2.162 (feh1p): Nr. 162 Die Reichsvertretung in Darmstadt an das Auswärtige Amt Darmstadt, 28. Januar 1921

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Nr. 162
Die Reichsvertretung in Darmstadt an das Auswärtige Amt Darmstadt, 28. Januar 1921

R 43 I/180, Bl. 234–238 Durchschrift1

1

Diesen Bericht der Reichsvertretung in Darmstadt hatte das AA mit einem Anschreiben vom 8.2.1921 dem StSRkei zur Kenntnis übersandt. Ferner war dieser Bericht dem RIMin., dem REMin., dem RWiMin. und dem Vertreter des AA beim RKom. für die besetzten rheinischen Gebiete, dem Grafen Bernstorff, zugesandt worden (R 43 I/180, Bl. 233).

Betrifft das besetzte Gebiet.

I. Pfalz.

Besondere politische Ereignisse sind in den letzten Wochen nicht zu verzeichnen.

[428] Der Druck der Besatzungsbehörden ist der gleiche. Vorkommnisse wie die Beschlagnahme eines Teiles der Knabenschule in Landau für die französischen Schulkinder unter militärischem Aufgebote sind natürlich geeignet, den Druck der Okkupation und die Rücksichtslosigkeit der militärischen Machthaber besonders fühlbar zu machen und die richtige Stimmung gegenüber den Franzosen und deren Durchdringungsbestrebungen zu erwecken. General de Metz in Speyer2 hat sich Ende Dezember im Gespräch mit Oberamtmann Dr. Knoch über die deutsch-französischen Beziehungen ausgelassen, ohne jedoch etwas Neues zu sagen. Der politische General hat sich offenbar wie ein Reitschulpferd in einem Kreislauf von Ideen verrannt. Auch dient der abgeschiedene Aufenthalt in einer Stadt wie Speyer nicht dazu, ihn auf breitere Gedanken zu bringen. Mit deutschen Elementen unterhält er keinen Verkehr. Mit der Regierung wechselt er nur schriftliche Noten. Übrigens scheint de Metz die Hoffnung aufgegeben zu haben, die Pfälzer kurzer Hand zu gewinnen, vielmehr erwartet er einen Erfolg der französischen Politik durch die Zeit. Ich habe von verlässiger Seite gehört, daß die Franzosen fortgesetzte Versuche machen, auf die katholische Presse in der Pfalz durch Angebot namhafter Summen für die Aufnahme bestimmter Artikel einzuwirken, allerdings bisher ohne Erfolg. Daß de Metz auf der klerikalen Seite ist, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Einzelne katholische Orte, namentlich des Bezirks Bergzabern, sollen immerhin durch derartige französische Einflüsse angekränkelt sein. Der tüchtige neuernannte Bezirksamtmann von Bergzabern wird diesen Verhältnissen ein besonderes Augenmerk zuwenden. Sonst wird aus der ganzen Pfalz ein guter Geist gemeldet.

2

General de Metz, General der frz. Truppen in der Pfalz, frz. Delegierter bei der Irko für die Pfalz.

Auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens ist die Eröffnung einer Warenbörse in dem zentral gelegenen Neustadt a.d.H. zu erwähnen. Diese soll zunächst versuchsweise jeden Mittwoch stattfinden und die Handelsbeziehungen der Pfalz mit den benachbarten deutschen Gebieten als Ersatz für die größtenteils unterbrochenen Handelsbeziehungen mit dem Elsaß und dem Saargebiet beleben. Bisher hat der Verlauf die Veranstalter zufriedengestellt. Ob sich diese Einrichtung neben den Börsen von Mannheim und Mainz auf die Dauer wird behaupten können, steht noch dahin. Vereinzelt haben sich auch elsässische und in der Pfalz angesessene französische Firmen beteiligt.

Starke Klagen habe ich bei meinem letzten Besuch der Pfalz (vor einigen Tagen) über die Kohlenversorgung gehört. Die gelieferte hessische Braunkohle wird als minderwertig und infolge der Fracht unverhältnismäßig teuer bezeichnet. Staffeltarife für Kohlen werden als Hilfe empfohlen. Ich möchte zur Erwägung stellen, ob nicht ein Beamter der Kohlenzentrale periodisch die Pfalz bereisen sollte, um sich über den Stand der Kohlenversorgung und die besonderen Wünsche der Beteiligten zu vergewissern. Die dadurch bekundete Teilnahme[429] an den Sorgen und Nöten des besetzten Gebietes würde sicher politisch günstig wirken3.

3

In dem Anschreiben des AA (s. o. Anm. 1) wurde in diesem Zusammenhang mitgeteilt, daß in der Frage der Kohlenversorgung für die Pfalz der RKom. für die Kohlenverteilung einen Auszug aus dem Bericht erhalten habe (R 43 I/180, Bl. 233).

