2.213 (cun1p): Nr. 213 Bericht des bayerischen Gesandten am Vatikan. 7. Juli 1923

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Das Kabinett Cuno Wilhelm Cuno Bild 183-1982-0092-007Französischer Posten Bild 183-R43432Posten an der Grenze des besetzten Gebietes Bild 102-09903Käuferschlange vor Lebensmittelgeschäft Bild 146-1971-109-42

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Nr. 213
Bericht des bayerischen Gesandten am Vatikan. 7. Juli 19231

1

Der Bericht ist überschrieben: „Telefonat des Staatsministeriums des Äußern (Geheimrat Wappes). Vertraulicher Bericht des Gesandten v. Notter am Vatikan.“ Dazu findet sich die handschriftliche Notiz Cunos vom 7. 7.: „Von Exz. Preger überreicht erhalten.“ Der Bericht ist also offenbar vom Bayer. StMin. telefonisch an den bayer. Gesandten in Berlin gegeben worden, der die schriftliche Aufzeichnung des Telefonats am 7. 7. an den RK weiterleitete. Dieser legte sie lt. Vermerk vom 7. 7. auch dem RAM vor, der abzeichnete. Der Bericht aus Rom selbst ist offenbar früheren Datums. Einige handschriftliche Verbesserungen im Bericht dürften vom bayer. Gesandten v. Preger stammen.

R 43 I/214, Bl. 53 f.

[Betrifft:] Sabotage im Ruhrgebiet

Das in meinem gestrigen Bericht Nr. 69 gemeldete Telegramm des Kardinal-Staatssekretärs an den Mgre. Pacelli, betr. die Verurteilung der Sabotage, wie sie im Ruhrgebiet von den Deutschen geübt würde2, ist tatsächlich auf die Vorstellungen zurückzuführen, die der französische und belgische Botschafter beim Heiligen Stuhl wegen des Friedensbriefs des Papstes gemacht haben und die besonders dahin gingen, daß die Deutschen durch diesen Brief in ihrem[632] passiven Widerstand und in der Verübung von Verbrechen, wie Sabotage-Akte solche seien, bestärkt würden3. Dem Eindruck dieser unberechtigten Vorstellungen hat sich der Heilige Stuhl nicht entzogen. Zunächst bat der Kardinal-Staatssekretär den deutschen Botschafter4, die Reichsregierung zu bestimmen, daß sie ihr möglichstes tue, um solche Vorkommnisse zu verhindern. Diese Bitte wäre noch nicht so schlimm gewesen, und daher erklärte sich der Botschafter bereit, in ihrem Sinne an die Regierung zu berichten.

2

Am 2. 7. ließ der Papst durch Kardinal Gasparri folgende Depesche an Nuntius Pacelli richten: „Während der Heilige Vater mit seinem Schreiben [vom 27. 6.] die Mächte zu einer friedlichen Verständigung zu bewegen bestrebt war und alles zu vermeiden anriet, was eine solche Verständigung verhindern könnte, bedauert er tief, von den Sabotageakten im besetzten Gebiet und von anderen unter dem Vorwand des passiven Widerstandes begangenen Verbrechen zu vernehmen. Der Papst beauftragt Sie, entschieden dahin zu wirken, daß die deutsche Regierung ein für alle Mal einen solchen verbrecherischen Widerstand verurteilt, der vom Heiligen Vater selbst verurteilt wird.“ (Schultheß 1923, S. 340).

3

Zum offenen Brief Pius XI. vom 27. 6. s. Anm. 3 zu Dok. Nr. 181, zur Reaktion Poincarés vgl. seine Kammerrede vom 6. 7., Schultheß 1923, S. 313 f. In den Akten der Rkei findet sich kaum Material über die Verhandlungen mit dem Vatikan; sie fanden aber reichen Niederschlag in den Akten des AA, hier insbesondere in Büro RM 5, Reparationen Bd. 13; RM 14–5, Frage der Aufgabe des passiven Widerstandes Bd. 1; Abt. II, Handakten v. Mutius, Sabotage 1923.

4

v. Bergen.

