2.190 (cun1p): Nr. 190 Gerhard Rossbach an Reichskanzler Cuno. Leipzig, 15. Juni 1923

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Das Kabinett Cuno Wilhelm Cuno Bild 183-1982-0092-007Französischer Posten Bild 183-R43432Posten an der Grenze des besetzten Gebietes Bild 102-09903Käuferschlange vor Lebensmittelgeschäft Bild 146-1971-109-42

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[570] Nr. 190
Gerhard Rossbach an Reichskanzler Cuno. Leipzig, 15. Juni 1923

R 43 I/2678, Bl. 453-456

[Betrifft: Bekämpfung der deutschvölkischen Bestrebungen]

Ew. Exzellenz

beehre ich mich, Nachstehendes sehr ergebenst zu unterbreiten:

Am 17. März 1923 wurde ich bekanntlich unter dem Verdachte des Hochverrates in Berlin festgenommen. Heute, nach drei Monaten, bin ich noch immer in Untersuchungshaft. Die Umstände, weshalb meine Freilassung noch nicht erfolgt ist, obwohl keinerlei Belastungszeugen beizubringen waren, liegen auf politischem Gebiet. Als mir vor einigen Tagen bei meiner Schlußvernehmung sämtliche Zeugenaussagen vom Herrn Untersuchungsrichter vorgelesen wurden, fragte ich betroffen nach den „Belastungsaussagen“. Es war keine einzige darunter. Alle Zeugen, darunter auch General Ludendorff, Herr von Graefe pp. bekundeten genau so wie ich – und zwar vor mir –, mit Euer Exzellenz über die Verwendung der von uns zu organisierenden Kampfverbände ausführlich gesprochen zu haben1.

1

S. dazu Dok. Nr. 172.

Ich habe bis heute ohne Rücksichtnahme auf meine Person jede Aussage vermieden, die für den Gang der Verhandlungen nicht unbedingt notwendig war. Ich habe sogar auf die von meinem Rechtsbeistand beantragte Vernehmung der Generale Ludendorff und von Seeckt und auf ihre Gegenüberstellung ausdrücklich deshalb verzichtet, um den verantwortlichen Führer der Reichswehr nicht in eine mißliche Lage zu bringen2.

2

Auf Antrag des Rechtsanwalts Rossbachs beantragt der Untersuchungsrichter schließlich doch am 4. 7. die Vernehmung v. Seeckts, dem nach Durchsicht der Akten durch das RWeMin. zunächst eine beschränkte, dann unbeschränkte Aussagegenehmigung vor dem Staatsgerichtshof erteilt wird. Die Angelegenheit beschäftigt das Kabinett Stresemann (s. den entspr. Band dieser Edition). Bevor es zur Vernehmung v. Seeckts kommt, wird Rossbach am 13. 10. aus der Haft entlassen und begibt sich sogleich nach München, wo er an den Vorbereitungen des Hitler-Putsches teilnimmt. Zur Behandlung des Falls Rossbach s. auch Caro/Oehme: Schleichers Aufstieg, 1933, mit ausgiebigen Zitaten aus den Untersuchungen des Staatsgerichtshofes und den Schriftwechseln mit dem RWeMin.

Daß meine ev. Haftentlassung auf die Stabilität des Ministers Severing einen erheblichen Niederschlag ausüben würde, wissen nicht nur der Minister und seine Parteigenossen selber, sondern auch die parteipolitisch eingestellten Mitglieder des Staatsgerichtshofes zum Schutze der Republik, besonders die Mitglieder der marxistischen Parteien. Nun beginnt der preußische Innenminister, da er sieht, daß seine Theorie des „Hochverrates der Völkischen“ am Zusammenbrechen ist, sogar in aller Offenheit gegen die Reichsregierung, gegen den Herrn Reichskanzler insbesondere, und gegen die Reichswehr vorzugehen. Wenn diese Tatsache schon Unbeteiligten in der schwebenden Angelegenheit gegen mich aufgefallen ist, um wieviel mehr müßten die juristisch vorgebildeten[571] Reichsrichter diese Machenschaften des Ministers Severing und seiner Gehilfen gemerkt haben. Wenn man mich, wie gesagt, trotzdem bis heute noch nicht frei ließ, so liegt der Grund eben in mir durchaus verständlichen, aber nie zu billigenden politischen Umständen. Die damit verbundene, schon vorher festgelegte Einstellung gegen die „Deutschvölkische Freiheitspartei“ mag daran schuld sein. Die Angelegenheit Heinz3 sowohl wie viele andere in meiner Aussage übrigens erwähnte Vorfälle beweisen, daß der Minister Severing bewußt gegen die Reichsregierung arbeitet. Das weiß man auch in der Reichskanzlei. Ich selbst habe schon früher bei einer dortigen Unterredung von einem Herrn dies bestätigt gefunden.

