2.5 (cun1p): Nr. 5 Staatssekretär Bergmann an den Reichsminister der Finanzen. Paris, 24. November 1922

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Nr. 5
Staatssekretär Bergmann an den Reichsminister der Finanzen. Paris, 24. November 1922

R 43 I/32, Bl. 299-310 Abschrift1

1

Mit Begleitschreiben Bergmanns am 24. 11. an den RK gesandt. Das Begleitschreiben trägt den handschriftlichen Vermerk: „Aus den hinterlassenen Akten des H. RK Cuno heute in das Büro gelangt. Z.d.A. 21.1.24.“

[Betrifft: Reparationsverhandlungen]

Sehr verehrter Herr Minister!

Jaspar und Theunis fahren heute nach Brüssel zurück; sie haben hier lange mit Poincaré gesprochen, aber gar nichts ausgerichtet2. Man ist über eine allgemeine Erörterung der Stabilisierungspläne und der Anleihemöglichkeiten nicht[9] hinausgekommen3, weil alle Beteiligten sich darüber klar waren, daß diese Dinge ohne die Beteiligung der englischen und italienischen Regierung nicht gefördert werden können.

2

Lt. Pressemeldungen waren der belg. MinPräs. Theunis und der belg. Außenminister Jaspar am 21. 11. abends zu Besprechungen in Paris eingetroffen. Am selben Tag waren Poincaré, Mussolini und Curzon, die zur Eröffnung der Orientkonferenz in Lausanne weilten, übereingekommen, den Belgiern als Termin für die geplante Brüsseler Reparationskonferenz den 15. 12. vorzuschlagen. Mussolini und Curzon hatten sich mit den Pariser Besprechungen zwischen den Franzosen und Belgiern einverstanden erklärt. Am 22. 11. vormittags begannen die Besprechungen zwischen Theunis, Jaspar und Poincaré. Im weiteren Verlauf wurden die belg. Vertreter in der Repko, Delacroix und Bemelmans, der belg. Botschafter in Paris sowie die frz. Vertreter in der Repko, Barthou und Mauclère, und der frz. Minister für die befreiten Gebiete, Reibel, an den Besprechungen beteiligt. Sie endeten am 24. 11. mit der Übereinkunft, vor der Brüsseler Konferenz noch eine Vorbesprechung der alliierten MinPräs. abzuhalten, um sich möglichst auf ein gemeinsames Reparationsprogramm zu einigen.

3

Die Pläne zur Stabilisierung der Deutschen Mark und zur Aufnahme von Anleihen waren in den Mittelpunkt der Diskussionen gerückt aufgrund der beiden Gutachten internationaler Finanzsachverständiger vom 7. und 9.11.22, die die dt. Reg. ihrem Vorschlag zur vorläufigen Regelung der Reparationsfrage vom 14.11.22 als Anlagen beigefügt hatte. Anlagen im Weißbuch des AA ‚Aktenstücke zur Reparationsfrage vom 12. 7. – 11.12.22‘ S. 55 ff.; außerdem in RT-Drucks. Nr. 6138, Bd. 379, S. 66 –76.

Theunis hatte eine Besprechung zwischen ihm und Bonar Law in London für heute oder morgen angeregt. Dieser hat aber geantwortet, daß die Sache ja keine besondere Eile habe und daß er wegen der Anwesenheit von Lord Curzon in Lausanne es vorziehe, die Besprechung noch etwas hinauszuschieben4. Die Belgier, welche allein unter den Alliierten die Reparationssache jetzt ernsthaft betreiben, sind über die zögernde Haltung der englischen Regierung nicht wenig verstimmt, und Delacroix, der sonst immer noch auf einen Ausweg hofft, war heute recht niedergedrückt.

4

Lord Curzon hatte am 18. 11. in Paris mit Poincaré die engl. Vorschläge für einen Friedensvertrag mit der Türkei besprochen, war dann zusammen mit Poincaré am 19. 11. nach Lausanne gereist, wo am 19. und 20. 11. gemeinsame Vorbesprechungen mit Mussolini stattfanden. Am 20. 11. nachmittags wurde die Lausanner Konferenz zur Regelung der Orientfrage eröffnet. Bis zur Abreise Poincarés und Mussolinis am 21. 11. abends kam es zwischen den drei Politikern zu weiteren Besprechungen, die auch die Reparationsfrage einschlossen. Curzon verblieb in Lausanne, wo sich die Verhandlungen zwischen den Delegationen viel schwieriger und langwieriger gestalteten als erhofft worden war. Zur Entwicklung der Orientfrage mit ihren frz.-engl. Gegensätzen s. Egelhaaf 1922, S. 74–84, 90–98.