Um so erstaunter war der Botschafter, als ihm kurz darauf der Staatssekretär von dem an Mgre. Pacelli gerichteten Telegramm Kenntnis gab, das an die interessierten Mächte mitgeteilt worden sei. Es scheint somit in der Zwischenzeit ein stärkerer Druck seitens Frankreichs und Belgiens auf den Heiligen Stuhl ausgeübt worden zu sein, damit dieser die im ursächlichen Zusammenhange mit dem von Deutschland im Ruhrgebiet geübten passiven Widerstand begangenen Sabotage- und anderen dort verübten Verbrechen verurteile und damit daraus geschlossen werden könne, daß der Heilige Stuhl den passiven Widerstand überhaupt nicht billige oder wenigstens dessen Einstellung wünsche. Diese letztere Schlußfolgerung zieht auch bereits der franzosenfreundliche Messagero, obwohl er zugeben muß, daß nach dem Wortlaut des Telegramms der Papst den passiven Widerstand nur insoweit zu verurteilen scheine, als er einen verbrecherischen Charakter annahm. Andere Blätter erblicken in dem Telegramm nur ein Beruhigungsmittel für die durch den päpstlichen Brief gereizte Empfindlichkeit Frankreichs, das sich nun zufrieden geben könnte. Andererseits bestünden aber keine Anhaltspunkte dafür, daß die Deutsche Regierung nicht schon von sich aus solche Verbrechen, die nicht zum passiven Widerstand gehören, verurteile. Erst gestern berichtete der Corriere d’Italia gleichzeitig mit der Veröffentlichung des Telegramms an Pacelli, daß der Preußische Minister des Innern verbrecherische Sabotagen absolut verurteile. Demnach wäre die dem Nuntius erteilte Weisung eigentlich nur ein Lufthieb. Mit einer dahin lautenden Antwort an Mgre. Pacelli fiele es meines Erachtens nicht schwer, dem Telegramm die gegen Deutschland gerichtete Spitze zu nehmen und überdies dem Heiligen Stuhl zu verstehen zu geben, daß er sich von Frankreich und Belgien habe mißbrauchen lassen.

Gleichwohl bleibt es sehr unerfreulich, daß der Heilige Stuhl sich hat bestimmen lassen, Ausschreitungen, die von Deutschen begangen worden sind, öffentlich zu verurteilen, während er zu den von den Franzosen und Belgiern im Ruhrgebiet verübten Missetaten immer geschwiegen habe. In Deutschland wird das mit Recht einen sehr schlechten Eindruck machen. Diese Behandlungsweise widerspricht auch dem vom Heiligen Stuhl bisher eingenommenen Standpunkt, daß der Papst sich aus Opportunitätsgründen im Interesse Deutschlands zu einzelnen Vorkommnissen im besetzten Ruhrgebiet nicht äußern könne.[633] Frankreich und Belgien zuliebe habe er es nun doch getan. Nicht zu verwundern wäre es, wenn die günstige Auswirkung des päpstlichen Briefes in Deutschland dadurch abgeschwächt würde; andererseits brauchen wir uns über diesen Peitschenhieb nach Zuckerbrot noch nicht besonders aufzuregen, weil er ein Lufthieb ist. Ganz anders sitzt im Volke der Hieb, den der Papst in seinem Brief gegen Frankreich geführt hat.

Nichtsdestoweniger hat der deutsche Botschafter, und zwar mit Recht, dem Kardinalstaatssekretär sofort sein persönliches lebhaftes Befremden gegen dieses Vorgehen des Hl. Stuhles gegen Deutschland geäußert, besonders weil er den Duisburger Vorfall5, obwohl dieser noch gar nicht aufgeklärt ist, zum Anlaß genommen hat, so scharfe Beschuldigungen gegen Deutschland zu richten, während der Kardinal, wenn der Botschafter sich über französische oder belgische frevlerische Taten bei ihm beklagte, immer sich erst genau zu vergewissern suchte, ob tatsächlich ein Verschulden unserer Gegner vorlag, bevor er sich entschloß, bei diesem irgendeine Demarche zu machen. Auf den Kardinal hat der vom Botschafter erhobene Vorwurf sichtlichen Eindruck gemacht, und er beklagte sich darüber, daß er immer, bald von der einen, bald von der anderen Seite Vorwürfe ernte, wenn er sich um die Wiederversöhnung der Völker bemühe.

5

In der Nacht zum 30. 6. wurde auf der Rheinbrücke bei Duisburg-Hochfeld ein Sprengstoffanschlag auf einen belg. Militärzug verübt, bei dem neun belg. Soldaten ums Leben kamen.

