2.107.1 (feh1p): Gegenstand: Ruhrgebiet

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Gegenstand: Ruhrgebiet

Simons: Zwei Sorgen wegen Erfüllung des Spa-Abkommens: 1) Unruhe der Arbeiter im Ruhrgebiet, 2) Entwaffnungsmängel in Bayern. Daher Einmarsch zu fürchten2. Wir können und müssen ihn in jedem Fall als unrechtmäßig behandeln. Kriegerischer Widerstand wohl unmöglich. Aber Zustellung der Pässe. Ein Einmarsch in Oberschlesien zur Sicherung der dortigen Kohlenschätze. Möglich?

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Im Entwaffnungsprotokoll der Konferenz von Spa hatten die Alliierten angedroht, daß sie bei dt. Versäumnissen in der Entwaffnung einen weiteren Teil dt. Gebietes – sei es das Ruhrgebiet oder einen anderen Teil – besetzen würden.

Im Kohlenprotokoll der Konferenz von Spa hatte sich Dtld. verpflichtet, für die Zeit vom 1.8.1920 bis zum 31.1.1921 monatlich 2 Mio t Kohle an die Alliierten zu liefern. Sollten am 15.11.1920 Rückstände bei den Kohlelieferungen festgestellt werden, so hatten die Alliierten ebenfalls angedroht, einen weiteren dt. Gebietsteil zu besetzen (RT-Drucks. Nr. 187, Bd. 363 , Anlagen 7 und 21).

Maßnahmen im Ruhrgebiet? Generalstreik wird automatisch einsetzen, alles vorbereitet durch die Gewerkschaften selbst. Kabinett braucht und sollte nicht eingreifen. Sabotage unter allen Umständen unerwünscht. Zurückziehung der Verwaltungsbeamten würde Verwaltung erschweren, aber innerpolitisch nicht tragbar sein.

Koch: Gleicher Ansicht. Würde Verbindung zwischen Bevölkerung und Franzosen befördern. Nicht verstanden werden. „Flucht“.

Giesberts: Ebenso. Verlieren sonst unsere eigenen Vertrauensleute im besetzt[en] Gebiet.

Koch: Weitere Besprechung nötig: wie kommen wir über die ersten vier Wochen ohne Kohlen aus dem Ruhrgebiet hinweg? Sonst macht Bolschewismus in Berlin mit allem Schluß.

Reichskanzler Heute nur als vorbereitende Besprechung gedacht. Weitere Beratung unter Zuziehung des R[eichs]wi[rtschafts]ministers. – Abhielt Besprechung mit drei Mitgliedern der Bayer. Volkspartei (Leicht, Emminger). „Was Frankreich und Lenin–Trotzky nicht fertig gebracht haben, bleibt der Bayer. V[olks]partei vorbehalten: deutsche Einigkeit zu brechen und Ruhrgebiet[273] preiszugeben.“ Sie zeigten Einsicht. Auch in München erhielt ich Eindruck, daß einige Minister verständiger als Kahr3.

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Der RK hatte sich Ende September/Anfang Oktober für einige Tage zu Besprechungen mit Mitgliedern der Bayer. Regierung in München aufgehalten. Im Rahmen dieser Besprechungen war auch die Entwaffnung der bayer. Einwohnerwehr behandelt worden. Dabei hatte der RK auf die Gefahr eines all. Einmarsches in das Ruhrgebiet hingewiesen, falls Bayern die Entwaffnung seiner Einwohnerwehren weiter hinauszögere, doch hatte er mit diesem Argument nichts erreicht. Der Bayer. MinPräs. v. Kahr hatte auf seine Sonderverhandlungen mit dem frz. Gesandten Dard in München verwiesen und hatte die Hoffnung geäußert, daß die Einwohnerwehren im ganzen Reich erhalten werden könnten. Am 29. 9. hatte der RK an den RAM aus München geschrieben: „Mit der Argumentation, daß man dem Feinde jeden Vorwand zu einem Einmarsch ins Ruhrgebiet nehmen müsse, macht man in Bayern keinen Eindruck. Die Herren sind überzeugt, daß dieser Einmarsch unausbleiblich sei.“ Siehe dazu Dok. Nr. 78.

Geßler: Kahr eigensinnig, zu sehr engagiert, müßte zurücktreten. Escherich ist weitsichtiger. Er sagt: „Ich sehe ein, aber meine Leute folgen mir nicht mehr.“ Ähnlich wie seinerzeit bei Freikorps. Man müßte sprechen mit Kramer-Klett, Graf Toerring und anderen führenden Kreisen. Besorgnis macht mir auch das Militär, z. B. General v. Möhl, der sagte: „vielleicht können wir Franzosen doch Schlappe im Ruhrgebiet beibringen“ und ähnliches Kindsköpfige.

Reichskanzler v. Preger hat auch kräftigst unterstützt, ganz gleicher Ansicht. Ich sagte: „Ihr denkt, ‚Kohle kriegt Ihr doch‘. Schämt Euch. Aber wenn auch, glaubt Ihr zum alten billigen Preis.“

Simons: In Oberschlesien werden Polen zuerst vorgehen. Dann unsererseits?