Man denkt, daß die vier Premierminister (Frankreich, England, Italien und Belgien) sich Ende nächster Woche in Paris zu einer Aussprache über Reparations- und interalliierte Schulden zusammenfinden werden. Wie eigentlich die englische Regierung zu diesen Fragen steht, ist unsicher. Bradbury, an dessen Ehrlichkeit nicht zu zweifeln ist, hat mir heute gesagt, die Tatsache seiner Rückkehr nach Paris beweise, daß die englische Regierung nicht willens sei, Poincarés Reparationspolitik durch dick und dünn zu unterstützen. Bradbury hat in London erklärt, daß die englische Regierung für einen solchen Fall einen anderen Delegierten bei der Reparationskommission stellen müsse. Man hat ihm aber beruhigende Versicherungen gegeben, so daß er seinen Posten bei der Reparationskommission zunächst weiter versehen will. Wenn also auch die Befürchtungen über die Haltung der englischen Regierung, welche von den deutschen Vertretern in Washington und London letzthin geäußert worden sind, insofern sicherlich nicht zutreffen, daß etwa England zugunsten der französischen Reparationsideen festgelegt wäre, so darf man sich auf der anderen Seite doch keineswegs der Hoffnung hingeben, daß England der Poincaréschen Zerstörungspolitik energischen Widerstand leisten werde. England wird sich nur dem einen widersetzen, daß Frankreich gegen eine ungenügende Herabsetzung der deutschen Reparationsschuld die Streichung seiner gesamten interalliierten Schulden verlangt, und darum ist die Stimmung in England auch gegen die Abhaltung[10] der Konferenz von Brüssel. Bradbury sieht voraus, daß in Brüssel die sämtlichen Verbündeten von England fordern werden, daß es seine eigenen Ansprüche aus Darlehen vor und nach dem Kriege und außerdem seine Quote an der Reparation aufgibt und daß dann doch eine für Deutschland völlig unbefriedigende Entscheidung in der Reparationsfrage getroffen und unter Androhung von Sanktionen Deutschland zur Annahme vorgelegt wird. Eine solche Lösung nennt Bradbury für die englische Meinung unerträglich. Er sagt, daß weder Bonar Law noch irgendeine andere Regierung jemals auf diesen Boden treten könne.

Ob die Konferenz in Brüssel, wie Poincaré es wünscht, am 15. Dezember zusammentreten kann, ist unter den gegebenen Umständen zweifelhaft. Aber Poincaré hat sich der Öffentlichkeit und seinen Verbündeten gegenüber dermaßen auf eine baldige Eröffnung der Brüsseler Konferenz festgelegt, daß er alle Hebel in Bewegung setzen wird, um die Bedenken Englands zu überwinden. Dabei wird ihn Mussolini, der die Politik aufzufassen scheint, wie der Elefant einen Porzellanladen, sicherlich mit seiner brutalen Energie unterstützen. Bonar Law wird sich diesen beiden Bundesbrüdern gegenüber in einer sehr unbequemen Lage befinden. Man traut ihm aber nicht die Festigkeit zu, daß er die Konferenz in Brüssel ablehnt. Bleiben die Belgier. Sie geben sich redliche Mühe, dafür zu sorgen, daß die Brüsseler Konferenz nicht wieder verläuft wie alle bisherigen Veranstaltungen dieser Art, aber sie können auch keinen Plan vorschlagen, der zugleich den Wünschen ihrer Alliierten und den berechtigten Bedürfnissen Deutschlands Rechnung trägt. Die belgische Regierung wird daher letzten Endes resigniert den Franzosen nachgeben müssen und zur Konferenz einladen, obwohl sie genau weiß, daß etwas Gutes dabei nicht herauskommen kann.