3

S. dazu Dok. Nr. 184.

Und jetzt, da alles, was Herr Severing behauptet hat, zusammenzubrechen droht, weil bewiesen ist, daß wir mit der Reichsregierung und insbesondere mit der Reichswehr und ihren führenden Persönlichkeiten zusammen gearbeitet haben, jetzt wird neues „Material“ gesucht und – erdichtet. Die Nachforschungen der Kriminalpolizei im Auftrage des Innenministers von Preußen nach den Zusammenhängen zwischen der Organisation Heinz und der Reichsregierung und nun die völlig aus der Luft gegriffenen Behauptungen z. B. des „Vorwärts“ über meine angeblichen Organisationen vom Untersuchungsgefängnis aus, vom „Reichswehrblock Rossbach“, von dem ich noch nie etwas gehört habe4, lassen eins deutlich erkennen und der „Vorwärts“ gibt es ja auch offen zu: Man will jetzt nicht nur mir und meinen völkischen Freunden mit diesen bodenlosen Lügen und Verdrehungen den Garaus machen, sondern nun sollen – ein langer, sehnlicher Wunsch – Regierung Cuno und unser einziger Hort, die Reichswehr, mit hinunter ins Grab. Was nun kommt, kann sich jeder ausmalen, der die inneren Verhältnisse kennt: Das, was Napoleon I vor ca. 110 Jahren wollte, was aber an einem Stein und Scharnhorst damals scheiterte! Herr Severing hat immer die Kommunisten als „politische Kinder“ und uns als Volksverräter[572] bezeichnet. Und nun sagt auch Dr. Cuno in Münster zu dem Vertreter der ‚International News Service‘: „Die Gefahr einer roten Revolution schwebe über Deutschland5

4

Am 13. Juni berichtete der ‚Vorwärts‘ in großer Aufmachung über den ‚Reichswehrblock Rossbach‘, den man bei polizeilichen Untersuchungen in Magdeburg entdeckt habe. Kempner vermerkte über die Angelegenheit am 14. 6.: „RKom. Kuenzer teilt über Magdeburg mit: Bis zur Stunde ist beim RWeMin. ein Bericht über Durchsuchung der Kaserne und über den Inhalt des beschlagnahmten Materials nicht eingegangen. Die Zivilbehörde hat das Material mitgenommen. Das WeMin. besitzt nur eine amtliche Mitteilung, daß am 9. Juni die Durchsuchung stattgefunden hat. In die Angelegenheit sind im ganzen fünf Reichswehrsoldaten verwickelt, sämtlich vom Kraftfahrbataillon 4. Gegen den Hauptbeteiligten Reichswehrsoldaten Riedel [richtig: Riehl] war bereits ein Verfahren wegen Dienstentlassung im Gange. Das RWeMin. ist der Ansicht, es handele sich um einen Versuch Rossbachs, in der Reichswehr Zellen zu organisieren, die seine Bestrebungen unterstützen. Wannsee war der erste Versuch, Magdeburg der zweite. Hörsing hat mitgeteilt, daß die Veröffentlichung in der ‚Magdeburgischen Volksstimme‘ [Erstveröffentlichung vor dem ‚Vorwärts‘] gegen seinen Willen erfolgt sei!“ (R 43 I/2678, Bl. 449 f., 452). Ein Vermerk v. Stockhausens vom 14. 6. bringt die letzten Feststellungen aus dem RWeMin.: „Rossbach hat kurz vor seiner Verhaftung in Magdeburg mit Reichswehrangehörigen Fühlung genommen. Insbesondere hat er sich mit dem Kraftfahrer Riehl, einem ganz jungen und unerfahrenen Burschen, in Verbindung gesetzt. Mit diesem hat er die Statuten des sog. Reichswehr-Blocks Rossbach ausgearbeitet. Riehl hat dann weiter geworben. Die Ergebnisse seiner Werbungen in der Reichswehr waren äußerst gering. Irgendwelche Zusammenhänge außerhalb Magdeburgs sind nicht festgestellt worden. Riehl hat schon früher versucht, seine Entlassung zu bekommen, da er Nationalsozialist geworden sei. Die fristlose Entlassung Riehls war schon vor seiner Verhaftung von der vorgesetzten Dienstbehörde beantragt worden.“ (R 43 I/2678, Bl. 451).

