2.25 (cun1p): Nr. 25 Sitzung des Reichsbank-Kuratoriums vom 19. Dezember 1922, 11.30 Uhr

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Das Kabinett Cuno Wilhelm Cuno Bild 183-1982-0092-007Französischer Posten Bild 183-R43432Posten an der Grenze des besetzten Gebietes Bild 102-09903Käuferschlange vor Lebensmittelgeschäft Bild 146-1971-109-42

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Nr. 25
Sitzung des Reichsbank-Kuratoriums vom 19. Dezember 1922, 11.30 Uhr

R 43 I/631, Bl. 358-360

Anwesend1: Cuno, Hermes, Becker; PrFM v. Richter; RbkPräs. Havenstein; StS Hamm; Staatsrat v. Wolf [Bayern]; MinDir. v. Sichart [Sachsen], Kempff [Baden]; Protokoll: MinR Kempner2.

1

Die Zusammensetzung des Rbk-Kuratoriums war durch Gesetz vom 16.12.1919 (RGBl. S. 2118 ) neu geregelt worden. Danach gehörten dem Kuratorium an: der RK als Vorsitzender sowie acht Mitglieder, von denen zwei durch den RPräs, und sechs durch den RR ernannt wurden. Es waren dies der RFM und RWiM sowie Vertreter der Länder Preußen, Bayern, Sachsen, Württemberg, Baden und Hamburg. Obwohl das Kuratorium durch das Autonomiegesetz vom 26.5.22 (RGBl. II, S. 135 ) seiner Aufsichtsfunktion entkleidet worden war, wurden die vierteljährlichen Sitzungen fortgesetzt.

2

Neben diesem zusammenfassenden Protokoll Kempners findet sich in R 43 I/631, Bl. 378-406 ein ausführliches 28seitiges Protokoll des bayer. Staatsrats v. Wolf, das abschriftlich an die Rkei gegeben wurde. Im folgenden sind einige bedeutendere Ergänzungen und Abweichungen daraus zitiert.

[75] Exzellenz Havenstein legt eingangs dar, daß die Leistungen aus Friedensvertrag, Londoner Ultimatum usw. den Niedergang der deutschen Wirtschaft rapide fortführten. Es sei ein Valutasturz eingetreten, wie ihn niemand geahnt habe3. Seine Begleiterscheinungen, Auskauf Deutschlands und Vorratskäufe des deutschen Publikums, hätten die deutsche Industrie allerdings einigermaßen in Gang gehalten, so daß ihre Beschäftigung noch gut war und Arbeitskürzungen wie Arbeiterentlassungen bisher nur in mäßigem Umfange stattfanden. Neuerdings nimmt allerdings die Zahl der Arbeitslosen und die der unterstützten Erwerbslosen langsam zu.

3

Das Protokoll v. Wolfs vermerkt in diesem Zusammenhang noch: „Erst in den letzten Tagen hat sich infolge der anscheinend etwas freundlicheren Gestaltung der amerikanischen Beziehungen und der Neigung Amerikas zu einer aktiveren Politik die Hoffnung etwas hervorgewagt. Es kam sogar zu einer rückläufigen Bewegung des Dollarstandes bis auf etwas über 4 000.“ (R 43 I/631, Bl. 379).

Die Folge dieser ganzen Entwicklung ist der immer gewaltigere Fehlbetrag des Reichshaushalts. Er und die wachsende Kreditnot der deutschen Wirtschaft fallen immer mehr auf die Reichsbank. Die Ausweisziffern der Reichsbank gehen daher in immer stärkerem Maße geradezu ins Uferlose.

Die gesamte Kapitalanlage, d. s. die Bestände an Wechseln, Schecks und Schatzanweisungen zuzüglich der Lombarddarlehen und der eigenen Effekten, hat sich in der Berichtszeit vom 8. September bis 7. Dezember 1922 mehr als verdreifacht. Sie stieg von 280 Milliarden auf 1009 Milliarden Mark.

Bei dem ungeheuren Anschwellen der Anlagekonten haben wieder der Kreditbedarf des Reichs und der private zusammengewirkt, und zwar ist das Wechselkonto prozentual noch stärker gestiegen als das Schatzanweisungskonto.

