2.252.1 (feh1p): [Lage in Oberschlesien; Frage der Annahme des Londoner Ultimatums]

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[Lage in Oberschlesien; Frage der Annahme des Londoner Ultimatums]

General v. Seeckt macht Mitteilungen, daß seitens Escherichs beabsichtigt[671] werde, ein Freikorps nach Oberschlesien zu senden. Er, General v. Seeckt, habe jede Beteiligung abgelehnt und erklärt, daß ein derartiges Vorgehen der Regierungspolitik zuwiderlaufe1.

1

Escherich hatte seine Organisation zuvor sowohl dem RK wie auch dem RPräs. zum Kampf in Oberschlesien zur Verfügung gestellt.

Über das Angebot Escherichs an den RK berichtet RIM Koch in seinen „Aufzeichnungen“. Unter dem Datum des 6. 5. notierte er: „Escherich hat dem Kanzler seine 200 000 Einwohnerwehrleute für Oberschlesien angeboten. Wie ein befreundeter Fürst. Der Mann schnappt über. Nächstens wird auch Hölz so auftreten.“ (Nachlaß Koch-Weser  27, Bl. 495).

Ebenfalls am 6. 5. hatte Escherich dann ein Schreiben an den RPräs. gerichtet und hatte auch ihm seine Organisation angeboten. In dem Schreiben Escherichs hieß es: „Die Verbrechen polnischer Banden in Oberschlesien schreien zum Himmel. Mit der oberschlesischen Bevölkerung verlangen die in der Organisation Escherich zusammengeschlossenen Deutschen und viele Gleichgesinnte von der Reichsregierung ein bewaffnetes Eingreifen zum Schutz unserer bedrängten Brüder und Schwestern, die die Interalliierte Kommission nicht schützen kann. Ich stelle hiermit die unter meiner Führung stehende Organisation der Reichsregierung zur Verfügung.“ (Abschrift für die Rkei, R 43 I/355, Bl. 116).

In Breslau sammelten sich große Mengen Freiwilliger. Seines Erachtens müsse man die Parole ausgeben, daß die deutschen Selbstschutzorganisationen in Oberschlesien zu unterstützen seien, daß aber weder reguläre noch irreguläre Formationen von außen nach Oberschlesien hineingelassen werden könnten2.

2

Nach Angaben des Generalleutnants Karl Hoefer, der Mitte Mai 1921 Leiter des Selbstschutzes in Oberschlesien wurde, strömten Anfang Mai 1921 „Massen opferwilliger Männer“ nach Breslau, dem Zentrum der oberschlesischen Selbstschutzbewegung.

Hoefer berichtet, daß im Laufe des Mai verschiedene Freiwilligenverbände aus dem Reich den oberschlesischen Selbstschutz verstärkten, so einige Verbände der Orgesch, die Arbeitsgemeinschaft Roßbach, die bayer. Stammformation des Freikorps „Oberland“, Reste anderer Freikorps, Studentenformationen sowie ein Jungdeutsches Bataillon (Karl Hoefer, Oberschlesien in der Aufstandszeit 1919–1921, Berlin 1938, S. 113–115).

Der Herr Reichskanzler wirft die Frage auf, ob die Regierung in der heutigen Reichstagssitzung eine Auskunft über Oberschlesien geben solle.

Reichsminister Dr. Simons bittet, die Sitzung nach Möglichkeit erst morgen abzuhalten3.

3

Dies erfolgte nicht mehr; am 10. 5. war bereits die neue RReg. im Amt.

Reichsminister Groener ist der Ansicht, daß die Lage in Oberschlesien sich gestern verschärft habe. Bezüglich der Orgesch-Formationen teile er den Standpunkt des Generals v. Seeckt und werde dahin wirken, das Abrollen solcher Formationen zu verhindern.

Die Minister Koch und Dr. Geßler betonen, daß die Parteien wissen wollen, ob wir durch eine Annahme des Ultimatums für Oberschlesien bessere Aussichten gewännen.