Die Spannung zwischen Erzeugern und Verbrauchern von Lebensmitteln, oder, klar gesagt, zwischen Bauer und Arbeiter, dauert an. Gegenwärtig sind die Milchpreise an der Tagesordnung. Eine Entscheidung des Bayerischen Landwirtschaftsministeriums hat die Erhöhung des Richtpreises für Milch von M 1,50 auf M 2.10 für den Liter gutgeheißen. Es ist aber noch nicht abzusehen, ob die Bauernschaft sich diesem Spruche beugen wird. Jedenfalls hat die auf dem gewerkschaftlichen Zusammenschluß arbeitende freie Bauernschaft in der letzten Zeit solche Fortschritte gemacht, daß sie als die stärkste landwirtschaftliche Organisation der Pfalz gelten muß. Politisch ist sie vielleicht farbloser geworden. Gleichwohl muß ihre Wirksamkeit mit Sorgen betrachtet werden, da vom nationalen Standpunkte nichts gefährlicher ist wie Uneinigkeit unter der Bevölkerung und da die radikale Vertretung der bäuerlichen Interessen den Widerstand der Verbraucher hervorruft. Vor zwei Wochen wurde die Einigung sämtlicher Bauern-Organisationen zu einem wirtschaftlichen Verband, also eigentlich zu einer Gewerkschaft, beschlossen. Die Aufrechterhaltung dieses Verbandes setzt jedoch voraus, daß einzelne, besonders als Hetzer bekannte bisherige Sekretäre der freien Bauernschaft entfernt werden. Da es zweifelhaft ist, ob diese Entfernung gelingen wird, so steht die ganze Einigkeit auf schwachen Füßen. An sich wäre die Einigung zu begrüßen, da zu hoffen ist, daß dann die besonnen und billig denkenden Persönlichkeiten das Übergewicht erhalten.

II. Rheinhessen.

Auch hier bilden die Ernährungsfragen eine große Gefahr für die Eintracht der Bevölkerung. Die hessische Verordnung über die Beschlagnahme der Kartoffeln zur Versorgung der Städte ist mit dem 1. Januar 1921 außer Kraft getreten. Die Belieferung der Stadt Mainz war bis dahin so ungenügend erfolgt, daß Anfang Januar die Arbeitslosen in drei Fällen zur Selbsthilfe griffen und mehrere 100 Zentner Kartoffeln in der Nachbarschaft holten4. Allerdings kam es weder zu Blutvergießen noch zum Eingreifen der Besatzungstruppen, aber solche Vorkommnisse könnten leicht den Franzosen eine erwünschte Gelegenheit geben, ihren Machtbereich auf das polizeiliche Gebiet auszudehnen. Die wenigen Polizeimannschaften, die den hessischen Behörden zu Gebote stehen, genügen nicht, um eine größere Volksmenge zu zügeln; Selbstschutzverbände sind aber im besetzten Gebiet nicht zugelassen. Die Aufhebung der Zwangsbewirtschaftung wird künftig der Behörde auch keine Handhabe bieten, um Kartoffeln zu billigem Preise zu stellen. Wenn auch dank der reichlichen Ernte im Jahre 1920 in den nächsten Monaten keine Schwierigkeiten drohen, so verlangt doch für die Zukunft die Versorgung des besetzten Gebietes besondere Maßnahmen.

4

Zur Kartoffelversorgung in Hessen s. auch Dok. Nr. 75, P. 1.

[430] III. Saargebiet.

Die Nachrichten aus dem Saargebiet lauten im allgemeinen günstig. Die zahlreichen Mißgriffe der völlig unter französischem Einfluß stehenden Saarregierung, die Entlassung zahlreicher saarländischer Arbeiter in den benachbarten lothringischen Bezirken und die rücksichtslose Behandlung der Arbeiterbevölkerung durch die neuen Machthaber scheint eine sehr gereizte Stimmung gegen Frankreich zu erzeugen. Aus dieser Stimmung und dem geringen Vertrauen der Bevölkerung zu der wirtschaftlichen Zukunft Frankreichs wird die Verwerfung der Frankenlöhnung durch die Eisenbahnangestellten erklärt.

Eine besondere Bitte brachte mir der Bischof von Speyer vor: die Geistlichen seiner Diözese entbehren bisher des Genusses der Teuerungszulagen5 und befinden sich in arger Notlage, da die betreffenden Gemeinden beinahe ausschließlich im Industriebezirk liegen, wo die Lebensmittel nur zu hohen Preisen von auswärts zu beschaffen sind. Trotz aller Anträge hat die saarländische Regierung, die einen völlig hilflosen Eindruck macht, noch keine Abhilfe geschaffen.

5

Teuerungszuschläge im Rahmen der Beamtenbesoldung waren Sonderzuwendungen auf das Gehalt, die zur Anpassung an die Veränderung der allgemeinen Wirtschaftslage gewährt wurden (§ 17 des Besoldungsgesetzes v. 30.4.1920, RGBl. 1920, S. 810 ).

Es liegt mir aus mehrfachen Gründen daran, daß diese Bitte des Bischofs tunlichste Unterstützung seitens der Reichsregierung findet. Unter Umständen bitte ich um Weisung, ob ich den Bischof zu einem besonderen begründeten Antrag veranlassen soll.

gez. Lerchenfeld

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