Der Bestand an Schatzanweisungen stieg von 252 Milliarden auf 727 Milliarden Mark. Die Entwicklungslinie in den einzelnen Monaten war stark progressiv.

Das Wechselkonto stieg in der Berichtszeit von 27 auf 281 Milliarden Mark. Hiervon fällt der weitaus größte Teil, nämlich 276 Milliarden Mark auf Inlandswechsel und Schecks.

Das Lombardkonto erfuhr in der Berichtszeit eine vorübergehende starke Vermehrung, nämlich infolge der Beanspruchung der Reichsbank für die Finanzierung des inländischen Aufkaufs und der Einfuhr von Lebensmitteln. Der Lombardbestand stellte sich am 7. September auf 0,3 Milliarden Mark, sprang am 7. November auf 4 und am 30. November auf 51 Milliarden Mark, um sich in der letzten Woche der Berichtszeit auf 1,2 Milliarden Mark zu ermäßigen unter entsprechender Vermehrung des Darlehnsbestandes bei den Darlehenskassen, deren höchste Grenze für die Ausgabe von Darlehnskassenscheinen inzwischen von 75 auf 100 Milliarden, dann auf 225 Milliarden Mark heraufgesetzt worden ist.

Die Darlehnsbestände bei den Darlehnskassen steigerten sich von 38 Milliarden auf 153 Milliarden Mark. Bemerkenswert ist hierbei eine außerordentlich starke Vermehrung der Darlehen auf Waren, deren Summe sich von[76] 3 Milliarden auf 26 Milliarden Mark steigerte. Von den Warenbeleihungen entfielen unter anderem auf Zucker rund 5 Milliarden, auf Getreide und Metalle je 8 Milliarden. Hierzu kommen noch die Getreidebeleihungen der Reichsgetreidestelle, welche aus technischen Gründen nicht in der Form von direkten Warenbeleihungen, sondern unter Pfandbestellung mit Reichsschatzanweisungen abgeschlossen worden sind. Der für diese Zwecke in Anspruch genommene Kredit wird in den nächsten Monaten noch eine sehr erhebliche Steigerung erfahren, schätzungsweise bis Ende März 1923 auf etwa 250 Milliarden Mark.

Der gegen die Darlehnskassen und die Reichsbank erhobene Vorwurf einer falschen Politik sei ungerechtfertigt. Gewiß sei vielleicht in einzelnen Fällen zu großer Kredit gewährt worden, im allgemeinen jedoch sei das System richtig und die Kreditgewährung eine sehr vorsichtige4.

4

Das Protokoll v. Wolfs vermerkt hier: „Die Darlehnskassen sind außerordentlich vorsichtig. Sie prüfen bei jedem Kredit genau seinen Zweck und Umfang. Sie prüfen auch, ob nicht Vorratswirtschaft getrieben wird und stellen zu diesem Behufe fest, ob bei dem Darlehnssuchenden Rohstoffe oder Waren in übermäßigem Umfang vorhanden sind. Auch werden bei der Beleihung von Rohstoffen oder Waren der Industrie nie die gegenwärtigen Werte, sondern nur die Einstandswerte bis zu 50 v. H. beliehen.“, R 43 I/631, Bl. 384

Der Goldbestand der Reichsbank blieb fast unverändert auf 1,0048 Milliarden [Gold]Mark5. Das Londoner Depot von 50 Millionen sei hierin enthalten. (Exzellenz Havenstein wiederholt hier seine früheren Ausführungen, daß die Reichsbank ihren Goldschatz unter allen Umständen hüten müsse, und daß das Reichsbankgold nicht tot sei. Er wiederholt ferner seine früheren Ausführungen über die Stützungsaktion für die Mark6.