Reichsminister Dr. Simons gibt seiner festen Überzeugung dahin Ausdruck, daß wir durch Ablehnung Frankreich und Polen in die Hände spielen und dadurch Oberschlesien verlieren würden. Nähmen wir dagegen das Ultimatum an, so würde dadurch der italienische und englische Einfluß in der oberschlesischen Frage gestärkt.

Staatssekretär Bergmann ist der Ansicht, daß wir die finanziellen Forderungen des Ultimatums auf die Dauer nicht würden erfüllen können. Immerhin stelle es einen Fortschritt gegenüber den Pariser Propositionen dar4. Nach Mitteilungen,[672] die ihm Bradbury gemacht habe, stände der Weg zu Verhandlungen über die 25%ige Abgabe offen5. Die Verhandlungen würden dadurch erleichtert werden, daß die Garantie-Kommission6 im Gegensatz zur Reparations-Kommission in Berlin sitzen würde. Er glaube ferner nicht, daß der Artikel 234 des Friedensvertrags durch das Ultimatum gestrichen sei7. In der jetzigen Fassung des § 19 des Annex II läge sicher eine Abänderung zu unseren Ungunsten insofern, als ein bisheriges Recht in eine Pflicht umgewandelt sei. In der Frage der Preisbestimmung stelle der Paragraph jedoch insofern eine Besserung dar, als Deutschland dabei jetzt dabei mitwirken könne8.

4

Gemeint waren die Pariser Reparationsvorschläge der Alliierten vom 29.1.1921; s. RT-Drucks. Nr. 1640, Bd. 366, S. 19 –23.

5

Nach Ziffer IV des Londoner Zahlungsplans vom 5.5.1921 sollte Dtld. jährlich bis zur Tilgung seiner gesamten Schuldverschreibungen eine Summe in Höhe von 25% seiner Ausfuhr zahlen. Dabei war eingeräumt worden, daß auch ein anderer Zahlungsindex als die Ausfuhr von der Repko zugelassen werden konnte (RT-Drucks. Nr. 1979, Bd. 367 ).

6

Durch die Ziffern VI und VII des Londoner Zahlungsplans war bestimmt, daß die Repko eine Unterkommission bilden sollte, die den Namen Garantiekomitee („Comitee of Guarantees“) erhalten sollte. Dieses Komitee sollte aus Vertretern der in der Repko vertretenen Mächte sowie aus einem Vertreter Amerikas bestehen, falls dieses es wünschte. Sitz dieses Komitees sollte Berlin sein. Seine Aufgabe sollte es sein, die Anwendung der Art. 241 und 248 VV sicherzustellen (RT-Drucks. Nr. 1979, Bd. 367 ).

7

Zum Art. 234 VV s. Dok. Nr. 248, Anm. 2.

8

Zum § 19 der Anlage II zu Teil VIII VV s. Dok. Nr. 248, Anm. 3.

Der Wert der von Dtld. an irgendeine all. Macht gelieferten Material- und Arbeitsleistungen sollte von einem von Dtld. und einem von der betr. all. Macht bestellten Schätzer ermittelt werden. Sollten sich die Schätzer nicht einigen können, so sollte ein durch die Repko ernannter Schiedsrichter entscheiden (RT-Drucks. Nr. 1979, Bd. 367 ).

Politisch halte er die Annahme des Ultimatums für unbedingt nötig, denn sonst sei Oberschlesien verloren und die ganze Welt würde gegen uns stehen.

Das Kabinett beschließt, bei den Parteien dahin zu wirken, daß heute keine Reichstagsbesprechungen über Oberschlesien stattfänden9.

9

Weitere Beratungen verschiedener Gremien über das Londoner Ultimatum fanden nach Angaben des RIM Koch in seinen „Aufzeichnungen“ im Laufe des 9. und 10. 5. statt. Einzelheiten darüber finden sich im Nachlaß Koch-Weser  27, Bl. 511–523.

Siehe dazu auch den Band „Das Kabinett Wirth“ dieser Edition.

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