2.153 (cun1p): Nr. 153 Gesandter v. Haniel an Staatssekretär Hamm. München, 7. Mai 1923

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Text

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Nr. 153
Gesandter v. Haniel an Staatssekretär Hamm. München, 7. Mai 19231

1

Das Schreiben ist von Hamm am 10. 5. abgezeichnet.

R 43 I/1305, Bl. 69

[Betrifft: Bayerische Reaktionen auf Gerüchte über Kabinettswechsel]

Vertraulich! Persönlich!

Sehr verehrter Herr Hamm!

Zu meinem Bedauern haben wir uns in Berlin nicht mehr getroffen, doch hatten wir die wichtigsten Fragen bereits kurz berührt2. Die übrigen habe ich mit Herrn Geheimrat Kempner und den Herren vom Auswärtigen Amte eingehend besprochen3.

2

Mit Schreiben vom 30. 4. hatte v. Haniel seinen Besuch in Berlin für den 3. 5. angekündigt und auf Hamms Schreiben vom 26. 4. (Dok. Nr. 141) geantwortet.

3

Über diese Besprechungen fanden sich keine Vermerke in R 43 I.

[466] Ich traf heute zufällig Herrn von Knilling auf der Straße, und während wir zusammen gingen, erwähnte ich beiläufig die Möglichkeit eines Kabinettswechsels in Berlin und die Tatsache, daß die Sozialdemokraten sich nicht abgeneigt zeigten, in die Regierung einzutreten4. Herr von Knilling wurde sehr erregt und erklärte, eine sozialistische Reichsregierung würde „den Trennungsstrich zwischen Bayern und dem Reich“ bedeuten. So lange die jetzige Regierung bestünde und sich treu bleibe, könne er mit Herrn Hitler und Genossen fertig werden, aber gegen Hitler nach der einen Seite und die sozialistische Regierung nach der andern zu kämpfen, sei unmöglich. Ich sagte ihm, daß man in Berlin von einer Kombination zwischen Deutscher Volkspartei (Stresemann) und Sozialisten (Breitscheid) spräche. Auch hierzu erklärte er, Breitscheid etwa als Außenminister sei für Bayern unerträglich. Es würde dann seinen Gesandten in Berlin abberufen. Ich darf bemerken, daß es sich selbstverständlich nicht um offizielle, sondern um gelegentliche Äußerungen des Ministerpräsidenten handelt, halte sie indessen doch für bezeichnend genug, um sie Ihnen mitzuteilen, zumal sie keineswegs vertraulich, sondern in Gegenwart eines Dritten erfolgten. Ich darf anheimstellen, ob Sie sie auch dem Herrn Reichskanzler zur Kenntnis bringen wollen5.

4

Nach der enttäuschenden Reaktion der Alliierten, insbesondere der Engländer, auf die dt. Note vom 2.5.23 liefen Gerüchte über Rücktrittsabsichten der Regierung Cuno um. Der engl. Botschafter Lord D’Abernon berichtet über ein Gespräch mit v. Rosenberg am 14.5.23: „Der Minister glaubt anscheinend, daß die Curzon-Note [vom 13. 5.] den Sturz der Regierung herbeiführen wird. Die Kritik an der Ungeschicklichkeit ihres Memorandums vom 2. Mai sei zu scharf gewesen.“ (D’Abernon, Memoiren Bd. II, S. 245). Am 24.5.23 berichtet D’Abernon über ein weiteres Gespräch mit v. Rosenberg: „Rosenberg ist durchaus ehrlich, und es unterliegt keinem Zweifel, daß er aufrichtig glaubt, er und Cuno stünden zwischen Deutschland und dem Ruin. Sie sind überzeugt, daß nach ihrem Sturz eine sozialistische Regierung zu erwarten ist, die sich trotz der schweren Angriffe der Rechten in ihrer Aktivität nicht stören lassen wird; dann kann es zu Mordanschlägen oder vielleicht sogar zu einem Putsch kommen. Rosenberg beginnt einzusehen, daß die ehrliche, wenn auch vielleicht ungeschickte Note vom 2. Mai einen Mißerfolg erlitten hat. Curzons Note vom 13. Mai hat die Popularität und Autorität der deutschen Regierung untergraben; sie kann nicht auf dem von ihr eingeschlagenen Wege fortfahren. Rosenberg sagte mir im Vertrauen, er persönlich sei der Ansicht, daß die Regierung sofort nach der Curzon-Note ihre Demission hätte einreichen sollen. Er hatte versucht, Cuno dazu zu bewegen, der es jedoch ablehnte mit der Begründung, es sei ihre Pflicht, durchzuhalten und ihr Bestes zu tun. Rosenberg glaubt noch immer, daß es wahrscheinlich für sie besser gewesen wäre, wenn sie demissioniert hätten.“ (D’Abernon a.a.O., S. 256). Über diese Vorgänge fanden sich keine Angaben in den Akten der Rkei.

5

Dazu Randbemerkung Hamms: „Geschehen“.

Mit aufrichtigsten Grüßen

Ihr treu ergebener

E. Haniel

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