5

Im Text fälschlich: „1004,8 Milliarden Mark“., gefunden in R 43 I/631, Bl. 384

6

Nach v. Wolf führt Havenstein zu diesem Punkt aus: „Ich habe immer die Überzeugung vertreten, daß der Goldbestand ein kostbares Gut ist, das man mit aller Kraft hüten muß. Er ist der Träger des Restes von Vertrauen, das unser Geldwesen im In- und Auslande noch genießt. Ohne ihn wäre die Mark schon längst völlig unverkäuflich geworden. Dieser Markverkauf ist aber der Hauptausgleichsfaktor, über den wir verfügen. Der Goldbestand ist außerdem der Träger und die Grenze des Kredits, den die Rbk im Auslande genießt. Das Reich hat seinen Kredit dort völlig verloren. Auch die Rbk findet nur insoweit Vertrauen, als ihr Goldschatz reicht. Der Goldschatz ist nicht tot; sondern gerade durch seine unbelastete Existenz ist er die Grundlage der Aktionskraft der Rbk und ermöglicht die Finanzierung der Einfuhr von Rohstoffen und Lebensmitteln. Die Aufnahme der Kredite für die nach dem Londoner Ultimatum zu zahlende erste Goldmilliarde sowie die Regelung der belgischen Schatzwechsel war nur aufgrund des Vorhandenseins des Goldschatzes möglich. Schließlich ist dieser Schatz das einzige und letzte Mittel für eine Stabilisierung der Währung, der wir nach einem uns noch bevorstehenden Zwischenstadium großer Not in absehbarer Zeit entgegengehen. Die Rbk ist nach eingehender Prüfung zu der Überzeugung gekommen, daß eine Stabilisierung der Mark überhaupt nur möglich ist, wenn das Reparationsproblem gelöst sein wird. Bis dahin können nur Stützungsversuche unternommen werden. Dazu darf aber der Goldschatz nur dann herangezogen werden, wenn wirklich ernste Aussicht auf einen Erfolg eines solchen Versuchs besteht. Diese Aussicht ist absolut bedingt dadurch, daß das Vertrauen des In- und Auslandes in die Möglichkeit des Gelingens geschaffen wird.“, R 43 I/631, Bl. 384-385

Der Goldankauf erbrachte in der Berichtszeit 3,8 Millionen Mark, so daß sich der Gesamtbetrag des für Rechnung des Reichs bisher angekauften Goldes auf 33,6 Millionen Mark stellt, wofür im ganzen 5,7 Milliarden Papiermark aufgewandt wurden.

Der Silberankauf brachte rund 22 000 kg, so daß sich der Bestand auf 847 000 kg erhöhte. Der Silberbestand ist unter ‚sonstigen Aktiven‘ mit noch[77] nicht ganz 2 Milliarden Mark verbucht, während sich sein Wert unter Zugrundelegung des Londoner Silberpreises am 7. Dezember auf 142 Milliarden Mark stellt. Hier sind also starke Reserven vorhanden.

Auf der Passivseite der Reichsbankbilanz haben sich die fremden Gelder gewaltig vermehrt, nämlich von 51 Milliarden auf 257 Milliarden Mark.

Der Notenumlauf stieg in der Berichtszeit von 252 Milliarden auf 847 Milliarden Mark. Neben diesem Betrag spielen die Darlehnskassenscheine und Reichskassenscheine keine große Rolle mehr.

Die Zahlungsmittelknappheit ist seit 1. November überwunden. In der Notenausgabe ist mit den Ausgaben der letzten Tage zum ersten Male die Billion erreicht worden. Die Reichsbank wird Anfang Januar eine zweite Serie der Hilfsbanknoten zu 5 000 M in Verkehr bringen und Anfang Februar den 50 000-Mark-Schein zur Ausgabe bringen. Sie wird dann in der Lage sein, jeden Bedarf an Umlaufmitteln zu decken.

Das ausgegebene Notgeld wird zum 5. Februar 1923 abgerufen7.

7

Wegen der Zahlungsmittelknappheit hatten im Laufe des Jahres 1922 verschiedene Länder, Städte, Handelskammern und Industrieunternehmen Notgeld ausgegeben. Insgesamt wurden von 361 verschiedenen Emissionsstellen Notgeldausgaben in Höhe von 39,5 Mrd. M beantragt, die dann aber nicht voll realisiert wurden, so daß der tatsächliche Notgeldumlauf etwas niedriger anzusetzen ist (R 43 I/631, Bl. 393).

Der Prozentsatz des Bestandes der Reichsbank an Wechseln stieg in der Berichtszeit von reichlich 10% auf beinahe 28%. Diese Entwicklung wird voraussichtlich noch sehr viel weiter greifen, da der Gebrauch des Handelswechsels, bis er seine frühere Bedeutung im Wirtschaftsverkehr wiedergewinnt, noch ein weites Feld der Ausdehnung vor sich hat.