Wie soll sich nun Deutschland zur Brüsseler Konferenz verhalten? Mit welchen Plänen und Ideen soll es zur Konferenz gehen, falls es, wie anzunehmen, dazu eingeladen wird? Diese Fragen lassen sich heute sehr schwer beantworten. In den Kreisen der Reparationskommission weiß man keinerlei Rat. Zunächst steht jeder unter dem niederschmetternden Eindruck der Absage, die Morgen auf die Einladung von Poincaré gegeben hat. Das ist eine merkwürdige Geschichte, deren Einzelheiten nicht ganz klar sind. Es war Dubois, dem Präsidenten des Schweizer Bankvereins, gelungen, Poincaré dazu zu bestimmen, daß er Mr. Morgan nach Paris einladen soll, damit sie zusammen über das Reparationsproblem sprechen könnten. Das mag Poincaré nicht ganz leicht geworden sein, weil die Einladung als eine Art Entschuldigung für die Äußerung Poincarés aufgefaßt werden mußte, mit der er im Juni d. J. die Bankierkonferenz tatsächlich gesprengt hatte5. Morgan hat auf die ihm nach London[11] übermittelte Einladung zunächst ausweichend reagiert, um Poincaré zu zeigen, daß er nicht beliebig heranzitiert werden kann. Poincaré hat nämlich vor kurzem im Senat und in der Kammer erklärt, daß die Vertagung der Pariser Bankierkonferenz vom Juni nicht weiter bedauerlich sei, weil die Bankiers jederzeit gern wieder zusammenkommen würden, wenn man sie nur riefe, denn sie hätten ja lediglich ihr Geldinteresse im Auge. Das soll Morgan, wie ich von amerikanischer Seite höre, ganz besonders verstimmt haben. Delacroix, Vissering und Dubois haben sich alle Mühe gegeben, um Morgan zu einem Zusammentreffen mit Poincaré zu bestimmen. Auf ihre Veranlassung ist Morgans Pariser Partner Harjes nach London zu Morgan gefahren, um seine letzten Bedenken zu zerstreuen. Es erging eine zweite Einladung von Poincaré an Morgan, in der eine Begegnung für letzten Mittwoch [22. 11.] fest vereinbart war. Alles schien in bester Ordnung zu sein, als ein Telegramm von Morgan bei Poincaré eintraf, in dem u. a. gesagt war, daß eine Besprechung über die Reparationsfrage nur dann Zweck habe, wenn Poincaré sich grundsätzlich darüber klar sei, daß Deutschland ein fünfjähriges Moratorium gewährt werden müsse. Daraufhin hat Poincaré antworten lassen, daß seine Zeit am Mittwoch mit wichtigen Ministerratssitzungen dermaßen belegt sei, daß er zu seinem Bedauern Morgan an diesem Tage nicht sprechen könne. Damit war die Sache zu Ende, und Morgan ist von London direkt nach New York abgereist.

5

Der internationale Anleiheausschuß, bestehend aus führenden Bankiers der internationalen Hochfinanz, hatte vom 24. 5. – 10.6.22 die Möglichkeiten zur Ausgabe einer internationalen Anleihe für Deutschland erörtert. Die Konferenz scheiterte, weil die frz. Reg. dem Ausschuß das Recht verweigerte, zugleich mit der Frage der Anleihe über eine Neuregelung der Reparationsverpflichtungen zu diskutieren. Poincaré hatte am 2.6.22 vor der frz. Kammer erklärt: „Selbst vor der Repko – oder daneben her – sehe ich zur jetzigen Stunde die gefährlichsten Machenschaften gegen uns im Gange, um die internationale Anleihe von einer neuen Minderung unserer Forderung abhängig zu machen. Heute morgen noch habe ich Kraft meiner Verantwortung als Haupt der Regierung die französische Vertretung in der Repko wissen lassen, daß sie das nicht annehmen dürfe.“ (Bergmann: Der Weg der Reparation, 1926, S. 171).