Koch: In Bayern: Preußen entgegenwirken, da Severing zu weit geht. Abrücken, z. B. durch Erklärung des R[eichs]kanzlers im Reichsrat.

Simons: Kahr hat abgelehnt, nach Berlin zu kommen4. Mir läßt er fürs[274] umgekehrte sagen, „er hätte z. Zt. ein kleines Zimmer für mich“. Fahre vorläufig nicht. – Exekution gegen Bayern?

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Dazu findet sich in R 43 I eine handschriftliche Aufzeichnung MinR Wevers für StS Albert vom 10.11.1920. In der Aufzeichnung heißt es: „v. Kahr hat sagen lassen, daß er nicht vor Ende nächster Woche kommen könnte; das bedeutet nach Peters Ansicht Verschleppung; denn wenn v. Kahr wirklich nach 2–3 Wochen kommt, wird er eine bindende Antwort hier nicht geben, sondern sich erst mit seinen Kollegen in München bereden wollen; was dabei herauskommt, zweifelhaft; Situation im Reichstag kritisch, wenn dann Peters den Sachverhalt mitteilen muß.“ (R 43 I/412, Bl. 33; Abkürzungen wurden aufgelöst und Satzzeichen sinnentsprechend gesetzt). Die Aufzeichnung schilderte dann die Reaktion der Bayer. Regierung auf das Schreiben des RKom. Peters an den bayer. Landeskommissar Nortz vom 27.10.1920; zu diesem Schreiben s. Dok. Nr. 99. Dazu hieß es in der Aufzeichnung MinR Wevers: „Bayer. Regierung war vor dem Schreiben von Peters entschlossen, Entwaffnung der Wehren abzulehnen. Das Schreiben vom 27. 10. hat weitere Ministerbesprechung veranlaßt; bayer. Entwaffnungskommissar Nortz hat Peters mitgeteilt, daß die Angelegenheit noch erwogen würde. Das bedeutet dilatorische Behandlung, die im AA anscheinend jetzt akzeptiert wird.

Peters hat dem AA einige Vorschläge gemacht (ganz sekreter Natur), die v. Haniel krumm genommen hat, weil Einmischung in Ressort des AA. Simons hat Nollet kommen lassen und auch die bayer. Frage berührt. Nollet hat angeblich für Schwierigkeiten Verständnis gezeigt, will aber bald wissen, was geschehen und wieviel Waffen in Bayern abgeliefert sind. Verzögerungstatik erscheint Peters bedenklich. Bittet, daß Kanzler energisch bleibt.

Einspannung von Helfferich nur mit größter Vorsicht. Helfferich will in München reden, darf nicht aber sagen, daß Peters Bayern ja Mittel und Wege angegeben hatte, um aus der Sache herauszukommen und dergl. Gegen Mitteilung des Inhalts des Schreibens an Helfferich zur persönlichen vertraulichen Information sonst keine Bedenken.“ (R 43 I/412, Bl. 33; Abkürzungen wurden aufgelöst und Satzzeichen sinnentsprechend gesetzt).

Zu den Einzelheiten dieser Aufzeichnung, besonders zu der Einschaltung von Helfferich, ließ sich in R 43 I nichts ermitteln. Kahr kam erst vom 24. – 26. 11. zu Verhandlungen nach Berlin. Am 26. 11. kam es zu einer Besprechung in der Rkei, von der jedoch kein Protokoll gefertigt wurde (R 43 I/1345, Bl. 152). Siehe dazu auch Dok. Nr. 115, bes. Anm. 12.

Geßler: Militärisch kaum möglich. Nordd[eutsche] Reichswehr würde aber auf Verlangen handeln.

Koch: Nein, aber Kohlensperre. –

Albert: Gegen Ruhreinmarsch militärische Maßnahmen unmöglich. Aber Zurückziehung der Gesandten. Moralische Rückendeckung für die Gewerkschaften zum Generalstreik. Verwaltungsbeamte nicht zurückziehen, aber Eisenbahn- und Postbeamte. – Simons geht. –

Groener: Anordnete bereits Zurückziehung der wertvollsten Lokomotiven und Rückverlegung der Direktionen. – Übrigens zu erwarten, daß Ausführung überraschend ohne Notenwechsel kommt. Dann Rückführung der Lokomotiven usw. nicht durchführbar. Vorbeugen ist das einzige: in Kohlen- und Bayernfrage. Lieferung an Entente noch nicht zurückgegangen. Wenn Wasserweg versagt, müssen Eisenbahnen dran, ev[entuell] Personenverkehr einstellen. – Im schlimmsten Fall Berlin, Magdeburg, Halle, Stettin, Hamburg fest in militärischer Hand halten. Ob [wir] daneben noch in Oberschlesien gegen Polen und Besatzung militärisch vorgehen können, sehr zweifelhaft. Politisch verhandeln. Aushalten können wir 3–4 Wochen ohne neue Kohlen. Generalstreik wird Franzosen nicht imponieren und uns mehr schaden als ihnen. Wir anderes gar nicht verhindern können. Als Protest auch tolerabel. – Koch geht5. –

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Siehe dazu weiter Dok. Nr. 115.

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