2.56 (cun1p): Nr. 56 Der Vertreter der Reichsregierung München an die Reichskanzlei. München, 26. Januar 1923

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Text

RTF

[197] Nr. 56
Der Vertreter der Reichsregierung München an die Reichskanzlei. München, 26. Januar 19231

1

Abschriften ergehen am 27. 1. an das Büro des RPräs., den RIM und das AA.

R 43 I/2232, S. 83

Inhalt: Nationalistische Bewegungen.

Die Formen, die die nationalistische Strömung hier annimmt, erregen in demokratischen und sozialdemokratischen Kreisen Besorgnis2. Man fürchtet, daß die Regierung, die nach Ansicht dieser Kreise der Bewegung gegenüber zu nachgiebig ist, sich im entscheidenden Augenblick als zu schwach erweisen werde, um die Bewegung in den gesetzmäßigen Bahnen zu halten.

2

Der SPD-Abg. Breitscheid weist am 26. 1. vor dem RT auf die Übergriffe des Nationalismus in München besonders hin und warnt davor, den einheitlichen Abwehrwillen gegen den frz. Ruhreinbruch ins Nationalistische umzubiegen (RT-Bd. 358, S. 9526  ff.).

In der Tat wird die ererbte Neigung der hiesigen Bevölkerung, einen seelischen Druck durch Lärm und Gewalttätigkeit abzureagieren, genährt nicht nur durch den Nationalsozialismus wie ihn Hitler predigt, sondern auch durch die Vaterländischen Verbände und nationalistischen Vereine wie „Bayern und Reich“. Ganz abgesehen von den politischen Entgleisungen vieler Blätter werden nahezu alltäglich unter der Führung und Förderung von Männern wie Roth, Pittinger, Ludendorff und anderen Kommerse, Versammlungen und Umzüge veranstaltet, bei denen die Wogen der patriotischen Begeisterung sich häufig überschlagen und die daher auch leicht, vor allem in vorgerückter Stunde, zu Unüberlegtheiten und Ausschreitungen führen können. Es ist bedauerlich, daß der gesunde patriotische Kern, der in diesen Gefühlen steckt, vielfach durch nationalistische Auswüchse überwuchert wird. Anstatt klar zu machen, daß zur Zeit der Patriotismus sich nicht in kriegerischen Gebärden und lauten Kundgebungen, sondern vielmehr in opferbereitem, nachhaltigem passiven Widerstand zu betätigen hat, wird auf diese Weise nur zu leicht, und zwar vor allem bei der außenpolitisch urteilslosen Jugend, der Eindruck geweckt, als ständen wir im Begriffe gegen den Feind zu marschieren und als bedürfte es nur persönlicher Tapferkeit, um ihn aus Deutschland zu verjagen3.

3

Der PrIM Severing sah sich am 25. 1. genötigt, folgendes Telegramm an die OPräs. der pr. Provinzen zu richten, das abschriftlich auch an die Rkei, den RIM, RVM, RWeM und das AA erging: „Allenthalben macht sich Zustrom von Freiwilligen bemerkbar, die in der törichten Annahme kriegerischer Verwicklung in die Reichswehr eintreten wollen. Leute dieser Art sind überall anzuhalten und in die Heimat und zu den Arbeitsstätten zurückzuführen. Alle RegPräs. und Polizeibehörden sind entsprechend anzuweisen sowie zur Warnung und Aufklärung der Leute wie der Bevölkerung überhaupt zu veranlassen. Die Ausstellung von Führungszeugnissen ‚zum Zwecke des Eintritts in die Reichswehr‘ ist bis auf weiteres zu verbieten. Eisenbahnbehörden sind dringend zu ersuchen, solche Leute von der Beförderung auszuschließen. Erforderliches beim RVMin. ist veranlaßt.“ (R 43 I/206, Bl. 127).

So bedenklich dieses Treiben außen- und innenpolitisch ist, insofern als es gefährliche Zwischenfälle zu schaffen vermag, so glaube ich doch nicht, daß es hierdurch zu einer Erhebung kommen wird, die den Bestand der Regierung gefährdet. Dazu fehlt der Bewegung Geschlossenheit und Zielbewußtsein. Auch stehen doch gerade gegenwärtig zu viele einflußreiche, ruhig und maßvoll[198] denkende Männer hinter Reichs- und Landesregierung. Immerhin sind ebensowenig wie bei den am 27. und 28. bevorstehenden nationalsozialistischen Feiern auch im weiteren Verlaufe Krawalle und Störungen der öffentlichen Ordnung ausgeschlossen4.

4

Die bayer. Reg. verhängt noch am 26. 1. den Ausnahmezustand (s. Dok. Nr. 57).

Haniel

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