Ich glaube, daß es kluge Taktik wäre, in diesem Falle dem Hl. Stuhl keine Schwierigkeiten zu bereiten, sondern die dem Mgre. Pacelli erteilte Weisung auf die leichte Schulter zu nehmen, da sie offene Türen einstoße. Damit würden wir auch unsere Gegner entwaffnen, ihnen eine Enttäuschung bereiten und uns der Welt gegenüber in ein günstiges Licht stellen. Der Hl. Stuhl ist schon dadurch gestraft, daß seine Diplomatie diesmal fehlgeschlagen hat6.

6

Am 4. und 5. Juli fanden Besprechungen zwischen dem RK und Nuntius Pacelli statt, über die am 7. 7. in der Presse folgende WTB-Meldung verbreitet wird: „Nuntius Pacelli hat im Auftrage der Kurie die Sabotage-Akte im besetzten Gebiet zur Sprache gebracht und die Ansichten und Wünsche des Heiligen Stuhles eingehend dargelegt. In seiner Erwiderung hat der RK darauf hingewiesen, daß es sich um Vorfälle handelt, die aus der Erregung eines gepeinigten Volkes und als verzweifelte Versuche der Notwehr zu erklären sind. Die RReg. sei jedoch mit dem Heiligen Stuhl darin einig, jede verbrecherische Gewaltanwendung zu verurteilen.“ (R 43 I/214, Bl. 52). Der RAM teilt dazu den dt. Botschaften in Paris und Brüssel am 7. 7. mit: „Wortlaut des heute dem Wolffbüro übergebenen Communiques über Unterredungen des RK mit Nuntius ist mit Pacelli verabredet, der von der gewählten Lösung befriedigt war. Der Schritt des Papstes und namentlich die vorzeitige Veröffentlichung der Instruktion an Pacelli hat das Kabinett einer kaum tragbaren innerpolitischen Belastung ausgesetzt. Wir sind überzeugt, daß unser weitgehendes Entgegenkommen von der Kurie um so höher bewertet werden wird. Unsere ursprüngliche Absicht, die Demarche des Nuntius nur durch eine Note zu beantworten und von einem Communique ganz abzusehen, konnte angesichts der belgisch-französischen Demarche nicht durchgeführt werden.“ (AA Abt. II Handakten v. Mutius, Sabotage 1923). Im Anschluß an die Unterredungen mit Pacelli wurden der frz. Botschafter und der belg. Gesandte am 6. 7. bei der RReg. vorstellig und forderten, daß sie den Anschlag auf der Duisburger Brücke mißbillige, die Täter verfolge und zur Verantwortung ziehe. Durch die Anheizung des passiven Widerstands habe sich die RReg. auch für die aktivistischen Ausschreitungen verantwortlich gemacht. Lt. amtlicher Pressemitteilung vom 7. 7. erwiderte v. Rosenberg darauf u. a.: „Eine Umdrehung der Begriffe sei es, wenn sich jetzt Frankreich und Belgien für berechtigt hielten, Deutschland für die Folgen ihres rechtswidrigen Einmarsches in das Ruhrgebiet und für die Folgen des maßlosen Terrors der Besatzungstruppen verantwortlich zu machen. Man dürfe nicht verkennen, daß, bevor irgendeinem Belgier oder einem Franzosen im besetzten Gebiet auch nur ein Haar gekrümmt worden sei, bereits mehr als 20 Deutsche schuldlos ihr Leben unter den Kugeln der Besatzungstruppen eingebüßt hätten.“ (Schultheß 1923, S. 127). Von frz.-belg. Seite wurde der Sprengstoffanschlag im übrigen mit einer Reihe scharfer Gegenmaßnahmen beantwortet (vgl. Anm. 1 zu Dok. Nr. 221). Der frz. und belg. Reg. läßt der Papst daraufhin am 8. 7. mitteilen, er vertraue darauf, „daß keine Maßregeln getroffen würden, welche die Gemüter mit entsprechenden schmerzlichen Folgen weiter aufbrächten.“ (Schultheß 1923, S. 340). Botschafter v. Bergen teilt dem RAM am 10. 7. streng vertraulich mit: „Papst und Gasparri entschlossen, uns weiter zu helfen.“ (AA Büro RM 14 – 5, Frage der Aufgabe des passiven Widerstandes, Bd. 1).

[634] Es wird dem Herrn Gesandten7 anheimgestellt, hiervon beliebigen Gebrauch zu machen. Auch Herr Staatssekretär Hamm ist verständigt, daß eine Äußerung der Bayerischen Regierung kommt; über den Inhalt weiß er aber noch nichts.

7

v. Preger.

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