2.65.1 (cun1p): 1) Reise des Herrn Reichskanzlers in das Ruhrgebiet.

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Das Kabinett Cuno Wilhelm Cuno Bild 183-1982-0092-007Französischer Posten Bild 183-R43432Posten an der Grenze des besetzten Gebietes Bild 102-09903Käuferschlange vor Lebensmittelgeschäft Bild 146-1971-109-42

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RTF

1) Reise des Herrn Reichskanzlers in das Ruhrgebiet.

Der Herr Reichskanzler macht Mitteilung über seine Reise in das Ruhrgebiet1. Es stehe an der Front gut. Er habe von allen Kreisen die übereinstimmende Versicherung erhalten, daß man durchhalten werde, insbesondere hätten[218] auch die Arbeitervertreter sich in diesem Sinne geäußert2. Die Kardinalfrage sei die Ernährungsfrage, ihr sei alle Aufmerksamkeit zuzuwenden, da der günstige Ausgang des Widerstandes in erster Linie von ihrer richtigen Lösung abhänge. Auch die Preisfrage habe eine entscheidende Bedeutung. Es sei jetzt eine Situation, wo die Politik die Wirtschaft führen müsse. Man müsse eventuell Maßnahmen ergreifen, von denen man sich rein wirtschaftlich keinen ausschlaggebenden Erfolg verspreche, die aber politisch und psychologisch notwendig seien3.

1

Der RK hatte am 4. 2. das Ruhrgebiet bereist und dabei in Essen, Bochum, Dortmund und Elberfeld Besprechungen mit Vertretern der Industrie, der Arbeiterschaft und der Beamten geführt. Am 5. 2. weilte er anläßlich der Eröffnung des Rheinischen Provinziallandtages, der unter Leitung des PrIM Severing und in Anwesenheit des RFM tagte, in Barmen. Anschließend besuchte er Münster, wo der Westfälische Provinziallandtag unter Vorsitz des PrMinPräs. Braun zusammengetreten war. Die sehr instruktive Rede Cunos in Bochum ist aufgrund stenografischer Aufzeichnungen abgedruckt bei Spethmann: 12 Jahre Ruhrbergbau, Bd. IV, S. 122–131.

2

Der Vertreter des AA im Ruhrgebiet, LegSekr. Redlhammer, berichtet am 7. 2. über die Ruhrreise Cunos: „Aufgrund meiner persönlichen Fühlungnahme mit den verschiedensten Kreisen im Revier kann ich berichten, daß die Reise hier allgemein einen sehr guten Eindruck gemacht hat. Mißtöne sind nirgend laut geworden. Die Arbeiterkreise halten mit ihrer Anerkennung nicht zurück. Hierbei ist besonders bemerkenswert, daß man dem persönlichen Mut, der zu einer Reise ins besetzte Gebiet gehörte, volle Anerkennung zollt. Diese Anerkennung ist in politischer Beziehung sehr wertvoll; denn sie beseitigt Mißtrauen und zeigt die Sympathie, die man gerade in Arbeiterkreisen für die Person des RK hegt. Die Folge der Reise ist also eine allgemeine Popularität.“ (R 43 I/212, Bl. 41).

3

Dazu Redlhammer in seinem Bericht über die Reise Cunos: „Die günstige Stimmung würde sich meines Erachtens noch erheblich verstärken, wenn eine äußerlich sichtbare Folge der Besprechungen möglichst rasch erkennbar würde. Ich denke hierbei an das Problem der Wucherbekämpfung. Es ist Tagesgespräch, es ist ein Schlagwort, mit dem jeder Gewerkschaftler, jeder Mißgestimmte, jeder Betriebsrat arbeitet. Wird dieses Schlagwort durch die RREg. aufgegriffen und durch eine rasche Tat mit lebendiger Agitationskraft versehen, so würde der Kampf um ein bedeutendes Stück vorgetragen werden.“ (R 43 I/212, Bl. 41).

Zur Zeit ständen die Eisenbahner im Ruhrgebiet in der vordersten Front. Es sei den Franzosen bisher noch nicht gelungen, einen Zug nach dem Westen durchzubringen4.

4

Am 8. 2. erklärt der RIM vor dem Hauptausschuß des RT, daß seit dem Verbot der Kohlenlieferung am 15. 1. nur 22 000 t Kohle und 17 000 t Koks beschlagnahmt und nach Frankreich und Belgien gebracht werden konnten. Vor der Besetzung habe Deutschland täglich rd. 25 000 t Kohle und 20 000 t Koks geliefert, so daß in 20 Tagen für Frankreich und Belgien ein Verlust von rd. 860 000 t eingetreten sei (Schultheß, 1923, S. 27). Aus einer Übersicht des Reichskohlenkommissars für den RK vom 12. 2. ergibt sich, daß bis zum 8. 2. nach Belgien auf dem Land- und Wasserwege jeweils rd. 6 000 t Kohle gelangten, nach Frankreich auf dem Wasserwege rd. 16 000 t Kohle und auf dem Landwege rd. 22 000 t Kohle und Koks (R 43 I/208, Bl. 12-16). Am 8. 2. gelingt den Franzosen und Belgiern die Abfuhr von drei Kohlenzügen nach Westen. Die Presseabteilung der RReg. erklärt dazu am 9. 2., daß Deutschland früher freiwillig durchschnittlich 50 voll ausgelastete Güterzüge pro Arbeitstag über die Grenze geschickt habe (R 43 I/207, Bl. 163). Über die spätere Kohlenabfuhr informieren im einzelnen die täglichen Lageberichte der Rkei (Rhein/Ruhr-Abt.) in den Akten des RMin Wiederaufbau (R 38 /193-198).

Der Herr Reichskanzler schlägt am Schluß seiner Ausführungen vor, daß zur Besprechung der erforderlichen wirtschaftlichen Maßnahmen zunächst die Staatssekretäre und dann die Chefs der wirtschaftlichen Ressorts unter seinem Vorsitz am nächsten Tage zusammentreten5.

5

S. Dok. Nr. 66.

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