5

Die DAZ berichtete in Nr. 266 vom 12. 6. über dieses Interview. Danach erklärte der RK u. a., „daß die Gefahr einer roten Revolution über Deutschland schwebe und jeden Augenblick ausbrechen könne.“ RAM v. Rosenberg telegrafierte noch am selben Tag an Sthamer nach London, daß dieses angebliche Interview des RK nicht authentisch sei (AA Büro RM 14 - 5, Frage der Aufgabe des passiven Widerstandes Bd. 1).

Ich frage Ew. Exzellenz, ob Sie nun weiter zusehen wollen:

1. daß Männer, die mit Gut und Blut für die Freiheit unseres Vaterlandes eintraten und sich Ihnen, der Reichsregierung in des Heimatlandes höchster Not zur Verfügung stellen wollten, von den Parteigenossen ihrer politischen Gegner weiter gegen jedes Gesetz einer vaterländischen Moral geknechtet und eingesperrt bleiben und ihrem vom höchsten politischen Haß infizierten Partei„richter“spruche unterstellt bleiben – auf Gnade oder Ungnade –,

2. daß nach Erledigung dieser einzigen wirklichen Hilfskraft der Reichswehr im Ernstfalle nun auch die Reichsregierung und die „ultima ratio“ des Staates, ihre Truppe, von der roten Internationale, der Vorhut des Bolschewismus, vernichtet werden?

Ich kenne wohl fast alle Zusammenhänge zwischen den verschiedenen bisherigen Regierungen und den derzeitigen Reichswehr- und sogen. vaterländischen Verbänden. Und gerade deshalb frage ich Euer Exzellenz: Will sich die bürgerliche Reichsregierung Cuno selbst und das Vaterland den Nachfolgern eines Bonaparte oder den bolschewistischen Mördern einer ganzen Kulturperiode ausliefern? Bis heute noch glaube ich fest an die Mission der „Cunoregierung“. Wenn sie aber in dieser Stunde die furchtbare Gefahr dieser „preußischen“ Aktion nicht erkennt oder erkennen will, wenn sie weiterhin „Hemmungen“ hat, über die sie nicht hinaus kann, dann bedaure ich, meine Ansicht endgültig ändern zu müssen. Dann erzwingt die Not des Vaterlandes den Einsatz der vollen Person zur Erlangung der völkischen Freiheit, auch über die Trümmer einer wohlmeinenden, persönlich unantastbaren, aber entschlußlosen Regierung. Das schreibe ich aus ehrlichster, innerster Überzeugung mit dem aufrichtigsten Wunsche, für die Rettung unseres zerrütteten Vaterlandes Verständnis zu finden.

Nehmen Sie dieses Schreiben, Herr Reichskanzler, mit der Versicherung meiner vorzüglichsten Hochachtung entgegen6.

6

Eine Antwort des RK erfolgt nicht. Am 26. 6. sendet Hamm das Schreiben Rossbachs an RJM Heinze zur Kenntnisnahme, der es am 13. 7. zurücksendet mit der Bemerkung: „Es bedarf m. E. keiner Erwiderung, da eine solche entweder nichtssagend sein oder sich in langen Erörterungen auslassen müßte.“ (R 43 I/2678, Bl. 457 f.). Der RIM erhält anschließend ebenfalls Kenntnis des Schreibens, das er am 20. 7. ohne Kommentar an die Rkei zurückgibt. Die Verzögerung seines Verfahrens beklagt Rossbach in einem weiteren Schreiben an Cuno vom 17. 8., als dieser bereits sein Kanzleramt an Stresemann abgetreten hat.

Ihr sehr ergebener

Gerhard Rossbach

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