Ob es nötig und richtig war, daß Morgan dem Poincaré die Sache so schwer machte und ihm besonders die Forderung des fünfjährigen Moratoriums an den Kopf warf, darüber sind die Meinungen geteilt. Wenn Morgan eine Art Rache an Poincaré nehmen wollte, so war dies ja gewiß eine gute Gelegenheit, aber die Sache selbst ist doch zu ernst, als daß Morgan nicht seine persönlichen Gefühle etwas hätte zurückstellen sollen. Vielleicht wird die damit erteilte Lektion Poincaré zur Besinnung und zu der Erkenntnis bringen, daß er die gesamte Bankwelt, sogar die bisherigen intimsten amerikanischen Freunde Frankreichs, gegen sich hat. Ich fürchte nur, Poincaré ist zu dumm und zu bockbeinig, um aus solchen Dingen etwas zu lernen. Man hat mir gesagt, Bradbury habe bei dem Vorfall mit Morgan seine Hand im Spiele gehabt. Er habe, weil er ein Gegner des Dubois-Visseringschen Stabilisierungsplanes ist6, es verhindern wollen, daß Morgan den Plan ausführbar macht. Er habe infolgedessen selbst oder durch Kindersley dem Morgan die Idee eingegeben, von Poincaré ein fünfjähriges Moratorium zu verlangen. Von anderer Seite höre ich, daß Bradbury wahrscheinlich nichts damit zu tun hat. Ich habe mit ihm über den Vorfall gesprochen, und er hat mir bereitwilligst Auskunft darüber gegeben ohne anzudeuten, daß er dabei eine Rolle gespielt hat, was er bei seiner Offenherzigkeit wohl nicht verschwiegen haben würde.

6

Gutachten von Vissering, Dubois und Kamenka über die Möglichkeiten einer Markstabilisierung, auf Wunsch der RReg. erstattet am 9.11.22, als Anlage 2 der deutschen Note an die Repko vom 14.11.22 angefügt.

Wie dem auch sei, die Abreise Morgans beherrscht die augenblickliche Lage. Vissering und Dubois sind in hoffnungsloser Stimmung abgereist. Sie sehen[12] eine wirtschaftliche Katastrophe nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa kommen. Der Stabilisierungsplan für die Mark, so wie er von den Bankiers vorgeschlagen und von der deutschen Regierung übernommen war, hat zur Zeit keine Aussicht auf Verwirklichung. Ich sehe nicht, wie das amerikanische und englische Bankkapital dafür zu interessieren sein sollte, nachdem Morgan in voller Verstimmung gegen Poincaré abgereist ist. Die französischen Zeitungen haben in geschickter Weise die Einzelheiten des Zwischenfalles bemäntelt, aber es ist natürlich klar, daß man in englischen Bankkreisen jetzt schon Bescheid weiß und daß die Wahrheit auch bald in Amerika durchsickert. Die Folge wird sein, daß das anglo-sächsische Kapital sich immer fester auf den Boden stellt: kein Geld für Reparationen, solange Poincaré am Ruder ist. Hoffnungen darauf zu setzen, daß Poincaré bald gestürzt wird, wäre allzu optimistisch. Es ist Tatsache, daß jedermann in Frankreich Poincaré haßt und fürchtet, aber es ist ebenso unbestreitbar, daß er in der Orientpolitik große Erfolge erzielt hat, daß die Kammer fest hinter ihm steht und niemand es wagt, ihn öffentlich anzugreifen. Poincarés Sturz wäre ein Glücksfall, mit dem man aber nicht rechnen darf.

