2.141 (cun1p): Nr. 141 Staatssekretär Hamm an den Gesandten v. Haniel. 26. April 1923

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Das Kabinett Cuno Wilhelm Cuno Bild 183-1982-0092-007Französischer Posten Bild 183-R43432Posten an der Grenze des besetzten Gebietes Bild 102-09903Käuferschlange vor Lebensmittelgeschäft Bild 146-1971-109-42

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[431] Nr. 141
Staatssekretär Hamm an den Gesandten v. Haniel. 26. April 1923

R 43 I/36, Bl. 317 f. Durchschrift

[Betrifft: Äußerungen Stresemanns]

Verehrter Herr von Haniel!

Der Aufsatz, der am Montag in den „Münchener Neuesten Nachrichten“ Dr. Stresemann in Verbindung mit Treibereien gegen das Kabinett Cuno brachte, hat hier zwar kein weiteres Aufsehen erregt; ich weiß nicht, ob dasselbe aber auch für Bayern zutrifft und ob dort nicht doch die Besorgnis stark genährt wurde, es könnten hier unverantwortliche Treibereien gegen eine Regierung am Werke sein, die in Bayern, und wenn auch da und dort mit starken Einschränkungen, für die zur Zeit bestmögliche Bürgschaft gegen unerwünschte politische Entwicklung gilt1. Nach mehreren Rücksprachen, die ich mit Herrn Dr. Stresemann selbst hatte, darf ich diese festgegründete Überzeugung ausdrücken, daß von irgendwelcher beachtlichen Seite Treibereien solcher Art nicht im Gange sind. Herr Dr. Stresemann hat in Aufsätzen in der „Zeit“, wie ferner in einer Erklärung, die er, wie ich höre, eben jetzt wohl in die Presse gegeben hat, wie endlich auch in mündlichen Äußerungen, keinen Zweifel darüber gelassen, daß die Deutsche Volkspartei diese Regierung als eine mit von ihr getragene Regierung betrachte, zu der sie im vollen Vertrauensverhältnis stehe. Ich brauche unter uns keinen Hehl daraus zu machen, daß der Herr Reichskanzler die Äußerung von Dr. Stresemann „1 Milliarde mehr oder weniger sei nicht das Entscheidende“ nicht glücklich gefunden hat2,[432] und daß auch die Bemerkung Stresemanns, die Rede sei überhaupt nicht zur Veröffentlichung bestimmt gewesen, diese Auffassung nicht entkräftet hat. Es ist dann auch prompt von Washington ein Hinweis darauf gekommen, wie sehr solche Äußerungen im Auslande den Glauben an die Festigkeit des deutschen Widerstandes und die Ehrlichkeit deutscher Anerbietungen beeinträchtige; aber es wäre falsch, diese Episode nun zu einem Ausgangspunkt grundsätzlicher Meinungsverschiedenheiten zu machen. Im ganzen besteht kein Zweifel daran, daß die Volkspartei und ihr Führer, der auch seine Reichstagsrede im wesentlichen als eine erwünschte Ergänzung und Fortführung der Rede des Außenministers aufgefaßt wissen wollte, und über sie vorher eingehende Rücksprache mit Herrn v. Rosenberg genommen hatte, hinter der Regierung steht3. Ich darf Ihnen anheimgeben, bei Gelegenheit Herrn v. Knilling gegenüber dies als Ihre festbegründete Überzeugung auszusprechen und so dahin zu wirken, daß nicht berufene Reichs- und Regierungsfreunde mit dem Herausfinden von Gegensätzlichkeiten Schaden anrichten.

1

Der hier angesprochene Aufsatz in den ‚Münchener Neuesten Nachrichten‘ vom 23.4.23 schloß mit der Bemerkung: „Es ist aber vielleicht gut, wenn wir betonen, daß sich hier in Bayern der RK Cuno das größte Vertrauen erworben hat und daß jeder, der die jetzige Politik Cunos, nämlich die Politik der Wiederherstellung der nationalen Ehre und Freiheit, behindert, bei uns auf stärkste Ablehnung zu rechnen hat!“ (Ausschnitt aus den ‚MNN‘ in R 43 I/36, Bl. 319).

2

Nach Stresemanns Vermächtnis Bd. I, S. 56 lautete die Äußerung – sie fiel im Rahmen einer öffentlichen Rede, die Stresemann am 22. 4. in Berlin hielt –: „Unser Leben und Sterben hängt nicht davon ab, ob wir eine Goldmilliarde mehr oder weniger zahlen, ob wir einige Jahre später oder früher die Grundlage für ein neues wirtschaftliches Emporsteigen gewinnen. Davon aber, daß Rhein und Ruhr deutsch bleiben, davon hängt unser Leben und Sterben ab.“ Die ‚MNN‘ zitierten: „Davon, ob Deutschland eine Milliarde mehr oder weniger zu zahlen haben wird, hängen Leben und Tod noch nicht ab; wohl aber davon, ob das Rheinland und das Ruhrgebiet bei Deutschland bleiben.“

3

RT-Rede Stresemanns vom 17. 4. in RT-Bd. 359, S. 10572  ff.

Mit Herrn v. Preger habe ich heute wegen der letzten Pöbeleien des „Miesbacher Anzeigers“ vom 24. 4. „Hochverrat“, gesprochen. Den Herrn Reichsjustizminister konnte ich noch nicht darüber sprechen, ebensowenig den Herrn Reichskanzler. Es ergibt sich aber doch allmählich die Frage, ob die Bayerische Regierung von sich aus nichts gegen eine solche Anpöbelei des obersten Reichsbeamten tun will und ob sie eine förmliche Frage der Reichsregierung abwarten will. Ich möchte diese Bemerkung ganz persönlich und außerdienstlich machen4.

4

Zu diesem Punkt empfiehlt v. Haniel in seinem Antwortschreiben an Hamm vom 30.4.23: „Was den ‚Miesbacher Anzeiger‘ betrifft, so möchte ich, wenn dies nicht der Gegenseite, ‚Rote Fahne‘ etc. wegen notwendig ist, empfehlen, ihm möglichst wenig Beachtung zu schenken. Seit dem Ausscheiden Eckarts aus der Redaktion hat er sehr an Bedeutung und Abonnenten verloren. Seine Auflage soll augenblicklich nur etwa 4 000 betragen. Wenn man es nicht, wie gesagt, des Prinzips wegen für erforderlich hält, so würde ich raten, nicht durch ein Vorgehen Reklame für das betreffende Blatt zu machen.“ (R 43 I/2232, S. 469 f.).

Im übrigen wird vielleicht am nächsten Montag Gelegenheit sein, über diese Dinge mit einem bayerischen Vertreter zu sprechen. Der Herr Reichskanzler beabsichtigt nämlich, für nächsten Montag [30. 4.] die Herren Ministerpräsidenten hierher zu bitten, um sie vor Absendung der Note noch zu sprechen. Doch hängt die Ausführung dieser Absicht noch von verschiedenem ab, so daß über die Einladung erst morgen endgültig entschieden werden kann5.

5

Besprechungen mit den MinPräs. der Länder finden statt am 1. und 2.5.23 (Dok. Nr. 146).

Mit verbindlichsten Empfehlungen, in bekannter Hochschätzung

Ihr ergebener

H[am]m

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