2.118.1 (feh1p): Viehlieferungen an die Entente.

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Viehlieferungen an die Entente.

Staatssekretär Müller berichtet über die Verhandlungen in Paris über die Viehlieferungen auf Grund des Friedensvertrages1.

1

Es handelte sich hier um die Viehlieferungen gemäß Anlage IV zu Teil VIII VV. Danach sollte Dtld. im Rahmen des Wiederaufbaues der zerstörten Gebiete auch Vieh liefern.

Der Staatssekretär Bergmann hatte nach mehrfachen Verhandlungen schließlich angeregt, als erstmalige Lieferung innerhalb einer Frist von 6 Monaten vorzusehen2:

2

Die Verhandlungen über die Viehlieferungen dauerten zum Zeitpunkt der Kabinettssitzung bereits länger an, ohne daß bisher eine Einigung hatte erzielt werden können. Ein besonderer Streitpunkt war dabei die Lieferung von Rindern, insbesondere von Milchkühen und tragenden Tieren, die von der dt. Delegation als für die dt. Volksernährung unverzichtbar angesehen wurden. Um die Verhandlungen wieder in Gang zu bringen, hatte der brit. Delegierte der Unterkommission für die Viehlieferungen bei der Repko am 18. 11. vorgeschlagen, sich zunächst über die einmalige Lieferung von Rindvieh für sechs Monate zu einigen und die Frage weiterer Lieferungen dann erneut zu prüfen. Der Gedanke der einmaligen Regelung für sechs Monate wurde dann von dem belg. Vorsitzenden der Kommission auf alle Tierarten ausgedehnt.

StS Bergmann hatte daraufhin am 19. 11. in einer gesonderten Unterredung mit dem brit. Delegierten Urwick folgende unverbindliche Fragen gestellt:

1. Wird die Repko den Vorschlag, jetzt für alle Tierarten eine vorläufige Regelung für sechs Monate zu treffen, annehmen?

2. Wird die Repko mit einem Angebot über 100 000 Stück Geflügel, 8 000 Ziegen, 20 000 Pferde, 100 000 Schafen, 5 000 Schweinen, 75 000 Rindern, davon 25 000 tragenden Tieren, für sechs Monate einverstanden sein?

Innerhalb der dt. Delegation bestanden über dieses in Frageform gekleidete Angebot Bergmanns unterschiedliche Auffassungen. Eine größere Gruppe der Delegierten hielt das Angebot tragender Tiere für nicht vertretbar und schlug stattdessen vor, ein von den Alliierten angedrohtes Diktat in der Frage der Viehlieferungen hinzunehmen. Eine kleinere Gruppe der Delegierten stimmte dagegen dem Angebot zu, da sie sich ein Entgegenkommen der Alliierten in anderen Fragen erhofften. Am 19. 11. hatte die dt. Delegation ein Telegramm an die StS Huber u. Müller sowie an MinDir. v. Simson gerichtet und hatte um die Entscheidung der RReg. zu dem Angebot Bergmanns bis zum 22. 11. gebeten (Telegramm Nr. V 6; Wolf, Forster an StS Müller, StS Huber und MinDir. v. Simson am 19.11.1920, R 43 I/15, Bl. 206).

Nähere Einzelheiten über diese Verhandlungen über die Viehlieferungen finden sich in R 43 I/15, Bl. 112–210.

Geflügel

100 000

Ziegen

8 000

Schafe

100 000

Schweine

5 000

Pferde

20 000

Rinder

75 000,

darunter 25 000 tragende Kühe.

Ein gestern übermittelter telefonischer Vorschlag der Delegation [aus] Paris ging dahin3 ,

3

Bereits am nächsten Tage, am 20. 11., hatte die Repko zu dem Angebot Bergmanns Stellung genommen. In einer Unterredung zwischen den dt. Delegierten Bergmann, Wolf und Schorlemer und dem brit. Delegierten Urwick hatte dieser erklärt, daß die Repko mit einer vorläufigen Regelung von sechs Monaten einverstanden sei. Zugestimmt hatte der brit. Delegierte auch den Lieferungszahlen für Geflügel, Ziegen und Schweine, die zudem für mehrere Jahre gelten sollten. Die Lieferungszahlen für Pferde, Rinder und Schafe wurden dagegen erhöht. Verlangt wurden 30 000 Pferde, 100 000 Rinder, darunter 34 000 tragende Tiere, und 150 000 Schafe.