Was also ist jetzt zu tun? Ich habe letzthin berichtet7, daß sowohl Bradbury wie Delacroix angeregt haben, Deutschland solle für Brüssel eine endgültige Reparationsofferte auf der Basis einer festen Gesamtziffer machen. Als ich heute darauf anspielte, fand ich beider Meinung wieder geändert. Delacroix sagt jetzt, daß solche Offerte keine Aussicht auf Erfolg hat, solange Poincaré am Ruder ist. Wahrscheinlich werde Poincaré es nicht mehr lange machen, dann könne man sogleich mit einer solchen Offerte kommen, inzwischen müsse man aber lavieren. Er fragte, ob Deutschland nicht mit Hilfe seiner Industrie einen Plan für die vorläufige Stabilisierung der Mark durchführen könne. Er sei auf diesen Gedanken gekommen, weil der neue Reichskanzler doch eine starke Fühlung mit der Industrie habe. Ich habe ihm die Idee ausgeredet, indem ich zunächst betonte, daß ohne ein mehrjäriges Moratorium an eine Stabilisierung nicht zu denken sei und daß doch gerade auch er, Delecroix, bisher stets die Notwendigkeit der internationalen Kooperation betont habe. Im übrigen werde Poincaré das Moratorium, welches er der internationalen Finanzwelt gegenüber verweigere, doch sicher nicht zugestehen, wenn es die deutsche Industrie verlange. Delacroix sah die Richtigkeit dieser Bedenken ein, meinte aber, wir sollten doch für Brüssel mit einem praktischen Vorschlag kommen, der weiterginge als der bisherige Stabilisierungsplan. Ich habe ihn alsdann gefragt, ob er glaube, daß Poincaré für den Moratoriumsplan etwa in Verbindung mit einer inneren deutschen Goldanleihe zu haben sei, so zwar, daß die Dauer des Moratoriums in einem direkten Verhältnis steht zu dem Betrage, welchen Deutschland durch eine innere Goldanleihe aufbringt. Dieser Gedanke stammt aus einem Plan, welchen Herr Direktor Wassermann von der Deutschen Bank letzthin dem Herrn Reichsfinanzminister vorgelegt hat8. Diese deutsche Goldanleihe sollte[13] einen Teil einer internationalen Anleihe bilden, deren Erlös in der Hauptsache für Reparationszwecke bestimmt ist. Delacroix fand den Gedanken interessant. Man wird ihn in den der Reparationskommission am 14. November übermittelten allgemeinen Plan in der Weise einfügen können, daß man etwa sagt: Falls ein internationaler Bankkredit in der von Dubois und Vissering vorgeschlagenen Weise vorläufig nicht erreichbar ist, wird Deutschland selbst mit Hilfe der Reichsbank die Stabilisierung in die Hand nehmen. Sie bedarf dazu aber zeitweilig einer vollständigen Befreiung von allen Reparationslasten, bis die Stabilisierung der Mark auf dem Wege ist. Die deutsche Regierung wird innerhalb des Jahres 1923 eine als Teil einer internationalen Reparationsanleihe gedachte innere Goldanleihe mit Steuerfreiheit in Deutschland aufnehmen. Je größer der für Reparationszwecke verfügbare Betrag dieser Goldanleihe ist, desto länger wird die Deutschland zu bewilligende Ruhepause. Also beispielsweise falls die Anleihe 3 Milliarden Goldmark für die Reparation abwirft, wird Deutschland auf 5 Jahre von allen Geldzahlungen befreit. Über gleichzeitige Sachleistungen für den Wiederaufbau in bescheidenem Umfange ließe sich sprechen. Delacroix meinte, daß ein solcher Plan wohl der Erwägung wert und geeignet sei, in Brüssel als Grundlage für Besprechungen zu dienen9. Bradbury war weniger entzückt von der Idee, wie immer, wenn es nicht seine eigene Idee ist. Immerhin konnte er ernstliche Bedenken dagegen nicht vorbringen. Er hat sich aber schon wieder etwas anderes ausgedacht.

7

Schreiben Bergmanns an den RFM vom 21.11.22, abschriftlich an RK in R 43 I/32, Bl. 284-287.

8

Wassermann übersendet seinen Plan Cuno auf dessen Wunsch am 30.11.22 (R 43 I/33, Bl. 3-10). Der dem RFM vorgelegte Plan deckt sich inhaltlich mit diesem, ist aber offenbar einige Tage vorher übersandt worden. In den Akten des RFMin. findet sich eine Durchschrift des Wassermann-Planes in R 2/3168, Bl. 112-118, 146-149, jedoch undatiert.

9

Der hier von Bergmann dargelegte Plan wird dann tatsächlich in die erste Reparationsnote der Regierung Cuno vom 9.12.22 aufgenommen, von den alliierten MinPräs. in London am 10.12.22 erörtert und als unbefriedigend zurückgewiesen. Abdruck im Weißbuch des AA ‚Aktenstücke zur Reparationsfrage vom 12. 7. bis 11.12.1922‘, S. 89 f., außerdem in RT-Drucks. Nr. 6138, Bd. 379, S. 99  ff. und in ‚Ursachen und Folgen‘ Bd. IV, S. 435 ff.

