2.249 (cun1p): Nr. 249 Reichskanzler Cuno an den Bayerischen Ministerpräsidenten v. Knilling. 13. August 1923

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Nr. 249
Reichskanzler Cuno an den Bayerischen Ministerpräsidenten v. Knilling. 13. August 1923

R 43 I/1305, Bl. 126 f. Durchschrift

Persönlich!

[Betrifft: Zusammenarbeit zwischen Reich und Bayern]

Verehrte Exzellenz!

Es ist mir ein Bedürfnis, beim Ausscheiden aus dem Amt des Reichskanzlers Ihnen ganz persönlich abseits jeder Öffentlichkeit für das Verständnis zu danken, das ich mit meiner Politik in Bayern und insbesondere bei der Bayerischen Regierung gefunden habe. Dank diesem Verständnis ist es, so schwierig in manchem auch für Sie wie für mich die Lage gewesen ist, nie zu einer ernsteren Meinungsverschiedenheit zwischen Bayern und dem Reiche gekommen, und ich durfte hoffen, daß auch die noch ausstehende Bereinigung mancher schwierigen Fragen bei beiderseitiger verständnisvoller Einfügung in die allgemeine Lage gelingen würde.

Wenn ich nun aus dem Amte scheide, so hoffe ich aufrichtig, daß es so bleiben möge, und ich wünsche nichts mehr, als daß vor allem aus der Tatsache meines Rücktritts in keiner Weise eine Erschwerung in den gegenseitigen Beziehungen zwischen der Reichsregierung und der Regierung und öffentlichen[747] Meinung in Bayern eintreten möge1. Wenn ich mich entschlossen habe, in diesem Augenblick zurückzutreten, so war dafür nicht etwa das sozialdemokratische Mißtrauensvotum maßgebend. Wohl aber hatten, wie ich in meinem Briefe an den Herrn Reichspräsidenten ausgesprochen habe2, bestimmte Äußerungen und Vorgänge in mir die Überzeugung geweckt, daß in manchen Kreisen der Arbeitsgemeinschaft der Mitte die Neubildung der Regierung auf der Grundlage der großen Koalition als das Bessere erschiene, die in der Tat ja auch parlamentarisch erhebliche Vorzüge mit sich bringt. Dem wollte ich nicht entgegentreten. Dabei ist für mich und insbesondere den von mir hochverehrten Außenminister es eine aufrichtige Genugtuung, daß wir eben am Schluß noch das Ergebnis unserer Außenpolitik in der englischen Note buchen konnten, und ich darf es für Herrn von Rosenberg in Anspruch nehmen, daß in dieser Note kein Satz steht, auf den nicht in weitausschauender vorsichtiger Weise seit Monaten Zug um Zug hingewiesen worden wäre3. Und weiter darf ich auch das mit Genugtuung feststellen, daß die neue Regierung in keinem anderen Sinne als dem ins Leben treten kann und will, daß sie den Willen der Nation zum Abwehrkampf noch in einer parlamentarisch stärkeren und sinnfälligeren Weise zusammenzufassen bestimmt sei, als es parlamentarisch gesehen die bisherige Regierung konnte.

1

Über gleichartige Bemühungen der Reichsvertretung in München berichtet v. Haniel der Rkei am 16. 8.: „Entsprechend der dortigen Weisung wurde die Bayerische Staatsregierung ersucht, auf die Presse möglichst dahingehend einwirken zu wollen, daß die Umbildung der RReg. ruhig kommentiert und nicht zum Anlaß großer parteipolitischer Erschütterungen genommen werde. Dieser Bitte ist die Bayerische Regierung sofort nachgekommen und hat versucht, die Presse in der gewünschten Weise zu beeinflussen. In dem gleichen Sinne bin ich persönlich der Presse gegenüber tätig gewesen. Wenn auch diesen Versuchen ein durchschlagender Erfolg nicht beschieden war – Rücksicht genommen darauf hat eigentlich nur die ‚Bayerische Staatszeitung‘ –, so macht sich doch allmählich eine wohlwollendere Haltung gelten.“ (R 43 I/2233, S. 47-49). Eine Reihe von Pressestimmen legt v. Haniel bei.

2

Abgedruckt in Anm. 5 zu Dok. Nr. 248.

3

Engl. Note an Frankreich und Belgien vom 11. 8. in RT-Drucks. Nr. 6204 , S. 124 ff. Botschafter Sthamer wertet die Note in einem Telegramm vom 13. 8. als „großen moralischen Erfolg“ für Deutschland, fürchtet aber, daß die frz.-belg. Haltung sachlich kaum dadurch beeinflußt werde (AA Büro RM 5, Reparationen Bd. 14). RAM v. Rosenberg gratuliert am selben Tag telegrafisch Sthamer und allen Herren der Botschaft zu dem „großen Erfolg, den die englische Note für uns bedeutet.“ (AA, a.a.O.). D’Abernon vermerkt am 16. 8.: „Die englische Note vom 11. August übte eine magische Wirkung auf den Kontinent aus. In Deutschland hat sie in besonders hohem Maße zur Herstellung der Ordnung beigetragen, den Mut und den Selbsterhaltungstrieb der Massen gestärkt.“ (D’Abernon, Memoiren Bd. 2, S. 272).

Darum scheint es mir ein Gebot der politischen Klugheit wie der vaterländischen Pflicht, der neuen Regierung nun auch in der öffentlichen Meinung und in der Stellung der bundesstaatlichen Regierung ihr gegenüber die Möglichkeit breiten und raschen Wirkens zu geben und sie nach nichts anderem zu beurteilen, als nach dem, was sie für die Erhaltung und Stärkung des Abwehrkampfes wie für die Erreichung einer Lösung des Reparationsproblems, die selbstverständlich mit schwersten Opfern verbunden sein wird sowie die Befreiung Deutschlands von dem unerhörten politischen und wirtschaftlichen Druck leisten wird, der jetzt auf ihm lastet. Überzeugt, daß Sie, verehrte Exzellenz, mit diesen Gedankengängen übereinstimmen, darf ich bei meinem[748] Rücktritt also der Hoffnung Ausdruck geben, daß, wenn ich beim Ausscheiden aus dem Amte mit Befriedigung auf das Zusammenwirken mit der bayerischen Regierung zurückblicken darf, unter der neuen Gestaltung im Reiche sich an diesem Verhältnis nichts ändern wird.

In dieser Zuversicht sage ich Ihnen, verehrte Exzellenz, mit den besten Wünschen für Sie, Ihr Amt und Ihr schönes Land aufrichtig Lebewohl in der Hoffnung, Sie nach Rückkehr von einer größeren Reise4 in einigen Wochen gelegentlich in München wieder begrüßen zu können.

4

Cuno trat schon bald nach seiner Amtsniederlegung eine längere Amerika-Reise an.

In ausgezeichneter Hochachtung verbleibe ich Ihr

gez. Cuno

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