Die dt. Delegation hatte daraufhin der RReg. telegraphisch einen zweiten Vorschlag unterbreitet. Zunächst sollte versucht werden, die Lieferfrist von 6 Monaten auf ein Jahr auszudehnen. Sodann wollte man versuchen, die Lieferungen für Pferde auf 20 000 und für Schafe auf 125 000 zu drücken, und nur im äußersten Fall die Gesamtforderung zugestehen. Eine Antwort der RReg. wurde bis zum 22. 11. früh erbeten (Telegramm Nr. V 7; Wolf, Forster an AA am 20.11.1920, R 43 I/15, Bl. 207; im Protokoll heißt es irrtümlich „telephonisch“).

1 000 000

Stück

Geflügel

in 10 Jahren,

25 000

Ziegen

in 3 Jahren,

15 000

Schweine

in 3 Jahren,

30 000

Pferde

in einem Jahre,

150 000

Schafe

in einem Jahre,

100 000

Rinder, darunter 34 000 trächtige,

in einem Jahre zu liefern.

In der heutigen Ressortbesprechung4 sei beschlossen worden, dem Kabinett vorzuschlagen: Schweine, Geflügel und Ziegen entsprechend dem Vorschlage[303] der Delegation anzubieten, bezüglich der Pferde auf 20 000 herabzugeben, bei Schafen 150 000 zu konzedieren, die aber aus allen Rassen zu nehmen seien, und die Zahl der anzubietenden Rinder auf 50 000 herabzusetzen, trächtige Tiere aber ganz auszuschließen. Der Kardinalpunkt seien die von der Delegation angebotenen 34 000 trächtigen Rinder. Wenn ein befriedigendes Angebot nicht gemacht werde, so sei morgen ein Diktat seitens der Entente zu befürchten5.

4

Einzelheiten über diese Ressortbesprechung ließen sich in R 43 I nicht ermitteln.

5

In dem Telegramm Nr. V 6 vom 19. 11. (s. o. Anm. 2) hieß es: „Nach Gesamteindruck der deutschen Kommission und Staatssekretär Bergmanns ist bei Nichteinigung über tragende Tiere Diktat zu erwarten.“ (R 43 I/15, Bl. 206).

Reichsminister Hermes betont, daß es sich bei den in Rede stehenden Forderungen nur um vorläufige handle und daß weitere Forderungen offen blieben. Die Forderung tragender Kühe sei ebenso schlimm wie die von Milchkühen. Durch das Angebot des Staatssekretärs Bergmann über tragende Tiere sei unsere Situation taktisch verschlechtert worden6. Bezüglich der Ziegen und des Geflügels könne man den Vorschlägen der Delegation zustimmen, desgleichen bezüglich der Schafe und Schweine. An Pferden dürften höchstens 20 000 geliefert werden, auch müßten sie aus allen Rassen genommen werden. An Rindern könnte man im Angebot vielleicht auf 75 000 gehen, aber ein Angebot tragender Rinder dürfe unter keinen Umständen gemacht werden. Wenn die Entente die Lieferung der tragenden Rinder diktiere, so hätte die Reichsregierung wenigstens nicht die Verantwortung des Angebots übernommen.

6

Die von REM Hermes hier angesprochene taktische Verschlechterung der Situation war eingetreten, da nach einer früheren Vereinbarung zwischen StS Huber und der dt. Delegation eine Lieferung von Milchvieh und tragenden Tieren überhaupt abgelehnt werden sollte (Telegramm Nr. V 2; Wolf, Forster an StS Müller und MinDir. v. Simson am 16.11.1920, Abschrift, R 43 I/15, Bl. 117).