Deutschland soll eine endgültige Offerte machen, aber nicht mit einer festen Gesamtsumme zwischen 20 und 25 Milliarden Goldmark, weil das für Poincaré unannehmbar sei, sondern durch das Versprechen jährlicher Zahlungen auf lange Zeit hinaus, etwa 30 Jahre. Eine Reihe von Jahren soll nichts gezahlt werden, dann sollen die jährlichen Zahlungen allmählich steigen bis zu 3½ Milliarden Goldmark im Jahr. Der Gesamtjetztwert aller dieser Zahlungen mit einem Zinssatz von 5% gerechnet soll etwa 45 Milliarden Goldmark betragen. Deutschland soll aber das Recht haben, von Anfang an diese Zahlungen im Anleihewege zu fundieren, und zwar mit einem Diskontsatz von etwa 8%, so daß auf diese Weise der Jetztwert der gesamten Zahlungen sich etwa auf 20 – 25 Milliarden Goldmark ermäßigt, vorausgesetzt, daß eine derartige Summe sich im Anleihewege beschaffen läßt. Bradburys Idee ist in den Einzelheiten ziemlich verwickelt; er behauptete aber, er habe einen richtigen zahlenmäßigen Plan sich noch nicht gemacht und konnte oder wollte mir etwas Schriftliches darüber nicht geben. Ich bin absichtlich auf die Einzelheiten nicht eingegangen, weil es mir sehr zweifelhaft erscheint, ob wir auf diese Weise vorwärts kommen. Immerhin wollte ich nicht verfehlen, den Bradburyschen Gedanken wenigstens in den Grundzügen mitzuteilen.

Ich suchte heute auch noch die beiden Amerikaner Boyden und Logen auf, die beide über die Abreise Morgans ziemlich traurig waren. Bei Logen traf ich[14] den Senator Mac Cormick, der Mitte nächster Woche für einige Tage in Berlin sein und im Hotel Adlon wohnen wird. Boyden war gegen seine Gewohnheit heute ziemlich gesprächig. Er hält nicht viel davon, daß die deutsche Regierung jetzt oder in Brüssel mit einem neuen festen Plan herauskommt. Als ich mich darüber beklagte, daß die Alliierten selbst niemals einen ausführbaren Plan präsentierten, sondern immer von Deutschland, das sich doch in schlimmster Lage befindet, Vorschläge für die Rettung der Situation erwarteten, dann aber jedesmal, wenn wir einen solchen Vorschlag gemacht hätten, erklärten, er sei böswillig und unannehmbar, sagte Boyden lächelnd, er wolle mir gestehen, daß er neulich in der Reparationskommission genau dieselbe Sprache geführt habe, wie ich es jetzt täte. Er habe offen erklärt, es sei zwecklos, daß Deutschland einen Vorschlag mache, denn jeder Vorschlag, vernünftig oder unvernünftig, sei bei den Alliierten schon deshalb verfehlt, weil er eben von Deutschland komme. Der neue Reichskanzler, riet Boyden weiter, solle den Alliierten etwa folgendes sagen: Deutschland habe den Krieg verloren und sei deshalb gar nicht in der Lage, den Alliierten Vorschläge zu machen, die Aussicht auf Annahme hätten. Die Alliierten, welche den Krieg gewonnen hätten, allein hätten die Macht, einen Reparationsplan auszuarbeiten und die Annahme dieses Planes zu diktieren. Natürlich müsse der Plan vernünftig sein und Deutschland die notwendigen Vorbedingungen zum Leben gewähren. Wenn der alliierte Plan undurchführbar sei, und so sei es bisher stets gewesen, so würde auch der beste deutsche Wille nicht ausreichen, um den Plan zu verwirklichen. Wenn dagegen die Alliierten jetzt gemeinschaftlich einen vernünftigen Plan aufstellten, so würde die deutsche Regierung bereit sein, mit aller Kraft an der Ausführung des Planes mitzuarbeiten. Das sei eine offene und mannhafte Sprache, die in Amerika einen gewaltigen moralischen Eindruck machen würde. Daraus würde sich vielleicht auch eine wirkliche internationale Zusammenarbeit entwickeln können. Er hoffe, daß dann auch die amerikanische Regierung, der er fortgesetzt empfehle, tatkräftig in das Reparationsproblem einzugreifen, Deutschlands berechtigte Wünsche unterstützen würde.

