2.128 (feh1p): Nr. 128 Bericht des Reichswirtschaftsministers über die Wirtschaftslage im Oktober 1920. [2. Dezember 1920]

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[327] Nr. 128
Bericht des Reichswirtschaftsministers über die Wirtschaftslage im Oktober 1920. [2. Dezember 1920]

R 43 I/1147, Bl. 285–287 Umdruck1

1

Siehe dazu Dok. Nr. 66, Anm. 1. Der hier abgedruckte Bericht war auf den 2.12.1920 datiert (R 43 I/1147, Bl. 285).

Bericht über die Wirtschaftslage im Oktober 1920

Die Wirtschaftslage stand im Oktober wie im Vormonat unter den sich mehr und mehr verschärfenden Einwirkungen des Spa-Abkommens2.

2

Das Kohlenprotokoll der Konferenz von Spa sah vor, daß Dtld. während der Zeit vom 1.8.1920 bis zum 31.1.1921 monatlich 2 Mio Tonnen Kohle an die Alliierten liefern sollte. Der Gegenwert für diese Lieferungen sollte dem Reparationskonto gutgeschrieben werden. Ferner war in dem Kohlenprotokoll vorgesehen, daß sich die Alliierten Kohlen besonderer Sorten und Qualitäten liefern lassen konnten. Sie erklärten sich dafür ihrerseits bereit, der dt. Seite eine Prämie in Höhe von 5 GM je Tonne für die Anschaffung von Lebensmitteln für die Bergarbeiter zu gewähren.

Zu den Einzelheiten des Kohlenprotokolls von Spa s. RT-Drucks. Nr. 187, Bd. 363 , Anlage 21.

Die Industrie ist in großem Umfange daran gegangen, wenigstens mengenmäßig durch Ersatzbrennstoffe den Ausfall, den sie infolge der Ententelieferungen erleidet, auszugleichen. Die Verwendung von Rohbraunkohle als Heizkohle und zur Mischung steigt in dem Verhältnis, wie es die zeitraubenden und kostspieligen Umbauten der Feuerungsanlagen zulassen. Selbst Werke im Ruhrbezirk, wie Krupp, Gutehoffnungshütte, Mannesmann, Phoenix, Gelsenkirchen, Thyssen, haben sich auf die Verwendung erheblicher Mengen Rohbraunkohle eingestellt. Auch die Verfeuerung minderwertiger oder Ersatzbrennstoffe, die Streckung damit und der Verbrauch von Holz und Torf haben an Umfang zugenommen. Für die ohnehin darniederliegende Industrie bedeutet aber die Verwendung solcher Behelfsmittel eine große finanzielle Belastung, der sie auf die Dauer und in größerem Umfang nicht gewachsen ist.

Weit schwieriger noch als die Mengenfrage ist die Sortenfrage. Die Ausfälle an Fettkohlen, Gas- und Gasflammkohlen, die durch die Ententelieferungen entstehen, lassen sich nicht einholen. Auch die Heranziehung ausländischer Kohle, zu der manches Werk, das auf Qualitätskohle angewiesen ist, gegriffen hat, ist ein durchaus unzulängliches Mittel, umsomehr als diese zu enormen Preisen bezogenen Kohlen im Interesse unseres Valutastandes nur zur Erzeugung von Ausfuhrwaren verwandt werden sollen. Tatsächlich zeigt der September ein sehr beträchtliches Anschwellen der Einfuhr. So beziehen z. B. selbst die auf der Kohle liegenden Betriebe von Thyssen und Gutehoffnungshütte amerikanische Kohlen.

Die Zufuhren an die Eisenbahnen konnten im September nur in Höhe des Vormonats erreichen. Da infolge der Ententelieferungen, der Erntetransporte und des verstärkten Rohbraunkohlenversandes der Brennstoffverbrauch gestiegen[328] ist, erhielten die Eisenbahnen weniger als die tatsächlichen Verbrauchsmengen. Im Oktober war die Belieferung noch schlechter. Der sich verschärfende Mangel an hochwertigen Sorten ließ auch weiterhin eine Bebunkerung der See- und Binnenschiffahrt in auch nur einigermaßen auskömmlichem Maße nicht zu. Die Zahl der wegen Kohlenmangels aufliegenden Fischdampfer ist gestiegen. Für die Wiederaufnahme des Überseedienstes konnte ab 1. Oktober nur die an sich geringe, in der heutigen Sortennot aber nur auf Kosten der Industrie aufzubringende Menge von 20 000 t monatlich zur Verfügung gestellt werden.

Den Gaswerken konnten im September selbst die eingeschränkten Kontingente nicht voll geliefert werden. Die Belieferung mit minderen Sorten hat eine geringere Gasausbeute und einen schlechten Gaskoks zur Folge. Ebensowenig konnten den Elektrizitätswerken die auf das Mindestmaß eingeschränkten Verbrauchsmengen zugeführt werden. Auch hier wirkt die Sortenfrage in einschneidender Weise, so daß eine größere Anzahl wichtiger Werke zu einer Verminderung der Stromabgabe gezwungen war, während andererseits der Kohlenverbrauch auf die K.W.Stunde sich erhöhte – beim Elektrizitätswerk Hannover z. B. von 1.2–1.6 auf 2.3–2.8 kg. Die Sonderzuweisung von Kohlen an die die Landwirtschaft mit Druschstrom versorgenden Werke war leider nur in geringem Umfange möglich, der dem Bedarf und der Dringlichkeit des Zwecks keineswegs entsprach.