Ministerialdirektor v. Simson: Er habe vom Minister Simons den Auftrag, dem Kabinett vorzuschlagen, dem Vorschlag der Delegation in Paris zu folgen; auch Herr v. Schorlemer7 habe dies befürwortet. Fraglich seien nur noch die 34 000 trächtigen Kühe. Scheiterten hieran die Verhandlungen, so würde bei der Entente der Eindruck erweckt werden, daß Deutschland seinen unterschriebenen Verpflichtungen nicht nachkommen will. Er bäte daher, der Delegation die Entscheidung über das Angebot zu überlassen.

7

Mitglied der dt. Delegation bei den Verhandlungen über die Viehlieferungen.

Staatssekretär Müller weist darauf hin, daß die Delegation ihre Instruktionen überschritten habe. Man könne in keiner Weise übersehen, wie weit die späteren Forderungen auf Viehlieferungen gehen würden.

Staatssekretär Huber: Nach einer Mitteilung des Geheimrats Ostertag8 könne man annehmen, daß die Sechsmonatslieferungen etwa 3 bis 4 Jahre fortgesetzt werden sollten. Danach müsse man die Zahlen der Delegation mit etwa 6–8 multiplizieren, um die Zahl der voraussichtlichen gesamten Forderungen zu erhalten. In einem Angebot liege zugleich das Zugeständnis unserer Leistungsfähigkeit, das sei für die Zukunft bedenklich.

8

Mitglied der dt. Delegation bei den Verhandlungen über die Viehlieferungen.

Der Herr Reichskanzler Die Frage sei, ob man die Situation für die Zukunft durch Ablehnung oder durch Annahme verbessere; dies sei schwer zu[304] beurteilen. Er halte im ganzen eine Vereinbarung für günstiger als ein Diktat; es drehe sich eigentlich nur noch um die tragenden Kühe. Das bereits erfolgte Angebot von 25 000 tragenden Kühen halte er für verbindlich, so daß es sich nur noch um eine Differenz von 9 000 Tieren handle.

Reichsminister Scholz: Die Frage sei keine landwirtschaftliche, sondern eine solche der Volksgesundheit, es handle sich um die Nachzucht des Volkes. Damit sei ein guter Boden für unsere internationale Stellung im Falle einer Ablehnung gegeben.

Der Herr Reichskanzler stellt fest, daß Einigkeit herrsche, die Kommission zu folgendem Angebot zu ermächtigen:

1 000 000

Geflügel in 10 Jahren,

25 000

Ziegen in 3 Jahren,

15 000

Schweine in 3 Jahren,

30 000

Pferde aller Rassen in einem Jahre, evtl. in 6 Monaten,

150 000

Schafe aller Rassen in einem Jahre, evtl. in 6 Monaten.

Zur Abstimmung gestellt wird der Vorschlag der Delegation, <100 000> Rinder9, darunter 34 000 trächtige anzubieten. Dies wird gegen die Stimmen des Außenministers und des Reichsjustizministers abgelehnt. Es wird ferner gegen die Stimmen des Reichskanzlers, des Reichsjustizministers und des Außenministers der Vorschlag Bergmann abgelehnt, 75 000 Rinder, darunter 25 000 trächtige Tiere anzubieten.

9

Im Protokoll heißt es irrtümlich „75 000 Rinder“.

Der Herr Reichskanzler stellt darauf fest, daß das Kabinett durch diese Abstimmungen den Beschluß gefaßt hat, die Delegation zu ermächtigen, bis zu 100 000 Rindern anzubieten, aber unter keinen Umständen trächtige10.

10

Unmittelbar nach der Kabinettssitzung telegraphierte StS v. Haniel um 13.35 Uhr als Ergebnis der Sitzung an die Kriegslastenkommission nach Paris: „Vorschläge äußerstenfalls annehmbar, falls unter Zahl von 100 000 Rindern unter keinen Umständen trächtige oder Milchkühe fallen. Haniel.“ (Telegramm Nr. 1019, Abschrift, R 43 I/15, Bl. 209).

Siehe dazu weiter Dok. Nr. 122, P. 2.

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