Die schwebende Reichsschuld stieg von 336 Milliarden auf 928 Milliarden Mark. Von dieser Gesamtsumme der vom Reich diskontierten Schatzanweisungen blieben 727 Milliarden bei der Reichsbank8.

8

Nach v. Wolf führt Havenstein zur Begründung u. a. aus: „Für die Vermehrung der schwebenden Reichsschuld wirken nach wie vor dieselben Ursachen zusammen, nämlich einerseits das Mißverhältnis im Verwaltungshaushalt zwischen den sich der Geldentwertung schnell anpassenden Ausgaben und den größtenteils erheblich nachhinkenden Einnahmen und andererseits auch hauptsächlich der Friedensvertragshaushalt.“, R 43 I/631, Bl. 394

Die Reichsbank hat in der Berichtszeit an Krediten 958 Milliarden gegeben, darunter auf Handelswechsel 254 Milliarden, an Reichsschatzanweisungen 588 Milliarden Mark9.

9

Dazu Havenstein nach dem Protokoll v. Wolfs: „Bei dieser Summe erscheinen Vorwürfe über mangelnde Weitherzigkeit der Rbk nicht begründet. Trotzdem werden wir mit Kreditgesuchen überlaufen. Die Kreditnot des Landes ist ungeheuer. Es ist mir schmerzlich, wenn ich Kreditgesuche ablehnen muß. Vor allem die Länder und Kommunen treten mit Ansprüchen an uns heran, die wir nicht befriedigen können. Wo es irgendwie geht, kommen wir entgegen. So haben wir insbesondere mit Lombardkredit in einigen Fällen geholfen, wo es sich darum handelt, begonnene große Unternehmungen zu Ende zu führen. Schon das geht eigentlich über unsere Aufgabe hinaus. Es geht aber unmöglich an, daß wir die ganze deutsche Wirtschaft mit fiktivem Gelde finanzieren und durch die Befriedigung des Kreditbedarfs der Länder, Kommunen und der Industrie neben dem Reiche einen zweiten Faktor schaffen, der zur Mehrung des fiktiven Geldes führt. Deren Ansprüche gehören an den Kapitalmarkt.“, R 43 I/631, Bl. 397

Die folgenden Diskontheraufsetzungen fanden statt: am 21. September auf 8%, am 13. November auf 10%. Trotz des nur bedingten Wertes verteuerter Zinssätze bei herrschender Papierwährung erschien es der Reichsbankleitung[78] geraten, mit diesen Erhöhungen für die deutsche Volkswirtschaft Warnungssignale aufzurichten: Es erschien dienlich, die tatsächlich eingetretene Kapitalnot und die fortschreitende volkswirtschaftliche Verarmung der Bevölkerung zum Bewußtsein zu bringen10. Wirksamer als Diskonterhöhungen sind Krediteinschränkungen, zu denen die Reichsbank bei allem Bestreben, den gerechtfertigten Kreditansprüchen weitestgehend entgegenzukommen, fortgesetzt schreiten muß und weiterhin schreiten wird, um die inflatorische Wirkung ihrer Kreditgewährung nach Möglichkeit abzuschwächen.

10

Nach v. Wolf erklärt Havenstein dazu weiter: „Wenn das Reichsbankdirektorium nicht bereits zu noch höheren Sätzen gegriffen hat, so war dabei die Erwägung maßgebend, daß unter den heutigen Verhältnissen einer Diskonterhöhung allein bis auf weiteres kein absoluter Einfluß auf den Kreditverkehr des Landes beschieden sein kann, zumal der Kreditbedarf des Reiches sich durch solche Maßnahmen nicht verringern läßt. Auch für die privaten Ansprüche kommt der Verteuerung des Kredits um einige Prozent bei den gegenwärtigen Verlust- und Gewinnmöglichkeiten im gewerblichen Leben unter dem Einfluß schwankenden Geldwertes keine entscheidende Bedeutung zu, zumal der Preis, den die Rbk für ihre Kredite berechnet, im Vergleich zu der Kreditgewährung an anderen Stellen unverhältnismäßig niedrig ist.“, R 43 I/631, Bl. 399

Der Dollarkurs stieg in der Berichtszeit von 1300 bis auf 8450 am 7. November. Am 7. Dezember war er 8100. Diese Entwicklung der Kursgestaltung mußte bei dem engen Zusammenhang der deutschen Volkswirtschaft mit der Weltwirtschaft die Inlandswarenpreise in die Höhe treiben, und zwar vollzieht sich die Angleichung der Preise an die Wechselkurse immer schneller. Die Indexziffern entwickelten sich wie folgt:

a)

Großhandel: von 287 auf 1495,

b)

Ernährung: von 154 auf 550.

