ist meine Auffassung. Die Beurteilung überlasse ich Ihnen.

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