Boydens Rat ist sicherlich gut gemeint. Ob er gerade in dieser Weise zu befolgen sein wird, möchte ich bezweifeln, weil dann vielleicht wieder Sanktionen aller Art auftauchen, die Amerika nach den gemachten Erfahrungen sicherlich nicht von uns abwenden wird. Immerhin scheint mir ein richtiger Kern in Boydens Ansicht insofern zu liegen, als die deutsche Regierung darauf bestehen sollte, nicht ohne gründliche Vorbereitung der Reparationsfrage nach Brüssel zu gehen. Ich bin fest überzeugt, daß ein neuer deutscher Plan, in der Brüsseler Konferenz vorgebracht, ein ähnliches Schicksal erleidet wie die deutschen Vorschläge auf der berüchtigten Londoner Konferenz am 1. März 1921. Das Schicksal der deutschen Regierung von der Laune abhängig zu machen, mit welcher die alliierten Premierminister, insbesondere ein Poincaré und ein Mussolini, deutsche Reparationsvorschläge in Empfang nehmen, das erscheint mir mehr als gewagt zu sein. Wir dürfen uns nicht noch einmal in die Lage versetzen, in die wir in Spa und in London gekommen sind. Wir sollten verlangen, daß, ehe wir an einer offiziellen Besprechung in Brüssel oder sonstwo teilnehmen, entweder ein alliierter Reparationsplan uns zur Äußerung vorgelegt[15] wird oder daß vernünftige geschäftliche Besprechungen zwischen Sachverständigen vorausgehen. Wenn sich die Alliierten daher nicht vor Brüssel auf einen Plan einigen, den sie uns mitteilen, so sollten wir beantragen, daß Sachverständige der Reparationskommission und Deutschlands sich zur Vorbereitung einer offiziellen Konferenz zusammenfinden, damit dabei vernünftige Gedanken für einen Reparationsplan gewonnen werden können. Führt diese Vorarbeit zum Erfolg, dann hat die internationale Reparationskonferenz einen Zweck, sonst ist sie zum Scheitern verurteilt. Ich weiß, daß dies auch der ehrliche Standpunkt der belgischen Regierung ist. Ich fürchte aber, daß auch die belgische Regierung nicht den Mut und die Kraft hat, sich mit diesem Standpunkt bei den anderen Alliierten durchzusetzen.

Ich reise morgen nach Den Haag und gedenke im Laufe der nächsten Woche in Berlin einzutreffen, falls nicht etwa der Gang der Ereignisse hier meine Rückkehr nach Paris wünschenswert machen sollte10.

10

Am 29.11.22 bittet der RK Bergmann telegrafisch um baldige Abreise von Den Haag nach Berlin (Telegrammentwurf in R 43 I/32, Bl. 323). Am 30. 12. trifft er in Berlin ein. Für den 1.12.22 werden erste vertrauliche Besprechungen über die Reparationsfrage geplant. Im Entwurf der Einladung wird „strengst vertraulich“ mitgeteilt, „daß die RReg. beabsichtigt, im engsten Kreise mit einer kleinen Zahl führender Vertreter der deutschen Wirtschaft das Reparationsproblem daraufhin einer sorgfältigen Durchberatung zu unterziehen, was aufgrund und zur Durchführung der deutschen Note vom 13.11.22 weiterhin geschehen kann.“ Eingeladen werden sollen telegrafisch: Melchior, Robert Bosch, Duisberg, Senator Bömers, Brandes, Baron von Kerckerinck zur Borg, MdR Heim, Louis Hagen; per Schreiben: Wassermann, Urbig, Hugo Stinnes, Ernst v. Borsig, MdR Keinath, Leipart, Baltrusch, Prof. Flechtheim. Die Einladung wird von StS Hamm mit dem Vermerk „Unterbleibt vorerst“ versehen. Offenbar hat die RReg. bewußt darauf verzichtet, ihr neues Reparationsangebot vorher mit den wirtschaftlichen Interessenvertretern zu beraten (vgl. Anm. 8 zu Dok. Nr. 16). Allerdings kommt es lt. handschriftlicher Notiz Cunos vom 5. 12. am 6. 12., 18 h, zu einer Besprechung mit Hugo Stinnes und Paul Reusch, zu der auch RWiM Becker eingeladen wird (R 43 I/33, Bl. 105). Über Verlauf und Ergebnis dieser Besprechung waren in R 43 I keine Unterlagen zu ermitteln, ebensowenig über die Besprechungen mit StS Bergmann in Berlin. Doch dürfte bei der Besprechung mit Reusch und Stinnes die Frage direkter Wirtschaftsvereinbarungen mit Frankreich im Vordergrund gestanden haben (vgl. Anm. 3 zu Dok. Nr. 42).

Abschrift habe ich dem Herrn Reichskanzler zugehen lassen.

Mit bester Empfehlung

Ihr sehr ergebener

gez. Bergmann

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