Die Gründe der Markentwertung sind wiederholt eingehend erörtert worden. Der Hauptgrund für den Währungsverfall ist die Passivität der Handels- und Zahlungsbilanz. Die Handelsbilanz für die ersten 10 Monate des laufenden Jahres zeigt einen Passivsaldo von 1849 Millionen Goldmark. Dieses Passivum fällt umso schwerer ins Gewicht, als der Gegenwert der Ausfuhr nur zu einem Teil zur Bezahlung der Einfuhr nutzbar gemacht wird. Etwa 25% des gesamten Ausfuhrwertes müssen zur Deckung von Auslandszahlungen an das Reich abgeliefert werden. Ein weiterer Anteil wird angesichts der steigenden Tendenz der Devisen thesauriert und so dem Devisenmarkt vorenthalten. Da nur etwa 60% der Ausfuhr in ausländischer Währung fakturiert werden, so steht schon der Wareneinfuhr ein erheblicher Fehlbedarf an Devisen gegenüber. Die Begleichung der Einfuhr kann infolgedessen großenteils nur durch Verkauf von Mark im Auslande erfolgen, was zu einer steigenden Übersättigung der Auslandsmärkte mit Mark führt. Die deutsche Valuta steht ferner unter dem Druck weiterer gewaltiger Passivposten der Zahlungsbilanz, hauptsächlich der Bar- und Sachleistungen aus dem Friedensvertrag, ferner der ans Ausland zu zahlenden Fracht- und Telegrammkosten infolge des Verlustes der Handelsflotte und der Kabel, der Verzinsung und Tilgung von Auslandskrediten u. a. m. Die valutaschädigende Wirkung der Sachleistungen vollzieht sich dergestalt, daß die zum regulären Export verfügbaren Warenmengen verringert, und daß bei der[79] jetzigen Rohstoffarmut Deutschlands verstärkte Einfuhren notwendig werden, die mit Devisen zu bezahlen sind.

Diesen Passivposten der Zahlungsbilanz stehen als Aktivposten die Beträge des Ausverkaufs Deutschlands an Ausländer gegenüber. Beispielsweise wird der Wert der bereits in Auslandsbesitz übergegangenen Häuser auf 350 Milliarden Mark geschätzt. Der Ausverkauf bringt aber nennenswerte Devisenbeträge nicht nach Deutschland hinein, sondern er vollzieht sich in der Hauptsache durch Abstoßen von Marknoten und Markguthaben seitens des Auslandes. Er hat ferner die folgenschwere Begleiterscheinung, daß vielfach Substanzwerte viel zu billig in ausländischen Besitz übergehen und daher unsere Verschuldung an das Ausland dauernd wächst.

Die Gewinnaussichten der Reichsbank lassen sich noch nicht abschließend beurteilen, da sie in hohem Grade abhängig sind von der weiteren Gestaltung der Wechselkurse. Aus dem Schatzanweisungs- und Wechselgeschäft ist ein Gewinn von etwa 20 Milliarden Mark zu erwarten. Aus den Papiermarkgewinnen werden bedeutende Rückstellungen erforderlich sein11.

11

Im Anschluß an die Ausführungen Havensteins weist v. Wolf, laut Protokoll, auf die Notwendigkeit hin, die Kontingente der Privatnotenbanken ausgiebig zu erhöhen, was vom RbkPräs. und vom RK positiv aufgenommen wird., R 43 I/631, Bl. 405-406 Vgl. die Kabinettsentscheidung vom 22.1.23 (Dok. Nr. 51, P. 2).

Zur gesamten Geschäftsentwicklung der Rbk im Jahre 1922 vgl. im übrigen den gedruckten „Verwaltungsbericht der Rbk für das Jahr 1922“, der am 30.5.23 auf der Generalversammlung vorgelegt wird (R 43 I/638, Bl. 273-308).

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