Bei der Eisenindustrie sind weitere allgemeine Betriebseinschränkungen, Ausblasen von Hochöfen, Stillegungen von Betriebsabteilungen unvermeidlich gewesen. Für die weiterverarbeitende Industrie entwickelt sich hieraus ein Mangel an Roh- und Walzeisen. Unter dem Mangel an Hochofengas und Koksgas leidet die Wirtschaftlichkeit der Betriebe. Der Landwirtschaft fehlt es an Thomasschlacke.

Bei den west- und süddeutschen Betrieben der eisen- und metallverarbeitenden Industrie stellen sich die Durchschnittszahlen für den Rückgang der Steinkohlenbelieferung im August auf 15%, im September auf 28% gegenüber Mai. Besonders eindrucksvoll ist der Ausfall hochwertiger Steinkohle bei den Edelstahlwerken. Hier beträgt der Rückgang in diesen Sorten im August und September gegen Mai 34%. Hieraus ergibt sich zwangsläufig, daß in absehbarer Zeit ein für die weiterverarbeitende Industrie bedrohlicher Mangel an Werkzeug- und Schnelldrehstahl eintreten wird. Die Kalkindustrie konnte infolge des Ausfalls hochwertiger Kohlensorten weder der Menge noch der Beschaffenheit nach den Bedarf der Eisen- und Stahlindustrie an hochwertigem Kalk decken.

Im übrigen wird allenthalben in der Metallindustrie, bei den Maschinenfabriken und Werften, den Gießereien und Schmieden über den Mangel an in den Betrieben unentbehrlichen Gasflamm- und Schmiedekohlen geklagt, der bereits in einigen Abteilungen zu längeren oder kürzeren Stillegungen und zu einem offensichtlichen Rückgang in der Produktion geführt hat. Auch die Rückwirkung auf die in der Hauptsache für den Eisenbahnbedarf arbeitenden Werke ist nicht ausgeblieben. Die Schiffsbau-Industrie ist durch Kohlenmangel gezwungen, ihre im Neuentstehen begriffenen Betriebe wieder einzuschränken. So mußte eine größere Werft 28 Dampferneubauten, mit deren Ablieferung sie Ende November beginnen wollte, wegen Kohlenmangels einstellen.[329] Wenn man berücksichtigt, daß gerade das Wiedererstehen einer deutschen Handelsflotte ein grundlegendes Moment für das Wiederaufleben unserer Wirtschaft bedeutet, so muß diese Wirkung des Kohlenabkommens als besonders schmerzlich empfunden werden.

Im Spinnstoffgewerbe stand dem gesteigerten Bedarf infolge des belebten Marktes eine weitere Abnahme der Kohlenzufuhren gegenüber. Dabei sind aber in der Hauptsache nur minderwertige Brennstoffe geliefert worden.

Bei der papiererzeugenden Industrie legte der Kohlenmangel 89 Betriebe mit 5 057 Arbeitern trotz ausreichenden Rohstoffbestandes still, davon 2 Betriebe den ganzen Monat, 21 Betriebe über 8 Tage. Auch hier tritt der Ausfall an hochwertigen Steinkohlen besonders in Erscheinung.

Bei der chemischen Industrie hatten Stillstände infolge Kohlenmangels im August 92 Betriebe mit 1 335 Tagen, im September 106 Betriebe mit 1 645 Tagen. Davon lagen im August 19, im September 22 Betriebe den ganzen Monat still. Infolge der schlechten Kohlenqualität traten bei den Farbenfabriken erhebliche Störungen ein.

Zusammengefaßt stellt sich das Bild unserer Lage, wie sie durch das Spa-Abkommen entwickelt ist, heute so dar:

Die deutsche Industrie arbeitet noch immer eingeschränkt und unwirtschaftlich. Eine Belebung der industriellen Tätigkeit könnte nur durch vermehrte Kohlenzufuhr erfolgen. Da ihr dieses unter dem Druck des Spa-Abkommens nach Mengen und Sorten nicht gegeben werden kann, wird die Belebung erheblich erschwert. Statt ihrer tritt eine Verkümmerung und Lähmung der deutschen Industrie zwar langsam, wie das bei einer Unterernährung in der Natur der Sache liegt, aber immer deutlicher in Erscheinung. Der Zwang, sich mit minderwertigen und ausländischen Brennstoffen zu behelfen, verzögert und verteuert die Produktion. Die verteuerte Produktion belastet weiterhin Deutschlands Finanzen. Die ersten Ansätze zum Wiederaufbau werden gehindert, Wiedergutmachungsarbeit zu leisten wird unmöglich. Aus den heute noch überlegten Betrieben wird sich in Kürze die Masse der Arbeitslosen erheblich verstärken3.

3

Diesem Gesamtbericht folgte eine ganze Reihe von Einzelberichten (R 43 I/1147, Bl. 288 bis 306); s. dazu auch Dok. Nr. 66, Anm. 3.

gez. Dr. Scholz

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